Banat Gothic. Mrtvo polje und Espirando von Srđan Srdić

Srdic-MrtvoPolje-cover

Kikinda als „kleine Abscheulichkeit“ [Kikinda: Kleinstadt in der Vojvodina an der serbisch-rumänischen Grenze und Austragungsort des gleichnamigen Literaturfestivals; Anmerkung der Redaktion], die Erkenntnis, dass „der Tod eine ernsthafte Institution“ ist und „verpflichtet“, Horror- und Roadmovie-Versatzstücke, Banat Gothic als Genre, Pop-Expressionismus und Pop-Surrealismus, postmoderne Absurdität, die Ästhetik des Hässlichen, Groteske und politischer Antikarneval, Underground, Trash Discographie und Videographie (Alternative Rock, Death Metal, Post-Metal; Bad Lieutenant, Eraserhead) und dazu die Schlacht auf dem Amselfeld… – wem all dies zusammengenommen auf den ersten Blick eine irrwitzige Kombination zu sein scheint, werfe einen Blick in den Roman Mrtvo polje und die Erzählsammlung Espirando von Srđan Srdić.
Srđan Srdić, 1977 in Kikinda geboren, in der Literaturszene bis dato vor allem als Intendant des Literaturfestivals Kikinda Short und als Autor weniger, dafür preisgekrönter Kurzgeschichten bekannt, brachte nun innerhalb von zwei Jahren seine ersten Bücher auf den serbischen Buchmarkt.
Die Handlung seines Debutromans Mrtvo polje (Totes Feld, erschienen bei Stubovi kulture, Belgrad 2010) fällt auf einen Augusttag (den Tag des Heiligen Ilija) im berüchtigten Jahr 1993, das zur Chiffre und zum Symbol des (selbstverschuldeten) Fehltritts und vermutlich tiefsten Fall der serbischen Gesellschaft in der Geschichte wurde. Das Titel-Syntagma „Totes Feld“, das einen umgangssprachlichen Ausdruck für jene Wiesen darstellt, auf denen verseuchtes Vieh verbrannt und anschließend verscharrt wird, formt aus der Schlacke der Geschichte retrospektiv eine schmerzhaft-suggestive Metapher für das, was von der serbischen Gesellschaft nach bzw. wegen 1993 noch übrig ist. Mrtvo polje liefert eine schwermütige, düstere und auch mahnende Geschichte, die – in dichtem, poetischen Stil verfasst – von der ‚tragischen’ und zufälligen Begegnung einer Handvoll Romanfiguren bei einem Verkehrsunfall auf einer Straße in der Vojvodina erzählt. Aus dem Schicksal zweier junger Männer, Paolos und Pablos, die aus Belgrad vor der Zwangsmobilisierung flüchten, und aus dem Schicksal Stelas, die der familiären und allgemeinen Perspektivlosigkeit in Kikinda durch den Umzug nach Belgrad entkommen will, modelliert Srdić die sozial und ökonomisch in sich zusammen gefallene serbische Gesellschaft zur Zeit der Kriege in Kroatien und Bosnien. Mit außerordentlicher sprachlicher Energie und erzählerischer Innovativität zwingt Srđan Srdić den Leser förmlich direkt ins Zentrum des „vampirischen“ Nationalismus und der Kriegshysterie eines vermeintlich „himmlischen Volkes“ [nebeski narod: ein Ausdruck für die Sonderrolle, die dem serbischen Volk in den Liedern des Kosovo-Mythos zugesprochen wird; Anmerkung