Heilung durch empathische Verfremdung

(Post)memoriale Kunst, die Reflexion ermöglicht, Gemeinschaft stiftet und hilft, mit den Traumata zu leben

Anlässlich der dritten Summer Academy von PRISMA UKRAÏNA Beyond Violence. The (Im)possibility of Understanding and Remembering wurde am 13. Juli 2019 die Ausstellung Meni dosi soromno vykydati ižu. Babusja rozpovídala meni pro Holodomor (I still feel sorry when I throw away food. Grandma used to tell me stories about the Holodomor) von Lia Dostlieva und Andrii Dostliev eröffnet. Die Sommerschule wurde in Kooperation mit dem Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies in Dnipro vom Research Network Eastern Europe am Forum für Transregionale Studien, Berlin ausgetragen (Organisation: Andrij Portnov, Denis Shatalov, Viktoria Serhijenko).

Ausstellungseröffnung

Lia Dostlieva, Annette Werberger, Denys Shatalov bei der Eröffnung der Ausstellung. Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies, 2019. © Susi K. Frank

Lia Dostlieva ist eine junge Künstlerin aus Donezk, die gerade ein Künstler_innenstipendium in Poznań angetreten hatte, als die Besetzung der Ostukraine durch russische Truppen begann. Ohne de facto geflohen zu sein, wurden Lia und ihr Mann Andrii so zu ‚Flüchtlingen‘. Von Poznań aus suchen sie, die seither nie mehr in ihrer Heimatstadt waren und keine Gelegenheit hatten, Erinnerungsstücke und Dokumente des Familiengedächtnisses in ihr erzwungenes neues Leben zu retten, künstlerische Wege des Ausdrucks, der Reflexion und der intellektuellen und emotionalen Bewältigung ihrer Situation, die sie mit fast zwei Millionen Ukrainer_innen teilen. Dabei erweist sich Verfremdung als Verfahren, das Distanzierung voraussetzt und eine originelle Verbindung von Reflexion und Empathie ermöglicht, als das alle Projekte miteinander verbindende Moment.

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Ausstellungsansicht Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies, 2019. © Susi K. Frank

Zwei Projekte nehmen Bezug auf die russische Besetzung des Donbass und der Krim. Das mit „Occupation!“ übertitelte Projekt setzt sich mit der Situation des Abgeschnittenseins von der eigenen Vergangenheit, vom Familiengedächtnis und den mit Erinnerung aufgeladenen Gegenständen und Dokumenten auseinander, in der sich die Künstlerin unversehens in Poznań wiederfand. In dieser Situation wurden alte Familienfotos, Fotos von Familienmitgliedern sogar aus einer Zeit, in der man selbst noch lange nicht am Leben war, zum begehrtesten Gut. Lia und Andrii sammelten solche alten Fotos, die andere weggeworfen hatten, und gestalteten daraus ein fiktives „Album“. Damit verfremdeten sie die Gattung Familienalbum, deren Bedingung doch der intime familiäre und referentielle Bezug zu den darin Abgebildeten ist, sodass sich im Projekt „Occupation!“ die Semantik des Gedächtnisraubs mit der Semantik der unrechtmäßigen Aneignung, der „Okkupation“ und Überschreibung fremder Identitäten und fremder Gedächtnisse durch ein erfundenes eigenes kreuzen, das heißt mit einer Semantik, in der sich zugleich auch die Annexion der Krim spiegelt.

Das zweite Krimprojekt ist eine Installation: ein Kreis, eine Insel aus Steinchen, die Lia durch einen allgemeinen Aufruf zusammentragen konnte. Steinchen, die alle in ihrer Kindheit vom Urlaub auf der Krim mitgebracht hatten und irgendwo in einer Schublade oder verstaubten Ecke ihrer Wohnung aufbewahrten. 30 Kilo eingesendete Steinchen, die als familiäre Sammelobjekte hochgradig persönlich und emotional besetzt waren, werden verfremdet und verwandelt in ein kollektives Symbol der traurigen spärlichen Überreste, die den Ukrainer_innen von der Krim geblieben sind. Aus ihnen legte Lia einen Steinkreis, eine Insel, die die Besucher_innen zum Verweilen, zum Weinen und zum Nachdenken einlud.

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Lia Dostlieva stellt ihr Projekt „Cynocephali of Donbass“ vor. Tkuma – Ukrainian Institute for Holocaust Studies, 2019. © Susi K. Frank

Als durch Verfremdung evozierte empathische Reflexion kann man auch Lias humorvoll verspielte Projekte bezeichnen: Das Projekt „Cynocephali of Donbass“ – „Die Hundsköpfigen vom Donbass“: genähte Puppen ‚on demand‘ als Therapieangebot, das die in der Ukraine verbreitete, weiblich konnotierte Puppennähkunst verfremdet, aber gerade dadurch allen aus dem Donbass Geflüchteten Gelegenheit zur karnevalistischen Befreiung aus der sie als Geflüchtete bedrängenden Außenwahrnehmung geben soll. Mithilfe der ironischen Anspielung auf antike und mittelalterliche Exotisierungs- und Ausgrenzungsstrategien – „Kynokephaloi“ als Repräsentanten einer unbekannten, phantastischen Welt im Osten, wie sie u.a. bei Herodot oder später bei Marco Polo genannt wurden –, in deren Tradition sie sich so freiwillig, aber karnevalesk einreihen, erhalten sie die Möglichkeit, sich über die sie im Rest der Ukraine oder im sogenannten Westen als Aliens identifizierenden Blicke lachend hinwegzusetzen.

