Auszüge aus Al’herd Bacharėvičs Roman „Hunde Europas“ (Sabaki Ėŭropy)

Ausgewählt vom Autor und ins Deutsche übersetzt von Thomas Weiler.

Irgendwann habe ich mir einen Kaffee aufgebrüht, mich an den Tisch gesetzt und mir meine Sprache ausgedacht.

Nachdem ich sie mir ausgedacht hatte, lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück und sah mich in Ruhe um.

Im Aschenbecher kauerten fünf Stummel. Die namenlose Blume auf dem Fensterbrett sinnierte über Blut und Boden. In meinem stillen, langweiligen Hof war es schon dunkel, im Haus gegenüber hatten sie schon längst das Licht angemacht und die Gardinen vorgezogen. Wie in den Ankleidekabinen. Nackte Menschen hinter den Vorhängen probierten einander an: Drückt es? Zwickt? Passt … Langt für auf dem Land, wie meine urbanen Eltern zu sagen pflegten.

Das Notebook schickte ein leises Grummeln in die Stille der Wohnung und erleuchtete mein Gesicht.

Das graue Gesicht eines Menschen, der sich eine Sprache ausgedacht hatte.

Für einen Augenblick konnte ich mich selbst von außen betrachten. Als säße ich an einem Feuer, mitten im Wald, kennte nur drei Wörter und bräuchte nichts weiter.

In diesen Momenten, vor dem angeschalteten Notebook in der dunklen Wohnung beim Blick aus dem Fenster, kann es dir vorkommen, als wäre die ganze Welt von dir erdacht. Als wärst du es gewesen, der eben diese sonderbare Welt mit ihrem Eigenleben auf seiner Tastatur erschaffen hat. Ein gefährliches Gefühl. Und wie schmerzhaft dann die Einsicht, dass von dir überhaupt keine Rede sein kann. Da gab es ja wirklich weit und breit nichts, wozu ich beigetragen hätte. Alles, vom Dach über meinem Kopf bis zum winzigsten Mikrochip, von den Straßenlaternen bis zum Rädchen im Feuerzeug hatten andere erdacht, gefertigt, erbaut, bemalt und benannt. Und die Menschen hinter den Gardinen machten keinerlei Anstalten, sich hinter mir zu versammeln. Ich hatte keine Ahnung, was in ihnen vorging. So wenig wie sie von mir. Das einzige, worüber ich normalerweise verfügen konnte, war die Zeit. Leere Kästchen, in die ich mich einschreiben musste. Die Kästchen sind knapp, und du bist reichlich. Da hilft nur Tricksen.

Doch diesmal war es anders gekommen.

Seit ich mich mit meinem Becher Kaffee an den Tisch gesetzt hatte, waren zwei Stunden vergangen. Von den Lichtern abgesehen, hatte sich scheinbar nichts verändert. Ich war noch der Alte. Und auch die Welt war noch dieselbe, wie zwei Stunden zuvor. Und doch gänzlich anders. Dort draußen liefen Menschen herum, und sie alle bedienten sich einer fremden Sprache, während ich meine eigene hatte. Für sich genommen veränderte dieser Umstand noch nichts, und doch erfüllte er mich mit einer seltsamen Freude. Als hätte man mich eines Verbrechens für schuldig befunden, für das ich niemals den nötigen Mut aufgebracht hätte.

[…]

***

Ich nannte sie Balbuta. Gott allein wusste, warum.

Und dieser Gott war ich.

Schon als Kind hatte ich mich für konstruierte Sprachen begeistern können.

