Georgian (Her)stories

Ein Interview mit Tamta Melaschwili

Es ist der erste frühlingshafte Tag in Tbilisi. Die Sonne scheint, die Stimmung ist ausgelassen, die Stadt voller Blumen – in Form von Bouquets, die Babuschkas auf der Straße verkaufen. Es ist der 8. März, internationaler Frauentag – heute schenken die Männer den Frauen Blumen, und beglückwünschen sie, Frauen zu sein. Über die tägliche Gewalt und Unterdrückung der Frau will hier keiner so richtig reden, das sind private Angelegenheiten, die hinter verschlossenen Türen stattfinden. Und doch verkündete der Patriarch der georgisch-orthodoxen Kirche offiziell, es sei die Aufgabe der georgischen Frauen, den Männern die Füße zu waschen, wenn diese von der Arbeit nach Hause kommen. Feminismus wird hier von Seiten der Konservativen als westliche Verschwörung oder Krankheit gesehen. Immer wieder gibt es gewalttätige Ausschreitungen und Bedrohungen gegen AktivistInnen, auf einem Protestmarsch gegen Homophobie wurden die Demonstrierenden von orthodoxen Extremisten und Priestern angegriffen.

Auf dem feministischen Marsch am 8. März verläuft alles friedlich, bis auf ein paar zynische Kommentare: „Ah, werdet ihr von den Amerikanern bezahlt?“ Die Schriftstellerin Tamta Melashvili, die mit ihrem Debüt Abzählen auch bei deutschsprachigen Lesern große Erfolge feierte, ist bei dem Protest vorne dabei. Am Abend findet die Premiere eines Filmes statt, für den sie das Skript schrieb: Untold Herstories – hier werden die Geschichten dreier georgischer Frauenrechtlerinnen aus dem 19. Jh. neu erzählt, deren feministische Aktivität jedoch völlig unbekannt ist. So wird an eine eigene georgische Frauenbewegung angeknüpft, die nichts mit ausländischen NGOs oder NATO-Einflussphären zu tun hat. In einem Interview sprachen wir über ihren Roman, Feminismus in Georgien und die Notwendigkeit, Geschichte neu zu schreiben.

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novinki: In deinem Roman Abzählen schreibst du über das Erleben von Krieg aus der Perspektive zweier Mädchen. Warum hast du dich dafür entschieden, die Handlung in einer Konfliktzone spielen zu lassen?

Tamta Melaschwili: Das war mein Protest. Ich habe im Schreiben einfach einen Weg gefunden, meinen Protest gegen den Krieg auszudrücken. Genauso wie für andere Menschen in Georgien, die den Krieg im August 2008 erleben mussten, war das für mich eine einschneidende Erfahrung. Auch die anderen Kriege seit den 90ern – ich glaube das ist alles irgendwo in mir akkumuliert. Es war vor allem ein emotionaler Ausdruck. Für mich gab es einfach keinen anderen Weg, damit umzugehen.

n.: Wie hast du den Krieg 2008 erlebt?

T.M.: So wie alle Menschen in Georgien, über die Stadt flogen Kampfjets. Im Sommer war ich in meinem Dorf mit meiner Schwester und ihrem 3 Monate alten Sohn. Das schlimmste war ein Gefühl der totalen Unsicherheit, dass ich davor noch nie gehabt hatte. Du hast zwar seit deiner Kindheit eine gewisse Unsicherheit, wenn du in Georgien lebst. Aber das war etwas anderes, keine Kontrolle mehr zu haben über das eigene Leben, du weißt nicht was tun, weißt nicht, was passiert. Wir haben Explosionen gehört, die nächstgelegene Stadt wurde bombardiert. Wir sind hin und her gerannt, wussten nicht was besser ist, ins Haus gehen oder draußen bleiben – es war wirklich eine furchtbare Erfahrung. Und die meisten Georgier haben diese Zeit so oder ähnlich erlebt.

n.: Wie wurde mit den Kriegen seit den 90ern literarisch umgegangen, gibt es so etwas wie eine Tradition im Schreiben über Krieg in der georgischen Literatur?

