Den verkannten Attentätern

1914 – 2014. Es ist wieder Denkmal-Zeit. In ganz Europa gedenken wir des ersten Weltkriegs und des Ereignisses, welches ihn auslöste. Dem Schützen, der in Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger mit zwei Schüssen tötete, werden noch heute in Bosnien und Serbien Denkmäler gebaut. Die serbische Autorin Biljana Srbljanović will sie stürzen – und stellt doch in ihrem Drama „Mali mi je ovaj grob“ (dt. Dieses Grab ist mir zu klein) nur weitere auf.srbljanovic_mali_mi_je_ovaj_grob_cover

Gavrilo Princip. Am 28. Juni 1914 feuert er in Sarajevo zwei Schüsse auf Franz Ferdinand ab, den Thronfolger der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Danach macht er Karriere: Als Auslöser des 1. Weltkriegs, als Freiheitskämpfer für alle Südslawen in Jugoslawien, als Held und Terrorist. Auch heute kann man sich aussuchen, ob man ihn verehrt oder verachtet, je nachdem, ob man mit oder ohne nationalistische Brille aus Serbien, Bosnien-Herzegowina oder aus der Serbischen Entität Bosnien-Herzegowinas auf ihn blickt.
All diesen Darstellungen sagt die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanović zunächst den Kampf an. In Mali mi je ovaj grob (dt. Dieses Grab ist mir zu klein) entwirft sie Attentäter, dievor allem Teenager sind. Denn bevor es im Text überhaupt zu den folgenreichen Schüssen kommt, begleitet der Leser „Gavrilein“ und seine Freunde Nedeljko und Ljubica vor einer revolutionär gehaltenen Kulisse erst einmal dabei, jung, ein bisschen verliebt und sehr naiv zu sein.

Attentäter als Teenager: Welpen, jung und unschuldig

So beginnt das Stück mit Gavrilo und Nedeljko. Gerade vor den Gendarmen geflüchtet, stolpern sie in der ersten Szene zu einer Wohnungsbesichtigung bei Ljubica hinein. Ljubica, fünfzehnjährig, möchte von den beiden alles über die Proteste in der Innenstadt von Sarajevo wissen. Denn die politischen Unruhen, die sich in Folge der Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn noch verstärkten, sind für sie vor allem nur ein großes Abenteuer: „[…] Mensch, und meine Mutter hat mich nicht aus dem Haus gelassen“.

Später schaut man dabei zu, wie „Gavro“ und „Nedjo“ Billard spielen, wie sie mit Ljubica an geheimen Versammlungen teilnehmen und mit ihr ins Kino gehen. Nedjo verliebt sich in Ljubica, die sich in Gavrilo verliebt. Der wiederum mag Ljubica, kann es aber nicht zugeben. So, zwischen Langeweile und Politik, revolutionären Ambitionen, Eifersüchteleien und Selbstdarstellung entwickelt Biljana Srbljanović im ersten Teil des Dramas ihre Charaktere. Wie in einer Soap-Opera stehen die Beziehungen der Protagonisten im Vordergrund.

Wer kann verantwortlich gemacht werden?

Man kann dann auf den ersten 65 Seiten auch fast vergessen, dass Gavrilo Princip und Nedeljko Čabrinović ein Attentat begehen werden, dass sie Mörder sind – trotz aller politischen Gespräche und geheimen Versammlungen. Das liegt nicht zuletzt an Apis, auf den in Srbljanovićs Stück die gesamte Verantwortung für den 28. Juni 1914 abgeschoben wird.
Dessen historisches Vorbild Dragutin Dimitrijević trat als Gründungsmitglied der geheimen Organisation „Einheit oder Tod“ für einen von Österreich-Ungarn unabhängigen großserbischen Staat ein und damit für eine Form des serbischen Nationalismus, wie ihn die serbienkritische Serbin Biljana Srbljanović immer wieder kritisiert hat.
Ein dementsprechend unangenehmer Zeitgenosse ist Apis dann auch im Stück. Hochgradig manipulativ und intrigant bringt er Ljubicas älteren Bruder Danilo dazu, sich „Einheit oder Tod“ unter Eid zu verpflichten. Dann macht er Danilo zum Spion und lässt ihn aus seiner Umgebung alles berichten, von geheimen Versammlungen und Protesten bis zur Idee Nedjos und Gavrilos „etwas Großes [zu] machen. Etwas Heldenhaftes.“ Diesen Wunsch nutzt er für seine Ziele und versorgt die späteren Attentäter mit Waffen.
Nun ist Apis, im Gegensatz zu allen anderen Figuren im Stück, mehr als 20 Jahre älter, erwachsen und reif. Wen kann man also für das Attentat von Sarajevo verantwortlich machen? Eher den erwachsenen Anstifter oder die jugendlichen Träumer? Der Kontrast zu den sich ihrer selbst nur halb bewussten Schülern Nedeljko und Gavrilo jedenfalls könnte größer nicht sein.

