„Sekond Hend“ – Mythen und Geschichten über die Krim

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Die Krim gilt als eine Projektionsfläche für poetische und ideologische Fantasien. Die Halbinsel im Schwarzen Meer rückte Mitte des 19. Jahrhunderts ins Zentrum des militärischen Interesses von England, Frankreich und der Türkei. Diese Interessenkonflikte dauern bis in die Gegenwart an: Eine überwiegend russischsprachige Bevölkerung eignet sich nicht ohne Ambivalenzen die ukrainische Kultur an – und umgekehrt, je nach Quellenlage und kulturellem Standort.

Die literarische Aneignung der Krim blickt ebenfalls auf eine lang andauernde, international ausgerichtete und entsprechend heterogene Tradition. Als Schauplatz bietet die abwechslungsreiche Landschaft Anknüpfungspunkte für Verortungen im mediterranen wie im orientalischen, aber auch in einem ur-europäischen Kontext. Während in Goethes „Iphigenie auf Tauris“ das antike Erbe der Krim heraufbeschworen wurde, diente die russische Krim-Lyrik im 18. und 19. Jahrhundert zur verherrlichenden Verarbeitung der hellenisierenden „Tauris“-Rhetorik Katharinas II., unter deren Herrschaft die Krim 1783 aus dem Osmanischen ins Russische Reich eingegliedert wurde.

Innerhalb der neueren Osteuropa-Forschung haben Larry Wolff (The Invention of Eastern Europe, 1994) und Neal Ascherson (Black Sea, 1994) die Halbinsel prominent gemacht. Wenn Wolff über Osteuropa sagt, dieses Territorium sei ein intellektuelles Objekt „under construction“, so kann man das für die Krim nach der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert im besonderen Maße behaupten. Reisebeschreibungen und literarische Texte haben die Halbinsel aus westeuropäischer Sicht zur Metonymie für das gesamte Osteuropa gemacht und aus russischer Sicht zum eigenen, nationalen Symbol.

Ein willkürlich-zufälliger Blick auf vier neuere literarische und wissenschaftliche Texte, die als exemplarisch gelten können, zeigt, dass die Halbinsel im Schwarzen Meer noch immer ein dankbarer Gegenstand für touristische Reisen auf die Krim und mentale Reisen in die Krim-Mythologie ist.

Sexy Anti-Bayern

Einen literarischen Anspruch hat das schmale, kaum lektorierte Büchlein mit dem viel versprechenden Titel „Sewastopol Sekond Hend. Unsachliche Beobachtungen an hochhackigen Stakselfrauen, Wodka und Tataren“, das 2004 bereits in dritter Auflage in dem bayrischen, auf männliche Autoren spezialisierten Lagrev Verlag herausgekommen ist. Darin appelliert der Autor Jörg Steinleitner, der sich selbst mit dem Erzähler und Protagonisten gleichsetzt, der Leser möge sich auf Abenteuer einstellen und sich dabei amüsieren.

Diese bestehen zunächst aus einer ausführlichen Aufzählung von Reisevorbereitungen wie Impfungen und dem Visumsantrag, die noch von Deutschland aus die „Exotik“ der bevorstehenden Reise umreißen. Ähnlich aufregend geht es weiter, wenn der „Beobachter“ vor Ort in Sevastopol’ sich erst nach mehreren Tagen traut, ohne Begleitung auf die Straße zu gehen. Die Abenteuer, mit dem der Münchener Rechtsanwalt, der keine osteuropäische Sprache spricht, jeden Tag kämpft, sind Gestank, Hunger und buchstäblicher Appetit auf Frauen.

Aus den Ratschlägen an den potentiellen Ukraine-Urlauber lässt sich ableiten, dass man nicht nur Salz, Pfeffer, Seife und Kakerlakenspray bei sich haben müsste, sondern auch Angst vor den Stadtbewohnern, die er durchweg „Eingeborene“ – ohne Anführungszeichen – nennt. Sie sprechen meistens Russisch, stellen Fragen, sind arm und haben ihre eigene Bürokratie, womit sie nur im letzten Punkt eine Gemeinsamkeit mit der Lebenswelt des Autors haben.

