
(...) Tagtäglich hatte ich das Treiben ertragen, und jede Nacht hatte ich mein Herz mit dem Gedanken genährt, eines Tages die Bestätigung zu erfahren: als großer Wissenschaftler und großer Literaturkritiker eines kleinen Landes. (Ach, das widerliche Wörtchen „klein“ – ihm galt meine Verachtung als dem Todfeind meiner geheimen Verschwörung gegen Kleinkrämerei, Haarspalterei und jedwede menschliche Kleingeisterei!) An dem Gedanken meiner Größe labte ich mich, ich liebte ihn, ich hegte ihn mit herrlichen Aussichten, die ich aus den geheimen Urtiefen meines Herzens schöpfte: herrliche Symposien, glänzende Referate mit nicht enden wollendem Beifall, Lobeshymnen und Würdigungen, mir zu Ehren ausgebrachte Trinksprüche.
Wie hatte ich mich abquälen müssen, um eine Professur an der Universität zu bekommen! Wie viele Meilen durch Pulks von Plattköpfen und wie viele Gefälligkeiten für die „Genossen vom ZK“; ich wurde Virtuose jener unerklärbaren, aber sich lohnenden Kunst: die Menschen zu verachten, aber ihnen mit der größtmöglichen Ergebenheit zu dienen, dass die Äderchen in deinem zum Halblächeln verzogenen Gesicht vibrieren, während du bereitwillig zur Verfügung stehst. Ich schluckte, wie ihr klugerweise annehmen werdet, diese Ideologie schnell, wurde ein „feuriger Kämpfer für die Sache“ und steckte natürlich die gesamte bekannte Rhetorik triumphierend in die Tasche und wühlte und rackerte hinterlistig um mein Seelenheil. Ich lernte auch zu begraben. Leise, mit Intrigen, ohne Aufsehen, mit Genossengruß! Stufen sind das, Stufen, ihr Armen, und ich nahm sie bedachtsam, auf der Hut, eine nach der anderen – weiter in Richtung Gipfel. Den unter dir treten, dem über dir die Fußsohlen lecken, lecken, bis du ihn zum Stolpern bringst, dann kannst du ihn nach unten entlassen, während es für dich heißt: eine Stufe hinauf. Ach, welche Kunst! (...)
Und der Traum hieß: Washington, die Library of Congress! Daher verhielt ich mich geschickt, als bei uns die Wende kam. Anders als das ZK fiel ich nicht um. Nein, nein, ihr Armen, es ist immer das Gleiche, du brauchst nur Hinterlist, dosierte Wetterwendigkeit und Verworfenheit, Schleimerei und Schlauheit an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit. Oh süße Kunst, älter als alle Systeme! Zur rechten Zeit wurde ich zum Verteidiger der Demokratie, zu einem Befürworter der Hinwendung zum Westen, und insgeheim sann ich sogar darüber nach, mich irgendwie zum ehemaligen Dissidenten zu erklären, denn das wäre doch äußerst nützlich, um auch in der neuen Situation als wichtige Größe zu erscheinen. (...)
Aus: Ivan Dodovski: Der große Koffer. Aus dem Mazedonischen von Will Firth. Edition Erata. Leipzig 2008. [www.erata.de]
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