Ich weiß noch, wie wir Papierfiguren ausgeschnitten, sie angemalt und dann auf dem Fußboden Staaten gespielt haben: Wir haben Kriege geführt, Frieden geschlossen, Handel getrieben, uns neue Ländereien zugelegt – Teppichsibirien, Sofagebirgszüge und andere koloniale Besitztümer. Man musste sich eine möglichst große Bevölkerung besorgen. Unter unseren Scheren rieselten Soldaten zu Boden, Bauern, Beamte, Priester, See- und Kaufleute. Soldaten machten wir natürlich am liebsten. Wir erfanden Uniformen und Waffen für sie, Orden, Ränge und für die größten Helden sogar Charaktere. Ich hatte das Spiel erfunden und meine Freunde sofort angefixt, wir konnten stundenlang auf dem Boden herumkrabbeln, unsere Armeen und Bevölkerungen verschieben, Städte errichten und uns pausenlos beschießen und bekriegen: tam, tam, tadam. Tausende Figuren mussten unseren Befehlen gehorchen. Wir waren zwölf, dreizehn Jahre alt, das Zeitalter der Computerspiele war noch nicht angebrochen, aber unser Spiel begeisterte uns auf eine Art und Weise, wie es die heutigen Baller-, Arcade- und Strategiespiele nicht vermögen. Wir spielten nach der Schule bei mir zu Hause, und unsere Welt musste wieder abgebaut sein, bevor meine Eltern von der Arbeit kamen, sonst musste alles hastig unter den Füßen der Erwachsenen zusammengerollt werden, und man vergaß in der Eile, welche Grenzen gerade in der Welt gezogen worden waren. Manchmal kamen die Erwachsenen früher und erwischten uns mitten in unserer kollektiven geistigen Umnachtung. Anfangs achteten sie nicht weiter darauf, was sich da vor ihren Füßen abspielte, aber mit der Zeit wurden sie hellhörig.

Wie gesagt, die Idee zu dem Spiel stammte von mir, meine Freunde waren neidisch deswegen und wollten Einfluss auf die Regeln nehmen, aber das passte mir ganz und gar nicht. Deshalb erhoben wir uns mitunter vom Boden und setzten den Widerstreit im Luftraum fort – da standen sich nicht mehr Papierfiguren gegenüber, sondern gestrenge Gottheiten mit geballten Fäusten.

Und noch eine weitere Idee stammte von mir: nicht nur Papiersoldaten, -mönche und -werktätige für das Spiel zu basteln, sondern auch Frauen. Keine Frage, über den Frauenfiguren saßen wir deutlich länger, versuch doch mal all die geheimnisvollen Kurven und Katzenprofile auszuschneiden, die feine Spitze der rätselhaften Körper, die jemand erfunden haben musste, um uns zu strafen, Körper, Körper, an die man nur denken musste, schon wurden einem die Hände feucht, die Brustwarzen hart und es zog einem zwischen den Beinen. Einmal gezittert, schon hattest du statt einer Frau eine aufgedunsene, unförmige alte Hexe. Und Alte zählten nicht. In unseren Spielen kamen überhaupt weder Alte noch Kinder vor. Nur gesunde, weiße Papiermannsbilder, die ihresgleichen aus dem Weg räumen wollten.

Es ist schon eine Krankheit, diese Jungszeit. Mein Körper kam mir damals vor wie ein Baum im Frühling. Ich sah in den ersten Knospen an den Zweigen, in den Schmerzen, unter denen sie sich im Frühjahr öffneten, in ihrem Flaum und ihrem morgendlich saftigen Stöhnen, das ich allein zu hören schien, etwas meinem armen Knabenkörper Verwandtes. Was war das für eine Qual. Die Leiden des Dreizehnjährigen. Denn unsere Fantasie war damals so in Schwung, dass wir keinerlei Pornos brauchten, keine Stimulanzien. Irgendwann konnte ich nicht mehr an mich halten und zeichnete nackte Frauenfiguren, alle grölten vor Lachen und folgten erleichtert meinem Beispiel, und dann lagen wir bäuchlings auf unseren Imperien und verglichen, wer es wie hinbekommen hatte, wir lagen knallrot am Boden, als hätte man uns die Haut abgezogen, und irgendwie wollten wir einander nicht in die Augen sehen, und wir hatte Angst, unsere Eltern könnten gleich kommen und uns bei diesem Spiel überraschen. Diese Angst war so groß, dass wir die Frauenfiguren nach jedem Spiel zerstörten, das nächste Mal mussten wir wieder neue basteln. Und wir bastelten, eifrig und unbeholfen, und wir wussten nicht mehr, wer wir waren, Götter, Sklaven oder Verrückte, und wir lachten laut, und wir fluchten, und wir fuhren aus der Haut wegen etwas Unaussprechlichen, Schrecklichen und Unausweichlichen.

