Ameisen im Bauch

Ein Interview mit Anna Starobinec

Anna Starobinec gilt als die einzige Autorin Russlands, die eine belletristische Schreibweise mit dem Genre der Mystery- und Fantasy-Literatur verbindet. Mit ihrem ersten Erzählband, der unter dem Titel Perechodnyj vozrast (Pubertät) 2005 beim Sankt Petersburger Verlag Limbus Press erschienen ist, machte sie sich einen Namen. In diesem Jahr debütierte sie im selben Verlag als Romanautorin mit Ubežišče 3/9 (Asyl 3/9). In ihrer Prosa erzählt sie sowohl vom russischen Alltag als auch von Mythen und mysteriösen Geschichten, die Moskau zu einem Ort unheimlicher Verwandlungen, Revolutionen, Besessenheiten machen. Gleichzeitig richtet sich in ihren Texten der Blick in die intimen Bereiche des Lebens, die Familie, die Beziehungen zu anderen Menschen. In die Wirklichkeitsebene der russischen Alltagswelt mit Vater, Mutter, Kind bricht eine Welt von Cyborgs, Ameisen, Hexen und anderen fantastischen Figuren ein…

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In Ubežišče 3/9 wird die Geschichte einer jungen Frau namens Maša erzählt. Jaša, ihr Kind, hat einen schweren Unfall erlitten. Er befand sich lange Zeit im Koma und erwachte dann als schweigender Autist. Maša, die ihren Sohn in ein Heim für behinderte Kinder gegeben hatte, als er sich noch im Koma befunden hatte, arbeitet seitdem als Fotojournalistin und reist in Europa herum. Nach einigen Jahren verliert sie plötzlich das Gedächtnis und verwandelt sich in einen “unreinen” Mann, einen Obdachlosen, der ständig von jenen Träumen und Ereignissen aus Mašas Leben träumt, die diese lange Zeit verdrängt hatte. Im Traum erscheint ihr eine Märchenwelt, in der sie ihren Sohn trifft. Es stellt sich heraus, dass Mašas Sohn, der einstige Jaša, als Held Vanja zusammen mit dem Zauberer “Gerippe Unsterblich”, der Hexe Baba-Jaga, dem Lešij, dem gefährlichen Waldgeist, und anderen “unreinen” Figuren der russischen (und zum Teil deutschen) Volksmythologie in einer Märchenwelt wohnt. Der unreine Mann/Maša stirbt und gerät selbst in diese Welt, kehrt zu dem verlassenen Kind zurück. So auch der verlorene Vater, der ebenfalls einige Zeit eine Verwandlung durchlebt hat. Die “Heimkehr” ins Asyl ist zugleich die letzte Rettung, denn der realen Welt steht ein “sdvig” bevor, eine apokalyptische Verschiebung. Am Ende des Romans, als eben jene Welt endet, vereinigt sich in der Welt der Fantastik, im Asyl, das der Junge eingerichtet hat, im Kreis der Märchenfiguren die Familie.

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Anna Starobinec, geboren 1979, lebt und arbeitet in Moskau. Ihre Texte sind bisher nicht auf Deutsch erschienen. In einem E-Mail-Interview fragten wir Anna Starobinec zur aktuellen Situation junger AutorInnen in Russland und ihrem bisherigen literarischen Schaffen.

novinki: Vorab würden wir gern wissen, ob es Fragen an Sie als Schriftstellerin gibt, die Sie überhaupt nicht mögen?

Anna Starobinec: Ja, die gibt es. Ich mag es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn man mich fragt: “Finden Sie das Leben unheimlich?” (Die Frage kommt ziemlich oft auf…) Oder: “Warum ist Ihre Prosa so düster, wo Sie doch so nett aussehen?” In diesen Fällen komme ich gewöhnlich aus dem Konzept und fühle mich ziemlich dumm.

n: In Deutschland sind Sie eine noch unbekannte Schriftstellerin, nicht nur den Lesern, sondern bisher auch noch Verlegern und Literaturwissenschaftlern. Laut Lev Danilkin, einem bekannten russischen Literaturkritiker, gelten Sie in Russland als Vertreterin einer neuen Generation junger, professioneller SchrifstellerInnen. Können Sie Danilkin zustimmen, dass es schwer ist, Ihre russischen literarischen Vorbilder zu bestimmen?

