Matrix auf Polnisch

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Bevor der Krakauer Alternativ-Verlag korporacja ha!art im Mai dieses Jahres Ein Stück über Mutter und Heimat (Utwór o Matce i Ojczyźnie) von Bożena Keff ins Programm aufnahm, reifte das ‘Ungeheuer’ – wie die Autorin selbst ihr Buch noch vor der Veröffentlichung bezeichnete – lange Zeit als eine illegale Datei in ihrem Computer. (Werk/Stück und Ungeheuer reimen sich im Polnischen: utwór und potwór.) In der Tat entbehrt das Buch jeglicher, selbst rudimentärer, Harmonie eines Werks. Es ist eine gewaltige poetische Hybride, mit Wucht zusammen-
gefügt aus Lyrischem, Erzählendem, aber auch Satirisch-Polemischem zu einem vielstimmigen Stück – mit Anklängen an die Oper und das antike Drama. Und es ist ein Buch, das weh tut.

Bożena Keff heißt auch – und zwar seit ihrer Geburt in der Mitte des 20. Jahrhunderts – Bożena Umińska (oder seit einigen Jahren Umińska-Keff). Der Name des Vaters, dem es zu Beginn der Volksrepublik Polen von der Armee wärmstens anempfohlen wurde, den jüdischen Namen Keff gegen einen polnischen zu wechseln, wurde zum Namen der Dichterin. Seit den 1980er Jahren veröffentlicht Keff kleine Gedichtbände, die 2000 in Ist nicht fertig (Nie jest gotowy) gesammelt erschienen sind. Die Literatur wissen-
schaftlerin Umińska hat wiederum 2001 eine viel beachtete Monographie Figur mit Schatten (Postać z cieniem) über jüdische Frauenfiguren in der polnischen Literatur vorgelegt. Und die Publizistin und Essayistin Umińska-Keff, bekannt für ihren polemischen Geist, schreibt fürs Feuilleton. Auf dem Höhepunkt der (zum Glück vergangenen) Schreckens-
periode unter den Gebrüdern Kaczyński ist 2006 ein Band mit ihren – wie immer ungehorsamen – Polemiken Barrikaden: Obsessive Chroniken (Barykady: Kroniki obsesyjne) erschienen. Wenn sie gerade nicht schreibt, arbeitet die Autorin am Jüdischen Historischen Institut in Warschau und gibt Seminare für Gender Studies an der Warschauer Universität.

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Verteilt auf viele Stimmen und einen Chor wird im Stück über Mutter und Heimat eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählt (oder eher gesungen?), mal im lyrischen Ton, mal mit Gebrüll. Die Mutter – als Mater und Demeter – ‘singt’ ihre Arien im Bass, Alt und Sopran. Diese Demeter ist gleichsam Hekate, die böse Göttin der Totenbeschwörung. In den Partien der Tochter, die mal als Erzählerin, mal als Kora oder Persephone, mal als Lara Croft, als Ripley vom Raumschiff Nostromo oder aber als Nosferatu erscheint, wird die Geschichte einer unheilvollen Beziehung geschildert, einer Abhängigkeit und einer verspäteten Rebellion. Die Mutter, einsam und egoistisch, gefangen in der eigenen Leidensgeschichte, klammert sich an ihre Tochter, lässt sie nicht los, unfähig, ihr Kind als Person wahrzu-
nehmen, die ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Die Tochter wird aber auch nicht in die Geschichte der Mutter gelassen – sie gehört den Nachgeborenen an, die sowieso nichts verstehen. Gebetsmühlenartig klingen die an die Tochter gerichteten Klagen der Mutter in den leeren vier Wänden, die als “zwei gute Ohren” für die Mutter, für das Opfer, herhalten muss. Denn die Mutter hat sonst niemanden:

Jetzt, da Hitler, der mir die ganze Familie ermordet hatte,
und Stalin, die Hölle soll ihn verschlingen, nicht mehr leben,
nur du bist mir geblieben, mein Kind,
von meinen nächsten.

Die Mutter, die den Krieg und den Holocaust nach der Flucht aus Lemberg in der Sowjetunion überlebte, macht ihre Tochter zur Geisel ihrer Leidens-
geschichte. Die Tochter, erdrückt von ihrer usurpatorischen Mutterliebe, kann nicht erwachsen werden. Ripley wird das Alien nicht los, ihre verzweifelten Befreiungsversuche versanden, so stark ist der Bann psychischer Abhängigkeit, so zerstörerisch ist die doppelte Ohnmacht. Das Opfer schafft sich sein eigenes Opfer. Dem Opfer des Opfers bleibt nur Verachtung und Hass:

Ich weiß nicht mal, wann ich zum Altar steige, mich selbst aufschlitze
und das Herz herausreiße, das ist mein frisches Fleisch und nahrhaftes Blut –
ersticke, du Egotistin, blinde Idiotin,
Vergewaltigerin, Fotze!

