Mašala Jergović, mašala!

Ein Portrait des bosnischen Schrifstellers Miljenko Jergović

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Miljenko Jergović ist zweifelsohne einer der herausragenden zeitgenössischen Schriftsteller aus Bosnien. 1966 in Sarajevo geboren gehört er zu der bosnisch-kroatisch-serbisch schreibenden Generation, die die jugoslawische Variante der europäischen Wende der 90er Jahre – meist im Begriff ‚Bürgerkrieg’ zusammengefasst – in ihrem ganzen Impetus erfahren und als prägend literarisch verarbeitet hat. Jergović hat Sarajevo 1993 verlassen und schreibt seither mehr als erfolgreich aus dem ‚Zagreber Exil’. Doch schon Jahre zuvor beginnt Jergović seine lyrischen und mit diversen Preisen ausgezeichneten Schreibversuche. Oft erwähnt findet sich, dass Jergović die Gedichtbände Observatorija  Varšava (Observatorium Warschau, 1988), Uči li noćas neko  u ovom gradu japanski? (Lernt irgend jemand heute Nacht in dieser Stadt japanisch?, 1990) und Himmel komando (Himmelkommando, 1992) recht jung verfasst. Auch galt er zu dieser Zeit schon als einer der vielversprechendsten kritischen Nachwuchsjournalisten und erhielt 1990 den Veselko-Tenžera-Preis als bester politischer Kolumnist Jugoslawiens. Seither „kachelt er seinen Weg zum Nobelpreis nach Stockholm“ (Dane Hodak) mit nahezu jährlichen Veröffentlichungen und besten Kritiken.

Mit erwähntem Einschnitt 1993, der ausgerechnet seinem Erfolg förderlich sein wird, ändert Jergović Inhalte und Form seines Schreibens. Er wechselt von Lyrik zur Prosa und wächst etappenweise über den bereits jugendlich preisgekrönten Jergović hinaus. Der immer wieder, wenn auch nicht selten hämisch, bemühte Vergleich mit Ivo Andrić, der ja vornehmlich über Bosnien geschrieben hat, erweist sich zumindest in thematischer Hinsicht als gerechtfertigt. In einer immensen Zahl an Kurzgeschichten – kaum einmal mehr als fünf Seiten umfassend – beginnt Jergović von Mitte der 90er Jahre an, sich nahezu obsessiv mit dem Schicksal der Ex-Jugoslawen zu befassen. Sein Werk – seit Sarajevski Marlboro (1994) komplett in Nenad Popovićs Verlag Durieux in Zagreb erschienen – stellt ein riesiges Archiv des ehemals jugoslawischen Kulturraums (mit Schwerpunkt Bosnien) und seiner Menschen dar.
Jergovićs literarisches Erinnerungsprojekt hält alles fest: die Zeit vor dem Krieg, während des Krieges und nach dem Krieg, Serben, Kroaten, Juden und Bosnier, zu Hause, im Exil, auf der Flucht, Dagebliebene und Geflüchtete, und auch jene, die als Fremde zu Besuch sind. Er verzeichnet Kindheiten, Beziehungen, Städte, Dörfer, das Lebensgefühl von Generationen und die Tode der Menschen; er sammelt in seinen Texten Dialekte, Vor- und Nachnamen, Ortsnamen, Lieder und besonders: Gegenstände. Überhaupt kann man sagen, dass die accumulatio Jergovićs häufigstes Stilmittel stellt. Was seine Sammelwut dabei zusammenhält und antreibt, ist der gemeinsame Sprachraum und die gemeinsame Sprache, die er so kunstvoll umzusetzen weiß.

