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Bożena Keff heißt auch – und zwar seit ihrer Geburt in der Mitte des 20. Jahrhunderts – Bożena Umińska (oder seit einigen Jahren Umińska-Keff). Der Name des Vaters, dem es zu Beginn der Volksrepublik Polen von der Armee wärmstens anempfohlen wurde, den jüdischen Namen Keff gegen einen polnischen zu wechseln, wurde zum Namen der Dichterin. Seit den 1980er Jahren veröffentlicht Keff kleine Gedichtbände, die 2000 in Ist nicht fertig (Nie jest gotowy) gesammelt erschienen sind. Die Literatur
wissen-
Verteilt auf viele Stimmen und einen Chor wird im Stück über Mutter und Heimat eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählt (oder eher gesungen?), mal im lyrischen Ton, mal mit Gebrüll. Die Mutter – als Mater und Demeter – 'singt' ihre Arien im Bass, Alt und Sopran. Diese Demeter ist gleichsam Hekate, die böse Göttin der Totenbeschwörung. In den Partien der Tochter, die mal als Erzählerin, mal als Kora oder Persephone, mal als Lara Croft, als Ripley vom Raumschiff Nostromo oder aber als Nosferatu erscheint, wird die Geschichte einer unheilvollen Beziehung geschildert, einer Abhängigkeit und einer verspäteten Rebellion. Die Mutter, einsam und egoistisch, gefangen in der eigenen Leidensgeschichte, klammert sich an ihre Tochter, lässt sie nicht los, unfähig, ihr Kind als Person wahrzu- Jetzt, da Hitler, der mir die ganze Familie ermordet hatte, Die Mutter, die den Krieg und den Holocaust nach der Flucht aus Lemberg in der Sowjetunion überlebte, macht ihre Tochter zur Geisel ihrer Leidens- Ich weiß nicht mal, wann ich zum Altar steige, mich selbst aufschlitze Die Geschichte der oppressiven Beziehung findet kein Happyend. Es gibt keine Versöhnung, wenn auch zum Schluss die alte Mutter und die ebenfalls schon nicht mehr junge, ergraute Tochter sich etwas näher kommen, nicht zuletzt geeint vor einer anderen, größeren, aber ebenso kranken, gnadenlosen und oppressiven Mutter-Göttin: der Heimat. Im Epilog, im satirischen "Lied aus dem Wartezimmer der Arztpraxis", reproduzieren die dort versammelten Herrschaften eine Mixtur aus antisemitischen, gegen alles 'Nicht-Polnische' (sei es Miłosz oder Szymborska, seien es Schwule oder Feministinnen) gerichteten Beschimpfungen; eine vox populi in kondensierter Form, bekannt aus manchem rechtsextremen Presseblatt oder dem berühmt-berüchtigten Rundfunk, der ebenfalls eine Mutter im Namen führt – die Gottesmutter Maria. Keffs Stück über Mutter und Heimat ist höchst blasphemisch. Nicht nur, weil es die kulturelle Heiligkeit der Mutterschaft aufs Schärfste angreift. Noch schwerwiegender thematisiert das Stück, und zwar unverblümt, das, was in der Literatur der sogenannten zweiten Generation, der Kinder der Holocaust-Überlebenden oft nur angedeutet wird, nämlich, wie stark das Trauma der Eltern das Leben ihrer Kinder beschädigt. Die Autorin gibt in einem Interview offen zu, dass es Spiegelmans Graphic Novel Maus war, die sie zum Schreiben ihres Stücks ermutigt hatte. Nun setzt sie – anders als Spiegelman dies tat – das Kind, die Tochter, in den Mittelpunkt. Auch ähnelt die Mutter nicht den aus den vielen Büchern der zweiten Generation bekannten, im quälenden Schweigen versteinerten Eltern, denen die Kinder mit Furcht und Mitleid begegnen. Der Mutter muss ihre Geschichte nicht durch endloses Fragen entrissen werden, ganz im Gegenteil, ihr endloses Plappern verhindert geradezu, dass ihre Geschichte bei der Tochter ankommt. Und die Tochter gibt dies zu: Aber der Krieg kam und alle wurden umgebracht. Die Tochter, Kora-Persephone, ist Dichterin, so gibt es für sie keine "undarstellbaren Dinge". Diese Warnung wird schon zu Beginn des Stücks ausgesprochen und das