Begleitet von einer „ziemlich paranoiden Einstellung“ gegenüber dem Essen, verlegt er sich aus „Desinfektionsgründen“ (!) auf das Trinken. Der Verfolgungswahn gipfelt nebenbei in der Neuauflage einer Sacher-Masoch-Fantasie auf dem Lebensmittelmarkt: „Ich werde nackt, nur bekleidet mit einem Damen-Calvin-Klein-T-String aus Nylon barfuss durch die Fleischhalle gepeitscht.“

Mit Leichtigkeit, die leicht mit Banalität und Selbstverliebtheit verwechselt werden kann, präsentiert der Text eine Perpetuierung zweier traditioneller Krim-Klischees: die Orientalisierung, die sich in dem Begehren der Bewohnerinnen wiederholt, und der abwertenden Sichtweise eines vermeintlich zivilisierten Betrachters auf eine rückständige, „stinkende“ Gegend.

Größtes Abenteuer ist demnach der Anblick der im Gegensatz zu deutschen Feministinnen gepflegten und im Gegensatz zu ihren äußerlich abstoßenden und faulen russischen Männern gut riechenden Frauen in kurzen Röcken. Im 18. und 19. Jahrhundert waren es die tatarischen Frauen, die die Fantasien westeuropäischer und russischer Reisender auf Grund ihres religiös vorgeschriebenen Schleiers geweckt haben.

Auch wenn das zentrale Schwarz-Weiß-Verfahren den Text trivial macht, ist ihm eine gewisse unfreiwillige Ambivalenz eigen, die häufig bei der Wahrnehmung der Krim auftaucht: Die Landschaft wird als schöngedacht, aber die Begegnung mit ihr und den Menschen als fremd erlebt – in diesem Fall als ein exotischer und erotischer, aber durch und durch anti-bayerischer (Un-)Ort.

„Gotenland“

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Auch wenn zu dem unreflektierten Reisebericht des Freizeitschriftstellers keine beabsichtigte intertextuelle Parallele vorliegt, hat die Vereinnahmung der Krim seitens deutscher „Kulturträger“ eine politische Tradition, die retrospektiv nicht nur wegen ihrer verhinderten Realisierung, sondern wegen ihrer absurden, die Maßstäbe verschiebenden Realitätskonstruktion wie eine imaginierte gelesen werden kann. Norbert Kunz rekonstruiert die Planung und die Umsetzung dieser mentalen und militärischen Aneignung der Krim in seiner umfangreichen und differenzierten Dissertation Die Krim unter deutscher Herrschaft (1941-1944). Eine Germanisierungsutopie und Besatzungsrealität. Bemerkenswert für die kriegshistorische Arbeit ist die Vielseitigkeit der verwendeten Quellen, unter denen auch einige mit fiktionalem Charakter zu finden sind.

Die Untersuchung führt plastisch vor Augen, worauf sich die Motivationen und Ansprüche des Deutschen Reichs gestützt  haben und lässt damit einmal mehr staunen, wie willkürlich Geschichte geplant und gemacht wird. Neben der Lage (Nähe zum Bündnispartner und Öllieferanten Rumänien, geostrategisches Zentrum der Schwarzmeerregion) und der Beschaffenheit (günstige Schiff- und Flugzeughäfen), die die Krim in Hitlers Augen zum ,Flugzeugmutterschiff‘ machte, hat letztlich eine zweckgerichtete historische Fantasie zu einem militärisch nützlichen Krim-Mythos im 3. Reich beigetragen. Alfred Rosenberg, der 1917 auf der Krim mit seiner Frau zur Kur war und begeistert von den Gotenhöhlen von Mangup Kale und anderen landschaftlichen Spuren der Vergangenheit zurückgekehrt ist, lieferte die Vorlage für die Ausdehnung von Hitlers Faszination für ein ‚Großgotisches Reich‘ im osteuropäischen Raum.

