Kroatien hat Andrić seine jugoslawische Gesinnung nicht verziehen

Interview mit Krešimir Nemec, Professor für kroatische Literatur an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb

novinki: Anlässlich des 50. Jubiläums des Nobelpreises von Ivo Andrić setzten Sie sich dafür ein, Andrićs Werke in Zagreb neu zu drucken. Wie weit sind Sie in Ihrem Vorhaben gekommen?

Krešimir Nemec: Im August 2010 habe ich der Kulturorganisation Matica hrvatska den Vorschlag übersandt, in der exklusiven Edition „Jahrhunderte kroatischer Literatur“ ausgewählte Werke von Ivo Andrić in drei Bänden zu drucken. Bislang habe ich keine Antwort erhalten. Ich fürchte, dass die Gelegenheit, diese Werke in diesem Jahr zu drucken, in dem der 50. Jahrestag der Verleihung des Nobelpreises an Ivo Andrić gefeiert wird, versäumt worden ist. Meines Erachtens hat man in Kroatien nichts unternommen, um dieses Jubiläum zu begehen.

n.: Wie erklären Sie sich, dass es keine Reaktion auf Ihren Vorschlag gab?

K.N.: Mir persönlich fällt die Erklärung schwer. In Kroatien gibt es Berührungsängste in Bezug auf Andrić, die grundlos sind. Andrić ist zweifellos ein Schriftsteller, der auch zur kroatischen Literatur gehört, nicht nur zur kroatischen, aber auch zur kroatischen. Doch seine unitaristische jugoslawische Gesinnung wird ihm hier nicht verziehen. Manchen wurde diese Gesinnung verziehen. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien verziehen oder nicht verziehen wird. Ivan Meštrović etwa ist von diesem Delikt exkulpiert worden, Andrić nicht. Andrićs Werke werden in Zagreb nicht veröffentlicht oder sehr selten. Es gibt keine Straßen, die nach ihm heißen, es gibt eine Abwehr gegenüber Ivo Andrić in Kroatien.

n.: Inwiefern hielt sich Andrić selbst für einen kroatischen Schriftsteller?

K.N.: Andrić hielt sich für einen jugoslawischen Schriftsteller. Eine der wenigen Einstellungen, denen er treu blieb, ist seine jugoslawische Gesinnung. Von der Bewegung Mlada Bosna (Junges Bosnien), als er politisch aktiv wurde, bis zu seinem Tod verteidigte er die jugoslawische Idee. Er hielt Serben und Kroaten für zwei Stämme ein und desselben Volkes, darauf bestand er sein Leben lang. Sich selbst sah er nicht als Mitglied eines der jugoslawischen Stämme, sondern als Angehörigen eines integralen jugoslawischen Volkes, falls so etwas existiert haben sollte. Auf jeden Fall gab es ja Versuche, ein solches Volk zu schaffen. Andrić hat nie gesagt, er sei ein serbischer Schriftsteller, nie, diese Aussage gibt es nicht, trotz aller Suche mancher serbischer Literaturhistoriker. Ebenfalls lässt sich keine ausdrückliche Erklärung finden, er sei ein kroatischer Schriftsteller. Er sagte, er sei Jugoslawe und ein jugoslawischer Schriftsteller – und blieb dabei. Das Kroatentum aus ihm herauszudrängen, was man in Belgrad tut, ist eine fruchtlose Angelegenheit, genauso wie der Versuch in Kroatien unsinnig ist, sein Jugoslawentum vom Tisch zu wischen, denn das Jugoslawentum ist auch ein Teil der kroatischen Identität.

n.: Die bosniakische Seite beschäftigt sich nicht so sehr mit der Frage, welcher Literatur Andrić zuzurechnen ist, sondern mit den politischen Botschaften seines Werkes. Man wirft ihm vor, den Hass gegenüber den Muslimen geschürt zu haben. Ist da aus Ihrer Sicht etwas Wahres dran?

K.N.: So wie es in kroatischen Kreisen eine Abwehr gegen Andrić gibt, so wurde in bosniakischen, muslimischen Kreisen ein ideologisches Projekt der sogenannten Islamophobie von Andrić konstruiert, für die keine Anhaltspunkte in seinen Werken sprechen. Andrić war nicht islamophob. Abzuwägen, wie viele unter seinen positiven Helden katholisch oder orthodox und wie viele muslimisch sind, führt zu nichts. Wir können nicht behaupten, dass 25,6% der positiven Helden Katholiken seien und so und so viele Muslime. Das stimmt nicht. Insbesondere nach dem Krieg machte sich diese Tendenz bemerkbar, auch wenn schon davor solche Versuche unternommen worden waren. Muhsin Rizvić, Esad Duraković und andere bosniakische Intellektuelle stellten Andrić als Islamophoben vor. Die Basis dafür machen sie in dessen Grazer Dissertation aus, in der er von einer natürlichen Orientierung Bosniens nach Westen spricht sowie darüber, dass der Einbruch der Türken die Brücke zum Westen zerstört habe. Nun, da geht es um eine kulturwissenschaftliche Theorie, um eine Dissertation. Seine fiktionalen Texte berechtigen indes keine Interpretation Andrićs als Islamophoben. Dort kommen viele positive muslimische Figuren vor, es gibt dort negativ gezeichnete bosnische Frater, negative Figuren unter den Serben. Das ist alles miteinander vermischt. Ich will nicht behaupten, dass es gleichmäßig verteilt ist, denn ich habe die Figuren in diesem Sinne nicht berechnet. Man hat aber in den bosniakischen Gegenden vor dem Hintergrund dieser Interpretationen Ivo-Andrić-Straßen und alles, was nach ihm benannt wurde, einfach abgeschafft.

n.: Wie hat Andrić die Kroaten dargestellt?