T.M.: Ich bin keine Literatur-Expertin, aber ich denke nicht. Es gab ein großes Schweigen nach den 90ern, die meisten Schriftsteller haben nicht über Krieg geschrieben. Aber dann später, nach 2008 erschienen Bücher, wie etwa Zaza Burchuladzes Adibas und andere Geschichten, die auch den abchasischen Krieg reflektierten. Das hat alles erst in den letzten Jahren angefangen.

Ich denke, man wollte sich distanzieren, die Menschen brauchten Abstand und wollten nicht mehr an den Krieg denken oder darüber schreiben. Das ist natürlich. Dafür ist jetzt eine interessante Zeit, es gibt offizielle Diskussionen über die Konflikte. Die Leute wollen jetzt reflektieren, was damals passiert ist. Ich glaube, sie brauchen nur Zeit um zu denken.

n.: In deinem Roman gibt es keine Ortsbenennungen oder Zeitangaben die auf eine Handlung in Georgien schließen lassen, außer die Namen der Protagonisten.

T.M.: Darüber habe ich viel nachgedacht, und habe beschlossen es so zu machen. Gewalt und Krieg kennen keine Nationalität, keine Grenzen. Diese Geschichte hätte überall passieren können, wo es Konflikte gibt. Und die Mädchen dort – oder überhaupt die Menschen, machen sehr ähnliche Erfahrungen, haben ähnliche Gefühle und reagieren gleich. Sie wollen auf gleiche Art überleben.

Das war auch mein persönliches Gefühl, ich wollte überleben und habe alles andere vergessen. Das ist ein Wahnsinns-Gefühl, wenn es ums pure Überleben geht. Aber wenn dieses Gefühl 20 Jahre andauert, ist das keine gute Erfahrung. Nur wegen irgendwelchen politischen Spannungen, wegen Entscheidungen von irgendwelchen Politikern.

n.: Hat der Krieg 2008 etwas im kollektiven Bewusstsein verändert?

T.M.: Die Darstellungen in den Medien waren immer sehr politisiert, unter so viel Propaganda. Gerade jetzt, nach dem Regierungswechsel im Herbst 2012 ist es schwer zu sagen. Ich als Georgierin will jedenfalls keine Feinde haben, egal ob Russland oder die USA. Beides sind hier starke Feindbilder, abhängig von der politischen Positionierung der Menschen. Wenn du für die Rechte der Frauen kämpfst, passt du jetzt für die Ultra-Konservativen in ihr Amerika-Feindbild.

n.: Wie ist die Situation der Frauen in der georgischen Gesellschaft?

T.M.: Das ist schwer, in wenigen Worten zu sagen. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, mit all diesen „Traditionen“. Sie werden als das verkauft, in Wirklichkeit sind das gar keine Traditionen. Sie werden Männern wie Frauen aufgezwungen, aber mehr den Frauen. Das Leben, die Sexualität der Frauen, alles wird kontrolliert oder zumindest wollen sie dich kontrollieren. Vor kurzem gab es wieder eine Diskussion über ein Abtreibungsverbot, es gab viele Befürworter, die meisten davon rechte Extremisten. Die Kirche, die sehr einflussreich ist, vertritt einen sehr traditionalistischen und repressiven Standpunkt gegenüber Frauen.

n.: Gibt es eine Tendenz in der Gesellschaft, konservativer und traditionalistischer zu werden?

T.M.: Ja, ich denke schon. Es gibt unterschiedliche Diskurse, aber die Kirche ist am einflussreichsten.

Wir sind seit 200 Jahren ein kolonisiertes Land, und das ist in der Mentalität, sagen wir, der „Nation“ eingeschrieben. Die Leute sind passiv geworden, sie wollen keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Sie suchen immer einen starken Anführer, der sich um die ganze Nation kümmert.

Aber es gibt auch immer mehr Aktivisten, junge Menschen, die anders denken und das ausdrücken. Wir sind nicht viele, aber ich freue mich, dass wir protestieren können, dass wir offiziell etwas sagen können, ohne gleich verhaftet zu werden.

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n.: Wie lange bist du schon politisch aktiv?

