Zwischen Raum

Der mazedonische Schriftsteller Nikola Madžirov erschreibt das „Dazwischen“

„Madžiri“ sind Menschen ohne Zuhause. Der mazedonische Schriftsteller Nikola Madžirov (geb. 1973) baut sich seines im „Dazwischen“: Er setzt seine Verse zwischen verblasste Aufkleber und angebissene Äpfel, neben Zitate und Erinnerungen, über Bibelstellen und Tao – zwischen Zeilen der Weltliteratur und die Prosaik des Alltags. Eine Suche nach neuen Worten, im Bewusstsein, dass alles schon einmal gesagt wurde. Sein Nomadismus ist aber nicht nur ein mentaler. Madžirov reist auch viel. novinki hat ihn in Berlin getroffen, wo er beim Poesiefestival zu Gast war. Seinen neuen Gedichtband Premesten Kamen (Der versetzte Fels), für den er unter anderem im April 2007 mit dem Hubert Burda Preis für osteuropäische Lyrik ausgezeichnet wurde, hatte er auch im Gepäck.

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novinki: Du kommst vom Balkan, aus Mazedonien, und hast in deinem Essay „Der Reiche, der Bettler und der Arme – ein balkanischer Spaghetti Western“ eine eigene Spezies Mensch erschrieben, den „homo balcanicus“. Was ist das für ein Typ?

Nikola Madžirov: Der „homo balcanicus” ist ein Mensch, an dem gezweifelt wird und der an sich zweifelt. Er gehört zu vielen Kulturen, zu vielen Ländern, zu vielen historischen Augenblicken. Ein mazedo-nischer Schriftsteller hat einmal gesagt, dass es im Balkan nicht möglich ist, in ein und demselben Land geboren zu werden und zu sterben. Das liegt an den spezifischen ideologischen, geopolitischen und ästhetischen Dynamiken dieser Region.

n.: Auch an deinem Nachnamen „Madžirov“ kann man diese Veränderungen und Bewegungen ablesen.

M.: Das ist richtig. Mein Nachname „Madžirov“ ist mit der Bewegung von einem Ort zum anderen verbunden, und zwar als Folge der Balkankriege. Meine Vorfahren waren gezwungen, von dem Teil Mazedoniens wegzugehen, der jetzt zu Griechenland gehört. Deswegen wurden sie „madžiri“ genannt, Menschen ohne Zuhause. Dieses Wort ist ursprünglich arabisch und stammt von den Anhängern Mohammeds ab, die mit ihm von Mekka nach Medina gezogen sind. Heute benennt dieser Begriff in unterschiedlichen Spra-chen das Schicksal von Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, egal, ob Christen oder Moslems, egal, ob aus Asien oder Europa. Es ist ein überzeitlicher Begriff, denn es wird immer Bewegungen durch Zeit und Raum geben.

n.: Für dein neues Buch Premesten Kamen (Der versetzte Fels) hast du dich nicht nur im übertragenen Sinne in Bewegung gesetzt, sondern du hast unterwegs geschrieben. Du bist für ein Stipendium nach Österreich gefahren und hast in Wien angefangen zu arbeiten, nicht in Mazedonien.

M.: Der Prozess des Reisens ist ein Teil der Schöpfung dieser Texte. Ich bin viel gereist, mit dem Bus, dem Flugzeug, mit dem Zug. Das ist ein Konzept des Buches, dass alle Gedichte außerhalb meines Zuhauses in Mazedonien entstanden sind. Das steht auch in Verbindung mit dem Titel meines Bandes „Der versetzte Fels“.

n.: Inwiefern?

M.: Der Fels ist statisch und stabil und ist für mich ein Symbol für etwas, das unsere innere Haltung zeigt, unsere Sichtweise der Welt. Bei der „Versetzung des Felsens“ geht es mir darum, diese innere Haltung in Bewegung zu bringen, also Denkmuster zu hinterfragen und Positionen zu überdenken. Mich beeindruckt Derridas Idee von der „privilegierten Instabilität“ (privilegirana nepostojanost). Derzufolge ist es ein Zeichen von Privilegiertheit, wenn man die Möglichkeit hat, sich sein Leben lang immer wieder neu zu positionieren, nicht nur äußerlich, sondern auch im Inneren. Ich glaube an den mentalen Nomadismus im Sinne von Kenneth White. Vielleicht ist das der Grund weswegen ich so oft die Orte wechsle, um Personen oder Gedichte als Punkte zu finden, die diesen neuen Raum bilden.