S: Ich bin eigentlich nicht ganz einverstanden mit der Behauptung, dass ich überhaupt keinerlei literarische „Wurzeln“ hätte. Der russischen Tradition, wie Sie sie nennen, stehe ich sehr respektvoll gegenüber – gerade Gogol′ hat mich sehr stark beeinflusst. Dazu Bulgakov und, entschuldigen Sie schon die Plattheit, Dostoevskij. Sogar auf sprachlichem Niveau versuche ich nicht gänzlich aus dieser Tradition herausfallen – und auch irgendein Jugendslang erscheint mir nicht ganz das passende Register für Literatur zu sein, und sei sie auch noch so modern. Was meine westlichen „Orientierungspunkte“ betrifft: ich fühle mich dem Schaffen Hoffmanns, Kafkas, Bradburys sehr nah und von den gegenwärtigen Autoren dem Stephen Kings und Neil Gaimans, des Gotikmärchen-Meisters. Übrigens ist Gaimans Roman American Gods einer meiner liebsten, weshalb ich mir in Ubežišče 3/9 einige literarische Anspielungen auf ihn erlaubt habe.

n: Erzählen Sie doch bitte einmal, wie Sie Schriftstellerin geworden sind.

S: Den Erzählband Perechodnyj vozrast habe ich während einiger Monate geschrieben. Ich habe vorwiegend nachts geschrieben, da ich ein Baby hatte und tagsüber bei einer Zeitschrift arbeitete. Auf die Frage, warum ich zu schreiben begonnen habe, kann ich nicht antworten. Ich habe damit begonnen, und das war’s… Ich brauchte das wohl. Möglicherweise war einer der nebensächlichen Gründe dafür der unterschwellige Wunsch, etwas zu schreiben, was ich (als Literaturkritikerin und einfach Leserin) gerne lesen würde – und was ich zwischen den russischen Neuerscheinungen nicht gesehen habe. Horror und Mystery à la Stephen King oder Neil Gaiman ist nicht gerade das meistverbreiteste Genre in unserem Land.

n: Wie kam es, dass Ihr Debüt in Form eines Bandes mit einer Novelle und kurzen Erzählungen unter dem Titel Perechodnyj vozrast im Verlag Limbus Press erschien?

S: Das ist ganz einfach. Als ich das Manuskript fertig geschrieben hatte, habe ich es an verschiedene Verlage geschickt. Insgesamt sechs wollten es drucken. Die Bedingungen bei Limbus Press haben mich am meisten angesprochen.

n: Sie arbeiten (oder arbeiteten) als Journalistin und haben ein Kind. In einem Interview haben Sie erzählt, dass Sie Belletristik nur nachts während zwei oder drei Stunden schreiben konnten, der einzigen Zeit, die frei von beruflichen und mütterlichen Pflichten ist. Hat sich die Situation, in der Sie als Schriftstellerin schreiben, seitdem verändert?

S: Die Situation hat sich nicht verändert: Mein Kind ist ein bisschen größer geworden, aber – zum Glück – immer noch da. Ich habe geheiratet – habe aber dadurch noch weniger Freizeit… Die Arbeit habe ich gewechselt (von der Zeitschrift zu einer Zeitung) – aber die neue Arbeit nimmt nicht weniger Zeit in Anspruch als die alte. Leider kann ich die Arbeit als Journalistin nicht aufgeben: die Schriftstellerei bringt in unserem Land nur etwas ein, wenn du Boris Akunin oder Aleksandra Marinina bist. Unser Kind hat natürlich eine Tagesmutter – aber trotzdem schaffe ich katastrophal wenig. Und Ubežišče wurde mit derselben „nächtlichen“ Methode geschrieben wie das erste Buch. Vermutlich habe ich einfach solch eine „nächtliche“ Methode, da kann man nichts mehr machen…

n: Sie und Ihre jungen Schriftsteller-Kolleginnen, beispielsweise Anna Kozlova, sind der weibliche Teil der neuen Generation junger russischer SchriftstellerInnen. Interessant ist, dass beim Versuch der Kritik, Ihre Literatur zu charakterisieren, die Bezeichnung „Frauenprosa“ nicht auftaucht, im Unterschied zur Bestimmung der Prosa Petruševskajas, Tolstajas oder Ulickajas durch die zeitgenössische Kritik. Können Sie sich erklären warum das so ist?

