Bożena Keff

Ein Stück über Mutter und Heimat (Auszug)


In den Sümpfen des Mississippi

Inchens (der Tochter) Monolog
In den Sümpfen des Mississippi düster, schwül und Dämpfe. Kaum bei Bewusstsein
trägt mich der Strom auf morschem Stamm und wird mich sicher
zu ihrer Wohnung in der Anielewicz Straße hintragen,
Anielewicz Mordechaj. Es gibt keine Flucht,
unmöglich der Sprung über Lianen, hoch auf den Baum und von dort in den Himmel,
in ein Flugzeug, das gerade in die Welt fliegt, da draußen. Hier herrscht Entweder – Oder,
Entweder bist du Hier – Oder du bist Hier. Schon geht vor mir ein Tor auf,
und ich steige in denselben Fluss, in den ich vorgestern gestiegen bin.

                                   *

Doch ich bin unfähig, ans Ufer zu gelangen, die Kleider zu wechseln,
die Sandalen anzuziehen und fortzugehen,
sie sich selbst zu überlassen. Und mich selbst mir zu überlassen.
Sie könnte sterben, denke ich. Könnte es nicht mehr aushalten. Ich frag nicht mehr was,
dies ist kein Ort für meine Überlegungen. Bedenke, Wanderer, dass ich in die Strömung
geraten bin, als ich noch im Bauch des Schicksals lag. Welches soeben das quietschende
Eisentor öffnet, hinter dem sich etwas befinden sollte,
irgendein so genanntes Innen.
Es öffnet sich einen Spalt breit und ich, was vorausgesagt worden ist, gehe hinein
mit einer Hoffnung, die ich gar nicht mehr zu haben glaube.

 

Gesang der Mater-Demeter

Ich sitze hier allein
(Bass der Mutter)

Ich sitze hier allein in den vier Wänden in den vier Wänden allein
aber was bekümmert's dich dass die Mutter allein in ihren vier Wänden sitzt
Was bekümmert dich mein Leben was weißt du überhaupt über mein Leben
wirst du dich mal interessieren wirst du mein tragisches Leben
mein schreckliches Leben verstehen oder wenigstens meine höllische Infektion
Was bekümmert's dich. Kaum kommst flüchtig herein willst du schon wieder gehen
Sicher
gibt’s viel interessantere Dinge auf der Welt als die Mutter und ihr Leben

Oh ganz sicher ohne Zweifel es ist ganz klar.

 

Lara Croft

Erzählerin
Aus den Sümpfen der Depression ragt, zur Hälfte versunken, ein offener Rachen
voller Klage. Manchmal quillt Lava hervor, manchmal stäubt kalte Asche.
Sie stammt aus den Archiven des Jüdischen Historischen Instituts,
wo sie seinerzeit beim Ordnen der Erschossenen und Vergasten
über etwas gestolpert ist.
– Ich habe – sprach sie und sah
direkt ins Nichts (das bin ich, vor ihr, auf einem Stuhl) – ein Dokument gefunden.
Meine Mutter wurde im Wald am Rande von Lemberg getötet.
Sie wurde im Wald erschossen. Ein halbes Jahrhundert lang habe ich es nicht gewusst.

                                               *

Ein halbes Jahrhundert lang wusste sie es nicht und jetzt weiß sie es!
Und spricht darüber in Gegenwart eines unfreiwilligen Zeugen.
Zufällig war es eine Brünette in Handschuhen aus Krokodilleder,
eine Agentin der fiktiven Welt, Lara Croft, oder so ähnlich.
Sie hebt grade ab mit ihrem leichten Sportflugzeug Richtung Hawai, als eine ältere Frau,
gekleidet in eine ärmliche Pelerine, in den Propeller gerät. Lara steigt aus,
um der Ärmsten zu helfen, und diese – das Auge ins Nichts geschleudert – teilt ihr mit,
dass ihre Mutter vor einem halben Jahrhundert im Wald erschossen wurde.

