Der Roman Vuk – eine antiutopische Vision der Zukunft Bosniens in Europa

gatalo
„- Hör zu, Vuk …Viele Jahrhunderte lebten hier drei Völker. Drei gute, kluge und fleißige Völker lebten hier, in dem was man jetzt Ghetto nennt. Ein Mann aus einem dieser Völker erfand den Wechselstrom und Radiosignale …[…], dieser Mann aus dem alten Volk hat die Grundlage für Antigravitation und drahtlose Übertragung geschaffen und … und vieles mehr. Es war Krieg und man weiß bis heute nicht, warum er begonnen hat, ein Krieg, in dem alle drei Völker den Schuldigen in dem jeweils anderem fanden, in der Geschichte, in Denkmälern, in … Sie töteten sich gegenseitig und hier, wo wir jetzt stehen, ohne einen triftigen Grund, genau wie sich die Mondartigen, Würfelartigen und Adlerartigen heute töten.“

In seinem Roman Vuk richtet Gatalo den Blick auf seine Heimat Bosnien und Herzegowina (BiH). Er entwirft eine postapokalyptische Situation auf der Erde (als Folge einer ökologischen Katastrophe, verursacht durch Kriege mit Einsatz von Biowaffen) und beschreibt eine zukünftige Welt, in der die „Union“ (eine Staatenkonföderation) BiH als Ghetto umzäunt hat. Die Handlung des Romans Vuk spielt in einer nicht näher bestimmten Zeit, die Ereignisse der Vergangenheit, die zur Romangegenwart geführt haben, werden dem Leser sukzessive und retrospektiv offenbart: die ehemaligen Völker der Region, Serben, Kroaten und bosnische Muslime, nun als „stari narodi“ (alte Völker) bezeichnet, bekämpfen sich immer noch – nur unter neuem Namen.

Veselin Gatalo, geboren 1967 in Mostar (BiH), zählt zu den vielversprechenden zeitgenössischen Autoren der Kriegs- und Nachkriegsgeneration in seinem Land. Während seines Studiums begann er Poesie zu schreiben und später nach dem Krieg in den 1990ern auch Prosa. Seine Gedicht-Bände, Kurzgeschichten und Erzählungen zählen zu denjenigen Texten, welche die Komplexität der Erfahrungen während des Krieges veranschaulichen. Sie wurden bereits mehrfach ausgezeichnet: im Jahr 2003 erhielt Gatalo für seine Erzählungen im Band Rambo, Drumski i onaj treći (Rambo, der  Vagabund und der Dritte, 2005) die Auszeichnung ‚ZORO‘; im Jahr 2003 wurde die Erzählung Vuk (Der Wolf), aus der im Jahr 2006 der gleichnamige Roman hervorging, in Kroatien von Istrakon 2003 als beste Science-Fiction-Geschichte gekürt. 2004 wurde Gatalos Roman Siesta, Fiesta, Orgasmo, Riposo (2004) für den ‚Meša Selimović‘-Preis nominiert. Im Jahr 2007 erhielt er von SKD Prosvjeta die angesehene Auszeichnung ‚Aleksa Šantić‘ für den Gedichtband Vrijeme mesinganih perli (Die Zeit der Messing-Perlen, 1998).
gatalo_cover
Im Roman Vuk  haben kriegerische Auseinandersetzungen dazu geführt, dass eine Region, ehemals Bosnien und Herzegowina, durch eine Mauer von der übrigen Welt abgetrennt, und zusätzlich von einem bis zu fünfzehn Meilen hohen energetischen Feld eingefasst wurde. Das Motiv der Mauer übernimmt eine metonymische Funktion: Sie ist zum einen das Bauwerk, das die Region komplett isoliert. Zum anderen schafft sie eine Innen-Außen-Beziehung, welche das Ghetto zum Zentrum von etwas Größerem macht und mit diesem größeren Pendant durch Sinnzuweisungen korrespondiert. Die im Roman suggerierte utopische Idealgesellschaft des neuen Staatenbundes Union kann angesichts der Existenz einer Mauer in seinem Inneren nicht ideal sein. Vielmehr handelt es sich um eine anti-utopische Vision der Zukunft, in der Aufteilungen in Räume des Guten und Räume des Bösen zugelassen sind. Dieses Modell wirft ein kritisches Licht auf die Union (eine explizite Anspielung auf die europäische Union!) und ihr Konzept eines pazifistischen Staatenbundes, der erst nach unzähligen Kriegen überhaupt zustande kam. Die globale Katastrophe soll im Roman nun durch neue Modelle des zwischenmenschlichen Lebens wieder gut oder vergessen gemacht werden. Trotz ihrer hohen Ziele weiß sich die Union am Ort der Krise jedoch nicht anders als durch die Errichtung eines Ghettos zu helfen.