Die Geschichte der oppressiven Beziehung findet kein Happyend. Es gibt keine Versöhnung, wenn auch zum Schluss die alte Mutter und die ebenfalls schon nicht mehr junge, ergraute Tochter sich etwas näher kommen, nicht zuletzt geeint vor einer anderen, größeren, aber ebenso kranken, gnadenlosen und oppressiven Mutter-Göttin: der Heimat. Im Epilog, im satirischen “Lied aus dem Wartezimmer der Arztpraxis”, reproduzieren die dort versammelten Herrschaften eine Mixtur aus antisemitischen, gegen alles ‘Nicht-Polnische’ (sei es Miłosz oder Szymborska, seien es Schwule oder Feministinnen) gerichteten Beschimpfungen; eine vox populi in kondensierter Form, bekannt aus manchem rechtsextremen Presseblatt oder dem berühmt-berüchtigten Rundfunk, der ebenfalls eine Mutter im Namen führt – die Gottesmutter Maria.

Keffs Stück über Mutter und Heimat ist höchst blasphemisch. Nicht nur, weil es die kulturelle Heiligkeit der Mutterschaft aufs Schärfste angreift. Noch schwerwiegender thematisiert das Stück, und zwar unverblümt, das, was in der Literatur der sogenannten zweiten Generation, der Kinder der Holocaust-Überlebenden oft nur angedeutet wird, nämlich, wie stark das Trauma der Eltern das Leben ihrer Kinder beschädigt. Die Autorin gibt in einem Interview offen zu, dass es Spiegelmans Graphic Novel Maus war, die sie zum Schreiben ihres Stücks ermutigt hatte. Nun setzt sie – anders als Spiegelman dies tat – das Kind, die Tochter, in den Mittelpunkt. Auch ähnelt die Mutter nicht den aus den vielen Büchern der zweiten Generation bekannten, im quälenden Schweigen versteinerten Eltern, denen die Kinder mit Furcht und Mitleid begegnen. Der Mutter muss ihre Geschichte nicht durch endloses Fragen entrissen werden, ganz im Gegenteil, ihr endloses Plappern verhindert geradezu, dass ihre Geschichte bei der Tochter ankommt. Und die Tochter gibt dies zu:

Aber der Krieg kam und alle wurden umgebracht.
(Aufgrund ihres ewigen Gelabers
verstehe ich bis heute nicht, was das für mich bedeutet).

Die Tochter, Kora-Persephone, ist Dichterin, so gibt es für sie keine “undarstellbaren Dinge”. Diese Warnung wird schon zu Beginn des Stücks ausgesprochen und das Versprechen wird eingehalten. Nun verwundert es nicht, dass wenn man sich vornimmt, so viel Verletzendes auszu-
sprechen, die Sprache selbst zur Hürde wird. Diese Hürde wird aber im Galopp bewältigt. Wie ein Wirbelsturm saugt die rasende Schreibwut alles auf, was sie unterwegs vorfindet. Hoher Kothurn der griechischen Tragödie und die Gossensprache, Mythologie und Popkultur, Publizistik und Lyrik – in allen Registern sucht sich die skandalöse ‘Muttertötung’ den Weg zur Artikulation. Und wie ein Wirbelsturm hinterlässt dieses Rasen eine durcheinander gewürfelte, versehrte, verunstaltete Form. Dramatisiert zu einer Art musikalischem Bühnenwerk, verdeutlicht das Stück alleine schon im Umgang mit den angedeuteten Genres, dass es Gewalt zum Thema hat.

