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„Die Kenntnis der weißrussischen Literatur außerhalb der Sowjetunion ist gering“, schrieb Ferdinand Neureiter in seiner Weißrussischen Anthologie von 1983. Und wo kennt man diese Literatur heute? In Deutschland stand Vasil' Bykaŭ (Wassil Bykau; 1924-2003), meist in Übersetzungen aus dem Russischen, lange Jahre weitgehend allein auf weiter Flur, doch nun beginnt das Bild sich langsam zu differenzieren: „schon sechzehn namen sind gefunden für den schnee / zeit, sechzehn namen zu erfinden für die finsternis.“ (Val'žyna Mort)
Gleich zu Beginn möchte ich der geläufigen These widersprechen, die belarussische Literatur befinde sich seit etwa fünfzehn Jahren in einer Krise (und damit in guter Gesellschaft), sie sei bestenfalls zweitklassig und wenig originell. In meinen Augen ist das Gegenteil der Fall. So paradox es klingt, möchte ich doch mit dem anfangen, was es bei uns nicht gibt. In Belarus existiert offensichtlich kein Kunstmarkt, das Fernsehen kennt keine professionellen Literatursendungen, die Regierung stellt praktisch keine Förderung für den Literaturbetrieb bereit (keine Festivals, Seminare, Wettbewerbe, keine Unterstützung für Zeitschriften oder Verlage, so gut wie keine Literaturpreise oder Stipendien), Verleger genießen in Belarus keine Steuererleichterungen. Und doch – angesichts all dieser Schwierigkeiten ist das höchst erstaunlich – hat sich die belarussische Literatur in den vergangenen fünfzehn Jahren stark entwickelt. Sie schneidet im europäischen Vergleich nicht einmal besonders schlecht ab, allerdings ist sie dem breiten Publikum kaum bekannt. Auch der Einfluss ausgewählter belarussischer Sowjetliteratur, die zweifellos die aktuelle Literatur mitgeprägt hat, ist nicht in Abrede zu stellen. In erster Linie sind hier Werke von Michas' Stral'coŭ, Ales' Astašonak, Janka Maŭr, Uladzimir Karatkevič, Vasil' Bykaŭ, Ales' Adamovič und Ales' Naŭrocki zu nennen. Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass die belarussische Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch ausradiert worden war. Die damaligen Modernisten und Avantgardisten (Paŭljuk Šukajla, Todar Kljaštorny, Valery Marakoŭ, Uladzimir Chadyka, Michas' Čarot, Ales' Dudar, Jurka Ljavonny) waren Repressalien ausgesetzt, was die belarussische Literatur um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. So ist es kein Zufall, dass die meisten Schulabgänger belarussische Literatur nur mit Krieg und Kolchose assoziieren. Höchste Zeit, den Lektürekanon für Schüler zu revidieren und Sowjetideologen durch echte Literaten zu ersetzen.
Bei den staatlichen Literaturzeitschriften sind Ideologisierungstendenzen in den letzten Jahren nicht mehr zu übersehen. Besonders augenfällig sind die inhaltlichen Veränderungen im Wochenblatt Litaratura i mastactva, das für sich selbst in Anspruch nimmt, die „Zeitung der kreativen Intellektuellen in Belarus“ zu sein. Tatsächlich fungiert es als Sprachrohr der staatlichen Ideologie und ist zum Tummelplatz für so genannte ‚richtige Autoren’ geworden, die hier ihre Texte veröffentlichen. So finden sich dort beispielsweise folgende Gedichtzeilen: „Amerika, fremder Reichtum raubt dir den Schlaf. / Wen stießt du nicht / in den Staub vom Thron, / Doch hielt dich noch immer / In Schach / Die unbesiegbare / Sowjetunion.“; „Und von ferne kamen / Die Dollar-Haie zur 'Perestroika' geschwommen … / Du warst es, Amerika / Das geschickt, wie man neumodischen Plunder kauft, / Uns schlagartig neue 'Yuppies' beschertest“. Das versteht die LiM wohl unter hohem poetischem Stil … In derselben Ausgabe finde ich bei N. Hal'pjarovič den Vergleich einer Frau mit einem Bauchnabel – ist das vielleicht die LiM'sche Postmoderne? Die nichtstaatliche Zeitung Naša Niva druckt derlei Machwerke nicht, sie berichtet aber bisweilen recht subjektiv über bestimmte Erscheinungen in Kunst und Literatur. Sie ignoriert auch bestimmte bemerkenswerte Ereignisse und folgt dabei Kriterien, die wohl nur zeitungsintern nachvollziehbar sind. So wollen die NN-Redakteure die im Haus der Schriftsteller in Minsk ausgerichtete Großveranstaltung der literarischen Bewegung Bum-Bam-Lit (anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens), an der