S: Also diese Frage müsste wohl nicht mir, sondern jenen gestellt werden, die diese „Etiketten“ verteilen. Ich persönlich fühle mich einer „Damenprosa“ nicht nah (und ich mag sie zudem nicht), aber ein tapferer Hemingway wird aus mir wohl auch kaum werden. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ein literarischer Text irgendeine Gender-Färbung bekommt. Ich hoffe, dass man das, was ich schreibe, wirklich nicht nach Geschlechtermerkmalen bestimmen kann.

n: Ihre Prosa gilt als etwas gänzlich Neues in der russischen Literatur. Was meinen Sie, worin besteht die Eigenart Ihrer Texte?

S: Die Eigenart… Diese Frage sollte wohl nicht mir gestellt werden, aber wenn ich sie nun schon beantworte – denke ich, dass die Eigenart darin besteht, dass es ganz zeitgenössische Texte sind, in denen die Verfahren der westlichen Fantastik auf die russische Literatur und Russlands Realien angewendet werden. Dass es also Texte sind, die auf russischem Boden gewachsen, aber mit Kafka und King “geimpft” worden sind. Im Endergebnis kommt wahrscheinlich ein ziemlich ungewöhnlicher Hybride heraus. Außerdem sind es wohl so genannte “kluge” Texte, die für ein bestimmtes intellektuelles Niveau des Lesers ausgelegt sind – was für die russische Fantastik nicht charakteristisch ist.

n: Ihre Prosa wird mit Philip Dick, Stephen King, mit David Cronenbergs Filmen verglichen. Ist Ihnen dieser Vergleich sympathisch?

S: Ich finde das gut. Was kann denn angenehmer sein, als mit Dick verglichen zu werden (obwohl ich persönlich keine große Verehrerin seines Schaffens bin) oder mit King, anstatt mit Marinina oder Doncova. Aber dass man überhaupt mit niemandem verglichen wird, das gibt es wahrscheinlich gar nicht. Um dem Leser zu erklären, wen er mit diesem oder jenem “Newcomer” vor sich hat, braucht man einen Vergleich – das sage ich als Journalistin.

n: Sowohl in allen Ihren Erzählungen, als auch in Ihrer Novelle und Ihrem neuesten Roman gibt es immer zwei Schichten, zwei Realitäten. Einerseits die alltägliche Realität mit den völlig durchschnittlichen Personen, deren Leben ohne nennenswerte Zwischenfälle verläuft, andererseits gibt es dort eine in ihrer Unausweichlichkeit grausame, surrealistische Welt oder, wie in Ubežišče 3/9, eine märchenhafte, fantastische. Alle Personen sind in diese „zweite“ Welt eingebunden, und sie macht ihr Leben zur Hölle, umso mehr, als dass die Figuren durch höhere Mächte und Hindernisse außerstande sind, zwischen den beiden Welten zu kommunizieren. Nehmen wir als Beispiel die Erzählung Perechodnyj vozrast. Hier wird indirekt der Zerfall einer Familie nach der Scheidung der Eltern thematisiert, aber im Vordergrund steht die allmähliche Metamorphose eines 12-jährigen Jungen in einen „Ameisenbau-

Menschen“ und die vollkommene Hilflosigkeit, mit der die verzweifelte Mutter den Veränderungen ihres Sohnes zusehen muss. In der Erzählung Sem’ja (Die Familie) wird ein Mann vorgestellt, der in eine Situation gerät, in der er sich plötzlich in „seiner“ Familie wiederfindet. Er kann diese aber nicht als seine eigene akzeptieren, weil sein vorheriges Leben und seine Erinnerungen überhaupt nicht mit der Existenz dieser Menschen übereinstimmen. Sie haben sich für solch eine Struktur entschieden – diese Verflechtung einer alltäglichen Realität und einer surrealen, märchenhaften Welt. Was für eine Rolle spielt hier diese „zweite“ Welt – ist sie die Entfremdung, eine Metapher für die beschriebene Alltagsrealität oder ein rein fantastisches Element, das um des Lesers Schrecken willen und zu seinem Vergnügen verwendet wird und das man nicht entschlüsseln kann?

