Serhij Žadan. Die Erfindung des Jazz im Donbass

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Serhij Žadan, der 1974 geborene junge Star der ukrainischen Gegenwartsliteratur, reist in seinem neuen Roman in seine Geburtsstadt im äußersten Osten der Ukraine. Dort lässt er liebevoll skurrile Gestalten auftreten: Verklemmte Mafiosi, Schmuggler, Luftfahrt-Fanatiker, freikirchliche Priester und EU-Missionare, die sich in der Weite der Steppe zwischen Maisfeldern, verlassenen Flugplätzen und ins Nichts führenden Bahngleisen territoriale Gefechte liefern.Der Protagonist Hermann hat Geschichte studiert und trägt auf seiner Visitenkarte den Titel „Unabhängiger Experte“. Er lebt in Charkiv vor sich hin, sein Job beinhaltet Geldwäsche in Jugendorganisationen und Verteidigung der demokratischen Wahl in Talkshows. Eines Nachts kommt ein Anruf aus der Heimatstadt: Sein Bruder, der eine Tankstelle außerhalb der Stadt besitzt, sei plötzlich abgehauen. Jemand muss an seiner statt die Geschäfte regeln. So macht sich Hermann auf zu der heruntergekommenen Tankstelle mit ihren gezeichneten Mitarbeitern – und wird Bisnesmen in der Provinz. Er kommt dabei schnell mit den örtlichen Oligarchen in Konflikt, die die „Möglichkeiten des Kapitals“ nutzen und hier, direkt an der russischen Grenze, alles aufkaufen – wenn es sein muss mit Gewalt.
Ort des Geschehens ist die Gegend um die Stadt Luhansk, die allerdings im Roman gar nicht benannt wird, nur der Originaltitel Vorošilovgrad gibt uns den Hinweis: Zu Sowjetzeiten war die Stadt nach dem Parteifunktionär Kliment Vorošilov benannt. Ab 1935 hieß sie Vorošilovgrad, 1958 wurde sie wieder zu Luhansk, 1970 erneut zu Vorošilovgrad und 1992 wieder zu Luhansk.
Vorošilovgrad, das ist ein Nicht-Ort, ein Niemandsland an der ex-sowjetischen Peripherie, gezeichnet durch Abwanderung und Vertreibung. Hier gibt es keine Ordnung, um die Macht wird immer wieder aufs Neue gekämpft –  scheinbar jeder gegen jeden. Hier herrscht permanenter Krieg um Einflusszonen: „Kapitalismus halt“.
Die Einheimischen aber legen eine erstaunliche Beharrlichkeit zutage, wenn es darum geht, diesen seltsamen Ort vor den Standort-gierigen Oligarchen zu verteidigen, und sich nicht vertreiben zu lassen. Und dabei halten sie zusammen, die Menschen aus Hermanns Jugend: Schon fast vergessene Freunde und Bekannte, Roma-Klans und schöne, draufgängerische Frauen. Sie erinnern Hermann an Ereignisse in seiner Jugend, und durch das Aufleben der verdrängten Vergangenheit entsteht für ihn wieder eine Verbindung zu diesem Ort, vor dem er einst geflüchtet war: „Wenn du dich erinnerst, wirst du nicht so einfach wieder wegfahren können.“
Die Zäsuren in der Geschichte der Region werden in Žadans Roman zu Zäsuren in der eigenen Erinnerung. Geschichtliche Traumata verursachen auch im privaten Leben Gedächtnisverlust. Žadan setzt dieses Vermischen von persönlicher Vergangenheit mit der Geschichte des Ortes in den surrealen Tagträumen des Protagonisten mythopoetisch um. Er lässt plötzlich geisterhafte Gestalten auftauchen, die Gegenwart vermischt sich mit der Vergangenheit und die Zeit- und Realitätsebenen werden aufgehoben: Ein Fußballmatch mit alten Kumpels, deren Namen Tage darauf auf Grabsteinen am Friedhof wiederentdeckt werden. Plötzlich ziehen die Geister von archaischen Steppennomaden in großen Karawanen vorbei, und auf dem verlassenen Flugplatz sammeln sich alle Piloten, die hier jemals starteten und landeten. So wird in der Erzählung neben Žadans typischen absurden Situationen eine schaurige Spannung erzeugt. Leider entlädt sich diese aber nicht auf befriedigende Art. Durch die kollagenhafte Anordnung der Szenen und Ereignisse fällt die Handlung zu sehr auseinander, um einen Spannungsbogen zu halten, bisweilen wünscht man sich  einen strafferen Erzählstrang.
Das wilde Durcheinander und die anarchistische Erzählweise Žadans funktionieren wiederum gut auf der Ebene der Sprache, mit zahlreichen intertextuellen Bezügen, wie etwa in den den Text durchziehenden Predigten und Hymnen: “Lebe, Romanistan, wunderbar und frei, ohne den verderblichen Einfluss transnationaler Firmen, sare manuschende kokale parne, rat loly. Frei unter Freien, gleich unter Gleichen, anerkannt von der Weltgemeinschaft und einer Sonderkommission der OSZE für Fragen des geistigen und kulturellen Erbes der kleinen Völker Europas, der Herr hält dich in seinen Armen, höre auf das Vibrieren seines heißen Herzens!”
In diesen magischen Reden vermittelt der Autor einen gewissen postsowjetischen Geisteszustand: Mit der für die offizielle Sowjetrhetorik typischen formelhaften Sprache zeigt er den Kontrast aus alten Symbolen und neuen Bedeutungen in seiner vollen Ironie. Gerade wenn es um Religion geht, wird die ideologische Verwirrung am deutlichsten spürbar: „Wo Business ist, da ist auch Glaube.“
In seinen Predigten schreckt Žadan gegen Ende des Romans auch nicht davor zurück, zu moralisieren. Seine magischen Worte lauten „Dankbarkeit und Verantwortung“. Diese Dankbarkeit kann als eine Liebeserklärung an die Heimatregion gelesen werden, die Verantwortung als Kampfansage zu deren Verteidigung. Die Zukunft, die einem scheinbar verwehrt wird, muss man sich einfach selbst zurückholen. So bewahrt Hermann in seinem Kampf gegen das volatile Kapital den alten Flugplatz vor dem Abriss, denn den Traum vom Fliegen, der immer schon für Fortschrittsoptimismus stand, lässt er sich nicht nehmen: „Ohne Flugzeuge kann es keine Demokratie geben. Flugzeuge sind die Grundlage der Zivilgesellschaft.“

Serhij Žadan zeigt uns eine Gegend jenseits von Mitteleuropa, und kombiniert dabei postsowjetische Ruinen-Romantik mit amerikanischer Wild-West-Atmosphäre. Auf den Jazz, den der deutsche Titel verspricht, wartet man allerdings fast bis zum Schluss, und selbst hier nimmt er  nur eine marginale Rolle ein. Und doch ist der Roman vielleicht in seiner Erzählweise insgesamt jazziger als die Vorgänger: Žadan schreibt jetzt nicht mehr Punk, sondern Free-Jazz.

von Philomena Grassl

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