zahlreiche Besucher wegen Überfüllung des Saales nicht teilnehmen konnten, schlicht ‚nicht mitbekommen’ haben. Gleiches ließe sich über die Präsentation der ersten Ausgabe der Zeitschrift Nihil im Jahr 1999 sagen. Und doch gebührt der Redaktion Anerkennung für ihre Bemühungen um die belarussische Belletristik im Rahmen der Buchreihe Kniharnja Naša Niva. Das Internet scheint momentan das einzige nicht kontrollierte Medium für das freie Wort in einem autoritären und diktatorischen Regime zu sein. So ist im belarussischen Web eine Parallelwelt entstanden. Sie schafft ihre eigenen Helden, bringt ganze Kontinente und Planeten hervor. Die Mehrheit der älteren Schriftstellergeneration steht dem Internet kritisch gegenüber und fürchtet, es schade der Verbreitung des Buches. Das Gegenteil ist der Fall. Die neuen Technologien stärken die Rolle des Buches und des literarischen Textes. Im Internet aktiv sind u.a. Adam Globus, Juras' Barysevič, Sjarhej Kalenda, Michas' Južyk, Al'herd Bacharėvič (Alhierd Bacharevič), Jaŭhen Lёsik, Vika Trėnas, Ales' Arkuš, Sjarhej Sys, Ihar Babkoŭ, Hanna Kislicyna, Aksana Bjazlepkina, Sjarhej Balachonaŭ und Sjarhej Dubavec. Verlage und Buchreihen Und doch erschienen in der Reihe Dėbjut des Staatsverlags Mastackaja litaratura einige Bücher, die beim Lesepublikum auf Interesse stießen: Haloŭnaja pamylka Afanasija (Afanasijs entscheidender Fehler) von Juhasja Kaljada, Vjasna ŭ karotkim palito (Frühling im kurzen Mantel) von Zmicer Arcjuch, Vohnepaklonnik (Feueranbeter) von Janka Lajkoŭ, Daty (Daten) von Usevalad Haračka, Sonca za tėrykonami (Die Sonne hinter den Halden) von Julija Novik u.a. Die Mehrheit belletristischer Werke auf hohem literarischem Niveau erscheint jedoch in den privaten Verlagen Lohvinaǔ, Belaruski knihazbor, Medysont, Radyёla-pljus, Chodr und Halijafy. Und dabei darf nicht vergessen werden, dass die nichtstaatlichen Verlage, die sich auf belarussischsprachige Literatur spezialisiert haben, mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen haben. Zumindest ist es ihnen kaum möglich, Bücher auf eigene Rechnung herauszugeben, freie Mittel sind nie in ausreichendem Maße vorhanden. Und die Verkaufszahlen sind gering, gefragt sind nur Bücher bekannter Autoren. Ein Verlag der etwa das Buch des jungen Autors Zmicer Pljan ins Programm nimmt, geht ein hohes Risiko ein. Nicht für sein Image, versteht sich, sondern für seine Finanzen. Dabei haben es auch die jungen Autoren nicht leicht, sich zu ‚promoten’. In den letzten Jahren hat die Unsitte um sich gegriffen, öffentliche Auftritte zu stören oder zu verhindern. Das Fernsehen lädt nur Mitglieder des ‚richtigen’, offiziellen Verbandes der Schriftsteller von Belarus (SPB) ein. Im staatlichen Rundfunk verhält es sich genauso. Und nicht selten sind die Bücher junger Autoren nicht Ergebnis wirtschaftlichen Handelns, sondern reinen Mäzenatentums. Nicht wenige Schriftsteller veröffentlichen ihre Bücher auf eigene Kosten. Denn es gibt in Belarus leider zu wenig Stiftungen und Organisationen, die willens und in der Lage wären, belarussische Verlagsprojekte zu unterstützen … Und nicht zuletzt ist ein privater Verleger gezwungen, Manuskripte nicht nur auf ihren künstlerischen Gehalt hin kritisch zu prüfen, sondern auch vom Standpunkt der politischen Sicherheit aus – sonst droht ihm unter Umständen der Lizenzentzug. Zu den spannendsten und ungewöhnlichsten nichtstaatlichen Buchreihen zählen Druhi front mastactvaŭ (die im Jahr 2000 von Freunden der literarischen Bewegung Bum-Bam-Lit begründet wurde). Beispielhaft seien genannt: Adljustravanni peršatvora (Spiegelungen des Urbildes) von Pjatro Vasjučėnka, Rėkanstrukcyja neba(Rekonstruktion des Himmels) von Vol'ha Hapeeva (Volha Hapiejeva), Praletarskija pesni(Proletarierlieder) von Usevalad Haračka , Mil'jard udaraŭ (Eine Milliarde Schläge) von Jury Stankevič, Stomleny d''jabal(Der erschöpfte Satan) von Sjarhej Kavalёŭ, Pomnik atručanym ljudzjam(Denkmal der vergifteten Menschen)von Sjarhej Kalenda oder Nul' (Null) von Illja Sin. Auch die bekannte Reihe Halerėja B (Kurator Ihar Babkoŭ), die mit verschiedenen Verlagen kooperiert, findet ihre Leser. Hier erschienen Šalёny vertahradar (Der verrückte Gartenhüter) von Michas' Bajaryn, Cela i tėkst (Körper