Kunz zeigt, dass die deutschen Aspirationen auf die Krim bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert vorhanden waren. Das Schlagwort von der „deutschen Riviera am Schwarzen Meer“ war im 1. Weltkrieg bereits verbreitet. Neben der Ansiedlung von Tiroler Wehrbauern gehörte die Verlegung einer Autobahn dorthin zu Hitlers Plänen. Am Beispiel von Autoren wie Alfred Eduard Frauenfeld und Georg Kutzke veranschaulicht Norbert Kunz, wie das virulente nationalsozialistische Krimgotenbild in literarisierten Geschichtsdarstellungen verdichtet und untermauert wurde. Einzelne Motive auswählend und in einen neuen Zusammenhang einordnend, bündelte Frauenfeld sie für das politische Ziel, eine weit in die Vergangenheit reichende und beinah kontinuierliche germanische Siedlungsgeschichte auf der Krim zu etablieren. Neben der „Romantik und dem Zauber des Geheimnis umwitterten Krimgoten“ betonte er die Ähnlichkeit der Krimgoten zu den Niederdeutschen und meinte, „Gotenblut“ in den Bergtataren zu erkennen. Ihre Nähe zu den reichsdeutschen „Stammesbrüdern“ äußere sich in ihrer Intelligenz, ihrer Sympathie für die Deutschen sowie ihrem Äußeren, ihren sauberen Häusern und ihrem Fleiß. Auch die Schrift „Alteuropa am Dnjepr“ von Kutzke hebt auf vermeintliche rassische Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Krimbewohnern ab, wobei er sich auf Herodot stützt, der im 5. Jh. v. Chr. die blonden Haare und blauen Augen einiger Männer auf der Krim erwähnt hatte.

Die Spannung, die die Arbeit von Norbert Kunz in ihrer chronologisch bis zum Ende der deutschen Herrschaft auf der Krim angeordneten Faktenfülle entfaltet, wirkt wie ein Blick auf die Geschichte des 2. Weltkrieges vom südöstlichen Randplatz aus, von wo der Gesamtzusammenhang des „Generalplans Ost“ in verfremdet-neuer Weise noch grotesker als gewohnt erscheint. Die Instrumentalisierung der Krim „als potentielle Experimentierstube deutscher Volkstumspolitik“ (Kunz) ist in all ihrer katastrophalen Auswirkung dargestellt.

Die russische Tauris

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Bei der gotisch-deutschen Siedlungskontinuität greift die Legitimation der deutschen Kolonisationspläne in den russischen Diskurs der Krimaneignung hinein, wenn sie sich auf die Süddeutschen beruft, die Katharina II. im 19. Jahrhundert auf der Krim angesiedelt hat. Eine Einverleibungsstrategie Katharinas wiederum ist die topographische Umbenennung mit gelenkter Semantik, wie sie durch die geplante Umtaufe der Halbinsel in „Gotengau“ und einzelner Städte, wie zum Beispiel Sevastopol’s in „Teoderichhafen“, vorher existiert hatte.
Durch die Inklusion des antiken Erbes stellte Russland seine Europäizität unter Beweis: Wie die tatarische „Kirim“ nach der Eroberung unter Katharina II. zur „Tauris“ wurde, und damit von der südlichen Peripherie in das Zentrum der russischen kulturellen Selbstdefinition gerückt ist, analysiert Kerstin S. Jobst in ihrer Habilitationsschrift Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich, die 2007 in dem Nachfolgeunternehmen des Konstanzer Universitätsverlags erschienen ist.

Die Autorin grenzt sich von der üblichen geschichtswissenschaftlichen Praxis ab und stützt sich nicht nur teilweise – wie Norbert Kunz – auf fiktionale Quellen. Reisebeschreibungen der Krim bilden neben der diskursiven Analyse von Zeitschriften wie dem Russkij vestnik und Sovremennik und literarischen Quellen ihren zentralen Untersuchungsgegenstand. Auch wenn der Bezug zur Diskursanalyse relativ fragmentarisch bleibt und die Begrifflichkeit der Postcolonial studies dominiert, veranschaulicht die Autorin ihre These schlüssig von der ersten bis zur letzten Seite: Die Konstruktion eines linearen russisch-slawischen Geschichtsbildes blende aus, dass „die Krim schon immer Durchzugsgebiet vieler Völkerschaften war und sich jedem exklusiven nationalen Besitzanspruch entzieht, denn u. a. bevölkerten Kimmerier, Skythen, Griechen, Ostgoten, Chazaren, Genueser und Venezianer sowie Turko-Tataren diese Halbinsel.“ (Jobst, 16f.) Die „Russischmachung“ der Krim, die die Verfasserin auch „osvoenie“ (Aneignung) nennt, trägt koloniale Züge, besonders durch die in den Reisebeschreibungen und literarischen Verarbeitungen auftauchenden Topoi. Bei dieser Gelegenheit weist sie selbstkritisch darauf hin, dass Geschichtswissenschaften auch Legitimationswissenschaften für jeweilige ideologische Standpunkte seien. Ergänzend könnte man dies ebenfalls für literarische Text behaupten, in denen die Krim unter  Anwendung des romantischen Orientalismus zu einem imperialen Ergänzungsraum der Fantasie  wurde.