– Ach was für ein Unglück! –
rief Lara aus, weil sie nicht herzlos ist.

 

Gewerkschaft gegen die Unfreiheit

Chor
(mit der Flagge der „Solidarność“ im Kanon singend)
Auf der Wand einer benachbarten Schule hat jemand mit weißer Farbe KOR JUDEN geschrieben.
Dann kam die Explosion, aber die Schmierereien entfernte niemand. Inchen hat sich
die Hoffnung ebenfalls nicht nehmen lassen
und trat in die Gewerkschaft gegen die Unfreiheit ein.
Sie engagiert sich so gut sie kann, aber was kann sie schon ausrichten?
Wenn die Mutter Kirche so viel mitbestimmt, wird daraus keine große Freiheit werden.
Sie sieht mehr Schützengräben einheimischer Unfreiheit als Barrikaden der Freiheit.
Außerdem verwünschen viele diese verfluchte jüdische Kommune.

Erzählerin
Und das war ihr Vater. Es ist schon lange her, als er das Leben verlassen hat
(und mich, denkt manchmal Inchen, wagt aber nicht, es dem Selbstmörder vorzuwerfen).
Ganze Tage lang hört sie Musik, das Herz tut ihr weh,
sie würde sich gern scheiden lassen und wegfahren. Weit weg. Wie ekelhaft ist dieses Land!

Sie verstehen die eigene Geschichte nicht und haben keine Identität,
sie können nicht mitleiden, haben keine Empathie, diese Spät-Sklaven des polnischen Adels,
angeblich stammen sie alle vom Adel ab. Ein Stamm, zusammengekleistert durch den Mythos,
Individualität ist hier verboten.
Der Bauer soll hier ein Bauer sein, ein Sohn, der über die Ehefrau-Mutter herrscht.
Der Fremde soll Jude sein und sich im Untergrund verschwören.

Überall hört man nur: diese Juden und Juden, wenn nicht diese Juden,
nicht dieser Rakowski und Urban, wäre es anders hier,
wären nicht diese Juden,
dieser KOR, diese Michniks, Blumsztajns, Kurońs, Polen wäre dann Polen,
geschmückt mit dem polnischen Wahren, Schönen und Guten. Hitler hat sie ausgerottet, aber nicht vollständig!

Chor
Die Juden sind angeblich tot, doch ewig lebendig, haben sie die Kraft,
sich noch als Tote zu vermehren. Auf ihren Überresten steht so mancher Stadtteil,
auf ihren Knochen stehen Kirchen und Wohnhäuser, Chausseen und Parks,
die Stadt Warschau steht auf jüdischer Asche.
Hat sie denn jemand gebeten, hier zu verwesen!?
Durch sie gibt es nachts keine Sonne,
den Menschen geht es schlecht.
Selbst der Gott hat sich aufgehängt
durch sie
und hängt herunter.

Erzählerin
Hat sie vielleicht genug von diesem wahnsinnigen antisemitischen Land!
Von dieser Familie ihres Ehemannes aus der Kleinstadt!
Vor dem Krieg war das Städtchen jüdisch – jeder besitzt hier etwas von dem, was den Juden gehörte, die ihnen doch früher alles genommen hatten!
Die Familie des Ehemannes erzählt manchmal
über die Evakuierung und den Fleischmangel und Lebensmittelkarten für Zucker, genau wie jetzt!
Sie erzählen von den Verbesserungen, die hier, auf dem Klosterhof, eingeführt wurden,
als ihn die Nazis mit jüdischen Grabsteinen haben pflastern lassen, seit dem Krieg liegen sie dort
vierundvierzig
Jahre,
Die Priester der Religion der Liebe stören sich nicht an ihnen.

