So schmeckt der Krieg, oder: „Ich muss mich gleich übergeben.“

Tamta-Melaschwili-Abzaehlen
Georgien war eines der ersten Länder, die nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig wurden,  seither wurde es immer wieder zum Schauplatz geopolitischen Kräftemessens. Seit den 90ern forciert die Regierung einen NATO-Beitritt, heute steht das Land irgendwo zwischen ausbeuterischem Neoliberalismus und totalitärer Sowjet-Vergangenheit, zwischen der metaphysischen Sehnsucht nach einem glorreichen Mittelalter und dem Traum von einer paradiesischen Zukunft, die irgendwo im Himmel verborgen liegt.

Bei dem Krieg im August 2008 drangen russische Truppen bis ins georgische Kernland ein. Darüber wurde in den Medien viel berichtet, allerdings nicht davon, wie so ein Krieg von den Menschen dort erlebt wird. Die Menschen, das sind auch Frauen und Kinder, die ihren eigenen, verborgenen Krieg erfahren. Und dieser ist vielleicht noch grausamer und ungerechter als der der Männer an der Front.

Die junge georgische Autorin Tamta Melaschwili zeigt uns mit ihrem Debütroman Abzählen diesen anderen Krieg, abseits von den medialen Darstellungen militärischer Einsätze. Und das ohne direkt über den Krieg in Georgien zu schreiben: Es kommen keine Ortsnamen oder Nationalitäten vor, die Handlung könnte überall dort spielen, wo es Konflikte gibt.

Tamta Melaschwili schreibt feministisch. Bei ihr bekommt man nicht das Blut verwundeter Soldaten, sondern Regelblut zu schmecken. So erzählt sie uns 3 Tage Krieg aus der Perspektive zweier junger Mädchen, und das mit enormer Intensität: Zknapi, die Ich-Erzählerin, und ihre Freundin Ninzo leben in der Konfliktzone, um sie herum tobt der Krieg. Die beiden sind 13, und neben dem täglichen Elend mitten in der Pubertät. Hier ist man eingeschlossen, an einem gottverlassenen Ort, an dem nach und nach alle wegsterben oder schon längst geflüchtet sind. Die Väter sind an der Front, und die hier zurückgebliebenen Menschen kämpfen jeden Tag ums Überleben. Ninzo muss sich um die Großmutter kümmern, die nur noch ins Leere starrt und deren einzige Reaktion ein paar Tränen sind, wenn man sie aufmuntern will. Zknapis Mutter hat keine Milch, der kleine Bruder ist kurz vor dem verhungern. In der Schlucht liegt eine Leiche, sie riecht schon schlecht und man sieht das ausgetretene Gehirn. Hier ist alles so zum Kotzen, dass man sich freut, hin und wieder mal Zigaretten zu bekommen – auch, wenn einem davon noch übler wird.

Ninzo hat schon einen Busen und die Regel, sowie die ersten Begegnungen mit Männern – das heißt mit gegnerischen Soldaten an den Kontrollpunkten. Zknapi ist kleiner. Noch ein Kind zu sein scheint manchmal Vorteile zu haben, wenn man beispielsweise Drogen über die Grenze schmuggelt, und dabei nicht so schnell verdächtigt wird. Oder wenn man nächtens in die verlassene Apotheke einsteigt, durch das kleine Fenster, um Babynahrung zu klauen. „Wir müssen laut schreien, dass wir Kinder sind. Dann werden sie nicht auf uns schießen.“

Das Klein-Sein steht aber auch für einen Grundzustand, aus dem man nicht herauskommt. Niemand hört dich, niemand interessiert sich für dich in dieser Zone. „Vielleicht werden sie einen Korridor öffnen“ – das ist genauso eine Illusion, wie der Traum eines normalen Erwachsenwerdens. Dein Leben ist hier nichts wert. Man hat nur noch einander, und auch dafür gibt es keine Garantie – wer weiß, wen es als nächstes erwischt. Irgendwann bleibt ein Auto stehen, und jemand gibt dir Kuverts in die Hand: „Ihr habt drei Tote im Dorf. Nicht öffnen und reinschauen, verstanden? Sag ich: Jawohl.“ Und dann wird abgezählt, unter den Vätern, die an der Front gefallen sind.

