Schattenspiele

Alberto
Alberto steht auf der anderen Seite des Tresens. Er kennt die Formel, weiß, wann man von Bier auf Härteres umsteigen muss und wann es an der Zeit ist, das Härtere wieder mit Bier zu verdünnen. Mit seinem schmuddeligen Lappen poliert er die Gläser und überwacht das Treiben jenseits der Bar: Die unheilbaren Säufer und Junkies, Tagediebe und Taugenichtse, die sich hier allabendlich an den Tresen lehnen und von der großen Welt und ihren phantastischen Abenteuern erzählen. Alberto ist ihrer aller Mutter, und seine Bahnhofskneipe der Hafen dieser Getriebenen, die aus allen Himmelsrichtungen nach Narseille kommen.

Kod Alberta, das Debüt des bosnischen Autors Velibor Čolić, ist 2006 im Verlag Ljevak in Zagreb erschienen. Im Frühjahr dieses Jahres legte der Literaturverlag Erata aus Leipzig die deutsche Übersetzung, Bei Alberto. Eine Ansammlung von Schatten, vor. Allein das Erscheinen der deutschen Fassung ist ein kleines Ereignis: Bei Alberto ist das erste kroatischsprachige Buch, dessen Übersetzung ins Deutsche durch das neu entstandene literarische Netzwerk Traduki gefördert wurde. Traduki ist ein Zusammenschluss deutscher, österreichischer und schweizerischer Kultureinrichtungen und unterstützt Übersetzungen aus, nach und in Südosteuropa. Mit Zweigstellen in Sarajevo und Wien und Hauptsitz in Berlin kurbelt das Netzwerk den schon lange überfälligen literarischen und kulturellen Austausch zwischen dem deutschsprachigen Raum und den Ländern Südosteuropas an.

Der Autor Velibor Čolić floh 1992 aus der kroatisch-bosnischen Armee und ersuchte politisches Asyl in Frankreich. Mit dem Buch Bei Alberto kehrt er, nachdem er zehn Jahre auf Französisch veröffentlicht hat, zu seiner Muttersprache zurück und entwirft gleichzeitig einen Ort, an dem sich seine eigene Vergangenheit und die Gegenwart treffen. In der fiktiven Stadt Narseille vereint sich Čolić’ alte Heimat, die Stadt Sarajevo, mit den Orten seines Exils, den Hafenstädten Südfrankreichs.
Eine geographische Festlegung ist aber letztlich nebensächlich für den Roman: „Die Ansammlung von Schatten ist überall dieselbe. Die Geographie ist ohne Bedeutung, die Geschichte ist nicht die Lehrerin des Lebens, und die Literatur ist unzulänglich und schwach“, stellt der Erzähler fest. Čolić möchte zu den Fragen des Lebens vordringen, die unabhängig von Herkunft und Werdegang für alle Menschen gleich relevant sind. Seine Charaktere, die Schatten, suchen nach einem Platz in der Welt, nach etwas Wärme und Liebe.

Das Schattenspiel beginnt mit einem furchtbaren Epilog. Die Männer, die der Leser später in den Dunstschwaden vor Albertos Tresen kennen lernen wird, fallen auf dem Schlachtfeld eines namenlosen Krieges. Ekrem Boxer, dessen Nationalität „Säufer“ ist und der trotz seiner gefährlichen Fäuste sanft wie ein Lamm sein kann, wird von einer Granate durchbohrt. Ein letztes Mal fühlt er noch den Geschmack von Frauen und Bier in der Kehle, dann bricht er tot zusammen. Čolić schildert die Szene in poetischen Bildern und macht eindrücklich die Sinnlosigkeit dieses gewaltsamen Sterbens deutlich.

Bei Alberto fesselt den Leser aber nicht vorrangig durch die spannende Handlung, sondern durch das unbestimmte Wir, das die Clique vor Albertos Tresen beschreibt.

In kurzen Kapiteln schildert diese umfassende Erzählstimme, dieses kollektive Wir, die Schicksale der Schatten und lässt sie selbst mit ihren wunderbaren Übertreibungen zu Wort kommen. So welkt der Körper der Prostituierten Lilly Felinni dahin, während sie „die unübertreffliche Diva des Bettes“ bleibt. Sie gibt allen alles und auf ihre weiche Haut schreiben tapfere Männer die Zeilen ihres Lebens. Sie wird bewundert von Hugo Vagina, dem ewigen Studenten und Stotterer, dem die Welt zu grausam ist und der deswegen immer öfter bei dem „Gott Morphium“ Zuflucht sucht. Und immer, in jede Unterhaltung, in jedes kleine Gespräch, streut der trinkfeste Dichter Wolk, den die Heldentaten seines Liebeslebens ermüdet haben, eine kleine Prise seiner Weisheiten. Doch Čolić porträtiert nicht nur die Clique am Tresen. In drei Intermezzi zeigt er dem Leser außerdem die Stadt, den Bahnhof und die Albertos Bar, zeigt, wie eine Welt aussieht, in der solche Geschichten möglich sind.

Die Uneindeutigkeit des Wir der Erzählstimme und die Vielfalt der dargestellten Figuren ermöglichen dem Leser, selbst am Tresen zu stehen, einen kühlen Drink zu bestellen und den absurden und zweifelhaften Geschichten der Schatten zu lauschen.
Trotz der liebevollen Ironie, mit der Velibor Čolić seine Charaktere darstellt, ist das Buch aber keine heitere Plauderstunde. Der Krieg, der im Epilog das Ende der Clique vorwegnimmt, hängt wie ein düsterer Schatten über der Bar und ihrem drogenschwangeren Treiben. Die Frauen und Männer, die sich am Tresen treffen, sind gestürzt, verlassen, hilflos und bleiben trotzdem noch immer auf der Suche. Der Krieg hat diese Suche, diese zaghafte Hoffnung, beendet. Zu dem Zeitpunkt, da der Leser den Schatten begegnet, sind die meisten von ihnen schon tot.

Bei Alberto ist ein berührendes Buch. Und auch, wenn der Schauplatz das fiktive Narseille ist, sind die Stadt Sarajevo und der Bosnienkrieg eindringlich präsent und verschärfen durch ihre Anwesenheit Čolić’ Kritik an solch sinnlosen Zerstörungen. Schade ist nur, dass die Sprache der Säufer nicht zu ihrer Beschreibung passt. Čolić lässt seine Säufer von Baudelaire nach Bukowski und von Tom Waits zu White Rabbit hüpfen – das ist wohl ein Versuch, seinen starken Bildern eine vermeintlich noch größere Autorität zu verschaffen. Ein solch überintellektueller Säuferdiskurs will nicht so recht in die Welt von Albertos Kneipe passen. Da scheint sich Velibor Čolić selbst einzumischen – welcher ernstzunehmende Trinker würde schließlich mit einem Schnaps in der Hand einen solchen Sprung wagen?

von Friederike Jacob

Čolić, Velibor: Bei Alberto. Eine Ansammlung von Schatten. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Leipzig 2009.

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