n.: In deinen Gedichten fällt aber gerade auf, dass das lyrische Ich oft sehr passiv ist, einfach im Bett liegt und nichts macht. Dinge oder Tiere kommen dann zu ihm hin, zum Beispiel im Gedicht „Ich wachse“, in dem es heißt: „Es kamen Rehe an mein Bett/ und Hasen / tatsächlich/ auch Pferde und Schafe / und die Ziegen waren da/ und dann begann unter meinem Bett/ Gras zu wachsen /(…).“ Wie passt das zusammen?

M.: Das ist paradox (lacht), jedoch nur eine mögliche Sichtweise. Manchmal ist das lyrische Subjekt außerhalb des Gedichts als Beobachter. Wenn man Dinge beobachtet, scheinen sie sich zu einem hin zu bewegen. Wenn man sich außerhalb eines Ambientes befindet, hat man den Eindruck, dass man sich die ganze Zeit bewegt. Auf Bildern von alten chinesischen Malern sind Menschen oder Tiere sehr klein. Sie stehen nicht im Zentrum, sondern sind Teil der Bäume, der Berge, kurz, ihrer Umgebung. Es gibt also kein Zentrum, weder Subjekt noch Objekt. Nur im Westen wird immer nach dem Zentrum gesucht.

n.: Wonach suchst du denn?

M.: Ich suche nach dem „Dazwischen“, nach Zwischensituationen, die immer Teil einer Bewegung sind. Wenn man eine leere Plastiktüte im Wind fliegen sieht, dann ist diese Tüte auch im Dazwischen. Sie bewegt sich und auch ein Vogel bewegt sich, um im Dazwischen zu sein. Solche Bewegungen sind das poetische Fundament meines neuen Buches.

n.: Kann dieses Dazwischen auch in der Zeit lokalisiert werden?

M.: Natürlich. Für mich haben Raum und Zeit viele Ebenen. Einige Theoretiker und Philosophen unterteilen die Zeit in eine kosmologische Zeit, in der die Welt entstanden ist, und in eine historische Zeit, in die Zeit unserer gemeinsamen Geschichte und in unsere persönliche Geschichte. Gadamer, einer meiner liebsten Philosophen, unterscheidet zwei Arten von Zeit: zum einen die Zeit der Dinge und zum anderen unsere Zeit. Die Zeit der Dinge steht in einem sozialen Kontext, das ist die Zeit für die Dinge, die wir tun müssen. Die zweite Zeit ist die Zeit unserer Kindheit, die Zeit unseres Lebens, die Zeit unseres Todes. Wir leben im Dazwischen dieser beiden Zeiten. Zwischen beiden Zeiten liegt der Raum.

n.: Ist die Kindheit dabei eine besondere Zeit für dich? In deinen Gedichten tauchen „Aufkleber der Kindheit am Kühlschrank“ auf, ein verirrtes Kind oder Spielzeuge, die vergraben sind. Warum blickst du immer wieder in dieses vergangene Stadium zurück?

M.: Ich spreche über die räumliche, nicht über die zeitliche Dimension der Kindheit. Kindheit ist für mich ein kleines Haus, dessen Schlüssel versteckt oder verloren ist, und wir suchen ununterbrochen danach. Wir erinnern uns an Bilder, reden lächelnd über unsere Kindheit, wissen aber, dass wir dieses Haus nicht mehr betreten können. Den Schlüssel jedoch suchen wir. Kinder beeindrucken mich: Wenn sie in frischen Asphalt treten, dann nicht, um ein Zeichen zu hinterlassen in der Art von „schau mich an, ich bin lebendig“, sondern weil ihre Fußabdrücke die Struktur ver-ändern. Sie suchen nach neuen Mustern, neuen Erfahrungen, neuen Ebenen. Erwachsene dagegen wollen unbedingt Spuren hinterlassen auf der Suche nach Ewigkeit.

n.: Wie soll der „Fußabdruck“ deiner Gedichte Strukturen verändern?