der Redaktion]. Am Ort des schrecklichen Unfalls, an dem auch Kinder auf dem Schulausflug ums Leben kamen, schlägt Zoran Čukić auf, eine ‚trocken’ realistische Figur (Stichwort hier: der aus Videospielen bekannte militärische Realismus), die gerade dadurch dämonische Züge trägt. Es ist die Rede von einem ehemaligen JNA-Offizier [JNA: Abkürzung für die Jugoslawische Volksarmee; Anmerkung der Redaktion], den der Krieg „unendlich freut“ und der kurz zuvor erst aus dem Kampfgebiet zurückgekehrt ist. Čukićs Portrait steht genaugenommen für die Kehrseite und für die Funktionsmechanismen des serbischen (und nicht nur des serbischen) Nationalismus in den 1990ern.
Srdić hat eine passgenaue, hybride Erzählform für diesen Roman über eine Gesellschaft gefunden, die selbst (bedauerlicherweise heute noch) auf der Scheide zwischen Realem und Fantastischem steht. Sein Erzählen setzt sich aus einer upgrade-Version der narrativen Technik des Bewusstseinsstroms – ein ganzer Katalog an Stimmen, anderen auditiven Reizen und Sinneswahrnehmungen dringt im Roman zum (Unter-)Bewusstsein des Protagonisten vor – und unterschiedlichen intertextuellen Verweisen zusammen: außer Anspielungen und Zitaten sind dies parodistische Elemente und satirische Dekonstruktionen mehrerer literarischer und philosophischer Diskurse, literarischer Genres und kanonischer Werke der heimischen und der Weltliteratur, vor allem aber sind es – Musik und Film. Srdićs Roman ist ein ausgesprochen intermedialer, synkretistischer Text, ein einzigartiges polyphones Mosaik, das aus einer Vielzahl an ‚Sprachen’ und Stilen zusammengesetzt ist. (Mrtvo polje ist auf seine Weise ein stilistisch-narratives Gegenstück zu Arsenijevićs Roman U potpaljublju: beide Bücher sind Janusgesichter, sie entsprechen den zwei Seiten ein und derselben Medaille).
Sprache und Körper erhalten beide in Mrtvo polje privilegierten Status und werden mit dem (politisch) Bösen und dem Tod in Verbindung gebracht, deren Aspekte oder genauer gesagt Instrumente sie darstellen. Die Sprache als Produzent und Distributor des Bösen ist die Sprache des nationalistischen Diskurses, den Srdić, allen voran durch seinen Charakter Pablo, meisterhaft parodiert und entlarvt.
Das große Finale und zentrale Crescendo findet sich im Roman im Kapitel Obojena ptica (Der angemalte Vogel), in dem eine grotesk und anti-karnevalesk gestaltete Episode über brutale und blutige Ereignisse in der Dorfkneipe Kokotova kafana (die an Miodrag Bulatović erinnert) und die poetische Darstellung der Liebesnacht Stelas und Paolos, quasi als Gegengewicht („sie wuchsen über sich hinaus, aufgeblüht, vom Gewicht befreit und körperlos“) unmittelbar nebeneinander gestellt werden. Und dennoch wird sich herausstellen, dass Srdićs Roman keinen Trost und keine Ausfluchtmöglichkeiten parat hält, jedenfalls nicht für das Serbien der 90er Jahre.Srdic_Espirando

