Wieviel Europa erträgt ein Balkan?

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„Why this strife and struggle, why conflict, why the neighbour as an adversary and not as a partner? What is the relation to the ›other‹?” Richard Swartz, schwedischer Journalist und nach Auskunft des Klappentextes qualifiziert durch „über 30 Jahre Osteuropakorrespondenz“, bekam 21 Antworten auf diese Frage, die er Autoren zwischen Slowenien und Albanien stellte.
Entsprechend erwartbare, anrührende, auch moralisierende literarische Beiträge zum Thema nachbarschaftlicher Feindschaft enthält der Band – jedenfalls zum Teil. Nenad Veličkovićs Entgegnung auf die Herausgeberfrage sticht etwa, weil sie die Anthologie selbst ins Zentrum der Reflexion rückt, auf signifikante Weise heraus. Ganze acht Mal zitiert er in Bedel, seinem Beitrag zu Der andere nebenan, die oben wiedergegebene Frage. Veličkovićs Text entlarvt damit nicht nur die Sammlung als unzulässige, das angefragte Ergebnis antizipierende Auftragsarbeit. Er stört auch neben der Herausgeber- die Lesererwartung, indem er die Einfallslosigkeit und Einfältigkeit der Anlage von Swartzens Buch vor Augen zwingt, das, so gewendet, zunächst einmal wenig lesenswert erscheint. Zu befürchten ist, einen von seiner feindseligen Disposition, von einer separatistischen Grundtendenz regierten Balkan vorzufinden, von dessen nachbarschaftlicher Animosität ausgegangen werden kann. Es gelingt Veličković, sich der den Autoren zugewiesenen Rolle als Akteure im Nachbarschaftsstreit erfolgreich zu entziehen und das Anliegen, im übrigen nicht als einziger Beiträger, zu unterlaufen.

Der andere nebenan, eine Anthologie, die sich nach eigenen Angaben der Frage verschrieben hat, ob Vorstellungen von Feindschaft und Gewaltaffinität auf dem Balkan „unsere Unkenntnis und unsere Vorurteile“ mehr „als die Wirklichkeit“ widerspiegeln und prominente Autoren aus Südosteuropa dafür gewinnen konnte, diese zu beantworten, ist eine klare Auftragsarbeit in Sachen Balkanismus. Die bulgarische Historikerin Maria Todorova prägte den Begriff in den 90er Jahren, um neben der stereotypisierenden Abwertung die europäische ‚Überlegenheit’ dem Balkan als ambivalent Anderem gegenüber zu umschreiben. Die nähere Bestimmung im Untertitel der Swartzschen Sammlung könnte entsprechend auch statt „aus dem Südosten Europas“ vielmehr „Anthologie über den Südosten Europas“ lauten, oder auch gleich: „Der Balkan und was wir schon immer über ihn wussten“. Was wir hier aufgetischt bekommen, ist jedoch mehr als nur bedientes Klischee – es ist, und das vor allem in der unzulässigen Zusammenschau von Europas Südosten (Slowenien bis Albanien) gepaart mit der Antizipation kulturspezifischer Feindseligkeiten („why this strife and struggle?“), exotisierende Balkan-Hetze und von Europa ausgrenzende Stigmatisierung. Beide gehen aus einer Tradition hervor, die seit den 10er Jahren des letzten Jahrhunderts floriert und deren unverhohlene Schadenfreude über die gesellschaftspolitischen Folgen einer vermeintlichen, im Titel beschworenen Andersartigkeit Südosteuropas geschmacklos ist. Die Perspektive der Swartzschen Anthologie ist eine selbstgefällige, westeuropäische Antwort auf die wirtschaftliche, kulturelle und politische Isolation der sogenannten Balkanländer heute. Sie trägt dazu bei, die Abgrenzung aufrecht zu erhalten und verkennt zugleich den eigenen Anteil an der gegenwärtigen Situation vieler südosteuropäischer Staatsgebilde. Implizit schreibt Der andere nebenan den Balkankulturen – deren Verwandtschaft Swartz (siehe sein von der FAZ lobend hervorgehobenes Herausgeber-Nachwort) in der flächendeckenden Existenz von Kohlrouladenvarianten gegeben sieht – die Schuld am eigenen Schicksal zwischen Blutrache und Kleinstaaterei zu. Krautwickel nun gibt es nicht nur auf ‚dem Balkan’, die gibt es auch in Ägypten und im Allgäu, das indes stört die im Band forcierten kulturellen Verwandtschaftsbeziehungen. Der Herausgeber Swartz hat sich bereits mit zuvor erschienenen Anthologien, deren vielsagende Titel Geschichten aus dem finsteren Herzen Europas oder Geschichten aus Europas Nahem Osten Bände sprechen, als Experte in Sachen ‚die Anderen’ profiliert.