M.: Die Künstlerin und Musiker Laurie Anderson hat eine interessante, kosmologische Geschichte über Erin-nerung erzählt. Danach gab es am Anfang nur fliegende Vögel und weil es noch keine Erde gab, waren sie gezwungen pausenlos zu fliegen. Da starb der Vater eines Vogels und sein Sohn überlegte sich, wo er ihn begraben könnte. Da es keinen Boden gab, beschloss er, den Vater in seinem Kopf zu begraben. So entstand die Erinnerung, als Verbindung zu einer Vergangenheit, die eigentlich nicht existiert. Meine Gedichte basieren auf unvollständigen Bildern einer unvollständigen Erinnerung. Es macht mich glücklich, wenn meine Gedichte für jemanden, der sie liest, einen fehlenden Teil seines Gedächtnisses darstellen und dadurch ein Bild vervollständigen können. Das ist einer der Gründe weswegen ich schreibe, um die Welt zu vervollständigen, die persönliche Welt von irgendjemandem und vielleicht auch meine.

n.: Du erzählst ja auch von ganz persönlichen Dingen, die jedem vertraut sind: von einem Blumentopf, einem Teekessel, einer Briefmarke, einem angebissenen Apfel. Welche Rolle spielen diese alltäglichen Dinge in deinen Gedichten?

M.: Mit ihnen erzähle ich eben diese persönliche Geschichte. Aber wahr-scheinlich schreibe ich eine allgemeine und eine persönliche Geschichte zugleich. Das ist ein weiteres Paradoxon. Alle Menschen, alle Dinge, die mir begegnet sind und die ich wahrgenommen habe, sind Teil dieser Geschichte. Ich will diese Dinge nicht ewig machen, sondern präsent. Dinge zeigen unsere Anwesenheit, wenn wir sie in die Leere des Raumes stellen, das hat Zbigniew Herbert gesagt. Seine Worte haben meine Poetik inspiriert. Es geht aber auch darum, Vertrautes neu zu entdecken und neu zu erleben, „auf der Oberfläche des Wassers zu gehen“, wie ich in einem meiner Gedichte schreibe.

n.: Das ist ein Zitat aus deinem Gedicht „Neue Länder“ (Novi zemji). Dort heißt es: „Man muss neue Länder erfinden, damit man wieder über das Wasser gehen kann“. Weshalb bemühst du da ein biblisches Bild?

M.: Natürlich gibt es diesen biblischen Kontext. Aber es ist eigentlich eher eine Säkularisierung, ein Symbol des Los-lassens unseres Geistes. Manchmal haben wir es wirklich nötig zu gehen, sogar auf dem Wasser ohne dabei Angst zu haben, dass wir auf dem Grund aller uns umgebenden Prozesse enden. Auch derjenigen Prozesse, die Teil großer politischer Veränderungen oder sozialer Bewegungen sind. Dieses Bild ist sehr stark für mich. Ich habe es verwendet, weil es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der nicht auf dem Wasser oder in der Luft gehen können möchte.

n.: In „Neue Länder“ schreibst du auch von der „Karte der neuen Welt, in die neue Reiserouten eingetragen werden“. Glaubst du, die Poesie hat die Kraft, neue Welten oder Länder zu erschaffen?

M.: Ich bin beeindruckt von den Surrealisten, deren Ziel es war, nicht die Welt zu verändern, sondern das Leben. Ich sehe Poesie als Teil dieses Prozesses etwas zu verändern. Vielleicht nicht das Leben, das ist sehr allgemein, sondern etwas in der Art und Weise, Dinge wahrzu-nehmen. Es geht darum, Dinge nicht vom ersten Eindruck her zu beurteilen, denn es gibt immer mehrere Ebenen. Unser Leben ist in einer gewissen Weise ein Palimpsest und Poesie ist ein Teil davon.

n.: Verstehst du auch deine Gedichte als Palimpseste, mit denen du vergangene Spuren sichtbar machen und so Vergangenheit und Gegenwart verbinden willst?