[…]

Was das mit konstruierten Sprachen zu tun hat, fragen Sie sich? Mit Balbuta? Ist sie etwa schon damals entstanden? Natürlich nicht. Balbuta war noch so fern wie der Mond.

So fern wie der Papiermond für den geschärften Bleistiftzahn.

Aber damals, bei unseren komischen Spielen, wenn wir unsere Papierfiguren über den Boden schoben, stellte ich eine wichtige Bedingung an die Jungs: Wenn wir schon Staaten und Völker hatten, müssten wir auch Sprachen für sie erfinden, erklärte ich ihnen ungeduldig. Es erschien mir so offensichtlich, ich hätte heulen können, aber leider ging das nur mir so. Meine Freunde ließen sich widerwillig darauf ein, aber es war zwecklos: Sie begnügten sich mit zwei-drei dürren Phrasen, reines Dekor, sinnlose Phrasen, die sie sich selber nicht merken konnten. Und wenn ich sie ausfragte, wie dies oder jenes Wort oder eine Wendung in ihrer Sprache hieß, war immer schnell Schluss. Ich habe ihre rauen, überdrehten Stimmen noch im Ohr: Ich würde ihnen mit meinen Launen nur das Spiel verderben. Inzwischen ist mir natürlich alles klar. Sie wollten etwas anderes: tam, tam, tadam, Macht, Schüsse, Soldaten und nackte Frauenfiguren. Ein paar aus dem Stand erfundene Wörter für ihr Volk fanden sie völlig ausreichend und waren dann verärgert, wenn ich ihnen die grusligen Unstimmigkeiten in ihren Sprachsystemen aufzeigte.

Mir war das nämlich bitterernst. In dicken Heften legte ich Wörterbücher und Grammatiken für meine papiernen Untertanen an. Und ich achtete streng darauf, dass in meinem Land alles regelkonform zuging. Gab einer meiner Generäle eine schriftliche Order, musste ich immer wieder in meinen Heften nachschlagen. Meine Generäle durften keine Fehler machen. Jedenfalls keine sprachlichen. Das ärgerte meine Freunde. Ihre eilig zusammengeschnippelten Völkchen sprachen munter Russisch, obwohl sie auf dem Papier ihre Landessprachen hatten. Klingt irgendwie vertraut, nicht? In meinen Truppen und Geheimdiensten gab es sogar eigens ausgeschnittene und ausgemalte Spezialkräfte mit dunklen Brillen, die die Sprachen der Feinde lernen sollten, aber sie hatten einfach nichts zu tun und verschlissen auf den Teppichen ihre Papierhosen.

[…]

Ja, schon als dreizehnjähriger Freak in Trainingshosen hatte ich Sprachen erfunden. Mein Lieblingsbuch war damals das Wörterbuch des jungen Philologen. Besonders der Eintrag, der überschrieben war mit „Künstliche Sprachen“. Ich sehe ihn noch vor mir: Er war auf der rechten Seite, links war eine Abbildung, und er ging auf der Folgeseite noch weiter, ich las ihn wieder und wieder und erinnere mich noch genau an das schale Gefühl, wenn ich die Seite umblätterte – der Eintrag war ärgerlich kurz und viel zu schnell zu Ende. Ich wollte unbedingt mehr Informationen, aber die waren nirgends zu bekommen, nicht in der Schulbücherei, auch nicht in der Stadtteil- oder Stadtbibliothek, überall dieselbe Armseligkeit, ich hatte nur mein armes, weißes, allwissendes Wörterbuch: kackbraune Kakao- und Konfitüreflecken auf meiner Leib- und Magenseite, Kekskrümel, in Ewigkeit geplättet im prallen Falz, anthropomorphe Sprachäste in den Abbildungen. Bald schlug es sich von selbst auf der richtigen Seite auf. Um wiederum diese Armseligkeit zum Vorschein zu bringen, die ich längst auswendig kannte. Und doch habe ich eben aus diesem weißen Büchlein zum ersten Mal von Esperanto und Zamenhof erfahren, von Volapük und Pfarrer Schleyer, von Ido und Interlingua. Diese Worte verzauberten mich, Ido Esperanto klang für mich nach einem Frauennamen, und Volapük wie der Name einer wolllüstigen Waldgottheit, die der unschuldigen Nymphe (bzw. der Nymphomanin) nachjagte. Fast konnte ich die fremden, unverständlichen Worte hören, die ihnen über die Lippen gingen; das Bild, das ich vor mir sah, sobald ich mein Wörterbuch zur Hand nahm, hatte etwas Verruchtes und Beunruhigendes. Das Wörterbuch lag immer richtig – bei ihm konnte ich die Scheußlichkeit unserer Siedlung und den Irrsinn an meiner schreckliche Mittelschule vergessen, die öden Pflichten, die roten Armbinden der Diensthabenden, mit denen wir Schüler aussahen wie Jungnazis. Mit seinem festen Einband, rundum positiv und korrekt, voll farbiger Illustrationen wie eine Kinderbibel, verhieß dieses verführerische Wörterbuch für Oberstufenschüler mit seinem gesamten Aussehen jedem Jungen oder Mädchen, das die Philologie auserkor, einen Platz in den Reihen der Intelligenzija: allzeit saubere Hände, Schreibstubenruhm und den weißen Befreiungsschein für die schwärzesten Arbeiten. Mein Glaube daran war rasch verflogen. Aber die Sprachen hatten mich verzaubert, und der größte Zauber bestand darin, dass das tatsächlich möglich war: etwas eigenes erschaffen.    