So wie Mrtvo polje ein Roman-Poem darstellt, so enthält die ein Jahr später veröffentlichte Erzählungsammlung eben Erzähl-Poeme oder, wie der Autor selbst nahe legt, Lieder auf den Tod. Espirando (erschienen bei Stubovi kulture, Belgrad 2011), ein Begriff aus der Musik, der einen langsam absterbenden und verklingenden Ton bezeichnet, vereint neun Erzählungen im gemeinsamen Thema des Todes. Im Frühjahr diesen Jahres erhielt das Buch den Preis der Serbischen Buchgesellschaft „Biljana Jovanović“ und in Istrien den Preis „Edo Budiša“. Zwar lässt sich hervorheben, dass der Autor thematisch vom Tod eingenommen ist, allerdings muss man im selben Atemzug hinzufügen, dass der Tod bei Srdić in zwei sich wesentlich unterscheidenden Aspekten zur Sprache kommt, die dann auch noch in einer Vielzahl nuancierter Erscheinungsformen Funken schlagen. In Srdićs Erzählungen ist der Tod ein Signifikant, der zwischen dem genrespezifisch Konventionellen auf der einen Seite – Tod im Sinne eines ‚entleerten’, lediglich dekorativen und der Stimmung dienenden Elements (in Horror, Gothic, Metal Music…) – und auf der anderen Seite dem tatsächlich Bezeichneten – d.h. Tod im biologischen, auch im philosophischen und mitunter auch metaphysischen und ethischem Sinne – fluktuiert.
Die Helden und Antihelden aus Srdićs Erzählungen sind ein krebskranker Taxifahrer, der vor den Augen des Liebhabers seiner Frau Selbstmord begeht, ein gealteter wahnwitziger und egomanischer Literaturprofessor aus der Provinz, ein junger Mann, der im Totenhaus Zivildienst leistet und sich in eine todgeweihte Kranke verliebt, und ein Vater am Rande des Wahnsinns (oder der Genialität?), der einen Mann tötet, weil dieser seine Tochter in eine Drogenclique gebracht hat.
Die Erzählung „Igra na nesreću“ [schwer übertragbares Wortspiel: „Spiel auf gut Unglück“], in der traditionell-religiöse Vorstellungen vom Tod und vom Übergang „in jene Welt“ ebenso parodiert werden wie pop-kulturelle, liefert durch die Rekapitulation des Lebenswegs der Hauptfigur (eines Clowns) eine komprimierte, faktisch-konkretisierte und das Historische wiedergebende Geschichte der letzten serbischen zwanzig Jahre. Und doch bleibt die Erzählung dabei im Wesentlichen eine universale Allegorie voll archetypischer Konstellationen und Elemente: Sohn-Mutter, Vater-Sohn und eine mythopoetisch in ursprüngliche elementare Kräfte zerlegte Welt.
Srdićs ‚Jenseits’-Phantastik befindet sich, ganz wie die Figur des Zirkusclowns, irgendwo auf halben Weg zwischen fröhlich und gespenstisch. Die Erzählung „Eine Rose für Emilija“ stellt das ‚serbisierte’ (oder genauer: ‚banatisierte’) parodistische Remake einer der bekanntesten Erzählungen Faulkners dar (daher: Banat-Gothic): Emilija Gras ist die Tochter reicher, am Ende des Krieges von Partisanen getöteter Deutscher aus Kikinda, die die nachfolgenden fünfzig Jahre „als Erblast der Stadt“ zurückgezogen in einer versteckten Bude am Stadtrand lebt.
In der Erzählung „Zozorba“ geht Srdić mit seinem Experimentieren und Aufheben der Grenzen zwischen Dichtung und Prosa, bzw. zwischen Literatur, Musik und Film am weitesten. Der Autor selbst klassifiziert die Erzählung als „Soundscape Text“, der als „Prosareaktion“ auf die „epische Komposition“ der amerikanischen Post-Metal Band Old Man Gloom entstanden sei.
Die erste und letzte Erzählung der Sammlung „Mücken“ und „Slow divers“ lassen sich als versteckter, kontrastiv konzipierter Rahmen der Gesamtkomposition der Erzählsammlung begreifen. Auf der einen Seite finden wir ein türkisches Mittelklasse-Hotel, erschreckend banales Sozial-Kolorit (ein türkischer Ultranationalist und Vergewaltiger trägt ein Ratko Mladić-Shirt mit der Aufschrift Serbian Hero – das Geschenk eines serbischen ‚Kollegen’) und eine bizarre tagespolitische Verschwörung vor, auf der anderen Seite ein Luxushotel auf einer griechischen Insel als Kulisse für eine ekstatische (lesbische) Liebesgeschichte, in der sich Traum und Horror, Wirklichkeit und erotische Phantasie nicht auseinander halten lassen.
Srdićs narrative Register reichen, wie in Mrtvo polje, von mörderischer Satire bis zu ekstatischer Poetizität, von der Persiflage des wissenschaftlichen Traktats bis zur Technik des Bewusstseinsstroms und gänzlich gebrochener Syntax. Dem Autor von Espirando gelingt es, ein Gleichgewicht zwischen Konkret-Historischem (sowie Konkret-Geographischem) und dem Allgemeingültigen, poetisch Verabsolutierten herzustellen. Nur in wenigen, extremen Fällen fällt Srdić ein Stück weit in deklamatorische Verallgemeinerungen und pseudophilosophische Pathetik, die sich am ehesten mit den Texten der Metal Musik vergleichen lässt.
Der Autor von Mrtvo polje und Espirando ist eine willkommene neue Stimme in der serbischen Gegenwartsliteratur und meines Erachtens der talentierteste Schreiber, der nach der Generation aus der Anthologie von Saša Ilić „Pseći vek“ (erschienen bei Beopolis, Belgrad 2000), d.h. Schriftstellern wie Srđan V. Tešin, Uglješa Šajtinac, Nenad Jovanović, Borivoje Adašević, Mihajlo Spasojević and Saša Ilić selbst, auf der Bildfläche erschienen ist.

von Goran Lazičić

Übersetzt von Miranda Jakiša
Mrtvo polje, Stubovi kulture, Belgrad 2010
Espirando, Stubovi kulture, Belgrad 2011

druckdatei

Top