M.: Ich verwende das Palimpsest auf zwei Ebenen, einer vertikalen und einer horizontalen. Unter „vertikal“ verstehe ich meine persönliche Erfahrung eines Augenblicks. Ein Palimpsest hat viele Ebenen und eine überdeckt die andere, ein Augenblick überdeckt den anderen. Das Palimpsest lässt die verdeckten Augen-blicke eines Tages wieder zum Vorschein kommen, wenn jemand danach gräbt. Diese palimpsestische Struktur ist die Grundlage meiner Poetik, deswegen taucht der Begriff in einem meiner Gedichte auf. Er hat keine intellektuelle Bedeutung.

n.: Und was wäre die „horizontale Ebene“ deiner Gedichte?

M.: Die andere, horizontale Ebene kann man vielleicht als chronologische Linie ansehen. Ich schreibe auf kein leeres Blatt, sondern auf ein Blatt, das schon beschrieben ist, vielleicht von einem Dichter der Vergangenheit, vielleicht von irgend-jemandem, der seine Eindrücke ins Gästebuch eines Museums geschrieben hat, oder ins Beschwerdebuch beim Verlas-sen des Hotels. Unsere Worte sind immer schon geschrieben und wir denken, dass sie mehr Gewicht haben, wenn wir gehen. Ich sehe die geschriebenen Worte als einen Beweis, dass jemand vor mir gekommen und gegangen ist.

n.: Eine letzte Frage noch: Was heißt es, ein Dichter aus einem ganz konkreten Raum, nämlich Mazedonien, zu sein?

M.: Jeder Dichter sollte wieder mehr die Möglichkeiten erforschen, die der Raum ihm bietet, in dem er lebt. Dieser Raum hat selbstverständlich einen großen Einfluss auf sein Werk. Ein Dichter in Mazedonien zu sein, ist wie ein Poet irgendwo auf der Welt zu sein. Wegen der Globalisierung und dem Internet gibt es mehr Möglichkeiten, sein eigenes Werk zu zeigen oder mit anderen Dichtern in Kontakt zu treten. Doch Poesie hat nichts mit der Zahl der Auflagen oder Leser zu tun. Enzensberger stellte fest, dass es überall auf der Welt, in jedem Land 1354 Leser eines Gedichts gibt. Nach Enzensberger sind, je kleiner ein Land ist, dessen Gedichte umso bedeutender. Und in größeren Ländern ist Poesie nicht so wichtig, da diese andere Mittel und Möglich-keiten haben, ihre Kultur in der Welt zu zeigen. Deswegen ist er auf diese konstante Zahl gekommen.

n.: Und hat Enzensberger Recht?

M.: (lacht) Ich weiß nicht. Aber es ist zumindest sehr interessant sich vorzustellen, dass – egal ob in China, in Mazedonien oder in Deutschland – die Zahl der Leser eines Gedichts 1354 ist.

Das Interview führten Tamina Kutscher und Lucia Zimmermann.

Nikola Madžirov (geb. 1973) lebt in Strumica (Mazedonien). Sein neuer Gedichtband Premesten Kamen („Der versetzte Fels“) entstand in Wien und wurde sowohl mit dem Hubert Burda Preis für osteuropäische Lyrik sowie dem renommiertesten mazedonischen Poesiepreis „Braka Miladinovci“ ausgezeichnet. Schon für sein schriftstellerisches Debut Zaklučeni vo gradot (1999, „Eingeschlossen in der Stadt“) hat er den Preis „Studentski zbor“ erhalten, das zweite Werk Nekade nikade (1999, „Nirgends niemals“) wurde mit dem Aco Karamanov Preis prämiert. Sein Werk ist in 12 Sprachen übersetzt. Nikola Madžirov ist Herausgeber des literarischen Online-Magazins Blesok (www.blesok.com.mk) und der mazedonische Verantwortliche für das internationale Poesie-Portal Lyrikline (www.lyrikline.org).

Zaklučeni vo gradot (Eingeschlossen in der Stadt). Magor. Skopje 1999.

Nekade nikade (Nirgends niemals). Karamanov Poetry Meetings. Radovish 1999.

Asfilt, no nebo (Asphalt oder Himmel). Templum. Skopje  2003.

Premesten kamen (Der versetzte Fels). Magor. Skopje 2007.

www.eurozine.com/articles/2004-03-22-madzirov-de.html [Essay „Der Reiche, der Bettler und der Arme. Ein balkanischer Spaghetti-Western“ von Nikola Madžirov]

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