In Buick Rivera (2002) wird über zwei Buchseiten hinweg die bosnische Hauptfigur Hasan in Erinnerungsstücken zusammengefasst, die für den eigentlichen Menschen Hasan stehen. Jergović zählt auf: ein Wimpel des Fussballclubs Velež, ein jugoslawisches Armeebüchlein, Etiketten dalmatinischer und herzegowinischer Weine, Kraš-Schokoladenpapier, eine Abmeldung der Gemeinde Stolac, ein Touristenprospekt Makarska Rivijera 1973, die Ausgabe der Zeitung Oslobođenje von Titos Todestag, die Videokassette „Valter brani Sarajevo“, ein Stadtplan von Beograd – die Liste entfaltet sich weiter und weiter. Jedes einzelne Erinnerungsstück ist der Erwähnung wert, es ist Teil der Vergangenheit und integraler Bestandteil der Gegenwart der erschriebenen Person. Jergovićs Werk, das sieht man an der metonymischen und zugleich metaphorischen Ersetzung Hasans durch „einen vollen Müllsack an Erinnerungsstücken“, ist dem Vergessen entgegengerichtet, ebenso wie es das Schicksal der ‚getilgten Heimat’ beklagt. Seine Ausführlichkeit und Detailgenauigkeit vergegenwärtigt dem Leser eine physisch inszenierte literarische Welt, die nicht ihre potenzielle Echtheit, sondern deren Verlust in den Vordergrund spielt. Als Hasan sich selbst in Form des Sackes voller Erinnerungen entsorgen will, stellt er fest „dass er ihn nirgendwo wegwerfen kann. Er müsste zum Umweltcontainer im Stadtzentrum fahren und jedes Erinnerungsstück nach den strengen Grundsätzen des Umweltschutzes trennen. Auf eine so fundamentale Bereinigung seines Lebens war er nicht vorbereitet.“ Hasan, konstatiert der Erzähler, passt nun einmal nicht in seine neue Heimat Toledo, Oregon, denn „in einer Welt, in der alles aus einem Stück gemacht ist, gibt es keinen Platz für jene, die aus mehreren Materialien gemacht sind und für die es keinen Container gibt.“ Eben diese aber sind es, die den Erzähler Jergović umtreiben.

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Auch Dinge, wie jene aus Hasans Besitz, nehmen stets eine prominenten Platz in Jergovićs recht eigensinniger Poetik ein. In Sarajevski Marlboro (1994) sowie in Karivani (1995) finden sich eine ganze Reihe an sehr kurzen Erzählungen, die von einem bedeutsamen Gegenstand her entwickelt werden. In „Bosanski lonac“ sucht das kroatisch-bosnische Paar Elena und Zlaja – vor den kriegerischen Auseinandersetzungen in Sarajevo nach Zagreb geflüchtet – nach einem geeigneten Topf zur Zubereitung des traditionellen bosnischen Eintopfs. Natürlich wird das Vorhaben, im „turboeuropäischen Zagreb“ auf bosnische Weise ‚alles in einen Topf zu werfen’, nicht realisiert. In „Kaktus“ bezeichnet der in einem Keller in Sarajevo versteckte Erzähler die eingegangene Pflanze, die seine aus Sarajevo geflüchtete Freundin ihm überlassen hatte und an deren Pflege er seinen Alltagsbericht aus der eingekesselten Stadt aufhängt, als „ein kleines Derivat der Trauer“. Der Kaktus, der „wie der Knabe in jenem Goethelied eingeht“, versinnbildlicht das Schicksal der Stadt. Analog – darauf deuten bereits Jergovićs Titel hin – gehen seine anderen Geschichten vor, die etwa mit: Pismo, Zvono, Fotografija, Brada, Pastrmka, Buba etc. überschrieben sind. Seine Schreibweise lässt sich indes, trotz ihrer spezifischen Detailinteressiertheit, nicht als realistische bezeichnen. Vielmehr könnte man Jergovićs Prosa als ‚induktiv’ verfahrende Kulturarbeit umschreiben, die den scheinbar unbedeutenden Gegenstand nutzt, um zuletzt im größeren kollektiven Kulturzusammenhang anzukommen. Neben Jergovićs thematischer Ausrichtung auf den „Mikrokosmos Bosnien und Herzegovina mit Einsickerungen dalmatinischer Traditionen“, wie ein kroatischer Kritiker stellvertretend spottet, gehört zu den Auffälligkeiten seiner Texte die wechselnd breite narrative Entfaltung des Themas. Als wolle er dem Vorwurf, es fehle ihm an „epischem Atem“ (Achim Engelberg) begegnen, werden bei Jergović – mit den Haaren, wie die Fotographien des Autors auf den Buchdeckeln zwischen Sarajevski Marlboro (1994) und Gloria in excelsis (2005) verraten – zur Jahrtausendwende auch die Erzählungen länger.

