Stefan Kis'ov

Der Exekutor


Eine Übersetzungsprobe

Wofür kennt man uns, Nachfahren krummbeiniger Khane, von andersgläubigen Müttern, Verrätern, Sklaven und Leichtgläubigen befruchtet. Ein Volk, vom launenhaften Mund des Schicksals direkt auf die Kloake Europas gespuckt, den so genannten Balkan?
Für unser Rosenöl, dem in Salzlake eingelegten Schafskäse oder unsere hormonellen Vollkommenheiten? Oder dafür, dass der Vater der Computer, John Atanassov, die gereifte Frucht einer bulgarischen Eizelle war.
Bla bla bla.
Wir sind bekannt für unsere Mörder.
Sowie für die Herstellung von Regenschirmen.
Ha ha ha! […]


Der weltberühmte Schriftsteller Steven-Larry King – Autor von Meisterwerken wie „Der blutige Dreizack“, „Katzengedärme“, folglich weltweite Bestseller, beglückte mich mit der Ehre, meine Wenigkeit als Prototyp für den Helden seines neuen, noch nicht erschienenen, Romans „Der fliegende Mörder“ zu benutzen und hielt es nicht einmal für nötig, meinen Namen zu ändern – Stefan Gaŝtev.

Und so kam es dazu:
Es waren schon so manche Lenze vergangen, seitdem ich recht sorgenfrei mit meinen 12 siamesischen Hauskatzen und unter falschem Namen auf der Osterinsel wie ein Bürger in einem virtuellen Raum lebte. Zu dieser Zeit nannte ich das Hilton mein Heim, ein zehnstöckiges, mit weißem Stein ummanteltes Gebäude, das vollkommen unwirklich auf der steinigen Pazifikküste gelandet zu sein schien. Allerdings wurde meinem unbeschwerten Leben an dem Tag ein jähes Ende gesetzt, an dem ich, während ich meinen Kaffee vor dem Computer in meinem Luxusapartment schlürfte, ganz unerwartet Post von besagtem amerikanischen Autor in meinem elektronischen Briefkasten vorfand. In einem eleganten, in Englisch verfassten Brief, mit den Worten „Hochverehrter Mister Gaŝtev“ beginnend, teilte King mir mit, auf die Insel gekommen zu sein, nur um mich zu treffen. Weiterhin bestand er in den folgenden Zeilen eindringlich darauf, mich schnellstmöglich in der Lobbybar des schicken Osterinsel’schen Hiltons zu treffen, welches ich – so meinte der informierte Schriftsteller – „ich die Ehre hatte zu bewohnen“ und er vor einigen Tagen eingecheckt hatte. Er hätte mir etwas sehr wichtiges mitzuteilen. Unterzeichnet war die E-Mail mit den Initialen „S.L.K.“, was allein durch seine Rätselhaftigkeit mein Interesse geweckt hat.

Bis zu diesem Moment meinte ich, dass mein richtiger Name und vor allem meine genaue Adresse an diesem abgelegenen, vom Sahnehäubchen der Zivilisation derart weit entfernten Stückchen Erde, ein absolutes Geheimnis für die Vertreter der Menschheit, vor der ich mich bereits seit mehr als zehn Lenzen versteckt hielt, waren.
Damit war meine friedliche Anonymität dahin und in meinem Kopf drängten sich mir Bilder von apokalyptischem Ausmaß auf. Letztendlich beschloss ich, nach langem Hin und Her, dass es dumm wäre, mit jemandem Katz und Maus zu spielen, der sich die Mühe gemacht hatte, Tausende von Kilometern zu reisen, nur um mich zu sehen. Es war nämlich genau diese Hartnäckigkeit, über die besagter Mr. King offensichtlich verfügte, die meinen allzu zerbrechlichen geistigen Frieden, an dem ich mich eine gewisse Zeit so sehr erfreuen konnte, mit Leichtigkeit zerschlagen konnte. Daher war das Beste, was ich machen konnte, mich mit dem nervigen Eindringling an dem verabredeten Ort zu treffen, um herauszufinden, was er von mir will.

Gesagt getan. Ich fütterte meine Katzen mit „kittyKat“, duschte und ging anschließend zum abgemachten Treffpunkt. Dort wartete ein kleiner, bärtiger Mann mittleren Alters auf mich. Er trug eine Brille mit Metallrahmen von „Police Cut“, einen Leinenanzug von Versace und trank mit kleinen Schlückchen, sichtlich nervös, seinen englischen Pickwicktee, rauchte eine kubanische Zigarre und musterte sich selbst. Als er mich erblickte, stand er auf und streckte mir seine Hand mit einer typisch amerikanischen Freundlichkeit entgegen, die mich allerdings schon seit einiger Zeit nicht sonderlich beeindrucken konnte. Er nannte seinen Namen: Steven-Larry King. Wir plauderten ein wenig und dann kam er zum Punkt. Er hänge ein bisschen mit seinem Sujet. Und nun bräuchte er einen Prototyp. Nichts für ungut.