Damit wäre das serbisch-nationalistische Denkmal „Gavrilo Princip“ zum Ende des ersten Teils dann auch schon gestürzt. Kaum hält man es für möglich, dass dieser Teenager überhaupt jemals zu einer Ikone werden konnte. Denn Srbljanović tritt der noch heute verbreiteten Glorifizierung Gavrilo Princips als Freiheitskämpfer für die serbische Nation überzeugend, mitreißend und mitunter komisch in den Weg.

Attentäter als Sympathieträger oder: Dieses Grab ist mir zu klein

Bedauernswert jedoch ist, dass sie das nicht schafft, ohne ihn auf andere Art zu verklären. Besonders deutlich wird das im zweiten Teil, in dem der Unterschied zwischen den Figuren weiter herausgearbeitet wird. Hier geht es bereits nicht mehr um einen einfachen Denkmalsturz, es geht um Sympathien. Und die Gleichung ist einfach: Gut sind die „Jungs“, böse ist Apis.
Danilo, der kurz nach dem Attentat hingerichtet wurde, erscheint als Todesengel, der nacheinander Nedeljko, Apis und Gavrilo beim Sterben begleitet. Gavrilo und Nedjo, die vermeintlich Unreifen, treten dem Boten gefasst und mit Würde entgegen. Sie sterben reinen Gewissens, weil sie an ihre Tat glauben. In Gedanken sind sie bei ihrer Familie, ihren Freunden und ihren Träumen. Bei Apis verhält es sich anders. Der erst so Erwachsene folgt Danilo wie ein kleines Kind, quengelnd und ängstlich: „Wohin gehen wir jetzt? Gehen wir weit weg? Wann kommen wir an? Wo ist das denn?“ „Nur ein, zwei Minuten“, versucht er Zeit zu schinden, plädiert auf unschuldig und verflucht alle, die er an sich für schuldig hält. Als er schließlich vor dem Erschießungskommando steht, ist es deshalb kein Zufall, dass Srbljanović ihm den titelgebenden Satz in den Mund legt: „Dieses Grab ist mir zu klein.“
„Dieses Grab ist mir zu klein.“ – Wie anders könnte dieser Satz verstanden werden als ein Rollentausch? An dieser Stelle des Stücks werden Jugendliche zu Erwachsenen und der Erwachsene wird zum Kind. Das Gute wird groß, das Böse lächerlich gemacht. Denn hätten, wenn es ans Sterben geht, nicht eigentlich Gavro und Nedjo das größere Recht zu klagen? Gegen ihr Grab, ihren Missbrauch durch Apis und vielleicht auch gegen ihre Reduzierung auf die Rolle der Attentäter von Sarajevo?
So erscheint der Titel im ersten Moment provokant und hintergründig. Er hebt noch einmal hervor, dass Gavrilo Princip interessenabhängig Eigenschaften angedichtet werden, insbesondere in Serbien.

Gut und Böse

Allerdings ist der Gavrilo Princip Srbljanovićs selbst beileibe nicht eigenschaftslos. Im Gegenteil: Außer seinem Teenager-Dasein führt er im Drama noch eines als überzeugter Jugoslawe. Nicht umsonst paraphrasiert die Autorin im zweiten Teil des Stücks Gavrilo Princips Selbstaussagen vor Gericht: „Er stellt sich als Serbokroate vor, der Kroatisch-Serbisch spricht. Er ist der Meinung, dass die Jugoslawen ein Volk sind und eine Sprache sprechen.“ Durch die Überzeichnung der Rollen und die klare Bestimmung von Gut und Böse treffen so letzten Endes nicht nur Apis und Gavrilo, sondern auch böser serbischer Nationalismus einerseits und gutes Jugoslawentum andererseits aufeinander.

