Hiob ohne Happy End

Zvi Kolitz‘ Erzählung Jossel Rakovers Wendung zu Gott wird in einer Neuausgabe von Paul Badde entstellt.

kolitz
Es ist ein Schreiben in einer Situation, wie sie extremer nicht sein könnte: In einer Stunde wird Jossel Rakover tot sein. Umgeben von seinen bereits ermordeten oder verhungerten Freunden, hoffnungslos eingesperrt in einem der letzten Häuser der Warschauer Ghetto-Widerstandskämpfer, schreibt Jossel Rakover in dieser letzten Stunde seines Lebens eine Nachricht an die Nachwelt. Zeit nicht nur dafür, das eigene unermessliche Leid in Worte zu fassen; Zeit auch für eine Abrechnung mit Gott. Die brennendste aller Fragen – was muss noch geschehen, damit Gott sein Gesicht der Erde wieder enthüllen wird? – steht neben der bedingungslosen Fügung ins Schicksal: „Ich glob as sein a Jid is an eingebojrener Tugend. Man wert gebojren a Jid punkt wie men wert gebojren a Kinstler.“ – in Paul Baddes Übertragung: „Judesein ist angeboren eingefleischt, glaube ich. Zum Juden wird man wie zum Künstler geboren.“

Zu Recht wurde dieser Text, in seinem Gemisch aus Verzweiflung über die Welt, Wut auf und Liebe zu Gott und stolzem Kampfesgeist, von Anna Maria Jokl als die Formulierung der „Essenz aus dem Schmelzofen eines sechsmillionenfachen Todes“ beschrieben (Über den Jossel Rackower des Zvi Kolitz). Nach der Schilderung, wie seine Frau und alle seine Kinder umgekommen sind, wendet sich Jossel Rakover dem einzig verbliebenen und zugleich höchsten Gesprächspartner zu: seinem Gott, den er noch immer liebt, dem er jedoch nun, kurz vor seinem Tod, auch fordernd gegenübersteht. Die Verbindung zu Hiob, dem grossen Leidenden der Bibel, zieht er selbst, grenzt sich jedoch auch von ihm ab: „Ich sog ober nit wie Ijew [Hiob] as Gott soll onzeigen mit’n Finger ojf mein Sind […]“ – auch wenn Gott auf die kleinen Vergehen eines frommen Mannes zeigen würde, wäre damit sein Leiden erklärt? Jossel Rakover ist ein Hiob des 20. Jahrhunderts, dessen Fragen drängender geworden sind, nicht zuletzt weil er nur ein Vertreter eines ganzen Volkes ist. Ein Hiob, den am Ende nicht das Happy End, sondern der Tod erwartet.

Paul Baddes Neuausgabe der am 25. September 1946 erstmals publizierten Erzählung von Zvi Kolitz (1912-2002) ist vielschichtig: Hinten das jiddische Original (in hebräischer Schrift), vorne die Transkription ins lateinische Alphabet und daneben Baddes Übertragung ins Deutsche. Alle paar Seiten ist eine von Tomi Ungerers Zeichnungen eingefügt. In der Mitte des Buches schliesslich folgt ein umfangreicher Kommentar Paul Baddes, der ein Zeugnis für Freundschaft zwischen dem Autor und dem Journalisten ist, jedoch auch die verwirrte Rezeptions- und Publikationsgeschichte aufklärend kommentieren möchte: Nach der Erstpublikation wurde das Stück Literatur immer wieder als authentisches Dokument eines realen Ghettokämpfers gelesen, während die Richtigstellungen des Autors als Skandal empfunden und immer wieder ignoriert wurden. Mit diesem Mythos der Authentizität räumt Baddes Neuausgabe definitiv auf. Doch was leistet seine Neuausgabe wirklich?
Der Text war schon einmal wiederentdeckt worden – von der bereits erwähnten Schriftstellerin und Psychotherapeutin Anna Maria Jokl (1911 – 2001), die ihn in deutscher Übersetzung zuerst als authentisches Dokument veröffentlicht hatte, den Autor aber, nachdem sie von ihm erfahren hatte, gegen die Angriffe in Schutz nahm. In Baddes Kommentar wird Jokl nur am Rande erwähnt: Es wird lediglich ein „Zerwürfnis“ zwischen ihr und Kolitz angedeutet.