Von meinen zahlreichen Ausflügen ins Internet wusste ich sehr genau wer Steven-Larry King ist, ohne auch nur eines seiner weltweit millionenfach, über mehrere Auflagen verkauften, Bücher gelesen zu haben. Ehrlich gesagt, fühlte ich mich schon ein wenig geschmeichelt von seinem Wunsch, her zu kommen und mich treffen zu wollen - inmitten des Stillen Ozeans. Natürlich hatte ich im ersten Moment keinerlei Interesse daran, Protagonist seines nächsten Romans zu werden. Zugegebenermaßen glaubte ich vorerst sogar, Mr. Kings Angebot sei nur ein Vorwand dafür, mich als Leibwächter einzustellen oder gar in irgendwelche schmutzigen Geschäfte hineinzuziehen, wie es in den meisten seiner blutrünstigen Romane üblich ist (so erfuhr ich später von ihm). Aber ich hielt meine Zweifel vorerst zurück. Allerdings deutete mein schriftstellerndes Gegenüber mein Schweigen wohl falsch und klärte nervös auf:

-Der Protagonist ist der Held eines Romans.
Als ob ich das nicht gewusst hätte.
-Selbstverständlich – stimmte ich letzten Endes zu.
Wer würde nicht gerne ein Held sein?
Vor allem hier auf der Osterinsel.
Mister King, ein nervöser Typ mit entnervtem Gesichtsausdruck, stellte sich als ausgesprochen neugierig heraus, was Details meines, sowie des Lebens meiner ungewöhnlichen Familie anging. Besonderes Interesse zeigte er an meinen außergewöhnlichen Vater, Evtim Gaštev. Kaum als wir uns an einen Tisch der Hotelbar zurückzogen, lief auch schon das tragbare Sonydiktiergerät mit.

Und ich erzählte ihm die Details. Selbstverständlich konnte meine Version wohl kaum mit einem vollendeten, erzählerisch ausgefeilten Kunstwerk mithalten. An einigen Stellen war es etwas löchrig, verdreht und voller Widersprüche, da die Ereignisse, sowie die Zeit, die mich mittlerweile von ihnen entfernte, unterschiedlich große und verschieden gefärbte Flecken hinterlassen hatte. Die Flecken der Erinnerung sind nicht selten mit einigen Spinnereien oder Träumen durcheinander geraten, weil, auch so unwahrscheinlich es klingen mag, ein Mörder Träume hat. Sie meinen, dafür gäbe es Schriftsteller? Um mit viel Vorstellungskraft, Talent und Gerissenheit, das rohe Leben, in ein kunstvolles Stückchen Großartigkeit zu verwandeln? Aufgrund meiner angeborenen Vorsicht und dem Bestreben, mich zukünftig vor unangenehmen Überraschungen zu schützen, behielt ich die Kassette mit der, vor dem Autor vorgetragenen, wahren Geschichte meines Lebens. Und das, was Sie gerade in Händen halten, ist nichts weiter als die graphologische Abschrift dessen. Oder, besser gesagt, die Rohfassung des Romans „Der fliegende Mörder“. Würden Sie beide gelesen haben, würden Sie wissen, wie man einen Roman schreibt.
Und wie man zum Mörder wird.
Tja, können Sie aber nicht. Der Roman, welcher der hochverehrte Mister King zu schreiben beabsichtigte, wird nämlich für immer ein unerfüllter Traum bleiben
Was soll man machen.
C’est la vie.

[...]
Der fliegende Regenschirm
Laut vorläufigem Plan sollte ich mit meiner Rakete, dem berüchtigten „Flug 13“, in der Wüste Gobi, in der Mongolei, landen. Aber nach den Schäden, dem Treffen mit den Mitplanetariern meines Vaters Evtim Gaštev und der Verabschiedung von ihnen fand ich heraus, dass sich mein Raumschiff über Europa, genauer gesagt über Rom, der Hauptstadt Italiens, befand.
Und da ich mich laut Plan exakt 2000 Meter über der Erde herauskatapultieren sollte, schoss ich mich mit meinem Fallschirm heraus und stürzte nun nach unten.
Ich konnte ja wirklich nicht ahnen, dass ich genau auf den Papst fallen würde.

