Gefallene Helden

Man mische ein dunkles Kapitel junger kubanischer Geschichte mit einem 08/15- Sportlerdrama, füge ein wenig Liebe, widerwillige Freundschaft, Solidarität und eine Trainingsmontage hinzu und fertig ist Pavel Girouds El Acompañante. Girouds Film versucht ein bisschen zu viele Genres zu bedienen. Trotzdem überzeugt das Drama durch starke schauspielerische Leistungen und eine ungewöhnliche Geschichte.
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Kuba, 1980er Jahre: Die kubanische Regierung kämpft gegen die Aids-Epidemie und richtet zum Schutze der Bevölkerung und der Erkrankten ein surreales Sanatorium, Los Cocos, ein. Hier leben fortan alle HIV-Infizierten der Insel, eher Gefängnisinsassen als Patienten. Jeder Patient bekommt einen Begleiter, der ihn rund um die Uhr betreut, sein Verhalten dokumentiert und an die Klinikleitung weitergibt. Damit soll eine weitere Verbreitung des Virus verhindert werden.

Ein Leben mit HIV: „One hour of life is still life!“

Horacio (Sänger und Grammy-Gewinner Yotuel Romero), ein ehemaliger olympischer Boxchampion, der positiv auf Drogen getestet wurde, wird als Begleiter eines HIV-Infizierten in Los Cocos abgestellt. Ihm wird Daniel (Armando Miguel Gómez) zugeteilt, ein Kriegsveteran, der sich bei einer afrikanischen Prostituierten während eines internationalen Einsatzes infiziert hat. Horacio ist anfangs überfordert und kann seinen Argwohn gegenüber dem unberechenbaren Virus nicht verbergen. Ständig trägt er Gummihandschuhe und Angst im Gesicht. Dazu ist Daniel eine echte Herausforderung für ihn: Er ist ein lebenslustiger, aufmüpfiger Besserwisser, der sich mit seiner bizarren Situation nicht abfinden will. Daniel plant eine Flucht und unternimmt lieber nächtliche Ausflüge aus dem Sanatorium, als sich mit seinem neuen Begleiter samt dessen versteinertem Gesicht und Gummihandschuhen anzufreunden.

Die Beziehung dieser beiden gefallenen Helden beginnt unterkühlt, doch schnell entwickelt sich daraus eine solidarische und loyale Freundschaft. Horacio wirft seine Voreingenommenheit und Hypermaskulinität über Bord und verliebt sich sogar in eine infizierte Patientin. Der Film wirft hierdurch einige interessante Fragen auf: Wem kann man in einer überwachten Gesellschaft vertrauen? Welchen Wert hat Freiheit? Wie weit geht Liebe? Wie geht man mit Angst um? „You don’t need to keep an animal in a cage to stop it biting“, stellt Daniel an einem Punkt pointiert fest.

Ein unsicherer Hybrid

Der faszinierende Plot um Los Cocos bräuchte eigentlich keinen weiteren Handlungsstrang. Leider begnügt sich Pavel Giroud nicht damit und widmet die Hälfte des Films dem Comeback des Boxers Horacio. Dieser wird durch Daniel inspiriert, seine Karriere und seine Träume nicht aufzugeben und findet schlussendlich den Weg zurück an die Spitze. Das Sportlerdrama wirkt im Licht der schwerwiegenden Problematik um Los Cocos jedoch austauschbar. Es touchiert nur kurz den Machismo und das Leben im apathischen, kubanischen Regime und büßt somit an Wirkung ein. Nichtsdestotrotz überzeugt der Film durch eine ergreifende Geschichte vom Widerstand gegen das politische System, gegen Krankheit und gegen die eigene Vergangenheit.

von Franziska Eichmeier

Giroud, Pavel:  El Acompañante (Der Begleiter). Kuba, Panama, Frankreich, Kolumbien, Venezuela, 2015, 104 Min.

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