S: Na ja, wahrscheinlich kenne ich persönlich diese Art von Angst: Plötzlich zu merken – ganz in der Tradition David Lynchs – dass “die Eulen überhaupt nicht das sind, was sie zu sein scheinen”. Allen Menschen ist Solipsismus eigen, aber dabei fühlen manche doch ein Unbehagen, dass vielleicht hinter deinem Rücken noch irgendjemand / irgendetwas steht. Ich zumindest fühle das. Überhaupt (ich will ja keine Banalitäten aussprechen, aber die Frage zielt darauf) sind diese zwei Welten in meinen Büchern eine entfaltete Metapher unserer Lebenseinstellung und -wahrnehmung. Wir haben einen „vernebelten“ Blick auf die Dinge und auf uns selbst. Wir sind daran gewöhnt, alles als eindeutig, schwarz-weiß wahrzunehmen. In Wirklichkeit aber hat alles einen doppelten Boden, eine Kehrseite, Schatten und Schattierungen, und unsere gewohnte Welt kann in einem beliebigen Augenblick – ja, auf einmal Kopf stehen und diejenigen, die uns nahe stehen können – ja, ganz entfernt sein und auch wir selbst riskieren es ebenso, in uns etwas „Fremdem“ zu begegnen, etwas Unbekanntem, Unangenehmen… Zu jedem Ego gibt es ja immer ein Alter Ego, und in der Regel ist es sehr schwer, einen Kontakt zwischen beiden herzustellen.

n: Kann man sagen, dass Sie in der Prosa, im Märchen eine Möglichkeit sehen, von den Traumata der russischen Realität zu erzählen (Krise des Familienlebens, Technikhavarien mit tödlichem Ausgang, erschreckende Zustände in „sozialen“ Einrichtungen, Obdachlosigkeit…)? Wie Mascha, die Hauptfigur aus Ubežišče 3/9, die die wegen ihres Aussehens und ihres Verhaltens erschreckend wirkenden Behinderten in einem Kinderheim fotografiert, weil sie sonst von totaler Verzweiflung erfasst werden würde, so gestalten Sie die Schrecken des Alltags in Bilder, in ein Märchen um, um dem Alltagsleben einen fantastischen Sinn zu geben?

S: Im Leben gibt es viel Schlimmes. Doch ich fühle mich deshalb nicht besonders verzweifelt – aber doch, ich sehe das so. Eine Optimistin wird man aus mir wohl nicht machen können.

n: In der Literatur der UdSSR gab es das Genre „Thriller“ oder den “Horrorroman” nicht, in den 90er Jahren kam auch keine Literatur dieser Art auf den Markt. Wie kommt es, dass erst mit Ihnen dieses Genre in der russischen Literatur entdeckt wird?

S: Die russische Literatur hat, wie man weiß, erst vor wenigen Jahren aus einer Krise herausgefunden. Über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren hatten wir überhaupt keinen richtigen Buchmarkt in dem Sinne, dass es ein breites Spektrum verschiedener Genres und einer Leserschaft dafür gibt. Jetzt gerade erleben die Literatur und das Verlagswesen einen aktiven Aufschwung, und fast alle bisherigen Lücken füllen sich. Auch jene für Fantasy und Horror bleiben nicht leer. Außerdem ist jetzt eine Generation von Schriftstellern da (und ich zähle mich selbst dazu), die die sowjetische Vergangenheit und die vergangene Epoche nicht mehr „uminterpretieren“ wollen, keinen Drang dazu verspüren, ja, das wohl eigentlich gar nicht können. Bis vor kurzem war das noch die kulturelle Idée fixe (nicht nur in der Literatur, sondern auch im Kino) – was ist daran schon geheimnisvoll? Wir haben auch eine neue Generation von Lesern. Es klingt wieder banal, aber es muss in der Gesellschaft eine bestimmte Art von Mittelschicht geben, damit „Horrorromane“ – im Stil von Stephen King – überhaupt gelesen werden. Eine Gruppe von Menschen mit einem geregelten Leben, die satt sind und es gemütlich haben, die Ängste hegen und etwas zu verlieren haben, denen ein wenig langweilig ist und die deshalb das Bedürfnis nach Nervenkitzel haben. Nur wenn dein eigenes Leben nicht gruselig genug ist, hast du Spaß daran, über ein anderes, schreckliches zu lesen. Wenn du aber bettelarm und unzufrieden bist, dann hast du auch ein Bedürfnis nach Fernsehserien und nach schlecht geschriebenen Romanen über schöne Schlösser, Inseln und glückliche, gut aussehende Menschen. Letztlich hatten wir nicht ohne Grund gerade zu Anfang der 90er Jahre einen unglaublichen Schundroman-Boom.