Zur Reflexion über Möglichkeit und Unmöglichkeit der Heilung von durch Kriegsgewalt gerissenen Wunden regt auch die noch laufende Langzeitperformance „Licking War Wounds“ an, die zugleich ironisch auf die aus der Kriegssituation resultierende Bild- und Symbolsprache anspielt: Ein Panzer aus Salzstein als romantisches Lämpchen – objet trouvé in einer blühenden Gemütlichkeitskulturindustrie, die sich auf seltsame Weise mit einer Kultur der symbolischen und emotionalen Aufrüstung verbindet. Man kann ihn aufstellen und sein Lämpchen als Symbol der Empathie für die Soldaten an der Front leuchten lassen, oder man kann ihn verfremden, indem man ihn „leckt“, und dadurch den Krieg über die Assoziation der idiomatischen Wendung metaphorisch als „Wunde“ erscheinen lassen und diese Wunde durch das Lecken langwierig und mühevoll vielleicht in ferner Zukunft zum Verschwinden bringen. Dieses Projekt läuft seit einem halben Jahr und lädt durch allwöchentliche Posts auf Instagram zur humoresk-empathischen ‚Anteilnahme‘ ein.

"3 bereznja, obid" (dt.: 3. März, Abendessen) von Lia Dostlieva, 2018.

“3 bereznja, obid” (dt.: 3. März, Abendessen) von Lia Dostlieva, 2018. © Susi K. Frank

Bei dem in der Ausstellung präsentierten Projekt handelt es sich um ein Thema, das das nationale Gedächtnis der ganzen Ukraine betrifft, das – nach jahrzehntelangem Verschweigen – im politischen Diskurs der letzten zwei Jahrzehnte ins Zentrum des nationalen Narrativs gerückt ist und sowohl wissenschaftlich als auch in den Künsten vielfach thematisiert wurde. Lia und Andrii setzen sich aus einer sich dezidiert auf Marianne Hirsch berufenden postmemorialen Perspektive der Nachgeborenen, in denen das Trauma dennoch weiterlebt, künstlerisch mit dem Holodomor auseinander.

Auch an diesem Projekt zeigt sich die Spezifik der Arbeiten von Lia und Andrii Dostlievy: Ihre Projekte sind motiviert durch eine existentielle Betroffenheit, der sie künstlerisch nachgehen, an der sie höchst selbstreflexiv arbeiten und deren Bewältigung bzw. traumatische Unmöglichkeit der Bewältigung sie mit je spezifischen Mitteln aufspüren, wobei stets Verfremdung und auch eine medienreflexive Dimension eine Rolle spielt. Im „Holodomor“-Projekt bildet das Schuldgefühl beim Wegwerfen von Essen den Ausgangspunkt. Es wird auf die Erinnerung an die immer wiederholten Erzählungen der Großmutter über die Hungersnot 1932-33 zurückgeführt, die einen festen Bestandteil des Familiengedächtnisses bilden. Die auf den Blättern mit Tinte verewigten Abdrücke von Essensresten, die die Autoren wegwarfen, bilden gleichsam Spuren eines künstlerischen Bußrituals, mit dem die Schuld ein Stück abgetragen werden kann, und das die Betrachter_innen so performativ mit- und nachvollziehen können. Aber mit den Abdrücken wird noch ein weiteres Medium verbunden, die Photographie: „vorgefundene Bilder von anonymen und nicht zu identifizierenden Landschaften“ werden – formal sehr harmonisch, so dass sich an der Oberfläche der Schattierungen und Umrisse Korrespondenzen ergeben – in die Abdrücke hineingesetzt. Sie irritieren den Blick, verfremden die Abdrücke und die Abdrücke verfremden sie durch das Kippen von einer Oberflächenstruktur in einen perspektivischen Illusionismus. So wird ein Weiterdenken auf einer anderen reflexiven Ebene provoziert: Wie soll man die Toten betrauern, wenn doch Massentode durch Hunger keinerlei Spuren in der Landschaft hinterlassen? Lia Dostlievas empathischer Verfremdungskunst gelingt die Arbeit am Trauma ebenso wie das Ritual der Trauer. Sie lädt die Betrachter_innen zur empathisch-reflexiven Partizipation ein.

von Susi K. Frank

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