(Keine) Einfache Entscheidung

Plötzlich Vater und dann auch noch alleinerziehend: Dieses Schicksal ereilt Erik im Film Võta või jäta (Take it or Leave it, 2018), der auf fast dokumentarische Weise zeigt, welche Veränderungen ein neuer Lebensabschnitt in sich birgt.

Reimo Sagor spielt Erik, einen 30-jährigen Bauarbeiter aus Estland, der in Finnland arbeitet und ungebunden, ohne größere Verantwortung seinen Weg geht. Entsprechend überwältigt ist er, als er, nachdem sie sich sechs Monate nicht gesehen hatten, von seiner Ex-Freundin Moonika (Liis Lass) erfährt, dass diese (anscheinend) von ihm schwanger ist. Moonika allerdings fühlt sich nicht in der Lage, das Kind großzuziehen, weshalb sie Erik vor die schwerwiegende Entscheidung stellt, entweder seine Tochter Mai zu sich zu nehmen oder zur Adoption freigeben zu lassen. Er wählt die erste Option und stellt sich ungeschickt den Herausforderungen eines jungen Vaters.

Frankenreiter
Erst sucht Erik die Hilfe seiner Eltern, doch schon bald kommt es zu Konflikten, womit er auf sich allein gestellt ist. Die schiere Überforderung Eriks wird in einer Szene in der Mitte des Films deutlich. Er versucht die schreiende Mai im Bad zu waschen, bis ihm sowohl die Duschbrause als auch seine Beherrschung entgleiten. Er hält Mai ausgestreckt vor sich, schreit und schüttelt sie. Schließlich nimmt er sie in den Arm. Aufgehört zu schreien hat sie dann immer noch nicht.

Ein anderes Mal lässt er seine Tochter unbeaufsichtigt, während er feiernd die Nacht zum Tage erklärt. Eine Szene, in der man mitfiebert und ihn zur Vernunft bringen möchte. Doch Erik wächst mit seinen Aufgaben. Der Film von Liina Triškina-Vanhatalo erzählt langsam und ohne Wertung, wie der Protagonist sich in seiner neuen Identität einfindet und diese mit der Zeit lieb gewinnt. Der Einsatz von Handkamera verstärkt den Realismus der gefilmten bewegten Lebensverhältnisse der Figuren. Die Bilder, anfangs farblos und trist, ändern sich im Laufe des Geschehens zu etwas heiteren und vor allem klareren Einstellungen. Es bleibt jedoch eine angespannte Grundstimmung, die die prekären Umstände, die Schwere der Entscheidungen, die zunächst mangelnde Fürsorge Eriks und schließlich den erneuten Konflikt mit Moonika um das Sorgerecht unterstreicht. Gleichzeitig wandelt sich Erik vom wortkargen Einzelgänger zum verantwortungsbewussten Familienvater. Auf Parties ist er nun Außenseiter, im Park oder beim Eltern-Kind Schwimmen ist er der einzige Mann umgeben von Müttern. Sagor spielt all diese Facetten überzeugend und wurde zu Recht mit dem „Preis für einen herausragenden Darsteller“ des diesjährigen Filmfestivals in Cottbus ausgezeichnet.

Im Film werden familiäre Rollenvorstellungen und die estländische Gesellschaft unter die Lupe genommen. Moonika, kühl und unentschieden, entspricht nicht dem Ideal der sich aufopfernden Mutter. Erik, durchaus durchsetzungsfähig und machohaft, ist hingegen noch nicht für die Vaterschaft bereit. Die Charakterzüge der Figuren sind weder klischeehaft noch überzeichnet. Im Gegenteil, ihr Verhalten wird nachvollziehbar, wenn man die Umstände beachtet, in denen sie sich wiederfinden. Finnland als wohlhabender Nachbar ist für viele attraktiv, um Geld zu verdienen, in Estland jedoch warten häufig Familie und Freunde. Es kommt zum Konflikt zwischen dem Streben nach Wohlstand und zwischenmenschlichen Beziehungen. Dieser Konflikt wird auf mehreren Ebenen im Film deutlich und führt letztendlich sogar zur Trennung von Erik und Katrin, auch alleinerziehender Mutter und zwischenzeitlich seiner Partnerin. Nachdem ihm ein lukratives Jobangebot unterbreitet wurde, fragt er sie, ob sie sich für eine gewisse Zeit um beide Kinder kümmern könnte, was sie entschieden zurückweist.

Etwas überraschend endet der Film mit der Eröffnung eines ganz neuen Handlungsstrangs, der jedoch nur angerissen wird. Zwar taucht, wie man hätte erwarten können, Moonika wieder auf, aber es wird auch eine weite Reise in Aussicht gestellt. Das lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück. Triškina-Vanhatalos Spielfilmdebüt ist dennoch atmosphärisch inszeniert, glaubwürdig gespielt und von Anfang an mitreißend erzählt.

von Jonas Frankenreiter

Triškina-Vanhatalo, Liina: Võta või jäta (Take it or Leave it). Estland, 2018, 102 Min.

Weiterführende Links

Võta või jäta auf dem FilmFestival Cottbus

Schlagwörter: