VerSuche. Drogen und Rausch im gesellschaftlichen Kontext in Marcin Szczygielskis Berek

Lubiewo_Witkowski_Cover

Postkommunistische Identitäten
Der in Polen 2005 veröffentlichte Roman Lubiewo gilt als der erste schwule Roman der modernen polnischen Literatur schlechthin. Michał Witkowski (* 1975), der Autor von Lubiewo, lebt in Warschau. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitet er auch als Journalist und als Herausgeber des polnischen Kulturjournals Ha!art. Witkowski betrachtet sich selbst als homosexuell, lehnt jedoch die Bezeichnung gay/schwul ab, da er diesen Begriff als ein Produkt der kommerzialisierten Massenkultur betrachtet, der einem verengten und stereotypen, d.h. wenig differenzierten und kaum reflektierten Verhältnis zur sexuellen Orientierung entspricht. Der kommerzielle Erfolg Lubiewos animierte einige der Verlage, ihrerseits eine ganze Reihe neuer schwuler Romane polnischer Autoren herauszugeben. Manche KritikerInnen sprechen geradezu von einem Boom dieses Literaturgenres in Polen. In Lubiewo geht es jedoch um mehr als nur die Sichtbarmachung schwuler Identitäten oder um die Artikulation homosexuellen Begehrens. Vielmehr sind queeres Begehren und queere Identitäten, die im Text verhandelt werden, markiert von der postkommunistischen Situation, die diese bedingt. Geradezu notwendigerweise ist damit auch die Sichtbarmachung der heteronormativen Matrix polnischer Kultur und Gesellschaft verbunden. Doch weniger der Essentialismus, die fundamentalistische Misogynie und Homophobie dieser Matrix sollen hier besprochen werden. Neben der andauernden Abtreibungsdebatte gibt es ebenso Überschneidungen mit dem althergebrachten Antisemitismus – was heftige Gegenbewegungen erzeugt, die sehr unterschiedlichen Couleurs sind. So gibt es auch im Aufbegehren gegen mehrheitliche Ausschlussmechanismen Verschränkungen diverser Themenfelder: “The younger generation of Polish Jews initiated the cultural magazine ‘Gwiazdeczki Shterndlech Iton – Babel’. It warns against anti-Semitism and homophobia in Poland […], presents feminist and queer ideas […]” so schreiben Kitliński und Leszkowicz in einem Artikel Towards a philosophy of affective alterity: A reconnaissance in der Zeitschrift Filosofija. Sociologija. Nr. 18 im Jahr 2007.

Die folgende Lektüre richtet sich auf etwas, was auch andere KritikerInnen Lubiewos feststellen: dass die Homosexualität lediglich als „Chiffre für das heutige Leben überhaupt, in dem das Ich, zwischen Geschlechtstrieb, Geldnot und Schicksal hin und her geworfen, nur noch kurzfristige Befriedigung findet“, steht in einer Rezension der NZZ. Homosexualität bildet in Lubiewo einen Ort, an dem die postkommunistische Gesellschaft und ihre rauschhaften Exzesse und Sehnsüchte verdeutlicht werden. Patrycja und Andzia, zwei in Lubiewo im Dialog stehenden Tunten, liegen und betrachten die Sterne:
„Was meinst du, ob es dort irgendwelche fremden Zivilisationen gibt?“
„Weiss nicht…“
„Und wenn es welche gäbe, meinst du, da wär was für uns dabei?“

Patrycja und Andzia bringen in Lubiewo wiederholt eine Leere, Sehnsucht, Unbefriedigtheit und Nicht-Zugehörigkeit zum Ausdruck, die nicht zu stillen, nicht zu füllen, nicht zu beseitigen ist, wie auch immer ihre Versuche dagegen anzukommen aussehen. Dieses hier beschriebene Gefühl scheint eines der programmatischen in der gegenwärtigen polnischen Literatur zu sein und verdeutlicht, wie sehr verschiedene synchrone Lebenswelten ihre jeweiligen Plätze in der Literatur einnehmen, nebeneinander stehen, sich zu einem Abbild der Gesellschaft, einer sogenannten Transformationsgesellschaft fügen.

Berek-original

Es geht mir darum aufzuzeigen, wie Literatur, speziell der Roman Berek (2007) von Marcin Szczygielski, mit diesen Tendenzen und Entwicklungen, wie sie gegenwärtig in Polen zu finden sind, umgehen kann, sich zu diesen verschieden nebeneinander existierenden Realitäten in Bezug setzt. Szczygielski (* 1972) ist Schriftsteller, Grafiker, Journalist und Innenarchitekt. Seine schriftstellerische Laufbahn ist ebenso geradlinig wie sein gesamtes Interessenspektrum schmal ist: er schrieb u.a. für den Playboy, ein Kochbuch (Kuchnia na ciężkie czasy 2004), ein Jugendbuch (Omega 2009) und letztlich Bierki (2010).

Exkurs und zurück
Tomasz Kitliński und Paweł Leszkowicz, zwei junge polnische Geisteswissenschaftler und kritische Beobachter polnischer Identitätspolitiken, betonen im oben genannten Artikel die besonders exemplarische Rolle der Schwulen- und Lesbenbewegungen für das Rechtsgefühl und somit für politische Entwicklungen der Gegenwart: “The issue of human rights for sexual minorities, the radical other in Central-Eastern Europe, including rights for representations and expression in the cultural arena, functions as a lens through which to view the condition of democracy in society and culture alike. How to include the rights of lesbians and gays into human rights? Human rights refer to our shared humanity. That is why human rights constitute claims to opportunities which foster the fully human existence of each and every individual; this claim of the feminist philosopher and lawyer, Martha C. Nussbaum, pertains to lesbians and gays: ‘I believe that the rights of lesbians and gays are a central issue of justice for our time.’”
Das Problem liegt nunmehr im Zustand, der eigentlich kein definierbarer ist: Mehr als zwei Jahrzehnte sind seit dem politischen Umbruch im Jahr 1989 vergangen – es wird vom Ende der großen Erzählung, der marxistischen, gesprochen, so German Ritz 1999in seinem Artikel Dyskurs płci w ujęciu porównawczym in Teksty drugie. Nr. 5/6. Viele KritikerInnen und JournalistInnen betonen immer wieder, dass sich Polen nach Jahren der Transformation, statt sich als Staat zu stabilisieren und zu entwickeln, am Rand eines “nervous breakdown” befindet, schreibt Robert Kulpa in einem Beitrag unter der Überschrift Western theories, queer possibilities, Polish reality: political science meets queer theory ‘in Poland, that is nowhere’? für einen Konferenzband im Jahr 2008; harsch wirken seine weiteren Einschätzungen: “Poland has neither advanced, nor liberal, nor democratic political system. […] Poland did not manage to cope with modernism.” Und: “Many conteporary critics and commentators in Poland noted with a surprise, that after […] years of transformation, rather than stabilizing and progressing, Polish society lives at the verge of a nervous breakdown.” Die Idee, oder nennen wir es das Konzept der Minderheiten ist in einer solchen pluralistischen Gesellschaft zu überdenken, ja regelrecht unhaltbar – denn auf diesen anderen, den minorities, baut sich ja die Mehrheit bekanntlich auf. Aus einem komplizierten Zusammenspiel von Norm und Normwidrigkeit gebiert sich der Mehrheitsgedanke. Die Auseinandersetzung um Identität in Polen, also polnische Identität, so unfixierbar wie sie ist, resultiert nicht einfach aus Traditionen (dem Katholizismus etwa), einer kommunistischen gemeinsamen Vergangenheit und/oder einer Phase der Umwälzungen. Die nationale Identität nach 1989 ist kulturell, politisch, sozial, ökonomisch ein neues Phänomen. Sie untergräbt Prozesse der einheitlichen Formulierung, Kristallisation, wie Kulpa meint: “The current situation is not simply a consequence of the tradition, communist past and transition. The national identity after 1989 […] is purely new cultural, political, social, and economical phenomena. It is undergoing processes of formulation, crystallization, as much as contestation and destabilization. New features are introduced, and old get re-evaluated.” Die alten neu interpretierbaren Einflüsse existieren also neben den neuen. Gerade das zeigt der Roman Berek vorzüglich auf: das Nebeneinander diametral entgegengesetzter und zeitlich versetzt entstandener Lebensentwürfe. Die Individuen, jedes für sich nicht synchronisiert mit der offiziellen Zeit und deren Lauf, sind schwarz, weiblich, queer, alt, homosexuell, katholisch und unendlich so weiter, zumal sich die einzelnen identifikatorischen Attribute abermals aufsplitten, ausdifferenzieren lassen – aber in jedem Fall sind die Individuen nicht dazugehörig und auf der Suche, wie auch in Witkowskis Lubiewo. Hier soll auf den 2005 veröffentlichten Artikel Time Binds, or Erotohistoriography von Elizabeth Freeman hingewiesen sein, der sich mit nicht-mit-der-Zeit-Synchronisierten befasst.

Sicherlich wird in der Literaturwissenschaft meist jeder Anspruch auf einen referentiellen Diskurs und auch die Idee von Realität hinter dem Text aufgegeben und stattdessen der Ort der Bedeutungsproduktion zwischen Text und Leserin bzw. Leser angesiedelt. Trotzdem inszeniert sich ein Text vor dem Hintergrund seiner Bedingtheiten – eben durch ein Netz mächtiger Diskurse, die auf AutorIn und Text einwirken. Gleichzeitig ist der Text Teil dieser Diskurse. AutorInnen können/wollen weder alle diskursiven Einflüsse abwehren noch alle Rezeptionsweisen des Textes kontrollieren. Bedenkenswert sind jedoch die Strategien im Umgang mit den unterschiedlichen diskursiven Einflüssen, die in den Texten zu finden sind.

Sehnsüchte stillen
„Uśmiecham się szeroko do niego i klękam na twardej, zimnej posadzce. Wciągam zapach kadzidła i kwiatów, przytłumiony nieco przez zapach perfum i wilgotnych płaszczy. Majtki wpijają mi się w pupę, ale nie mogę ich poprawić – czuję dziesiątki oczu na swoich plecach. […] Pod beretem robi mi się cholernie gorąco, głowa mnie swędzi. Zamykam oczy i połykam Go. Zbawienie. Zalewa mnie fala szczęścia, uda drżą lekko. Dobry Boże, dziękuje Ci. Dzięki takim chwilom wiem, po co żyję“. (Die Figur Ania beim Entgegennehmen der Kommunion. „Ich lächle ihn breit an und knie auf dem harten, kalten Fussboden nieder, atme den Geruch von Weihrauch und Blumen ein, welcher ein wenig mit dem von Parfum und klammen Mänteln durchmischt ist. Der Schlüpfer klemmt sich in meine Ritze, aber ich kann ihn nicht zurechtrücken – ich spüre zig Augen auf meinem Rücken. […] Es wird verdammt heiss unter der Baskenmütze, mich juckt der Kopf. Ich schliesse die Augen und schlucke Ihn. Verzückung. Ein Glücksschauer überkommt mich, meine Schenkel beben leicht. Lieber Gott, ich danke Dir. Dank solcher Momente weiss ich, wofür ich lebe.“)
Die zwei Hauptfiguren in Marciń Szczygielskis Berek konsumieren unentwegt mit dem Ziel, eine Sehnsucht zu stillen; der Einsamkeit zu entkommen. Sie, Ania, eine konservative, an traditionellen Werten orientierte Frau im Ruhestand, schaut viel fern, isst für ihr Leben gern – vor allem Süßes (und leidet an Verstopfung), geht obsessivem Kirchgang nach, lebt zudem eine ungebändigte, penetrante Kontrollsucht aus (vor allem an ihrer erwachsenen Tochter). Er, Paweł, ein junger Homosexueller, besucht Nachtclubs auf der Suche nach der großen Liebe, raucht Marihuana, schnieft Koks, schluckt Sperma, Pillen (dropsy), Mianserin (ein dämpfend wirkendes Medikament, welches ihm seine Therapeutin verschreibt), Alkohol und so weiter. „Der Genuss von Drogen ist entzaubert, gänzlich banal“ – so beschreibt es Stephan Resch, der Autor der 2009 erschienenen Monographie zur deutschen Drogenliteratur (Rauschblüten), für den Fall einer modernen Erlebnis- und Überflussgesellschaft. Im konkreten Text Berek handelt es sich eher um die Beschreibung einer Mangelgesellschaft; um den Mangel des Gefühls des Miteinanders. „Drogenliteratur: was ist das eigentlich? Ist das Literatur, die sich mit dem Thema Drogen befasst oder Literatur, die unter dem Einfluss von Drogen geschrieben wurde? Beides mag zutreffen“ – meint Resch. In diesem Beitrag handelt es sich um die Besprechung von Literatur, in welcher der Konsum von Genussmitteln thematisiert wird, um auf einen gesellschaftlichen Zustand hinzuweisen, nicht um den Konsum an sich zum Gegenstand zu machen. Für diesen Artikel gehe ich von einem weiten Drogenbegriff aus, der sich auf jegliche Genussmittel erstreckt. So kommen in Berek oft nicht illegalisierte Drogen vor (wie ärztlich verschriebene Medikamente oder Zucker). Die strikte Unterscheidung Drogen vs. Genussmittel führt zur Stigmatisierung der KonsumentInnen. Resch: „Die landläufige Unterscheidung zwischen Drogen und Genussmitteln beruht wohl eher auf politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen als auf substanzspezifischen Gefahrenstufen. Die Definition dessen, was als gefährliche Droge verboten und als göttliche Substanz geheiligt wird, hat sich im Laufe der Geschichte oftmals geändert, sogar innerhalb eines Menschenlebens und innerhalb der gleichen Kultur.“

Berek_Marcin-Szczygielski_Cover
Zurück zum Roman: Dieses Verzehren nach einem Miteinander, Zueinander, Durcheinander der Menschen, nach der Verschmelzung der Individuen – im Sinne Georges Batailles –, ein Verzehren das auch die Figuren in Berek hegen, zeige sich besonders und explizit im rituellen Fest. Im Fest strebe alles nach Entfesselung und Loslösung, zu einer Auflösung der menschlichen Grenzen. Bataille schreibt in Theorie der Religion dazu: „Als Rausch, Chaos oder sexuelle Orgie, wie es [das Fest, d.V.] sich im Grenzfall darstellt, taucht es [das Individuum, d.V.] in gewissem Sinne ein in die Immanenz.“ Ania in Berek findet einen Rausch wie oben beschrieben während der Kommunion, während des Empfangs der Hostie. Sie erlebt diesen extatischen, leidenschaftlichen Moment durch das Bewusstsein über die Anwesenheit der anderen („ich spüre zig Augen auf meinem Rücken“), teilt diesen Moment mit ihnen, er wird durch die anderen erst möglich. Der Empfang der Hostie, das Schlucken, die olfaktorischen Eindrücke (Weihrauch, Blumen, Parfum, klamme Mäntel) – selbst der kalte harte Fußboden und die damit einhergehende Form der hingabevollen Erniedrigung ergeben ein Zusammenspiel, welches die Kommunion zu „Ort und […] Zeit einer spektakulären Entfesselung“ werden lässt, so Bataille. „Im Fest flackert ein Verlangen nach Zerstörung auf, aber eine bewahrende Besonnenheit setzt ihm Grenzen und lenkt es in geordnete Bahnen. Auf der einen Seite finden sich alle Möglichkeiten von Verzehrung vereint: Tanz und Poesie, Musik und die übrigen Künste tragen dazu bei, aus dem Fest den Ort und die Zeit einer spektakulären Entfesselung zu machen. Aber das ängstlich wachende Bewusstsein, durch das Unvermögen, mit der Entfesselung Schritt zu halten, zur Umkehr genötigt, neigt dazu, diese Entfesselung in den Dienst der Ordnung der Dinge zu stellen […].“ Ania offenbart sich der Sinn des Lebens.

Konvergent erfährt Paweł in einem Darkroom folgendes: „Uśmiecham się i klękam przed nim. Lekko całuję nagi fragment skóry pod pępkiem, dłonią leciutko zaczynam masować jego krocze. […] Przymykam oczy, przytulam twarz do jego podbrzusza i wciągam zapach. Niebiański zapach. Zapach młodego, gorącego, spoconego faceta. Faceta, który prawdopodobnie ostatni prysznic brał rankiem. Przeszywa mnie dreszcz rozkoszy […]. Twarde kafle gresu boleśnie uciskają moje kolana […]. Trzy wielkie porcje spermy lądują mi w samym gardle. Kręci mi się w głowie, fala szczęścia zalewa mnie jak przypływ. Połykam go […]. Wysysam ostanią kroplę. Euforia. Dla takich chwil jak ta warto żyć.“ („Ich Lächle und knie vor ihm nieder. Zart küsse ich die nackte Stelle der Haut unterm Nabel, mit der Hand beginne ich sacht seinen Damm zu massieren […] Leicht schließe ich die Augen, drücke mein Gesicht an seinen Unterleib und sauge den Duft ein. Einen himmlischen Duft. Den Duft eines jungen, heißen, verschwitzen Typen. Ein Typ, der wahrscheinlich heut morgen das letzte Mal geduscht hat. Ein genüsslicher Schauer überkommt mich […]. Meine Knie schmerzen auf den harten Platten des Steinfußbodens […]. Drei große Portionen Sperma landen direkt in meinem Hals. Mir wird schwindelig, flutartig überrollt mich eine Glückswelle. Ich schlucke ihn […]. Auch den letzten Tropfen zutsche ich heraus. Euphorie. Für solche Momente wie diesen lohnt es sich zu leben.“)