Versprechen wird eingehalten. Nun verwundert es nicht, dass wenn man sich vornimmt, so viel Verletzendes auszu- Inspiriert von Bożena Keffs Stück, fand in der Krakauer Galerie für Moderne Kunst Bunkier Sztuki (Kunst-Bunker) von Juni bis August dieses Jahres die Ausstellung Meine Mutter ist nicht göttlich (Moja matka nie jest boska) statt. Sechs junge Künstlerinnen haben Installationen entworfen, die die Tochter-Mutter-Beziehung zum Thema haben. Unterschiedliches kam dabei heraus, darunter eine Videoaufnahme einer Choreographie von zwei sich im Tanz miteinander messenden Frauen, eine 'Phototapete' aus den in öffentlichen Frauen-Toiletten photographierten Sprüchen (suko jedna – das Deutsche kennt im Unterschied zum Polnischen und Englischen das Schimpfwort bitch nicht), und eine begleitende akustische Installation mit einer eindringlichen Mädchenstimme, die nach der Mutter ruft. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Künstlerinnen ausschließlich auf den privat-familiären Aspekt des von Keff so drastisch geschilderten Konflikts bezogen haben. Es steht außer Frage, dass dies in Polen schon genug Stoff für künstlerische Auseinandersetzung bietet (aber nicht nur dort), wo die Mutter-Figur kulturell so überladen ist, dass der Blick aufs Alltägliche versperrt wird. Es steht aber genauso außer Frage, dass die Tochter und die Mutter in Keffs Stück nicht ausschließlich Figuren eines Familiendramas sind. Die Künstlerin Dorota Buczkowska hat in der Abstraktheit ihrer Installation Transfusion eine eindrucksvolle visuelle Metapher für die von Keff geschilderten Konstellationen gefunden: Buczkowska verband zwei durchsichtige aufblasbare Plastiksessel, mit roter Flüssigkeit gefüllt, mit einem Schlauch. Genauso osmotisch miteinander verbunden erscheinen die Tochter und die Mutter im Stück, und die Transfusion des Leidens, das keineswegs nur im Privaten seinen Ursprung hat, macht sie unzertrennlich.
Keff geht in ihrem Stück über das Private hinaus und universalisiert den intimen Konflikt zu einer kulturellen Matrix – im wortwörtlichen Sinne: Die oppressive Mutter steht für den matriarchalen Part im patriarchalen, autoritären Netz der Macht. Matrix ist seine Kehrseite und sein Hinterhalt. Es ist anzunehmen, dass das gerade Keff übel genommen wird, ihr Drang zum Universalen, der jeder Einzigartigkeit der Identität trotzt, auch der Jüdischen. Auch das wird im Stück klar gesagt, wenn Polańskis Film Der Pianist kommentiert wird, denn: im Großen und Ganzen ist man mehr Künstler als Jude, Das Nachwort zum Stück über Mutter und Heimat haben zwei Frauen verfasst: Maria Janion und Izabela Filipiak, die beide selbst zum Inbegriff des Außenseitertums geworden sind. Maria Janion, eine Nestorin und Patronin (Mutter?) der polnischen Literaturwissenschaft, die sich seit Jahrzehnten mit der Transgression, mit den Exkludierten und Ausge- von Magdalena Marszałek mit Übersetzungen von Michael Zgodzay.
Bożena Keff, Utwór o Matce i Ojczyźnie. Kraków 2008. Bożena Keff, Nie jest gotowy. Warszawa 2000. Bożena Umińska, Barykady. Kroniki obsesyjne. Kraków 2006. Bożena Umińska-Keff, Postać z cieniem. Portrety Żydówek w polskiej literaturze od końca XIX wieku do 1939 roku. Warszawa 2001. Nielegalny plik, ein Interview mit Bożena Umińska-Keff von Katarzyna Bielas, Gazeta Wyborcza, 26.05.2008 (http://wyborcza.pl/1,76842,5250183,Nielegalny_plik.html) Moja matka nie jest boska, Ausstellung in Bunkier Sztuki, Galeria Sztuki Współczesnej w Krakowie, 06.06.2008-31.08.2008 (Künstlerinnen: Anna Baumgart, Jadwiga Sawicka, Aleksandra Buczkowska, Dorota Buczkowska, Karolina Kowalska, Zorka Wollny; Kuratorinnen: Anka Sasnal, Martyna Sztaba).
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