Diese Gegenüberstellung zweier Ideologien wäre nun bei weitem nicht so brisant, wenn es nur um eine vergessene Figur in einer historischen Randepisode vor hundert Jahren ginge. Aber wie in fast jeder Veröffentlichung zu Gavrilo Princip geht es auch in diesem Drama um mehr, nämlich darum, die unmittelbare serbische Vergangenheit und Gegenwart zu thematisieren.

Lehrstück über Attentate als legitime politische Mittel

Nicht umsonst bietet die Dramatikerin eine Verbindung zwischen dem Attentat von Sarajevo 1914 und dem Attentat auf Zoran Đinđić 2003 an. In beiden Fällen vermutete man serbische Nationalisten als Täter bzw. Anstifter. In beiden Fällen wurden Verbindungen in höchste Regierungskreise und zum serbischen Geheimdienst ignoriert. Der historische Apis opponierte 1903 nicht nur als Putschist gegen den serbischen König Aleksandar Obrenović, er war auch 1913, ein Jahr vor dem Attentat von Sarajevo, serbischer Militärgeheimdienstchef. Es ist deshalb sicherlich kein Zufall, dass er in Srbljanovićs Drama als Anstifter und Kopf der Teenager in Erscheinung tritt.
Wenn nun Srbljanović diese Verbindung zwischen den beiden Attentaten herstellt, dann wirft sie Apis und damit letzten Endes auch der Idee des serbischen Nationalismus vor, Attentate als Mittel zur politischen Zielerreichung einzusetzen.
Diese Kritik ist durchaus legitim. Angreifbar macht sich die Autorin jedoch, indem sie Gavrilos Jugoslawienliebe positiv hervorhebt und mit der Aufforderung an ihr junges Publikum verknüpft, ebenfalls etwas „Positives“ aus dem eigenen Leben (und Jugoslawien) zu machen. Zum einen kann das leicht als Verklärung des titoistischen Jugoslawien missverstanden werden. Zum anderen bleibt beim Lesen ein unangenehmer Beigeschmack zurück: Dass Srbljanović Mord als politisches Mittel des serbischen Nationalismus einerseits verurteilt, eine Absolution für ihre durchaus politischen Teenies Gavrilo, Nedeljko und Danilo andererseits zumindest andeutet, steht in einem unerträglichen Spannungsverhältnis. Leichtfertig wirkt davor auch ihre Aussage anlässlich der Uraufführung des Stücks: „Hätte ich damals gelebt, wäre ich eine von ihnen geworden.“ Gavrilo Princip wird durch Biljana Srbljanović am Ende nur erneut zu einem Denkmal – wenn auch zu einem jugoslawischen.

von Felicitas Claus

Srbljanović, Biljana: Mali mi je ovaj grob. Beograd 2013.
Deutsche Übersetzung (unveröffentlicht): Srbljanović, Biljana: Dieses Grab ist mir zu klein. Aus dem Serbischen von Aleksandra Pejović und Vukan Mihailović de Deo. o. A. Beziehbar über theatertexte.de


Weiterführende Links zum Buch und zur Aufführung:

Artikel zum Erscheinen des Buches auf b92.net (auf Serbisch)
Inszenierung in der Schaubühne Berlin
Regisseurin Mina Salehpour über das von ihr in der Schaubühne inszenierte Stück
Trailer aus dem Schauspielhaus Wien
Rezension zur Uraufführung im Schauspielhaus Wien und Rezensionsrundschau
Trailer der Schaubühne Graz

Zur Autorin: Biljana Srbljanović, 1970 in Stockholm geboren. Ihre Stücke für Theater wurden mehrfach übersetzt und unter anderem im deutschen Sprachraum ausgezeichnet. Besonders bekannt ist ihr Kriegstagebuch „Belgrader Trilogie“ aus dem Jahr 1999, das auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. In Serbien steht die Dramatikerin wegen ihrer vermeintlich serbienfeindlichen Haltung häufig in der öffentlichen Kritik.

Weitere Informationen zur Autorin:
Interview mit Biljana Srbljanović auf 021.rs vom 04.06.2014: „Neutralnost je put u pakao“.
Interview mit Biljana Srbljanović in der Wiener Zeitung vom 15.10.2013: „Gewalt ist und bleibt falsch“.

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