Jacek Dehnel sehnt sich nach dem Kaiserpanorama

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Was haben ein Liliputaner, eine halbnackte Salome mit abgeschnittenem Kopf auf einem silbernen Tablett, ein Geige spielender Soldat und sechs transsilvanische Frauen in schwarzen Hüten gemeinsam? Sie alle – und nicht nur sie! – sind Figuren aus Jacek Dehnels Fotoplastikon. Aber keine Sorge: Es handelt sich hier keineswegs um eine Kuriositätensammlung, auch wenn sich das Buch nicht eindeutig einer literarischen Gattung zuordnen lässt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, man hätte es mit einem Fotoband zu tun, jedoch bemerkt ein aufmerksames Auge, dass die Kommentare zu den Bildern etwas mehr als nur Erläuterungen sind, und umgekehrt, jene Bilder mehr sind, als nur Illustrationen zum Text. In Jacek Dehnels Buch stehen beide Medien – Wort und Bild – gleichberechtigt nebeneinander und bilden ein untrennbares Ganzes.

 

Dehnel_Foto_Reymont-plDer bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnete Dichter, Prosaiker und Übersetzer wurde 1980 in Gdańsk geboren. Obwohl er also ein sogenannter junger Autor ist, sind seine Bücher in einem klassischen, geradezu – dem durch die Straßen Warschaus mit Zylinder schlendernden Schriftsteller wäre dieses Wort sicherlich nicht unangenehm – altmodischen Stil gehalten.Auch bei den Themen seiner Bücher ist die Vorliebe für die Vergangenheit spürbar: Der Roman Lala (2006) gründet auf den von der Großmutter erzählten Familiengeschichten; die Balzac nachempfundenen Balzakiana (2008) gedenken gewissermaßen des klassischen Romans aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die für Dehnel charakteristische Nostalgie kommt auch in Fotoplastikon zum Ausdruck – allein durch die Entscheidung, sich mit solch einem veralteten Medium wie dem Kaiserpanorama zu beschäftigen. Nostalgisch ist Dehnel auch bei der Auswahl der Fotos in seinem Buch: Das jüngste stammt aus den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, die meisten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Sie sind schwarz-weiß beziehungsweise sepia, was zusätzlich den Eindruck der Sehnsucht nach dem Vergangenen verstärkt. Nun gut, aber worum geht es eigentlich…? Dehnel gestaltete sein Buch nach dem Vorbild eines Kaiserpanoramas, einem Medium, dessen Glanzzeit auf das Ende des 19. Jahrhunderts fiel. „Fotoplastikon“ ist die polnische Bezeichnung für jenen Vorgänger des Kinos, in dem stereoskopische Bilderserien gezeigt wurden. In Warschau besteht heute noch die Möglichkeit, sich in einem restaurierten Fotoplastikon davon zu überzeugen, worin der Zauber solcher Orte bestand. In der Zeit, als man sie noch nicht – so Dehnel – „miniaturisierte, in Hunderten, Tausenden Millionen Exemplaren produzierte, spottbillig verkaufte“, wurden in Kaiserpanoramen Fotografien präsentiert, die als Ensemble über ein Ereignis informierten oder eine Geschichte erzählten. Und eben solch eine Struktur übernimmt Dehnel in seinem Buch: Auf den linken Seiten befinden sich die Bilder, auf den rechten die Geschichten. Doch handelt es sich hierbei nicht bloß um eine Sammlung zufälliger Fotos, die mit freizügigen Betrachtungen versehen sind: Es ist nämlich ein in jeder Hinsicht durchdachtes Buch. Seine feine Komposition kommt auf mehreren Ebenen zum Ausdruck.