Doch während Fragestellung und Auftragscharakter von Der andere nebenan mehr als fragwürdig sind, ergibt die Sichtung der einzelnen einundzwanzig Texte eine weitaus vielversprechendere Perspektive auf den Kulturraum. Auf jeweils eigene Weise erkunden die Beiträge ihren kulturellen Hintergrund in Hinsicht auf das Mit- und Gegeneinander literarisch. Der Wunsch nach maximaler Dichte der geographischen Herkunftsländer der Autoren konnte zwar nicht spurlos an der Qualität der Beiträge vorbeigehen. Diese sind mitunter Füllmaterial, den regionalen Abdeckungsbemühungen geschuldet. Die meisten indes sind hervorragende literarische Texte. David Albahari versieht den Leser eindrucksvoll mit den Augen eines ‚Serben’, der, ohne zu verstehen warum, zum Gewalttäter wird, während Vladimir Arsenijević in einer schonungslos über-konstruierten Geschichte, die banale Interessiertheit ‚des Westens’ der menschlichen Anteilnahme zwischen Serben und Kosovoalbanern gegenüberstellt. Bora Ćosić mutet dem Leser seine Kindheitserinnerung zu, während Dimitré Dinev eine durch ihre Schlichtheit bestechende, an Ivo Andrićs Texte erinnernde Erzählung über den bulgarischen Kultursynkretismus beiträgt. Slavenka Drakulić konfrontiert uns mit fingierten Protokollen, deren erzählte Grausamkeiten überzeugend physisch auf den Leser übergreifen, während Maruša Krese mit ihren Slowenien-Überlegungen auf Journalistenniveau langweilt. Saša Stanišić überwältigt mit seiner im Erstlingsroman erprobten poetischen, die Kinderperspektive literarisch gekonnt inszenierenden und sehr eigenen Erzählweise, während Dragan Velikić zwar mit aller Stereotypenkritik zweifelsohne recht hat, jedoch sehr essayistisch auftritt. Und noch mehr literarische Prominenz aus Südosteuropa partizipiert gewinnbringend an dem Band: Aleksandar Hemon, Drago Jančar, Miljenko Jergović, Ismaïl Kadaré, László Végel und eben, der bereits erwähnte, Nenad Veličković. In einem die eigene Onanie mit der politisch-kulturellen Westeuropas gleichsetzendem und darin bloßlegendem Erzählakt spiegelt er desillusioniert, aber engagiert die Frage von den vermeintlichen internen Abstoßungskräften des Balkan dahin zurück, woher sie kam – in den heuchelnde Fragen stellenden ‚Westen’: „Why this strife and struggle, why conflict, why the neighbour (Südosteuropa) as an adversary (Balkan) and not as a partner?”, diese Frage könnte man quergelesen nicht nur aus Veličkovićs Beitrag herauslesen. Solange deutsche Verlage ihren Herausgebern durchgehen lassen, im Nachwort zu schreiben, die Welt Südosteuropas könne, „auf einen Deutschen“ etwa, „fremd und gar unheimlich wirken“, denn  „ethnische Säuberung als Programm“ – das ließe sich schwer begreifen, solange wird Veličkovićs Rückfrage wohl unbeantwortet verhallen. Der andere Nebenan, ohne den Rahmen seiner selbstgefälligen Herausgeberschaft, eine sehr lesenswerte Sammlung, die ebensoviel über Europa und seine Feindseligkeit verrät, wie über ‚den Balkan’.

Miranda Jakiša

Richard Swartz (Hg.): Der andere nebenan. Eine Anthologie aus dem Südosten Europas. S. Fischer Verlag. Frankfurt a. M. 2007.

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