 

Die Wurzeln der Mutter liegen im Urmythos

Erzählerin
Die Wurzeln der Mutter liegen im Urmythos, sie selbst entstammt dem Mythos.
Es gab dort kein Kind, wo solche gewaltigen Dinge geschahen.
Jetzt herrscht das Zeitalter des Friedens und des Glücks für das Kind.
Die Mutter reißt an ihrer Geschichte,
reißt an der Haut, am Gedärm, gräbt mit der Hand tief in den Eingeweiden des Kadavers,
nie weiß man, was sie herausholen wird,
Typhus, vostočnye oblasti, Hunger in Wolgograd, Ghetto in Lemberg,
den Wichtigen Bruder, die Unwichtige Schwester, die Geizige Tante, oder Ihre Gute Mutter.
Ihre verbissen sehnende Seele eilt zu jenem Hunger, Explosionen und Tod
und heult wie eine Hyäne, hyä hyä: was weißt du schon, was denkst du schon,
was stellst du dir vor!?

Was denn ich! Fick dich, du Hyäne!
Ich lese etwas anderes, ich sehe etwas anderes, höre etwas anderes!


Plantage gegen die Freiheit

Erzählerin
Mater hat eine Plantage gegen die Freiheit,
sie betreibt den Anbau von LEIDEN und MUTTERSCHAFT,
die angeblich von Natur aus gut ist. So
geschmückt mit der Knospe der Unschuld,
wie schwer bewaffnete römische Legionen, wie die Armada der Katholischen Könige,
wie die Gefiederte-Schlange-Luftwaffe,
drängt sie vorwärts, führt den Sturzflug aus und hebt sich erneut in die Luft.
Und gegen den Schrecken schwingt sie Riesenzungen.
Wer wird aufmüpfig bei ihr? Wer wird ihr Leid noch vermehren? Höchstens eine Verzweifelte.
Oder ein wahnsinnig gewordener Deserteur.
Im Übrigen lebten die Sklaven – die sie mein liebes Kind nennt –
ziemlich armselig und wurden gelyncht aus geringstem Anlass. Dass sie die Kühnheit hatten,
nicht fünfmal in der Woche anzurufen, um die Rede des Rachens anzuhören,
und was soll er dann machen, wenn er so weit aufgerissen ist.
Allein in den vier Wänden.

Chor
Doch wie sehr man sich auch abmüht, keine Freiheit in Sicht.
Und diese unglückselige Frau ist immerzu allein in ihren vier Wänden!
Weder Zufriedenheit, noch Erleichterung, noch Befreiung; Ansprüche schrumpfen nicht.
Nicht genug zum Leben, nicht genug zum Sterben.

Erzählerin
Es kam die Zeit der Unruhe in den Sklavenhütten. Sie verschwören sich flüsternd.
Angetrieben von den Pubertätshormonen rebellieren sie und schmieden Pläne auf eigene Faust!
Ein gewisser Nat Turner wiegelt und hetzt sie auf. Die Sklaven, sagt er, gelten als Waisen,
bei Menschen sowohl wie bei den Göttern, was habt ihr zu verlieren? Ihr seid soviel wert
wie ein gutes Stück Leib, Fleisch, das ihr seid, was also habt ihr zu verlieren?

In der Nacht stürmen sie aus ihren Hütten mit Fackeln, mit Messern und Seilen,
sie morden, brandschatzen, schlachten und vergewaltigen; sie schreien,
dass auch sie Menschen sind!
AUCH SIE SIND MENSCHEN, Schluss mit dieser Unfreiheit!

 – Was war denn so schlecht bis jetzt an der Unfreiheit? – fragt die Plantagenbesitzerin. – Habe ich dich nicht ernährt? Nicht gekleidet? Hatte ich dir keine Abführmittelchen gegeben,
wenn du Verstopfungen hattest? Sagte ich nicht zu dir „Onkel Nat“?
Als wärst du, mit Verlaub, ein Weißer, du undankbarer Negeraffe, du
Schwuchtel, Jude, Abschaum, Verräter, Bolschewiken-Fresse!