Durch die textuelle Engführung der beiden Rauscherlebnisse im subjektiven Erleben Anias und Pawełs, auch wenn sie sich objektiv an verschiedenen Orten der Gesellschaft und motiviert von verschiedenem Begehren vollziehen (Nachtclub, homoerotisch und Kirche, religiös), zeigt sich die gemeinsame Sehnsucht der beiden. Es kommt nicht darauf an, wie sie sich jeweils berauschen, sondern warum. Während Protagonist und Protagonistin, beide wechselseitig aus der Ich-Perspektive berichtend, als unmittelbare Nachbarn Tür an Tür ihren Alltag in einem Block in Warschau verleben, kommen die beiden durch ihre sich diametral gegenüberliegenden Weltbilder in konfrontativen Kontakt. Bekanntlich ist es so, dass Konflikte und das Bewusstsein darüber Quelle der Kreativität sind, was die beiden Nachbarn unter Beweis stellen: Sie machen sich auf vielfältigste, wirklich kreative Weise gegenseitig das Leben schwer und entwickeln dabei perfide Strategien. Denn: sie hält ihn aufgrund seiner sexuellen Orientierung für krank, für ein Krebsgeschwür der Gesellschaft, einen Schmarotzer, Juden, der ihrer Meinung nach sicher pädophil ist. Ania spürt den gesellschaftlichen Rückhalt für ihr Denken und Handeln, fühlt sich mit ihrer Aggression im Recht (“[…] in Poland, where the fundamentalist misogyny and homophobia increase”, so Kitliński and Leszkowicz). Paweł hingegen kommt nicht umhin, ihr Kleinlichkeit, Gemeinheit, Verschrobenheit, Erbärmlichkeit und eine unzeitgemäße Denkweise vorzuwerfen.

Das Bemerkenswerte an dem Vergleich der beiden Lebenswelten ist, dass sie unterschiedlicher und doch gleicher nicht sein könnten. Im Grunde trifft der Satz, den Pawełs Therapeutin ihm in einer Sitzung nahezubringen versucht, worum es eigentlich geht; das nicht zu beseitigende Gefühl der Leere und Einsamkeit: „Każdy człowiek idzie przez życie sam“ – „Jeder Mensch geht allein durchs Leben.“ Paweł wehrt sich gegen eine solche Wahrheit, widerspricht der Therapeutin vehement. Er befindet sich, genau wie Ania, unermüdlich auf der Suche nach Berührungen, nach Kontakt, wohlgesonnenem Austausch, nach Beziehungen, die Geborgenheit und Sicherheit suggerieren. „Jestem już zmęczony. Zmęczony szukaniem. Na ciebie.“ – „Ich bin schon ermüdet. Vom Suchen müde. Von der Suche nach Dir.“ – sagt er eines Morgens einem Mann, neben dem er erwacht, dessen Namen er nicht kennt, den er in der letzten Nacht im  Club „Utopia“ kennengelernt hat – welcher jedoch noch schläft und somit die perfekte Projektionsfläche für Pawełs Sehnsüchte bietet. Resch fasst zusammen, worin es seiner Ansicht nach in Texten geht, deren Thema Drogenkonsum ist: „Es geht um menschliche Schicksale, zerstörte Träume, Einsamkeit, Hoffnung auf ein besseres Leben, um den Wunsch nach Selbstfindung, um die Suche nach künstlerischer Inspiration und vieles mehr. Zwar steht die Droge im Mittelpunkt der Texte, doch sie ist immer nur ein Medium für die Pläne und Wünsche der Figuren“, so Resch. Das zentrale Thema in Berek ist der Wunsch der einzelnen Menschen nach Zugehörigkeit und Anlehnung. Tomasz Raczek schreibt im Vorwort zu Berek: „Geje są inni, czyli obcy, niezrozumiali, nieprzewidywalni, mogą zagrozić poukładanemu w głowach światu. Prez nich podział na dobro i zło traci biblijny kontrast […]“ – „Schwule sind anders. Oder fremd, unverstanden, undurchschaubar, sie können die Ordnung der Welt in den Köpfen bedrohen. Durch sie verliert die Einteilung in Gut und Böse ihren biblischen Kontrast […].“ Was der Verfasser dieser Worte hier für Schwule in Anspruch nimmt, das Prinzip des Ausgeschlossenseins, trifft aber genauso auf die anderen Figuren des Romans und nicht nur auf Paweł zu. Es ist ein Phänomen, welches sich aus verschiedenen argumentativen Ecken heraus auch auf Ania und die anderen Figuren erstreckt.