n: In der Erzählung Živye (Die Lebendigen) werden apokalyptische Szenen beschrieben, wie man Sie aus US-Thrillern kennt: Menschen im Stau, der Angriff „jener“, der unreinen, bösen Mächte, Panik, Mord… Wobei Menschen Roboter umbringen, was an Spielbergs Film Artificial Intelligence erinnert. Die Heldin ihrer Erzählung sieht sich ständig Jim Jarmuschs Film Dead man an. Ihre im Text eingeschlossenen kinematografischen Erfahrungen haben sich auf Ihren Stil ausgewirkt. Ihr Text besteht oft aus kurzen und ungeschmückten Beschreibungen von Handlungen und szenischen Dialogen. Kann man die schnelle Mitteilung über eine Verfilmung von Ubežišče 3/9 vielleicht damit erklären, dass Ihr Stil oft rein drehbuchartig erscheint?

S: Mein Stil ist nicht rein drehbuchartig – meiner Ansicht nach. Vielleicht schätzt man das von der Seite etwas anders ein… Man kann bekanntlich, alles was man will verfilmen – von Lev Tolstoj bis Aleksandr Buškov. Haben diese Autoren etwa auch einen drehbuchartigen Stil?

n: In Ubežišče 3/9 gibt es politische Anspielungen. Sie haben dem „russischen Präsidenten“ in Ihrem Roman das aus den Medien allen bekannte entstellte Gesicht des ukrainischen Präsidenten Juščenko gegeben. Was verbirgt sich dahinter? Der Präsident scheint wie auch in Pelevins Roman Generation P nur eine leblose Marionette zu sein. Die Politik Russlands wird nicht von ihm, sondern von „unreinen Mächten“ gelenkt. Wie soll man diese Beziehung zwischen der Politik in Russland und der apokalyptischen Wende, dem Ende der Welt, in Ihrem Roman verstehen?

S: Mir scheint, dass sich unser Land im Moment in einer sehr ungemütlichen Phase der Stagnation befindet, in einem Schlaf, wie in einem verzauberten Königreich. Das Land wird von Menschen ohne Antlitz regiert, von einer grauen Macht. Man kann ihr alles unterstellen, man kann sie „dämonisieren“ und „demokratisieren“. Man kann ihr alle möglichen Eigenschaften zuschreiben, jeder sieht in ihr das, was er sehen will. Man kann sie sich ausdenken – und in Wirklichkeit gibt es sie nicht. Leere ist immer gefährlich. Es gibt da einen Kindervers: „Wenn in der Tabakdose lange kein Tabak mehr lag, zieht der Teufel weiß was ein an einem schönen Tag.“ Aber besonders diese Leere – „die leere Macht“ – ist gefährlich für solch ein Land wie Russland. Die Menschen hier sind nicht an Gesetze und Freiheiten gewöhnt, sie sind nicht daran gewöhnt, selbständig zu wählen und Verantwortung für sich und ihr Land zu tragen, deshalb schreiben sie den gesichtslosen Machtinhabern, ohne von ihnen dazu gezwungen zu werden, automatisch die Eigenschaften zu, an die sie sich während der mehr als 70 Jahren gewöhnt haben. Unsere heutigen Machtinhaber haben kein Gesicht, aber wir zeichnen ihnen selbst eins. Zunächst nur die groben Züge, dann fügen wir einen konkreten Ausdruck hinzu. Einen sehr bösen Ausdruck. Etwas anderes kennen wir nicht.

n: Welche weiteren Pläne und Projekte haben Sie? Wird Ubežišče 3/9 wirklich verfilmt werden, wie bereits angekündigt?

S: Erstens schreibe ich jetzt an einem neuen Buch. Das wird ein Sammelband mit einem kurzen Roman und Erzählungen. Das Genre bleibt dasselbe – lyrischer Thriller, Mystery, Phantasmagorie… Es heißt Rezkoe pocholodanie (Kälteeinbruch). Zweitens planen mein Mann (der lustigerweise auch Schriftsteller ist) und ich, ein gemeinsames Buch zu schreiben, eine fantastische Antiutopie. Das wird ganz anders aussehen als das, was wir vorher jeweils allein geschrieben haben. Von einer Verfilmung weiß ich nichts – alle Rechte liegen beim Verlag, mich hat niemand darüber informiert.

n: Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führten Anna Burck und Barbara Janisch.

Starobinec, Anna: Perechodnyj vozrast. Sankt-Peterburg 2005.

Starobinec, Anna: Ubežišče 3/9. Sankt-Peterburg 2006.

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