K.N.: Er war von den bosnischen Fratern besessen. Wenn man sie sich genauer anschaut, stellt man fest, dass er sie nicht idealisierte, sondern sie vielmehr oft mit ihren schlechten Seiten darstellte. Einer war faul, der andere aß und trank übermäßig, also keineswegs einseitig. In Omer-Pascha Latas (Omerpaša Latas) ist Vjekoslav Karas, ein Kroate, die eigentliche Hauptfigur. An einigen Stellen im Roman heißt es, Karas erwiderte auf Kroatisch. Andrić hatte also kein Problem mit den Kroaten, obwohl er Grund gehabt hätte, Vorbehalte gegen Zagreb und Kroatien zu haben.

n.: Warum?

K.N.: Weil er hier keine Unterstützung bekam, er litt Hunger in Zagreb. Gerade konstituiert sich der neue Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das er ersehnte, er kämpfte ja für die Vereinigung der Südslawen. Belgrad wurde zur Hauptstadt des neuen Staates, viele Institutionen und Intellektuelle zogen dahin. Andrić hat sofort begriffen, dass er im neuen Staat als Kroate keine große Karriere machen würde und begann, sein Jugoslawentum sozusagen zu verwerten. Er wollte in die Diplomatie. Das war eine für die Serben reservierte Domäne. Aufgrund seiner jugoslawischen Gesinnung gelang es Andrić, sich Zutritt zur Diplomatie zu verschaffen. Er liebte das bequeme Leben, die Sicherheit, was man ihm nicht übelnehmen kann. Wer liebt das nicht? Er entschied sich also für Belgrad der Karriere wegen. Es gibt Theorien, dass er sich in Zagreb vor dem Schatten von Miroslav Krleža fürchtete. 1919, als Andrić Zagreb verließ, hatte Krleža bereits einige Bücher veröffentlicht und große Erfolge gefeiert. Meines Erachtens stimmt diese Theorie nicht, Andrić hatte keinen Grund, Angst vor Krleža zu haben, geschweige denn, dass dies der Hauptgrund gewesen wäre, Zagreb den Rücken zu kehren.

n.: Warum wird Andrić in Kroatien nicht von der „Sünde“ losgesprochen, Jugoslawe gewesen zu sein? Wem wurde das Jugoslawentum verziehen?

K.N.: Sehen Sie, man kann doch nicht allen Ernstes behaupten, dass Franjo Tuđman zu keiner Zeit ein Jugoslawe gewesen wäre. Oder Josip Broz Tito. Ivan Meštrović, Ivo Vojnović, Vladimir Čerina, eine Zeitlang Tin Ujević. Das Jugoslawentum ist ein Bestandteil der kroatischen Identität. Die jugoslawische Idee ist ja in Kroatien entstanden, nicht in Serbien, nur haben die Serben sie als Teil ihres Projektes angenommen. Denken wir an Ljudevit Gaj, an Josip Juraj Strossmayer, an die ganzen Illyrer. Bis Ante Starčević auf der politischen Szene erschien, war diese Idee dominant.

n.: Wird man in Kroatien in Zukunft anerkennen, dass das Jugoslawentum eine Säule der kroatischen Identität darstellt? Erwarten Sie mit anderen Worten eine Wende in der Rezeption von Ivo Andrić in Kroatien?

K.N.: Die erste Frage ist schwer zu beantworten. Ich hoffe es, ich denke, man wird das Jugoslawentum als Bestandteil der kroatischen Identität anerkennen müssen. Da wird es aber viele Hindernisse und viele Gegner geben. Ich selbst bin übrigens auch kein großer Befürworter der jugoslawischen Gesinnung. Dieser Gedanke wird nur sehr langsam in das Bewusstsein der gewöhnlichen Menschen eindringen, aber es wird dazu kommen müssen. Ob sich dadurch der Status von Ivo Andrić in der kroatischen Literatur verändert, bleibt eine offene Frage. Andrić hat einmal gesagt, ich gehöre denen, die mich haben wollen. Wenn man ihn in Kroatien nicht haben möchte, wenn man ihn nicht liest, wenn man ihn nicht studiert, wenn man ihn nicht publiziert, wenn man keine Straßen nach ihm benennt, wenn man keine Ausstellungen über ihn organisiert, dann ist er, fürchte ich, für die kroatische Literatur verloren. Für mich wäre das total inakzeptabel. Solange ich lebe, werde ich die Idee verteidigen, dass Ivo Andrić auch ein kroatischer Schriftsteller ist.

Das Interview führten Ksenija Cvetković-Sander und Martin Sander.
Übersetzung von Ksenija Cvetković-Sander

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