Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Polizei ist tot

Der Hund heißt Polizei und ist auf dem rumä­ni­schen Dorf ein ver­meint­lich ver­läss­li­cher Beschützer – anders als die gegen­über kri­mi­nellen Struk­turen scheinbar macht­lose Dorf­po­lizei. Ob der alte, tod­kranke Poli­zist Hogaș das Böse stoppen kann, erzählt Bogdan Mirică vor einer groß­ar­tigen Land­schaft in seinem ersten Spiel­film Câini (Hunde).
caini
Der junge Roman (Dragoş Bucur) kommt aus Buka­rest aufs Land und will dort auch so schnell wie mög­lich wieder weg: Sein ver­stor­bener Groß­vater hat ihm ein rie­siges, an die Ukraine gren­zendes Stück Land ver­erbt, das er nun ver­kaufen möchte. Doch das Vor­haben gestaltet sich schwie­riger und gefähr­li­cher als gedacht. Die Mit­glieder einer Bande, deren Anführer Romans Groß­vater war, stellen sich ihm in den Weg und sogar der Dorf­po­li­zist Hogaș (Gheorghe Visu) rät ihm, das Dorf lieber zu ver­lassen. Der all­nächt­lich bel­lende Hund scheint Böses zu spüren und als dann noch der Makler ver­schwindet, wird auch Roman misstrauisch.

Krimi in rumä­ni­scher Wüstenlandschaft

Bogdan Mirică por­trä­tiert in seinem ersten Spiel­film die rumä­ni­sche Einöde. In langen, totalen Ein­stel­lungen zeigt er die weite Land­schaft, die ebenso wie die darin plat­zierten Figuren unter der glü­henden Sonne vor sich hin trocknet. Schwit­zende Körper gehen ihrer Arbeit nach, in einer von Män­nern domi­nierten Welt. Der aus Rumä­nien stam­mende Regis­seur weckt schon zu Beginn in den Zuschaue­rInnen die Erwar­tung auf eine span­nende Kri­mi­nal­ge­schichte: Die Kamera bewegt sich durch ein Feld auf einen blub­bernden Sumpf zu, aus dem ein mensch­li­cher Fuß auf­taucht. Schon bald wird dieser auf dem Ess­tisch des alten und aus­ge­mer­gelten Hogaș Platz finden, der ihn in aller Ruhe mit seinem Besteck obdu­ziert – komisch und ekel­er­re­gend zugleich.

Mirică schafft mit aller Geduld eine bedroh­liche und beängs­ti­gende Atmo­sphäre, wofür schon der bel­lende Hund genügt. Polizei ist iro­ni­scher­weise der Name des Schä­fer­hundes mit ver­filztem Fell. Die eigent­liche und macht­lose Polizei wird durch den alten, krebs­kranken Hogaș und seinen jungen unbe­hol­fenen Kol­legen ver­kör­pert. Hogaș ist stets auf der Jagd nach dem Bösen, das schon lange im Dorf schlum­mert: Es sind die kri­mi­nellen Machen­schaften des Groß­va­ters und seiner Bande, die sie auf dem über 500 Hektar großen Land unkon­trol­liert aus­üben können, wobei unaus­ge­spro­chen bleibt, worin diese bestehen. Samir (Vlad Ivanov), der selbst ernannte neue Anführer der Bande, fühlt sich von Roman her­aus­ge­for­dert, das Land zu ver­tei­digen – und sieht dafür letzt­lich nur ein wirk­sames Mittel.

Seine Kind­heit, die der Regis­seur Mirică teil­weise bei seiner Groß­mutter auf dem Land ver­brachte, inspi­rierte nicht nur diesen Film, son­dern auch seinen Kurz­film Bora Bora (2011).Beide erzählen von den Eigen­arten des Dorf­le­bens, dem Zeit­ver­treib durch sinn­lose Kämpfe oder durch Nichtstun. Hunde ist ein Film über die raue Wirk­lich­keit auf dem Lande, die von feh­lender Moral und von Bru­ta­lität beherrscht wird.

Aus­drucks­starke Figuren und ein lang­at­miges Ende

Mirică lässt den Zuschaue­rInnen seiner Filme viel Raum, um die starken Bilder auf sich wirken zu lassen. Er schmückt seinen Film nicht mit Musik, die Figuren lässt er zugunsten der Atmo­sphäre wenig spre­chen. „I wanted to make sure they can sit in silence in a cer­tain way. I wanted them to be aware of the weight of the atmo­s­phere“, sagt der Regis­seur in einem Inter­view mit dem ser­bi­schen Film­kri­tiker Vladan Pet­ković (Screen Daily) über sein Spiel­film­debüt. Zwar wirkt die Rolle von Roman dadurch­sta­tisch, es ver­deut­licht aber seine Hilf­lo­sig­keit gegen­über den Macht­struk­turen. Er ist der Ein­dring­ling aus der Stadt, der die dörf­liche Ruhe stört, indem er an der scheinbar heilen Ober­fläche kratzt. Dabei hilft ihm auch seine Freundin, deren plötz­li­ches Auf­tau­chen zum Ende hin sowohl Roman als auch die Zuschaue­rInnen über­rascht. Es wirkt, als wolle Mirică unbe­dingt noch eine Frau­en­figur in die Hand­lung ein­bauen, kann jedoch mit ihr ebenso wenig umgehen wie Roman.

Umso stärker wirken die Figuren Samir und Hogaș. Samir ver­sprüht schon durch seinen eisigen Blick Angst und Hogaș schreitet scheinbar endlos durch die rumä­ni­sche Wüste und wirkt dabei wie der She­riff in einem Wes­tern. Unter der glü­henden Sonne zwingt ihn seine Krank­heit in die Knie. Mit ihm kämpft sich auch der/die ZuschauerIn durch die letzten Atem­züge des 104‒minütigen Films. Zum Schluss taucht, wider Erwarten, der She­riff am Tatort zum Show­down auf und feuert einen Pis­to­len­schuss in die Luft und gegen Samir ab. Das finale Encounter von Gut und Böse erlöst das Publikum einer­seits aus dem Kino­sessel, lässt es aber auch mit einer Frage zurück: Um wel­chen Preis hat Hogaș seinen ver­mut­lich letzten Auf­trag erfüllt? Hunde, der 2016 den FIPRESCI Preis in der Sek­tion „Un cer­tain regard“ in Cannes gewann, ist ein atmo­sphä­risch starker Film, der Inter­esse für das rumä­ni­sche Kino weckt und von dessen Regis­seur in Zukunft hof­fent­lich noch mehr zu sehen sein wird.

von Katha­rina Gucia

Mirică, Bogdan: Câini (Hunde). Rumä­nien, 2016, 104 Min.

Wei­ter­füh­rende Links:

Sara­jevo Q&A: Bogdan Mirică on direc­to­rial debut ‘Dogs’. Inter­view von Vladan Pet­ković mit Bogdan Mirică bei Screen Daily am 19.08.2016.

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