In diese abgesperrte Zone werden Kriminelle aus der ganzen Welt zum lebenslänglichen Strafvollzug verbannt, so dass die offizielle Sprache im Ghetto neben dem „naški jezik“ (der Sprache der alten slawischen Bevölkerung: bosnisch-kroatisch-montenegrinisch-serbisch) Englisch ist. Die Ghettobewohner sind in drei Parteien organisiert und führen Namen, die aus den Symbolen Mond, Quadrate und Adler abgeleitet sind – abstammend von den Nationalflaggen oder religiösen Symbolen der einst verfeindeten und nun nicht mehr existenten Völker – die Mondartigen (muslimische Bosnier), die Würfelartigen (Kroaten) und die Adlerartigen (Serben). Diese drei Gruppen bzw. Banden sind auch in ähnlicher Weise wie ihre Vorläufer verfeindet, obwohl ihre Mitglieder nun mehrheitlich aus ganz anderen Ecken der Welt stammen und viel später geboren wurden. Auch sie können sich aus dem Kreislauf von Gewalt und Aggression nicht mehr befreien.

Obwohl Gatalos Ghettoentwurf recht plakative Anspielungen auf Koalitionen, Umstände und auch auf Fremdbeschreibungen der postjugoslavischen Kriegsparteien der 1990er Jahre enthält, und das Geschehen in Bosnien und Herzegovina seit 1991 bis zur Gegenwart den leicht erkennbaren, wichtigsten Referenzpunkt des Romans bildet, erzählt der Roman jenseits dieser allegorischen Komponente eine äußerst spannende Geschichte. Vuk ist die Geschichte über den einsamen Krieger Vuk und seine Hündin Chica: Vuk ist eine Art Ausnahmebewohner des Ghettos, allein aufgrund der Tatsache, dass er überhaupt, trotz strengster ‚Geburtenkontrolle‘, geboren werden konnte – ein Motiv, das im Science-Fiction-Genre vielfach zu finden ist, so etwa in Michael Campus‘ Film Z.P.G. (Zero Population Growth) von 1972. Unter widrigen Umständen gelangt Vuk als Kleinkind in eine Horde wilder Hunde, die ihn wie ihr Junges aufziehen. Bei ihnen lernt er die Jagdgesetze der Wildnis und die Hunde- und Wolfssprache kennen (auch hier stehen Filmprotagonisten von Tarzan bis Mogli Pate). Später begegnet Vuk dem verurteilten Priester Dumo, der noch die Sprache der „stari narodi“ kennt, ihn in seine Obhut nimmt, und ihn sprechen, lesen und die Bibel lehrt. Vuk bewahrt sich jedoch jene übermenschlichen Fähigkeiten, die er im Zusammenleben mit den Hunden entwickelt hat. Die wortkarge Figur erzeugt eine besondere Spannung und der Leser identifiziert sich zunehmend mit ihm.

Um eine futuristische Stimmung zu erzeugen und den Roman in den Kontext bereits vorhandener Science-Fiction-Visionen einzuordnen, ruft Gatalo in seinem Roman bekannte Filmmotive auf. Besonders postapokalyptische Szenarien verbrecherischer Banden und einer ökologisch zu Grunde gerichteten Erde, das Leben der Menschen bzw. menschlicher Klone unter der Erde, um nur einige zu nennen, nehmen intermedialen Bezug auf verschiedene Science-Fiction-Filme, besonders jedoch zu John Carpenters Escape from New York (1981), in dem ganz Manhattan in eine Art Hochsicherheitsgefängnis umfunktioniert wurde. Auch Bezüge zu George Millers Mad Max (1979) und zu Andrew/ Laurence Wachowskis Matrix (1999) sind deutlich erkennbar.