Hier wird einem nicht nur das Erwachsenwerden genommen, sondern auch die Kindheit geraubt. Zu Hause drehen sich die Rollen um, plötzlich müssen sich Kinder um ihre Eltern kümmern: „Sagt Mutter: Verflucht sei dein Vater, dass er uns hier allein hat sitzenlassen. Ich sag nichts mehr, lege mich zu ihr, umarme sie von hinten und drück sie fest an mich. […] Mein Kopf versinkt in ihrem Haar. Sie hat irgendeinen anderen Geruch. Ich bleib so lange bei ihr liegen, bis sie eingeschlafen ist. Mein Bruder schläft auch. Er sieht einem kleinen verschrumpelten Spielzeug ähnlich. Ich steh leise auf, such die Taschenlampe, trink ein wenig vom kalten Tee und zieh die Tür hinter mir zu. So ein langer Tag.“

Die Geschehnisse werden nicht chronologisch dargestellt, sondern immer abwechselnd Mittwoch, Donnerstag, Freitag, in relativ kurzen Sequenzen. Die Sprache ist unmaskiert und direkt, in ihr zeigt sich die Disproportionalität der Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein. Tragik und Humor liegen manchmal eng beieinander, jeder einzelne Satz kommt mit voller Wucht. Der Erzähltakt wird immer schneller und kürzer, die Spannung steigt konstant an – genauso wie auch die Übelkeit. Und dann schließlich, in der Nacht, findet man sich plötzlich auf dem verminten Feld wieder: „Es passiert mir schon nichts. Ich bin doch ein Vogel, so klein wie ein Vögelchen.“

Die Figuren im Roman schwanken zwischen Passivität und Hysterie. Alte Menschen starren in die Luft, warten nur noch auf den Tod. Dann kommt wieder irgendwo ein Ausbruch, in dem das Leid auf fast schon absurde Weise beklagt wird. Die älteren Frauen scheinen sich zu wiederholen, als seien sie in einer Endlosschleife gefangen. Die jungen hingegen haben nicht mehr viel Zeit, bevor sie innerlich zerbrechen: „Schau, wie die herumläuft. Eine richtige Schlampe wird das mal.“

Frauen sind hier nicht Trägerinnen irgendeiner Exotik, nicht geheimnisvoll-schön, sondern durch die Traumata eher irgendwie entstellt: „Sie ist ganz eingehüllt in schwarzen Sachen, hat Augenringe, und aus ihrem mageren Gesicht tritt die Nase scharf hervor. Wie bei irgend so einem Vogel.“ Traditionelle Frauenbilder versagen, die Mutter kann ihre Rolle nicht erfüllen, die Großmutter schweigt. Das einzige bisschen Sexualität scheint es in der Liebe der beiden Mädchen zu geben, und das auf ganz unromantische Art. So löst die Autorin auch das Mysterium der Mädchenfreundschaft völlig auf. Denn romantisch ist hier gar nichts – nicht die Armut, nicht das Leiden, und schon gar nicht die Frauen.

Tamta Melaschwili zeigt uns eine neue Perspektive auf den Krieg, und das mit unglaublich kraftvoller Stimme. Sie schreibt mit jugendlicher Brutalität, räumt dabei den Platz für die Mädchen und setzt so ihre Hoffnung auf die nächste Generation. Zurecht – denn der gehört sie selbst an. Vielleicht ist es so eine indirekte Botschaft des Romans, dass wir von den jungen Frauen in Georgien einiges zu erwarten haben.

von Philomena Grassl

Es gibt auch ein Interview mit der Autorin auf unseren Seiten.

Tamta Melaschwili: Abzählen.
Der Roman ist 2012 beim Unionsverlag erschienen, ins Deutsche übersetzt von Natia Mikeladze-Bachsoliani. In Georgien wurde das Buch mit dem SABA-Literaturpreis ausgezeichnet, in Deutschland kam es unter die Top-10 der Neuerscheinungen unabhängiger Verlage 2012.

Im März 2013 ist eine Anthologie erschienen mit einer Erzählung von Tamta Melaschwili: Techno der Jaguare: Neue Erzählerinnen aus Georgien herausgegeben von Manana Tandaschwili und Jost Gippert.

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