Kaukasische Dystopie als Warnung

„Mein Buch ist gar nicht so fantastisch, wie es zuerst vorkommen mag: Das alles kann eigentlich jeden Tag wahr werden“, kommentiert die russische Schriftstellerin Alissa Ganijewa ihren ersten Roman, der Anfang dieses Jahres auch auf Deutsch erschienen ist. Die bisher vor allem als Literaturkritikerin bekannte junge Autorin beschreibt den Alltag im umstrittensten Teil Russlands – Dagestan – und präsentiert ein Szenario möglicher Konsequenzen des Extremismus und der Zerspaltung.ganijewa_russische_mauer_cover_dt

Seit der ersten Veröffentlichung im Jahr 2012 sorgt Alissa Ganijewas Romandebüt Die russische Mauer (Orig.: Prazdničnaja gora) in Russland für Debatten und Kritik unterschiedlicher Art: Einige reden von einem Durchbruch in Ganijewas Karriere, die anderen betrachten das Buch der in Dagestan aufgewachsenen und heute in Moskau lebenden Autorin als Verrat und Verspottung ihrer Heimat. Der Grund dafür ist vor allem die kontroverse und, einigen Meinungen nach, geradezu abfällige Darstellung des heutigen Dagestan und seiner Bevölkerung.

Ganijewa ist weder die erste noch die einzige russischsprachige Autorin, die sich mit dem Kaukasusthema beschäftigt. Viel Aufmerksamkeit bekamen im letzten Jahrzehntentweder kriegsbezogene, oft autobiographische Erfahrungsberichte (z.B. von Zakhar Prilepin, Arkadi Babtschenko, Polina Scherebtsowa) oder Versuche, den Kriegsterror und seine Gründe von innen heraus zu begreifen (German Sadulajew, Marina Achmedowa). Ein persönliches Verhältnis zum Thema bzw. eine Ich-Erzähler-Perspektive verbindet die Texte dieser Autoren.

Ganijewa dagegen verzichtet auf einen (auto-)biographischen Bezug und den Kriegsaspekt. Stattdessen erschafft sie eine objektiv wirkende, detaillierte fiktionale Schilderung der aktuellen dagestanischen Realität, die sich zu einer dystopischen und düsteren Fantasie über den Untergang des von innen zerrissenen Landes entfaltet. Trotzdem wirkt das Buch nicht weniger persönlich und aktuell. Immerhin scheint es der Autorin bei dieser „Was-wäre-wenn“-Geschichte vor allem darum zu gehen, die dunklen Seiten und die sozialen Spannungen in ihrer Heimat ans Licht zu bringen und auf die potenzielle Gefahr aufmerksam zu machen. Und wenn man offen und mutig genug ist, kann man einiges aus der Geschichte auch in anderen Ländern und Kulturen wiedererkennen.

Die fiktive Handlungslinie des Romans stützt sich auf das Gerücht über eine Mauer, die von den Russen gebaut wird, um sich vom Kaukasus abzutrennen. Das Gerücht erweist sich jedoch als schockierende Wahrheit, die einige tragische Ereignisse zur Folge hat. Aber bevor es dazu kommt, lernt man eine ganze Reihe an Protagonisten und Nebenfiguren kennen, die kurze Zeit vor der plötzlichen Katastrophe ihren gewohnten Alltag durchleben. Zahlreiche Fragmente dieses Alltags erweisen sich als (eher willkürlich) mit der Geschichte von Schamil, einem jungen Reporter, verbunden.