Das, woraus sich eine typische polnische Identität zusammensetzt, angenommen es gäbe so etwas wie eine polnische Identität, kann von keiner realen Person in sich vereint sein, weshalb es zwangsläufig zu einem immerwährenden partiellen gegenseitigen Ausschluss kommt. Das ist 1. ein starker Bezug zur katholischen Kirche, auch wenn die meisten PolInnen heutzutage ihre Religiosität sehr selektiv leben. 2. Ein Hang zum Opfertum/Märtyrium, welches, einer in der romantischen Epoche entstandenen Prämisse nach, persönliches Glück gegenüber dem Wohl Polens zurückstellt. 3. Ein monolithisches Empfinden in Bezug auf die Ethnizität, die sich nach den zwei Weltkriegen erst herausbildete, denn vorher war Polen eine ausgesprochen multiethnische Gesellschaft bestehend unter anderem aus Ukrainerinnen, Juden, WeissrussInnen, Deutschen, LitauerInnen, RussInnen, SlovakInnen usw., die insgesamt etwa 30 Prozent der Bevölkerung Polens ausmachten. Dazu kommen 4. eine allgemein empfundene Wertekrise nach 1989, die sich in dem Streit um eine Zugehörigkeit zur Europäischen Union widerspiegelt, und 5. eine exklusiv heterosexuelle Ausrichtung – für diese Auflistung an Identitätsmerkmalen habe ich mich durch oben erwähnten Artikel Kulpas anregen lassen. Diese sogenannte (polnische?) Identität hat Szczygielski in seinem Roman thematisiert, indem er sowohl einen Schwulen als auch eine veralteten Werten verhaftete Person einander gegenüberstellt. Beide kommen sich im Laufe der Handlung einander nahe, entwickeln eine Beziehung, die es ihnen ermöglicht, Leerstellen einander füllen zu lassen. Gewissermaßen kommt es zwischen den beiden Figuren zu einer Intersubjektivierung; Nachdem sich die beiden Parteien im nachbarlichen Streit gegenseitig vorerst nur distanziert beobachtet und beäugt haben, kommt es nach und nach zu einer dialektischen Beziehung: beäugendes Subjekt und beäugtes Objekt verschmelzen miteinander, manche würden dieses Modell des Miteinander als Patchworkfamilie identifizieren.

Dass die tendenziellen Charakteristika einer Gesellschaft sich im Drogenkonsum ihrer Mitglieder spiegeln, ist keine neue Feststellung. So schreibt Resch über die goldenen Zwanziger: „In den sogenannten ‚goldenen Zwanzigern’ sollte Drogenkonsum aller Art […] Hochkonjunktur haben. Die Vergnügungssucht nach dem Krieg basierte vor allem auf Angst, Unsicherheit und dem Wunsch, das verlorene Leben der vergangenen Jahre nachzuholen. […] In diesem Klima konnte ein Hier-und-Jetzt-Denken entstehen, dessen Ventil die Suche nach oberflächlicher Unterhaltung war.“ In Berek finden sich viele Hinweise auf Missstände im Leben der Einzelnen, die auf gesellschaftlichen Tendenzen beruhen, vor allem aber zeigt Berek den gegenseitigen Ausschlusscharakter der vermeintlich so unvereinbaren Lebenswelten auf – und die damit einhergehende Vereinsamung samt Sehnsucht nach einer Auflösung dieses Zustands. Szczygielskis Leistung besteht darin, die Figuren ausnahmslos zu marginalisieren. Weder Anias noch Pawełs Argumenten kommt ein wahrhaftiger Status zu, beide verzehren sich auf ihrer Suche nach Immanenz.

von Samanta Gorzelniak

Marcin Szczygielskis Roman Berek ist in Polen 2007 erschienen, Michał Witkowskis Lubiewo in der deutschen Übersetzung von Christina Marie Hauptmeier ebenfalls 2007.

druckdatei

Top