T.M.: Seit 2-3 Jahren. Es sind vor allem in letzter Zeit Interessensgruppen entstanden. Das sind Menschen, die keine Geber oder Unterstützer haben, sondern einfach ihre Gedanken und Einstellungen ausdrücken wollen. Ich finde das gut, dass es kleine, informelle Gruppen gibt, die die Menschen zusammen bringen. Soziale Netzwerke wie Facebook helfen da sehr, sich zu organisieren. Es gibt auch immer mehr Zusammenarbeit zwischen den Gruppen, wie etwa zwischen Feministinnen und LGBT-Aktivisten – diese sind vielleicht am sichtbarsten. Aber die Leute fangen mehr und mehr an, einfach rauszugehen und zu protestieren.

Vor kurzem zum Beispiel gab es in Georgien einen großen Streik der Minen-Arbeiter aus Chiatura, dem wichtigsten Erzabbau-Gebiet. Wir haben uns Bergarbeiterhelme aufgesetzt und mit ihnen demonstriert, das hat sie sehr gefreut.

n.: Inwiefern ist das Schreiben bei dir mit politischem Aktivismus verbunden?

T.M.: In erster Linie eigentlich nicht. Mein erster Roman ist natürlich politisch, ich schreibe über Frauen, man kann es also schon von dieser Perspektive sehen. Grundsätzlich denke ich, man kann das gar nicht trennen.

n.: Du hast jetzt ein Filmskript geschrieben, für eine Dokumentation über drei georgische Feministinnen aus dem 19. Jahrhundert.

T.M.: Ja, schon wieder über Frauen! (lacht) Es geht dabei um ein Rewriting der Geschichte dieser Frauen, die zum Teil sehr radikale Feministinnen waren – radikaler als die meisten Frauen-NGOs heute (die eigentlich überhaupt nicht radikal sind). Es sind bekannte Persönlichkeiten, aber dass sie Feministinnen waren, weiß keiner.

Ich denke, dieses Neuerzählen ist wichtig, weil hier dieses Stereotyp so sehr verbreitet ist, dass Feminismus etwas von außen Auferlegtes ist – etwas Westliches, etwas Negatives. Und wenn es hier eine solche Tradition gibt, muss man das an die Oberfläche bringen! Warum nicht? Das waren wunderbare Frauen, Kato Mikeladze zum Beispiel hat in Kutaissi eine feministische Zeitung herausgegeben, ist aber nur als Dichterin und Lehrerin bekannt.

n.: Wie drückt sich diese Ablehnung feministischer Ideen in der Gesellschaft aus, gibt es auch direkte Konfrontationen?

T.M.: Ja. Ich habe das vor etwa einem Jahr zum ersten Mal erlebt. Es gibt eine Gruppierung religiöser Extremisten, die nennen sich „Verein orthodoxer Eltern“. Wir hatten im Mai 2012 einen Marsch, um den internationalen Tag gegen Homophobie zu feiern, und irgendwie wussten sie davon. Wir waren etwa 40 Leute, und als wir losgingen, erschienen sie plötzlich, lauter Priester mit ihren schwarzen Roben, und andere junge Männer. Es gab eine Schlägerei zwischen AktivistInnen und Orthodoxen, und die Polizei, die wir eigentlich gebeten hatten, uns zu schützen, zog ab. In diesem Moment verstand ich, dass die Kirche in diesem Land viel mehr Macht hat als die Regierung. Du lebst hier fast in einer Theokratie. Es war wirklich eine Stress-Situation für uns, unsere bunten Transparente lagen danach zerrissen auf der Straße, und die Leute stiegen darauf herum. Das war wieder so ein Gefühl von totaler Unsicherheit, und das bleibt dir – seither habe ich Angst, wenn ich auf der Straße einem Priester begegne.

n.: Du hast deine Master-Arbeit über Empowerment von Frauen durch Migration geschrieben, am Beispiel von Georgierinnen in Deutschland.

T.M.: Ja, das war über junge georgische Frauen, die als Au Pairs nach Deutschland gingen. Ich konnte auch meine eigene Erfahrung mit einbauen, worauf ich damals sehr stolz war – das ist wirklich feministisch! Für mich war diese Erfahrung sehr bestärkend. Ich habe in Deutschland auch angefangen, Prosa zu schreiben. Frauen sind hier oft total von ihren Familien kontrolliert und vor allem finanziell abhängig. Durch die Migration bekamen sie einen starken Unabhängigkeitsdrang und waren sehr enthusiastisch dem Leben gegenüber.

n.: Hast du manchmal Lust, selbst für längere Zeit zu emigrieren?

