Vom Mädchen mit der roten Kappe

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Jurica Pavičić hat sich bei Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm bedient und doch mehr als nur eine moderne Version eines alten Volksmärchens geschaffen. Sein fünfter Roman, Crvenkapica (Rotkäppchen), enthält alles, was ein guter Thriller braucht und überzeugt zudem als Sozialstudie der kroatischen Nachkriegsgesellschaft.

„Es war einmal in einem Dorf ein kleines Mädchen…“ – vielleicht hätte Pavičić, wie Charles Perrault 1697, sein Rotkäppchen auch mit diesen Worten beginnen können. Denn nach nur wenigen Seiten Lektüre im jüngsten Roman des aus Split stammenden Autors, spätestens aber, als das junge Mädchen Mare von ihrer Mutter eine rote Mütze aufgeschwatzt bekommt, wird deutlich, dass nicht allein der Buchtitel an das alte Märchen vom Rotkäppchen, der Großmutter und dem bösen Wolf erinnert. Bei Pavičić wird das Rotkäppchen nicht in den dunklen Wald zur kranken Großmutter geschickt, vielmehr schickt die kranke Mutter sie zur äußerst rüstigen alten Tante, und zwar direkt in den Großstadtdschungel – nach Zagreb.

Böse Wölfe gibt es gleich zwei in dieser Geschichte. Im Bus sitzt Mare neben einem freundlichen alten Herrn, der ihr erst Bilder seiner Enkelin zeigt und später das gesamte Geld stiehlt. Der andere böse Wolf ist der Taxifahrer Vinko. Wie schon sein Vorgänger scheint auch er ein Opfer der gesellschaftlichen Neuordnungen in Kroatien zu sein. ‚Nebenberuflich’ sucht er die Bekanntschaft mit wohlhabenden alten Damen, um sie später ihrer Kunstgegenstände zu entledigen.

Und dann ist da Olga, die achtzigjährige Tante, die im Zagreber Viertel Vrhovac allein im Haus ihrer Familie lebt und an deren Körper die kroatische Geschichte ihre Spuren hinterlassen hat. Jede einzelne Narbe und alle Zeichen durchlebter Krankheiten, stehen nicht nur für Olgas persönliches Leid der letzten 80 Jahre, sondern sind vor allem Zeichen historischer Ereignisse in Kroatien, auf dem Balkan und in Europa.

Insbesondere die nuancierte Darstellung der beiden weiblichen Figuren macht aus der auf den ersten Blick so einfach strukturierten Geschichte des Volksmärchens eine komplexe Sozialstudie der modernen kroatischen Gesellschaft. Sowohl die sehr junge Mare als auch die sehr alte Olga können als stereotype Vertreterinnen von gegensätzlichen sozialen und ideologischen Strömungen der Nachkriegsgesellschaft Kroatiens gelesen werden. Während sich Olga in 80 Jahren jugoslawisch-kroatischer Geschichte nach Erfahrungen in KZ und Gefängnis zu einer Parteianhängerin im Tito-Jugoslawien entwickelt hat, eine erfolgreiche Biologin ist, und auch im hohen Alter unabhängig und selbständig, ist Mare zunächst ganz Abbild der selbstaufopfernden, tief katholischen und nichts in Frage stellenden Weiblichkeit, wie sie sich die nationalpatriotischen Kräfte im Kroatien der 1990er Jahre nur wünschen konnten. Doch Pavičić bleibt nicht bei diesem Stereotyp: Mare durchläuft eine Entwicklung hin zu einer selbstbestimmten Frau, indem sie sich zuerst gegenüber ihrer Mutter emanzipiert und schließlich in Zadar ein Studium aufnimmt. Dass sie für diese Entwicklung erst einen ‚Wolf’ töten muss, mag in diesem Zusammenhang nicht weiter überraschen: In einem Akt brachialer Gewalt in bester Thriller-Manie ‚entledigt sich Mare jeglicher klischeehafter Weiblichkeit.

Jurica Pavičić hat sich in Kroatien vor allem als Krimi- und Thrillerautor etabliert, aber auch in seinem 2005 erschienenen, melodramatischen Roman Kuća njene majke (Das Haus ihrer Mutter) hat er sich schon der Darstellung komplexer weiblicher Figuren angenommen, anhand derer er aktuelle gesellschaftliche Strukturen veranschaulicht und kritisch beleuchtet. Für besondere Resonanz sorgte sein 1997 veröffentlichter und 2001 ins Deutsche übersetzter Krimi Ovce od gipsa (dt. Nachtbus nach Triest), dessen Filmadaption Svjedoci (dt. Zeugen) später den Friedenspreis auf der Berlinale bekommen hat. Der kritische Umgang mit den Kriegsgeschehnissen und der verbreiteten Korruption in den Kriegsjahren hat dafür gesorgt, dass sich Jurica Pavičić auch im Ausland einen Namen gemacht hat. Trotz oder gerade wegen dieses Tabubruchs in Ovce od gipsa wurde der Roman zum Bestseller in Kroatien.

Schon früh hat sich der studierte Literaturwissenschaftler und etablierte Journalist und Filmkritiker Pavičić somit an Themen gewagt, die dem kroatischen Eigenbild als entweder Helden hervorbringendes, jahrhundertealtes Reich oder naives Opfer äußerer Umstände und Missverständnisse provokativ entgegenstehen. Von anderen kritischen kroatischen AutorInnen unterscheidet ihn dabei vor allem das von ihm favorisierte Genre, der Thriller.

Pavičićs Stil ist geprägt von direkter Rede und kurzen, klaren Sätzen. Der Erzähler bleibt stets nah an den Figuren, er beobachtet mehr als dass er erklärt. Die kroatische Kritik spricht in diesem Zusammenhang gerne von Pavičićs Nähe zum Film, die sich in seiner Prosa wiederfindet. Nachdem sein letzter Roman, Kuća njene majke,wenig Anklang gefunden hat, wird sein Ausflug in die Welt der Märchen, der gleichzeitig eine Rückkehr zum Genre des Thrillers ist, den er nach Meinung der Kritiker am besten beherrscht, positiv aufgenommen. Die Anlehnung an das Genre Märchen wird im letzten der drei Teile des Romans völlig durchbrochen. Hier wird in fast schon zu streng befolgter und geradezu unmotiviert wirkender Weise ein klassisches Kriminalroman-Ende eingeleitet. Die Aufklärungsarbeit des Detektivs, die in der Kriminalliteratur der Wiederherstellung der Gerechtigkeit und Ordnung dient, läuft ins Leere – allein der Leser weiß am Ende, wer der Mörder ist. Jedoch gelingt es Pavčić mit diesem Ende, die Schuldfrage noch einmal in den Fokus zu rücken – gerade in der Konfrontation  moralischer Werte einer Märchenwelt mit der gelebten Wirklichkeit der Romanhelden.

Egal ob Märchen oder Thriller, es gelingt Pavičić in allen Teilen des Romans, ein breites Spektrum an aktuellen und brisanten Themen aufzurufen. Das betrifft nicht nur die Darstellung der Rückentwicklung in der Emanzipation durch das nach dem Zerfall Jugoslawiens ideologisch hochstilisierte kroatische Frauenbild im konservativen und vor allem patriarchal-katholisch geprägten Kroatien der 1990er Jahre. Es ist vor allem auch die kritische Thematisierung der faschistischen Vergangenheit Kroatiens, die in der Darstellung der Lebensgeschichte Olgas  die politische Dimension des Romans hervortreten lässt.

Roswitha Kersten-Pejanić

 

Pavičić, Jurica: Crvenkapica. Zagreb 2006.

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