und Text) von Juras' Barysevič u. a. In der Reihe Kniharnja Naša Nivawurden u. a. Sud na Kaljady (Das Kaljada-Gericht) von Ales' Kudrycki, die Anthologie weiblicher Erzählkunst Žančyny vychodzjac' z-pad kantrolju (Die Frauen geraten außer Kontrolle) und der Übersetzungsband Babilёnskaja biblijatėka (Biblothek von Babel) veröffentlicht. Im Jahr 2006 wurde die Bibliothek der Zeitschrift Dzejasloŭ ins Leben gerufen, in der u. a. Veršnik (Reiter) von Anatol' Ivaščanka und Krušnja (Geröll) von Usevalad Sceburaka erschienen. Gruppierungen und Einzelpersonen Heute kommt allerdings den meisten Anhängern dieser Bewegung eine gewichtige Rolle im literarischen Leben von Belarus zu. Daher scheint die Gegenthese, die die junge Kritikerin Marharyta Aljaškevič in ihrem Beitrag zur deutsch-belarussischen Anthologie Frontlinie 2 zum Schaffen der ehemaligen Bum-Bam-Lit-Vertreter formuliert, nicht unbegründet (von den sieben belarussischen Autoren in dieser Anthologie zählten nur Vera Burlak und Vol'ha Hapeeva nicht zu dieser Bewegung): „Die belarussischen Autoren dieses Bandes haben sich ihren Platz in den 90er Jahren erobert, als sich in der belarussischen Literatur, die bisher vom ‚Kollektivismus’ geprägt war, endgültig der Individualismus etabliert hatte. Den sieben Autoren geht es keineswegs allein um das vordergründige Einschleusen brutaler Themen oder das heftige Verwerfen des bis dahin ‚gängigen’ literarischen Kanons, vielmehr sind sie auf der Suche nach einer individuellen Ausdrucksweise. Jeder stellt seine eigenen neuen Spielregeln auf.“ Bemerkenswert war und ist die Vereinigung Freier Literaten (TVL), die wie BBL in den 1990er Jahren gegründet wurde. Sie gibt die Zeitschrift Kalos’se heraus, die leider nur recht unregelmäßig erscheint. In ihrer besten Zeit veröffentliche die Vereinigung unzählige schmale Bändchen in der Reihe Paėzija novaj heneracyi. Außerdem richtet die TVL von Zeit zu Zeit internationale Seminare aus und verleiht jährlich den Hlinjany Vjales für das beste Buch des Jahres. Auch die literarische Vereinigung Vulej muss erwähnt werden, sie gab eine Zeit lang die Samisdat-Zeitung Soty heraus. Leider hat die Vereinigung sich bald wieder aufgelöst. Eine weitere Gruppe junger Schriftsteller hat sich um Andrėj Chadanovič gebildet. Diese ‚Szene’ nimmt regelmäßig an Wettewerben für Nachwuchsschriftsteller teil, die u. a. von Chadanovič selbst betreut werden. Jedes Jahr ist der Wettbewerb einem anderen Klassiker der schönen Literatur gewidmet: Uladzimir Karatkevič, Natallja Arsenneva, Petrarca. Im Jahr 2001 machte die Gruppe SCHMERZWERK auf sich aufmerksam, in der sich radikale Künstler und Autoren zusammengetan hatten: Juras' Barysevič, Val'žyna Mort, Vol'ha Hapeeva, Al'herd Bachrėvič, Illja Sin, Zmicer Višnëŭ (Zmicier Vishniou). Die Gruppe veröffentlichte ihr Manifest in der Zeitschrift pARTisan und der belarussisch-deutschen Anthologie Frontlinie (2003). Aufgenommen werden konnte man nur bei hundertprozentiger Zustimmung aller Mitglieder, daher blieb die Gruppe im Unterschied zu BBL eher hermetisch. SCHMERZWERK richtet Festivals und Kunstaktionen aus, veröffentlicht Bücher und die Zeitschrift Tėksty. Im neuen Jahrtausend machten die Mitglieder der Literatur- und Performance-Gruppe Jana-try-ёn (Adam Šostak, Juras' Lenski, Vol'ha Rahavaja) von sich reden. Sie haben ihr eigenes Manifest und treten bei diversen Aktionen und Festen auf. Insgesamt ist festzustellen, dass sich kreative Kräfte häufig nicht nur um literarische Gruppierungen sammeln, sondern auch um Zeitungen und Zeitschriften. Hier sind besonders Naša Niva und ARCHE zu nennen. Diese verfügen nicht nur über einen festen Stamm von Autoren, sondern versuchen auch, ihr Literaturkonzept zu propagieren. Festivals, Kongresse, Seminare, Wettbewerbe Belarussische Literatur im europäischen Kontext
Von Zmicer Višnëŭ, übersetzt aus dem Belarussischen und für novinki kontextualisiert von Thomas Weiler.
Aljaškevič, Marharyta: Eigene Spielregeln. Aus dem Belarussischen von Martina Mrochen. In: Volha Hapiejeva et al. (Hg.): Frontlinie 2. Deutsch-Belarussische Anthologie. Minsk 2007, 101-121.
Belarussische Literatur auf Deutsch. Auswahlbibliografie Weiterführender Link: |
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