Ein Blick in die Publikation „Anna Maria Jokl und der ‚Jossel Rackower‘ von Zvi Kolitz“ des Theologen Rudolf Pesch (Trier 2005) bestätigt: Die Fronten sind verhärtet. Badde habe die Arbeit Jokls marginalisiert, nicht mit ihr kooperiert, Kolitz‘ Biographie verfälscht und – das ist der gewichtigste Vorwurf – für seine Übersetzung zu 80% diejenige von Jokl verwendet, während seine eigenen Teile ungenügend oder zu christlich geprägt seien, so die Argumente von Pesch. Wie weit jeder dieser Vorwürfe zutreffend ist, müsste von einem Standpunkt aus untersucht werden, der sich (endlich!) allein in den Dienst des Textes stellt. Dies zu leisten, hat Badde verpasst. Abgesehen davon, dass die Übersetzung – siehe im oben zitierten Beispiel das christlich konnotierte „eingefleischt“, das im Original „gebojren“ lautet – näher am Text sein müsste, fallen dem aufmerksamen Leser von Baddes Neuausgabe noch weitaus störendere Ungereimtheiten auf: Das Titelblatt des jiddischen Textes, den Badde als „Original“ bezeichnet, enthält Schreibfehler, die den Titel zu einem „Jossel Rakovers Wendunn zu Nott“ entstellt. Überdies ist es an drei, vier Stellen von Hand – von welcher wird nicht klar – korrigiert, jedoch werden diese Korrekturen nur teilweise in die Transkription übernommen. Der Grund für die Verstümmelung liegt laut Badde darin, dass er nur eine Fotokopie des einzigen von ihm aufgetriebenen und sich in Argentinien befindenden Exemplars der Zeitschrift, in welcher der Text ursprünglich erschienen war, zur Verfügung hatte. Dieses Exemplar wurde in einem Bombenattentat zerstört und konnte von Badde nicht eingesehen werden. Dass in Jerusalem bei Jokl eine unbeschädigte Ausgabe vorlag, die er – auch welchen Gründen auch immer – nicht berücksichtigt hatte, lässt er unerwähnt. Eine ungenaue Arbeitsweise, die misstrauisch macht, und die sicherlich kein Dienst am Text ist.

Verpasst hat Badde eine Wendung – in eben dem Sinne wie Jossel sich zu Gott wendet und mit ihm in einen kritischen Dialog tritt – zum Text, und zwar nicht nur in philologischer Hinsicht. Dass die von ihm genannten biographischen Stationen in Kolitz‘ Leben keineswegs gesichert sind, darauf weist nicht er selbst hin, sondern wiederum Rudolf Pesch. Ob Kolitz nun 1937 Litauen verliess und nach einem Umweg über Italien 1940 in Israel ankam,  wo er in der zionistischen Untergrundorganisation Irgun aktiv war, oder, wie Pesch meint, schon früher nach Palästina gelangt war, bleibt vorderhand ungeklärt und hat vielleicht nur sekundäre Bedeutung. Wenn Badde jedoch vor diesem biographischen Hintergrund den Text als die „ersten Wehen einer einmaligen, unglaublichen Geburt“, also des Staates Israel liest, so führt das zur Frage: Ist der verzweifelte Kämpfer im Ghetto tatsächlich als eine Präfiguration des zionistischen Freiheitskämpfers des neugegründeten Staates Israels zu lesen? Baddes Kommentar legt dies mindestens teilweise nahe und so geht seine Wiederentdeckung des Autors Kolitz zum Schaden des literarischen Werkes: Ein neues Kapitel der Rezeptionsgeschichte situiert den Text in einem historischen Kontext, der den Blick auf dessen spezifisch literarische Wahrheit und Qualität durch eine neue Politisierung wiederum verstellt.

von Claudia Keller

 

Kolitz, Zvi: Jossel Rakovers Wendung zu Gott. Jiddisch-Deutsch. Aus dem Jiddischen übertragen, herausgegeben und kommentiert von Paul Badde. Mit Zeichnungen von Tomi Ungerer. Zürich 2004 (2008 als Taschenbuch erschienen).

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