Ergänzt werden Petersburg und Moskau – zwei Metropolen, von wo aus die Konzeption der Krim als dem anderenOrt vorgenommen wurde, was eine der wenigen Überschneidungen von Kerstin S. Jobst mit den Ergebnissen von Aleksandr P. Ljusyj ist. Der Wissenschaftler und Publizist hat seit seiner Dissertation 2003 mit dem Titel Der Krim-Text in der russischen Kultur und das Problem des mythologischen Kontexts (Krymskij tekst russkoj kul’tury i problema mifologičeskogo konteksta) an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität (RGGU) in mehreren Publikationen dieses Thema weiter verarbeitet. Unter ihnen fällt das ebenfalls 2007 in Moskau im Verlag Russkij impul’s mit Mitteln des Programms zur Förderung der russischen Kultur erschienene Buch Das Erbe der Krim (Nasledie Kryma) als besonders kontrastreich zu Kerstin S. Jobsts Studie auf.

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Ohne dass die kulturwissenschaftlich vorgehende Potsdamer Historikerin und der Moskauer Kulturologe ihre gegenseitige Arbeit kennen würden, haben sie eine ähnliche Ausgangsthese: Die Krim ist wegen ihres dichten Symbolgehalts ein Bestandteil der russischen Kulturgeschichte und nationaler Selbstdefinition. Doch obwohl sich beide anhand von fiktionalen Quellen wie Reiseberichten und literarischen Texten mit der Entstehung dieser Symbolträchtigkeit beschäftigen, kommen die Wissenschaftler zu frappierend unterschiedlichen Ergebnissen. Während die Projektion des Krim-Textes bei A. P. Ljusyj die Halbinsel diskursiv ausschließlich an die russischen Metropolen bindet, löst K. S. Jobst die Tauris ein Stück weit aus der Selbstverständlichkeit ihrer Vereinnahmung für das russische Nationalbewusstsein heraus. Bei ihr  kann die Krim nur dadurch eine „Perle des Imperiums“ sein, weil sie als Gegenteil und zum Teil Überhöhung der nördlichen russischen Metropolen verstanden wird, vor allem aber als eine künstlich in Szene gesetzte Vorzeigevitrine eines aggressiv-imperialen russischen Reiches. A. P. Ljusyj hingegen wiederholt ein weiteres Mal, dass diese Region künstlerisch inspirierend wirkt und scheint ihr selbst auch zu erliegen, da er seine bereits vorher publizierten Texte kapitelweise reproduziert.  Auf Grund der großen über bzw. auf der Krim entstandenen Menge an russischsprachigen Texten stellt er die Halbinsel literarhistorisch, aber auch im Sinne einer Nationalmetaphorik gleichrangig neben Beschreibungen über Petersburg und Moskau.

Als eine der ins kollektive Bewusstsein einschneidenden Markierungen betrachtet A. P. Ljusyj neben A. S. Puškins Gedichten und vielen kurz anzitierten Texten die Sevastopoler Erzählungen (Sevastopol’skie rasskazy) Lev Tolstojs und führt die Heroisierung der „Heldenstadt“ indirekt selbst fort. Auf Grund der Entästhetisierung des Krim-Krieges (1853-56) in den realistisch-schonungslosen Erzählungen, der hohen Opferzahl auf russischer Seite und des langen Widerstandes während der Belagerung wurde Sevastopol’ zu einem der wichtigsten Erinnerungsorte an diesen und den Zweiten Weltkrieg, an das Leiden der Menschen und nationales Heldentum. Bei K. S. Jobst wird der Eingang Sevastopols in den russischen Krim-Diskurs als eine Nationalismuspraktik geschildert, die gegenüber tatarischen und ukrainischen Ansprüchen noch heute nachwirkt.