Zunächst ist es die Auswahl und Zusammenstellung der Bilder: In Paaren, nach „links“ und „rechts“ geordnet, als ob sie zur Anschauung per Stereoskop bestimmt wären. Mithilfe dieses Geräts, wie Dehnel im Vorwort bemerkt, gewinnt man die Illusion der Dreidimensionalität. Die doppelten Bilder stellen, so lässt der Autor durchblicken, im Grunde dasselbe Objekt dar, nur aus unterschiedlichen Perspektiven. Auf diese Art und Weise setzt Dehnel zuweilen scheinbar sehr fern liegende Bilder zusammen (wie zum Beispiel ein einstürzendes Gebäude mit dem dreifachen Porträt einer kranken Frau), deren gemeinsamer Nenner im Text  offenbart wird. Und plötzlich scheint ihr Zusammenhang vollkommen offensichtlich zu sein. Auch die Bild-Text-Beziehung kann hier als ein Effekt der Stereoskopie interpretiert werden, denn wie sich bei dieser Technik zwei aus unterschiedlichen Standpunkten aufgenommene Fotografien gegenseitig ergänzen, so vervollständigen sich hier Text und Bild.

In den Texten lässt sich ebenfalls eine kompositorische Sorgfalt erkennen. Es sind Anekdoten, Erinnerungen, kleine Fiktionen, die aus einem Detail des Bildes entwickelt und weitergesponnen werden. Es sind keine klassischen Fotografie-Interpretationen, sondern vielmehr Variationen zu dem, was Roland Barthes punctum nennt. Dehnel nimmt als Ausgangspunkt etwas auf, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, Unruhe weckt und im Gedächtnis bleibt, um von diesen Rissen in den Bildern unter die schwarz-weiße Glätte einzudringen. Dennoch bleibt seine Distanz erhalten: „Ihre Bluse ist hell und dunkel gestreift; ich kann es erst jetzt sehen, von ganz nah, wenn ich mit der Nasenspitze beinahe die kühle Oberfläche des Bildes berühre; man kann an sie, an die Antwort nicht näher kommen.“

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Fotoplastikon ähnelt einem Poesieband: Es ist eine Sammlung von kondensierten Kurzformen, die man einzeln und in beliebiger Reihenfolge lesen, zu ihnen wiederkehren, und über sie nachsinnen kann. Die Texte sind kurze Essays: knapp, bündig und geistreich, mit präzisen Formulierungen, treffenden Beobachtungen und unerwarteten Pointen. Auf der kitschigen Postkarte, die zwei Verliebte in einer Gondel über die Weichsel schippernd zeigt, befindet sich am oberen Rand ein brauner Fleck: „An der Intensität dieser Spur (eines Reißnagels) erkennt man den Zeitabschnitt, in dem diese Geste – die Berührung der Köpfe, die Umarmung – Bedeutung hatte. Rostroter Kreis, romantischer als diese ganze Szenerie: Die Brücke mit den Laternen und die Wellen der Weichsel, die das mit fürwahr grauenvollen Schnörkeln bemalte Boot für die Verliebten treiben.“ Die Texte sind aber nicht nur im handwerklichen Sinne gut geschrieben – unter der anscheinenden Leichtigkeit stellen sie Fragen fundamentaler Art: nach Schönheit (und, als ihr Negativ, Hässlichkeit), nach Liebe, Krankheit, Tod, Gedächtnis und Vergänglichkeit. Und schließlich, gewissermaßen selbstreferenziell, wird die Photographie thematisiert, wie z. B. in Bellisima. Zu dieser Geschichte gibt es ein Bild ohne Bild – also eine Abbildung eines leeren Platzes im Fotoalbum; doch Dehnel kann sogar ein weißes Rechteck als literarischen Vorwand nutzen. Es handelt sich um eine im Internet gefundene Fotografie: „…aber offensichtlich war nicht nur ich empfindlich für dieses Unsägliche, das von ihr strahlte. Damals, in den letzten Sekunden der Versteigerung, schienen mir 83 Złoty ein übertriebener Preis zu sein; in der Eile verliert man manchmal das rechte Maß. Im nächsten Moment wusste ich schon, dass der Preis lächerlich war, weil jenes ‚Unsägliche’ sich ‚Schönheit’ nennt…“.

von Judyta Klimkiewicz

 

Dehnel, Jacek: Fotoplastikon. Warszawa 2009.
Dehnel, Jacek: Lala. Warszawa 2006.
Dehnel, Jacek: Lala. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall, Berlin 2008.
Dehnel, Jacek: Balzakiana. Warszawa 2008.

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