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Texten in Mama Leone (1999) lässt sich im ersten Teil des Buches, in dem der Erzähler Kindheitserinnerungen aneinander gereiht hat, zunächst weitaus mehr Zusammenhang herstellen, als es seine Leser aus den Vorgängerbänden gewöhnt sind. Dann zerfällt aber auch Mama Leone wieder in gänzlich unabhängige Erzählungen. Es folgen neue Anläufe mit den Romanen Buick Rivera, die bravourös entfaltete Geschichte der Begegnung eines Serben und eines Bosniers in den USA und Dvori od oraha (2003). In Dvori od oraha (Schlösser/Höfe aus Nuss/Nussholz) erzählt Jergović in verästelten Kapiteln die Geschichte einer ‚jugoslawischen’ Familie über fünf Generationen hinweg rückwärts von der Gegenwart bis zur Zeit Österreich-Ungarns zurück, beginnend mit Kapitel XV und dem Tod der Hauptfigur. Die Freunde und Angehörigen der Regina Delavale, deren Leben bis zu ihrer Geburt im letzten Kapitel I nachvollzogen wird, beschreiten dabei große Teile des südslavisch sprachigen Raums und führen ihn in dieser Verwandtschaft zusammen. Dubrovnik, Glamoč, Banja Vručica, Mostar, Beograd, Sarajevo und weitere Stätten jugoslawischer Historie bilden in diesem viele hundert Seiten umfassenden Roman das an Einzelschicksalen erzählte, sich verdichtende Zentrum einer zwar darüber hinaus gehenden, für den Erzähler aber weniger relevanten Welt.
Der ansonsten in den Titeln seiner Bücher gerne auf Waren, Songs und Personen der Populärkultur im weiteren Sinne (Marlboro, Buick, Mama Leone, Madona) anspielende Jergović wählt mit Dvori od oraha die Anspielung auf Hamlet. Die am Ende des Romans geborene zentrale Figur Regina erwartet bereits vor ihrer Geburt als Geschenk ein aus Nussholz gefertigtes Spielzeughaus, das den zeitgenössischen Utopien über die Bauten der zukünftigen 50er Jahre nachempfunden ist. Regina, die die Herrin dieses Schlosses/Hofes werden soll, wird 1904 geboren, als man die größten Hoffnungen an die neue Zeit in einem gemeinsamen südslavischen Staat – nach den Osmanen und den Habsburgern –  knüpft. “O God, I could be bounded in a nutshell and count myself a king of infinite space, were it not that I have bad dreams” (2,2) sagt Shakespeares Hamlet über die Imaginationen, die sich ans Staatswesen knüpfen lassen. Das Ende Reginas (an schwerer Psychose erkrankt) und das Ende Gesamtjugoslawiens gleichen sich in Jergovićs Darstellung darin, dass die mit ihnen verbundenen Vorstellungen sich als böse Träume statt als königliche Gefilde erweisen.

Mit dem gewaltigen Umfang und der komplexen Struktur der diversen Nebenerzählungen, die von Reginas Leben aus abgezweigt werden, hat sich Miljenko Jergović mit Dvori od oraha übernommen. Auch wenn manch ein Kritiker im Laufe der Zeit die Kürze der Narrationen belächelte, geht der Erzähler Jergović als ‚Autor von zukünftigem Weltrang’ – als der er in Kroatien und Bosnien gilt – vor allem aus diesen kürzeren Formen hervor. Wenn er seine pointierten Erzählungen aus der Nähe, mit teilnehmender Wärme, jedoch ohne jede Pathetik entfaltet und zugleich (und das widerspruchslos!) ironische Distanz zu halten vermag, entwickeln seine Texte ihre typische augenzwinkernde, aber auch melancholische Note und die ihnen nie abgesprochene literarische Qualität. Wo es „dem gefeierten Jergović“ (Aleš Debeljak) an epischer Ausführlichkeit zu fehlen scheint, gleicht er mit sinnfälligen Wendungen oder auch (schwarzem) Humor aus, der in längeren Formen nicht so aufzugehen scheint.
Ein markantes Charakteristikum der Texte Jergovićs ist, neben seiner „Sprachgewalt“ (Verena Araghi) und seiner Erzählkunst, die feinsinnige intertextuelle Auseinandersetzung mit anderen, insbesondere heimischen Texten. Als Paradestück mag hier die Erzählung „Pismo“ (Brief) aus Sarajevski Marlboro gelten, in der sich Jergović auf Ivo Andrićs Pismo iz 1920 (Brief aus dem Jahre 1920) bezieht und in der er dem kulturellen Subtext des Vorläufers eine aktualisierende Transformation zufügt. Während Andrić den Juden Maks Levenfeld als ‚den Fremden’ setzt, den er die Diversität in Bosnien kommentieren lässt, so huldigt und überschreibt Miljenko Jergović diesen früheren Entwurf mit seinem afrikanischen Austauschstudenten, der seine „Geschichte von Bosnien jemandem erzählen muss.“