Und dass der türkische Terrorist Veshdi Aga genau in diesem Moment auf IHN schießen würde!
Eine böse Ironie des Schicksals: an diesem Tag hatte sich der Papst dazu entschlossen, eine Ansprache zum Thema „Gibt es Vorsehung?“ mit den Unterthemen „Die Wunder des Schöpfers“ und „Wird uns der Antichrist ereilen?“ halten. Auf dem Hauptplatz des Vatikans hatten sich mehr als hunderttausend Gläubige versammelt und die Rede des Papstes wurde von Fernsehsendern wie CNN und Euronews übertragen, um von Rai Uno, Due, und Tre gar nicht erst zu sprechen. Das bedeutet, dass vor den Fernsehschirmen in aller Welt im schlimmsten Fall mehr als eine Milliarde Menschen versammelt war.

Und nun, in diesem erhabenen Moment, tauche gerade ich mit meinem Fallschirm aus allen Wolken fallend auf, Veshdi Aga schießt und ich stürze direkt auf den Heiligen Vater.
Stell sich das mal einer vor.
[...] Raten Sie mal, wofür die Leute meinen Fallschirm hielten, mit dem ich am sonnigen, italienischen Himmel über dem Kopf des Papstes hereingeschneit war?
Ja, ganz recht. Für einen Regenschirm, der vom Himmel fällt.
Einen Bulgarischen Schirm.
Nur in größer.
Und so kam es dazu, dass ich diesmal in einem italienischen Gefängnis landete. Mit dem Vorwurf, einen Anschlag auf den Papst versucht zu haben…

Während ich so mit meinem Fallschirm der Erde näher kam, sah ich, wie sich unter mir all die Menschen auf der „Piazza San Pietro“ auftürmten und schrie mit aller Kraft:
- Die Löwen kommen!
Aber niemand wollte mir so richtig Aufmerksamkeit schenken.

Vielleicht hätte ich etwas auf Italienisch brüllen sollen. Oder wenigstens in einer der bekannteren europäischen Sprachen.
Aber da ich so erschrocken war, wer weiß schon, warum ich da den Ausruf, mit dem mein Vater, von den Löwen gehetzt, einst die Arena stürmte, zum Besten gab.

Was wäre wohl passiert, wenn der Papst einen Schritt zur Seite gemacht hätte?
So hätte Veshdi Aga ihn nicht genau in diesem Moment treffen können. Und mir hätte man nicht vorgeworfen, das Komplott organisiert zu haben.
Aber der Papst war schon recht schwerhörig und all diese Gläubigen starrten dermaßen gebannt auf ihn, sodass sie mich unmöglich hören konnten. Außerdem schrie ich doch recht schwach im Vergleich zur Masse von hunderttausend Gottesanbetern, allesamt gewissenhafte Christen, die in einen religiösen Rausch geraten waren.
Es wäre wahrscheinlich anders gelaufen, wenn ich ein Megaphon dabei gehabt hätte. Ein solches gehörte allerdings nicht zu meiner Ausrüstung.
Wer hätte auch ahnen können, dass ich mal eins brauchen werde?

Jedenfalls ist es wohl kaum verwunderlich, dass Veshdi Aga mich angeschwärzt hat, oder? Was wäre leichter, als dem Fallschirmspringer vom sowjetischen Raumschiff, als Kopf einer Organisation, ein Attentat auf den Führer der römisch-katholischen Kirche in die Schuhe zu schieben? Dazu kommt auch noch, dass mein Aufenthalt an Bord eines sowjetischen Raumschiffes von der Weltpresse als Teil einer lang geplanten Verschwörung dargestellt wurde. Führenden italienischen Politexperten zufolge war der Kosmos der ideale Ort zur Entwicklung terroristischer Akte. Dort soll ich via Satellit ständigen Kontakt zu Veshdi Aga gehalten und zusammen mit ihm unsere Handlungen so koordiniert haben, dass der Plan aufgehen konnte. Veshdi Aga hatte es bitter nötig, sich als Glied einer weltweiten Verschwörungskette auszugeben. Auf diese Art konnte es ihm auch gelingen, sich mehr Beachtung zu verschaffen, die polizeilichen Ermittlungen durcheinander zu bringen und letztlich seine eigene Haut zu retten.
Aga behauptete weiterhin, dass ich eigentlich mit einer Kalashnikow bewaffnet hätte springen und den Papst kalt machen müssen, falls er daneben geschossen hätte.
Und den Medien und allen anderen passte ich auch ganz gut in den Kram.

Da sind sie wieder die Bulgaren.
Fallen mit automatischen Gewehren aus dem All herein.
Und die Frage, wo die besagte Kalashnikow denn geblieben sei, ergab mindestens hunderte von Versionen, eine glaubwürdiger als die andere.
Die am häufigsten Erzählte war die, in der der Riemen des Gewehrs am Raumschiff hängen blieb.
Sie kennen doch die russischen Raketen, oder?

Manchmal frage ich mich, ob in den Worten Veshdi Agas nicht doch auch ein bisschen Wahrheit steckt.

Aus dem Bulgarischen von Irina Kirova

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