Einen interessanten Anstoß wirft A. P. Ljusyj in der Menge seiner mal mit theoretischem, mal mit persönlichem Anspruch versehenen Assoziationen auf, wenn er noch vor Puškin einen Autor ausmacht, den er zum „Kolumbus“ der lyrischen Krimverarbeitung ernennt: Semėn Bobrov mit Gedichten wie Antike Nacht des Weltalls (Drevnjaja noč Vselennoj) und Tauris (Tavrida). Damit konterkariert A. P. Ljusyj seine eigene These von der ausschließlich russischen kulturellen Einschreibung der Krim, denn Bobrov hat sich an den Formen der englischen Beschreibungslyrik orientiert.

Um ein Resümee aus beiden Studien zu ziehen, hilft der Blick auf eine der ersten berühmten Reisebeschreibungen. Die Krim als „lieblicher Ort“ wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts von Lady Elizabeth Craven geprägt und zieht sich in diversen Variationen bis in die Gegenwart. Die Engländerin, deren Reise kurz vor der Katharinas in Begleitung ausländischer Gesandter – sozusagen als Generalprobe – stattfand, nahm die Inszenierung des Wohlstands auf der Krim von Grigorij Potemkin und die Bevorzugung griechischer Toponyme von Katharina der Großen als real hin, meinte sie doch sogar in den Russen selbst wegen ihrer intellektuellen Fähigkeiten „griechische Merkmale“ zu erkennen. Sie antizipierte die nachfolgende russische und europäische Krimvorstellung durch ihre empathische und dabei flexible Interpretation.

Überspitzt gesagt finden sich bei Lady Craven die Positionen sowohl von A. P. Ljusyj als auch von K. S. Jobst: Zunächst die pathetisch ausgedrückte Bewunderung für die Landschaft und die in ihr bzw. ihren Häfen implementierte (militärische) Stärke Russlands, gleichzeitig aber auch Kritik an einer rein russischen Nutzung des Landes, die wiederum eigenen kolonialen Vorstellungen entspringt. Die grüne Landschaft zwischen Perekop und dem Küstengebirge sei wie in England – was liege da näher, als „ehrliche englische Familien“ in diesem Land anzusiedeln, damit sie Manufakturen errichten und Handel treiben? (Craven 1780)

Cravens Vision wurde von Vasilij Askenov fast genau 200 Jahre später im Roman Ostrov Krym aufgegriffen, wo die Halbinsel ein westeuropäisch geprägtes Autonomiegebiet und der kulturelle Antipode zur Sowjetunion ist, weil sie wirtschaftlich stabil, international, südlich und lebenswert ist. Mit Ascherson wurde ebendiese Schönheit, die eine Flut von lobpreisenden Abbildungsversuchen ausgelöst hat, der Krim zum Verhängnis, da sie bei vielen Mächten ein „fast sexuelles Besitzverlangen“ ausgelöst hat. Bleibt zu hoffen, dass es künftig nur im textuellen Raum nach Erfüllung strebt.

Tatjana Hofmann

 

Craven, Lady Elizabeth: A Journey through the Crimea to Constantinople. Wien 1880.

Jobst, Kerstin S.: Die Perle des Imperiums. Der russische Krim-Diskurs im Zarenreich. UVK Gesellschaft mbH. Konstanz 2007.

Kunz, Norbert: Die Krim unter deutscher Herrschaft (1941-1944). Eine Germanisierungsutopie und Besatzungsrealität. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt  2005.

Larry Wolff: Inventing Eastern Europe: The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment. Stanford  1994.

Ljusyj, Aleksandr P.: Nasledie Kryma. Russkij impul’s. Moskau 2007.

Steinleitner, Jörg: „Sewastopol Sekond Hend“. Unsachliche Beobachtungen an hochhackigen Stakselfrauen, Wodka und Tataren. Lagrev-Verlag ³. München und Bruchmühl  2004.

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