Später begriff ich, weshalb es mir nicht gelungen war – ich hatte den Anfängerfehler gemacht, der einem ernsthaften Sprachkonstrukteur nicht unterlaufen darf: Ich wollte, dass die Sprachen, die ich erfand, wie lebende Sprachen waren. Wie bereits existierende. Eine Rede, die den Anschein von Leben erweckte. Sprachen, wie von Millionen Menschen verwendet, seit hunderten von Generationen, ergraute, urwüchsige Sprachen, in denen eine Vorgeschichte verborgen lag. In meinen Konstruktionen breitete ich gewissermaßen den Klangteppich für meine Serie aus, schmückte die mir vertragsmäßig zustehende Kunstwelt mit einer Kunstsprache. Ich war nicht frei. Alles sollte sein wie bei anständigen Leuten, aber ich hatte nur meine stümperhaft ausgeschnittenen Papierfiguren zur Hand. Mir wäre im Traum nicht eingefallen, dass auch meine Freunde und ich Helden waren, die eine Sprache verdient hätten, dass wir die fertige Vorgeschichte waren, durchaus geeignet, etwas Neues hervorzubringen.

Eine Sprache zu erschaffen, ist Schwerstarbeit. Damals und auch noch später, bevor in meinem Leben die lange Zeit der Niederlage anbrach, hatte ich mehrfach versucht, etwas Wertvolles zuwege zu bringen, stolperte aber immer wieder über ein Problem, dessen ich einfach nicht Herr wurde. Je lebendiger meine Sprache wirkte, desto mehr verlangte sie nach Konventionen, Entsprechungen und Regeln. Ich entwarf ungeduldig und schludrig Lexik und Grammatik und hoffte, endlich zum rettenden Grund vorzustoßen – aber Sprache ist unersättlich, sie will immer noch mehr, und du stürzt dich hinein, vertiefst dich in der Hoffnung auf ein Wunder, aber bis zum Grund ist es noch entsetzlich weit. Und du gehst einfach unter. Du versinkst in den Untiefen der Sprache, in ihren Verheißungen. Inzwischen weiß ich, dass man, um eine Sprache erfinden zu können, zuerst selbst ihren Grund definieren muss. Und sich dann von dort abstoßen und vergessen, wo und wie tief der Grund liegt. Es der Sprache selbst überlassen, ihren Grund bald weniger, bald mehr demjenigen anzunähern, der sich in sie versenkt.

Wahre Sprachkonstrukteure schaffen keine Sprachen, die sind „wie lebendig“. Sie schaffen lebende Sprachen.

Balbuta ist so lebendig geworden, dass sie sogar jemanden das Leben gekostet hat.

Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler

Auszüge aus Kapitel 2 des ersten Teils von Sabaki Ėŭropy von Al’herd Bacharėvič, nach einer Auswahl des Autors