 

Nola

Erzählerin
Lemberg ist der Geburtsort der Göttin.
Aus diesem Nest musste Nola, vom bösen Ahriman
namens Hitler vertrieben, Richtung Osten ziehen.
Ins innere Russland, in kleine Städtchen und große Städte, bis zum Ural,
mit ihrer Freundin, der sie, wie sie selbst bekennt, das Überleben verdankt.

Russland zieht sich weit nach Osten hin, und dort bringen sich die Menschen in Sicherheit,
außer denen, die nach Sibirien verbannt wurden, wie der Bruder von Nola, die nichts davon weiß.
Vorerst saust sie mit aller Kraft nach vorn – hinter ihr ziehen Ahrimans Armeen, die Infanterie,
Luftwaffe und Panzer – die Dämonen aus dem Westen in Lastwagen, in Jeeps,
auf Motorrädern und zu Fuß, doch in soliden Schuhen,
eigene und fremde Leichen hinterlassend, und vorwärts, und vorwärts;
Nola steht im Menschengedränge in den Güterzugwaggons,
arbeitet in Fabriken, näht, erkrankt an Typhus, hungert, und flieht wieder
mit Zügen durch die Steppe, und über den Zügen schwingt die Gefiederte-Schlange-Luftwaffe
ihren Schwanz, umzingelt die Lokomotiven, stoppt sie, zertrümmert die Waggons,
dann jagt sie die Menschen, macht Sturzflug, treibt sie zusammen, zielt und
hat ihr Soweto, hat hier ihr Safari!

Wie viel die Ahrimane auch erlegen und fressen, sie wollen mehr, sie speien Knochen, Haare, Schuhe, stellen Galgen auf, versengen mit Feuer, singen mit Freude, weinen vor Lachen,
so herzlich freut sie diese tierische Verzweiflung, dieser Ruin der Leichen.
Sie singen solange ihnen der Wind den Rachen nicht mit Schnee, Metall und Hunger füllt.

Chor
Was Nola betrifft, sie kam nach dem Krieg in ein Land, in dem sie vorher nicht gelebt hat.
In die unbekannten Städte, wo sie den Vater von Inchen traf; auch er kam aus Lemberg.
Er kehrte vor kurzem aus Berlin zurück, aus der Höhle Ahrimans, den er zerschlug,
und dem er eine Nähmaschine genommen hat, für Nola.

Erzählerin
Zusammen mit der Armee des Volkes,
die aus den Augenblicken unserer Freundschaft erblüht,
durchquerte er halb Europa
und fühlte, dass er selbst zum Volk gehört, zum Volk der Erde, zum Volk des Planeten,
zur Gleichheit, Freiheit, zur freien Bildung und Agrarreform,
doch mit der Zeit wurde er tödlich enttäuscht

(aber das ist eine andere Geschichte).

Sie kommen vom Westen, mit Panzern und Wagen,
und ich zwischen den Massen, Massen von Menschen, springe in den Zug
und fliehe nach Osten! – schreit die Stimme der Mater, sie wirbelt darin
wie ein Derwisch, immer wie ein Kreisel um die eigene Achse.
Niemals verlässt sie den Ring dieser Zeit.
Aber ich dachte, dass wenigstens meine Mutter in Sicherheit ist! Mein Bruder und meine Schwester! Aber da war schon niemand mehr dort.
Sagt sie. Niemand war dort. Wiederholt sie und wiederholt
und schaut auf diese Abwesenheit von Sinn –
denn ganz sicher nicht auf das Schicksal (und hier stimme ich ihr zu).

– Du sprichst also von meiner Großmutter – sagt Inchen – du sprichst von meiner Tante.
– Großmutter? – wiederholt Mater, bist du des Wahnsinns? Was haben denn diese Helden,
mein Kind, mit dir gemeinsam? Diese Geschichte ist mir passiert.
Ich selbst musste es erleben.
Du hast mit Nichts etwas gemeinsam.

Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay.

 

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