Inspiriert von Bożena Keffs Stück, fand in der Krakauer Galerie für Moderne Kunst Bunkier Sztuki (Kunst-Bunker) von Juni bis August dieses Jahres die Ausstellung Meine Mutter ist nicht göttlich (Moja matka nie jest boska) statt. Sechs junge Künstlerinnen haben Installationen entworfen, die die Tochter-Mutter-Beziehung zum Thema haben. Unterschiedliches kam dabei heraus, darunter eine Videoaufnahme einer Choreographie von zwei sich im Tanz miteinander messenden Frauen, eine ‘Phototapete’ aus den in öffentlichen Frauen-Toiletten photographierten Sprüchen (suko jedna – das Deutsche kennt im Unterschied zum Polnischen und Englischen das Schimpfwort bitch nicht), und eine begleitende akustische Installation mit einer eindringlichen Mädchenstimme, die nach der Mutter ruft. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Künstlerinnen ausschließlich auf den privat-familiären Aspekt des von Keff so drastisch geschilderten Konflikts bezogen haben. Es steht außer Frage, dass dies in Polen schon genug Stoff für künstlerische Auseinandersetzung bietet (aber nicht nur dort), wo die Mutter-Figur kulturell so überladen ist, dass der Blick aufs Alltägliche versperrt wird. Es steht aber genauso außer Frage, dass die Tochter und die Mutter in Keffs Stück nicht ausschließlich Figuren eines Familiendramas sind. Die Künstlerin Dorota Buczkowska hat in der Abstraktheit ihrer Installation Transfusion eine eindrucksvolle visuelle Metapher für die von Keff geschilderten Konstellationen gefunden: Buczkowska verband zwei durchsichtige aufblasbare Plastiksessel, mit roter Flüssigkeit gefüllt, mit einem Schlauch. Genauso osmotisch miteinander verbunden erscheinen die Tochter und die Mutter im Stück, und die Transfusion des Leidens, das keineswegs nur im Privaten seinen Ursprung hat, macht sie unzertrennlich.

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Keff geht in ihrem Stück über das Private hinaus und universalisiert den intimen Konflikt zu einer kulturellen Matrix – im wortwörtlichen Sinne: Die oppressive Mutter steht für den matriarchalen Part im patriarchalen, autoritären Netz der Macht. Matrix ist seine Kehrseite und sein Hinterhalt. Es ist anzunehmen, dass das gerade Keff übel genommen wird, ihr Drang zum Universalen, der jeder Einzigartigkeit der Identität trotzt, auch der Jüdischen. Auch das wird im Stück klar gesagt, wenn Polańskis Film Der Pianist kommentiert wird, denn:

im Großen und Ganzen ist man mehr Künstler als Jude,
das ewig Gleiche, ich verstehe das gut.

Das Nachwort zum Stück über Mutter und Heimat haben zwei Frauen verfasst: Maria Janion und Izabela Filipiak, die beide selbst zum Inbegriff des Außenseitertums geworden sind. Maria Janion, eine Nestorin und Patronin (Mutter?) der polnischen Literaturwissenschaft, die sich seit Jahrzehnten mit der Transgression, mit den Exkludierten und Ausge-
stoßenen in der polnischen Kultur beschäftigt (und deren Arbeiten – ebenfalls ein Skandalon – nicht mal ansatzweise ins Deutsche übertragen wurden), und Izabela Filipiak, die in den 1990er Jahren mit ihrem Roman Die absolute Amnesie (Absolutna amnezja) radikal mit der patriarchalen Familie aus der Sicht der Tochter abrechnete. Das Nachwort mildert zwar alleine durch die ordnende künstlerisch-kulturelle Analyse ein wenig das Gift des Stücks, in der Lektüre wird aber trotzdem jede/r erstmal für sich entscheiden müssen, ob die toxische Dosis zu ertragen ist.

von Magdalena Marszałek mit Übersetzungen von Michael Zgodzay.

 

Bożena Keff, Utwór o Matce i Ojczyźnie. Kraków 2008.

Bożena Keff, Nie jest gotowy. Warszawa 2000.

Bożena Umińska, Barykady. Kroniki obsesyjne. Kraków 2006.

Bożena Umińska-Keff, Postać z cieniem. Portrety Żydówek w polskiej literaturze od końca XIX wieku do 1939 roku. Warszawa 2001.

Nielegalny plik, ein Interview mit Bożena Umińska-Keff von Katarzyna Bielas, Gazeta Wyborcza, 26.05.2008 (http://wyborcza.pl/1,76842,5250183,Nielegalny_plik.html)

Moja matka nie jest boska, Ausstellung in Bunkier Sztuki, Galeria Sztuki Współczesnej w Krakowie, 06.06.2008-31.08.2008 (Künstlerinnen: Anna Baumgart, Jadwiga Sawicka, Aleksandra Buczkowska, Dorota Buczkowska, Karolina Kowalska, Zorka Wollny; Kuratorinnen: Anka Sasnal, Martyna Sztaba).

 

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