Auch auf der formalen Ebene nähert sich der Roman dem Genre Film an: Das Geschehen wird dem Leser durch Bildsequenzen vermittelt, welche die Beobachtungen Vuks oder des Journalisten Luka Kvidžik darstellen; Bilder, die teilweise auch durch die Hündin Chica perspektiviert werden. Die Handlung ist verdichtet, mit schnellem Ablauf und mit typisierten Charakteren wie dem halbzivilisierten Vuk, seinem Mentor Dumo, einem ehemaligen Priester und Mörder, dem berüchtigten Verbrecher „Der verrückte Jovan“ und dem Bandenanführer „Jamaikaner“ mit seiner Gefährtin, genannt „Die zornige Olena“. Eine sehr explizite Bezugnahme zum filmischen Science-Fiction-Genre findet sich in dem Lied, das Vuk im Kapitel „Pjesma“ („Das Lied“) singt und in dem Snake Plissken, eine Figur aus Escape from New York, erwähnt wird: „U kući bila zatvorena kokoš / Kao u Nju Jorku Zmija Plisken …” („Es war im Haus ein Huhn eingesperrt / Wie in New York die Schlange Plissken“). Eine Verdeutlichung von Vuks Situation im Ghetto, seiner Einsamkeit und seinem Einzelgängertum und ein intermediales Statement, das vom Selbstverständnis des Romans spricht.

Auch aus einem weiteren Grund taucht in Vuks Lied Snake Plissken auf. Es wird eine Parallele zwischen den Überlebensfähigkeiten und dem Einzelgängertum der beiden Protagonisten gezogen, beide Figuren befinden sich in einem Ghetto voller psychopathologischer Verbrecher. Beide sind sie nicht völlig frei von krimineller Schuld, jedoch werden ihre Vergehen angesichts der Verbrechen im Ghetto und angesichts des Lebens in einer Welt, die keine ethischen Werte vermittelt, relativiert. Die Tatsache, dass Vuk als einzig Unschuldiger im Ghetto festgehalten wird, an diesem Ort für verurteilte Verbrecher, ist Ausgangspunkt für die Frage nach Schuld und Unschuld, die sich durch den gesamten Roman zieht. Vuk unterscheidet sich von den übrigen Ghetto-Bewohnern durch seine starke Verbundenheit mit der Natur und durch seine Fähigkeiten, in der gefährlichen Wildnis alleine zurechtzukommen, ohne sich in Schutz einer der drei (Ethno-) Banden begeben zu müssen. Vuk fühlt und denkt ähnlich einem Bewohner eines von der Zivilisation unberührten Urwaldes, dessen Intelligenz und Seele im Einklang mit dieser Natur sind. Er ist der postapokalyptische Mensch und integriert Merkmale des Neuen Menschen, der von seinen früheren Sünden befreit zu sein scheint und deshalb unschuldig wirkt.