T.M.: Nicht wirklich. Ich habe keine konkreten Pläne, für längere Zeit wo anders zu leben. Ich hatte ein Literatur-Stipendium in Wien für zwei Monate, und werde das dieses Jahr wieder machen in Graz. Mir gefällt das, unterwegs zu sein. Aber ich denke, grundsätzlich könnte ich überall leben. Ich mag diese Unterscheidung nicht besonders zwischen „hier“ und „dort“.

n.: Hast du in Georgien auch die Möglichkeit, solche Stipendien zu bekommen?

T.M.: Nein, nicht für’s Schreiben. Aber ich habe ein Stipendium an der Universität, ich unterrichte dort Gender und Politik. Ich habe nicht erwartet, dass mir das so Spaß macht! Ich habe wunderbare Studenten, sie sind jung und enthusiastisch, und bei ihnen kommt was an, sie reagieren auf das, was wir behandeln. Man kann ihre Sensibilität steigern, und sie haben großes Interesse an zivilen Themen. Sie haben dieses Gefühl, dass sie wirklich was ändern können, das ist für mich großartig.

n.: Also gibt es Grund, optimistisch zu sein?

T.M.: Ja, in bestimmten Aspekten schon. Ich bin grundsätzlich nicht optimistisch, aber es gibt kleine Momente die dir zeigen, dass es sinnvoll ist, was du tust. Letztes Jahr am 8. März gab es unzählige sexistische Werbekampagnen, die Medien waren voll davon. Wir haben damals mit einer Protest-Kampagne reagiert. Und dieses Jahr gab es keine solchen Werbungen! Wir waren ganz erstaunt darüber, und sehr stolz, etwas dafür getan zu haben. Die Firmen wurden einfach vorsichtiger, weil sie auf Protest stießen.

n.: Was ist der Plan für deinen nächsten Roman?

T.M.: Ich möchte mich mit der georgischen Avantgarde in den 20ern beschäftigen, es gab da eine Gruppe von Schriftstellern namens Blaue Hörner (Zisperqanzelebi). Das war eine sehr spannende Periode, wo viel passierte, aber diese Personen wurden dann in der Sowjetunion starken Repressionen ausgesetzt, und heute weiß man nicht sehr viel über sie. Viele von denen waren total queere, schräge Typen.

n.: Es geht dir also um ein Wiederentdecken von Geschichten, die zum Beispiel durch repressive Strukturen verloren gingen?

T.M.: Ja, für mich ist es wirklich traurig, dass so viele Geschichten – gerade die von Frauen! – verloren gehen, und keiner erinnert sich daran. Ich denke, es ist vor allem wichtig, Frauen wiederzuentdecken. Das ist natürlich auch bestärkend für die Frauen heute, wenn es bekannte weibliche Biographien gibt!

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n.: Kann man sagen, dass es bestimmte Tendenzen in der georgischen Gegenwartsliteratur gibt?

T.M.: Viele junge Menschen schreiben heute, auch viele Frauen, die wirklich Talent haben. Sie würden sich selbst nicht als Feministinnen bezeichnen, aber das sind sie! (lacht) Die Frauen schreiben jetzt mehr über ihre Sexualität, aber oft spürt man trotzdem noch ein gewisses „Auge des Patriarchats“ beim Lesen ihrer Texte.

Es gibt leider ein großes Problem mit der Übersetzung, weil es nur wenige gute Übersetzer gibt. Ich hatte Glück, dass Natia Mikeladze-Bachsoliani meinen Roman übersetzt hat, sie ist eine der Besten.

Dann hast du natürlich auch das Problem, dass du nur mit Schreiben nicht überleben kannst.

n.: Hast du mit Abzählen etwas verdient?

T.M.: Beim georgischen Verlag – nein. Beim deutschen Unions-Verlag, keine Ahnung. Vielleicht kommt noch ein bisschen, schauen wir mal. (lacht)

 

Das Interview führte Philomena Grassl.

Fotos: Philomena Grassl

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