Schon auf der ersten Seite beginnt eine Tourganijewa_russische_mauer_cover_russ durch dagestanische Haushalte, Straßen, Büros und Klubs. Man entdeckt das Land mit verschiedenen Sprachen, miteinander konkurrierenden ethnischen Identitäten und politischen Einstellungen. Aufrufe zur Autonomie und Unabhängigkeit stehen den prorussischen Gegenargumenten gegenüber, Konfessionen und islamische Gruppierungen streiten um Glauben und Brauchtum. Rigorose islamische Beschränkungen und jahrhundertealte Traditionen befinden sich in einer bizarren Koexistenz mit modernen westlichen Sitten, Korruption und Popkultur. Die plötzliche Erlösung von der russischen Kontrolle durch die Mauer verschärft die Auseinandersetzungen und das Chaos.

Die Mosaikstruktur des Romans erinnert eher an ethnografische Fernsehdokumentationen: Dialoge und Szenen wechseln sich ab mit historischen und landeskundlichen Auskünften, eine differenzierte Charakterstudie ist hier nicht zu finden, dafür eher eine Galerie von anschaulichen Portraits, die für verschiedene Klassen und Schichten der dagestanischen Gesellschaft stehen.

Dabei legt Ganijewa viel Wert darauf, die Sprache und die Dialoge der Protagonisten möglichst authentisch wiederzugeben: häufige Kolloquialismen, islamische Begriffe und dagestanische Wörter tragen zum Kolorit und zur Begegnung mit der fremden Kultur bei. Das Experimentieren der Autorin mit verschiedenen literarischen Stilen und Formen (von Folklore über Puškins Balladen bis hin zum Sozrealismus) dagegen ist zwar beeindruckend und gekonnt, wirkt aber stellenweise auch überstrapaziert und gewollt.

Nach und nach entsteht aus diesem bunten und vielstimmigen Puzzle das Bild einer kleinen Welt, die dermaßen gespalten und widersprüchlich ist, dass sie sich nicht mehr wehren kann, wenn es nötig wird. In der zweiten Hälfte des Romans, in der diese Welt geradezu apokalyptische Züge erhält, wird Dagestan von den Radikalislamisten erobert und zerstört. Das wohl Beeindruckendste am Roman ist – abgesehen von seinem ethnographischen Wert –die beängstigende Beschreibung des Zerfalls eines Landes unter einem fanatischen Regime: Entsetzen, Angst und Wut macht Freunde, Nachbarn und friedliche Bürger zu Feinden und Mördern in der eigenen Heimat. Und gerade wenn man sich vormachen möchte, dies alles sei bloß eine surreale Fiktion über eine ferne exotische Region, hört man Berichte über Flüchtlinge aus Syrien, über nationalistische Stimmungen in Russland und anderen Ländern oder darüber, dass immer mehr ausländische Rekruten ISIS im Irak beitreten. Spätestens hier werden die dystopischen Bilder aus dem Roman in den aktuellen Nachrichten und Reportagen erkennbar. Ganijewa warnt: Eine Gesellschaft, die mit ihrer Verschiedenartigkeit und Komplexität nicht tolerant umgehen kann bzw. will, kann nicht gut enden. Die fiktive Mauer zeigt, was passieren könnte, wenn so eine Gesellschaft plötzlich auf sich allein gestellt wird.

Im Endeffekt dient die Mauer im Roman als Prüfstein sowohl für die veralteten sozialen Normen und strengen religiösen Vorschriften als auch für die Verkommenheit und Liederlichkeit der Gesellschaft. In diesem Sinne scheint die deutsche Übersetzung des Titels gut zu passen, gibt aber nicht die bittere Ironie der Originalversion wieder. Prazdničnaja gora heißt wörtlich „Berg der Feste“ und bezieht sich auf die verloren gehende Vorstellung von einem stolzen, schönen und starken Land.

von Maria Leskova

Ganijewa, Alissa: Die russische Mauer. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Berlin: Suhrkamp, 2014.
Ganijewa, Alissa: Prazdničnaja gora. Moskau: Astrel, 2012.

Weiterführende Links:

Über Alissa Ganijewa beim Ö1-Morgenjournal (ORF)
Interview mit Alissa Ganijewa (auf Russisch)
Alissa Ganijewas Blog (auf Russisch)

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