Diese Ereignisse in Gatalos Roman werden nicht chronologisch geschildert und Sujetteile werden über verschiedene Figuren vermittelt. Eine weitere Perspektive bringt der Journalist Luka Kvidžik ein, der von ‚Außen’ in das Ghetto kommt, um Vuk herauszuholen. Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickelt sich zwar kaum ein Gespräch, aber der Leser lernt hierbei Vuk über die Reflexionen des Journalisten kennen und nimmt an dessen allmählich wachsender Zuneigung zu Vuk teil. Der Journalist erörtert die Kriegsschuld der alten Völker, eine Schuld, die durch die Konfliktfortsetzung im Ghetto als eine gleichsam absurde und tragische Schuld (mit langanhaltenden Konsequenzen) bloßgelegt wird. Aber allein durch seine Anwesenheit im Ghetto sorgt der Journalist für Unruhe: Alle Banden wollen ihn unbedingt für sich haben, um auf diese Weise den geheimen Ausgang aus dem Ghetto zu erfahren, denn diese Information würde eine Vormachtstellung im Ghetto sichern. Der Journalist findet sich in einer ungewollt aktiven Rolle wieder. Die Absicht, die der Autor mit der Figur des Journalisten verfolgt, ist doppeldeutig und scheint dabei dieselbe Frage aufzuwerfen, die Susan Sontags Essay „Das Leiden anderer betrachten“ stellte: Wird der Kriegsberichterstatter, einer solchen dramatischen Situation wie dem Krieg ausgesetzt, nicht durch die Beobachtung und Reflexion des Geschehens selbst zum aktiven Teilnehmer des Geschehens, ja zum Mittäter? Die aktive Rolle der Medien im Krieg wird implizit kritisiert, als Vuk dem Journalisten die Schuld für den nun ausgebrochenen Krieg im Ghetto zuweist:

„Du bist derjenige, der schuldig ist, aber das macht nichts. […] In den Worten des jungen Mannes fühlte Luka Kvidžik weder Verurteilung noch Vorwurf. Bloße Feststellung und nackte Deduktion. Allerdings auf einem sehr primitiven Niveau.“

Aus dem Ghetto befreit, begegnet Vuk schließlich auf der anderen Seite der Mauer einer geklonten Gesellschaft, die aufgrund der ökologischen Katastrophe unter der Erdoberfläche leben muss. Aber auch diese fortschrittliche Gesellschaft kann die Probleme der konfliktreichen Region nicht lösen: das Ghetto wurde erschaffen, um eine maligne Gegend aus dem Körper der Union herauszuschneiden, anstatt sie zu integrieren und so vielleicht eine Besserung der Lage herbeizuführen. Lediglich wenige Öffnungen wurden in die Mauer eingelassen und ermöglichen den Zugang für humanitäre Hilfe in die umzäunte Region. Ein plakativer Hinweis auf die Zustände in BiH während des Krieges, als humanitäre Hilfe die belagerten Städte nur unter erschwerten Bedingungen erreichen konnte. Aber auch Hinweis auf den post-Daytonschen Zustand BiHs – eines in Reisefreiheit und Wirtschaftsbeziehungen isolierten Ausnahmegebiets mitten in Europa.
Der negative Stellenwert des Ghettos wird im Roman schließlich am Protagonisten umgekehrt: Während die fortschrittliche und scheinbar befriedete und zivilisierte Welt außerhalb der Mauer sein Gefängnis und seinen Untergang bedeuten würden, verschafft ihm das Ghetto trotz des täglichen Kampfes ums Überleben seine eigentliche Freiheit. In der Figur Vuks behält BiH die moralische Oberhand in einer letztlich unerträglichen äußeren Situation.

Der Roman Vuk von Veselin Gatalo ist eine Allegorie auf die innen- und außenpolitischen Verhältnisse in seiner Heimat, die den Autor dazu veranlasst haben, eine anti-utopische Vision der Zukunft zu entwickeln. Gatalo stellt im Roman die „Frage der Schuld“ auf eine neue Weise und verstrickt sich dabei nicht in nationale Standpunkte, politische Motive und historiographische Analysen über den Krieg der neunziger Jahre. Möglicherweise erfreut sich der Roman auch aus diesem Grund zunehmenden Erfolges bei einer überethnischen Leserschaft in Serbien, Kroatien und Bosnien- und Herzegowina.

von Velma Babić

Vrijeme mesinganih perli, 1998.
Amore al primo Binocolo, 2000.
Siesta, Fiesta, Orgasmo, Riposo, 2004.
Rambo, Drumski i onaj treći, 2005.
Ja sam pas… i zovem se Salvatore, 2005.
Kmezavi narednici, 2006.
Geto, 2007.
Cafe Oxygen, 2007.
Priče za nemirnu noć, 2008.
Polja čemerike, 2008.
Vuk, 2009.
Salika s uspomenom
, 2009.

druckdatei

Top