Mit seiner Rückwendung zu kürzeren einzelnen Texten in Inšalah Madona, inšalah (Inschallah Madonna, inschallah, 2004) übertrifft Miljenko Jergović sich zuletzt selbst. Die hier zusammengestellten Erzählungen sind nach Jergovićs eigenen Angaben „Prosa-Remixes“ traditioneller dalmatinischer (klapske pjesme) und bosnischer Lieder (sevdalinke). In ihnen erzählt er nicht den Inhalt und die Geschehnisse aus den Liedern, sondern deren Atmosphäre auf eine Weise nach, die einen nahezu esoterisch evozierten Geheimbund aus jener Leserschaft rekrutiert, die die remixten Lieder wiedererkennt.

Jergovićs Kulturraum-Fixiertheit, die sein gesamtes Werk durchzieht, wird im Laufe seines Schaffens, auch dafür steht Inšalah Madona, inšalah, immer weniger konkret an Orten und Gegenständen festgemacht. Die kulturrelevanten und auf die Kulturen seiner Herkunft Bezug nehmenden Aussagen jedoch erweisen sich im selben Prozess als zunehmend raffiniert und aussagekräftig. Ob Jergović auf Andrićs Pfaden nach Schweden gelangt, bleibt dahin gestellt, jedoch steht außer Frage, dass er wie jener ein Autor Bosniens ebenso wie ein Autor Gesamtjugoslawiens ist. Im Kleinen wiederholt sich an Jergović entsprechend, was man als Streit um die ideologischen Rechte an den Texten des Nobelpreisträgers kennt: Whos writer is Ivo Andrić?.
In einer Anekdote berichtet Jergović der Presse, wie er einem ausländischen Übersetzer auf dessen Frage hin, welche Originalsprache er nun für die Übersetzung angeben solle, das Bosnische oder das Kroatische, antwortete, er solle einsetzen, was er für richtig halte. Ihm, Jergović, sei das egal, in der brisanten ‚serbokroatischen’ Sprachenfrage müsse jeder für sich selbst entscheiden. Interessant an dieser Antwort ist, dass Jergović (im Übrigen wie sein bekanntes Vorbild) mit ihr die Beantwortung eben gerade anderen überlässt. Seine kroatische Kritik nun ‚stigmatisiert’ ihn hie und da, aufgrund eines „Übermaßes an unübersetzten Turzismen“ und der seinen Texten attestierten „klassisch bosnischen Tragik“, als Bosnier. Die deutsche Presse hat sich stattdessen nahezu durchgehend darauf geeinigt, Jergović als kroatischen Autor (teils unter dem widersprüchlichen Zusatz: aus Bosnien) zu bezeichnen.
Wie dem auch sei, ein Bestseller ist er hier wie dort, in Bosnien wie in Kroatien, im ehemaligen Jugoslawien und mit einigen Texten auch im Rest Europas.

Miranda Jakiša

 

Opservatorija Varšava, 1988
Uči li noćas neko u ovom gradu japanski, 1990
Himmel komando, 1992
Sarajevski Marlboro, 1994
Karivani, 1995
Preko zaleđenog mosta, 1996
Naci bonton, 1998
Mama Leone, 1999, dt. 2000.
Historijska čitanka, 2000
Kažeš anđeo, 2000
Hauzmajstor Šulc, 2001
Buick Rivera, 2002, dt. 2006.
Dvori od oraha, 2003
Rabija i sedam meleka, 2004
Inšallah Madona, inšallah, 2004
Glorija in excelsis, 2005

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