Das Wasserglas im Sturm

Sascha Potjomkin und Anna Iwanowna – die Namen der beiden Hauptfiguren von Boris Schumatskys neuem Buch lassen einen Historienroman über das russische Zarenreich im 18. Jahrhundert vermuten. Stattdessen ist Die Trotzigen die Geschichte einer flüchtigen, kleinen Liebe, einer winzigen Ost-West-Annäherung inmitten spätsowjetischer Umwälzungen.

Im Augustputsch von 1991, bei dem sowjetische Panzer über den Roten Platz rollten, kulminierte der Widerstand der konservativen Kräfte gegen die Perestrojka- und Glasnost’-Politik Gorbačevs. Obwohl der Aufstand letztendlich an den Barrikaden des eigenen Volkes scheiterte, stellt er eine Zäsur in der Geschichte des Landes und den Anfang des Endes der Sowjetunion dar.
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Dies alles erfährt man in Boris Schumatskys neuem Roman Die Trotzigen nicht. Hier schaltet Sascha Potjomkin nur seinen alten, kaputten Fernseher ein und versucht darauf zu erkennen, was es mit diesem Putsch auf sich hat. Aber der Fernseher kann nur entweder Bild oder Ton von sich geben, meistens aber keins von beidem, also bleiben die Panzer und der Putsch eine schemenhafte Erscheinung. Die Unklarheit darüber, was da eigentlich gerade passiert, macht für Sascha seinen Ausreiseantrag aus der Sowjetunion nur noch dringlicher. Seine Fahrkarte in den Westen soll Anna Iwanowna sein, und das Geschehen in Moskau bildet nur den Hintergrund für die chaotische Beziehung, die die beiden seit einer Weile führen. Anna heißt eigentlich Adelheid und kommt aus Westdeutschland. Sie arbeitet in der sowjetischen Hauptstadt bei einer Hilfsorganisation, möchte Teil des Umbruchs sein, dort, wo was los ist. Sie rasiert sich den Kopf, macht Kunstprojekte mit Barbiepuppen und verteilt Essen an die Putsch-Widerständler auf den Barrikaden.

Anna und Sascha sind die beiden Trotzigen, um die es in Schumatskys Roman geht. Saschas Freiheitsdrang und Annas Streben nach Selbstverwirklichung geraten immer wieder miteinander in Konflikt, sie suchen nicht einander, sondern das, was der jeweils andere für sie symbolisiert. Anna braucht die Rohheit des sowjetischen Mangels, um sich ihre spießbürgerliche Vergangenheit abzukratzen, Sascha möchte dem Grau Moskaus entkommen, nach Deutschland, dorthin, wo Anna ihre Freiheit erlernt hat.

Die Ausreise gelingt, jedoch findet Sascha dieses Moskauer Grau nicht nur in der DDR wieder, die er zwei Jahre zuvor bereist hat. Das Grau spiegelt sich auch im Westberlin der frühen Neunzigerjahre, in der Hausbesetzerszene und der Bürokratie auf den Ämtern. Hier bedeutet Selbstfindung für Sascha lediglich, dass er sich entscheiden muss, ob er sich, um im Land zu bleiben, auf dem Amt als jüdischer Aussiedler ausweist oder einen Mann heiratet. Eine Münze entscheidet letztendlich über „schwul“ oder „jüdisch“.

Das Chaos als Sehnsuchtsort

Boris Schumatsky, der 1965 in Moskau geboren wurde und seit Anfang der 1990er in Deutschland lebt und auf Deutsch schreibt, bleibt in Die Trotzigen dem Hauptthema seines bisherigen Werkes treu. Denn nicht nur in seinem Debütroman Silvester bei Stalin und dem Essayband Der neue Untertan, sondern auch in vielen seiner Kolumnen für ZEIT, NZZ, FAZ und andere werden immer wieder die Sowjetunion und ihre politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen in den Fokus gerückt. Und so porträtiert Schumatsky auch in Die Trotzigen durch seine Protagonisten vor allem die russische Gesellschaft, die er selbst vor mehr als zwanzig Jahren hinter sich gelassen hat. Hierin liegt eine der besonderen Stärken des Romans. Denn trotz der verheerenden Zustände, die durch Alkoholismus, Mangelwirtschaft, Inflation und Regierungschaos charakterisiert sind, bleibt der Blick auf dieses Russland ein sehr liebevoller, fast sehnsüchtiger, ohne sich dabei in verklärter Nostalgie zu ergehen. Die Menschen sind einander wohlgesonnen, die Kälte lässt sie zusammenrücken, Konflikte entstehen durch ungünstige Umstände, nicht durch Hass. So werden beide Seiten nachvollziehbar, Saschas Streben nach dem vermeintlich goldenen Westen, und Annas Faszination für den vermeintlich kargen Osten.

Das Leben im Dazwischen

Diesen Eindruck verstärkt Schumatsky noch dadurch, dass er den gesamten Roman über zwischen den Perspektiven der beiden Protagonisten sowie ihrer Freunde Max und Denis hin und her wechselt. Das kann oftmals verwirren, zumal teilweise nicht nur zwischen Perspektiven, sondern auch Zeitpunkten gesprungen wird. Dabei variiert das Tempo sehr; wichtige Ereignisse werden nur im Vorbeigehen angerissen, während kleine, nebensächliche Szenen in die Länge gezogen werden. Aber so bekommt die Erzählweise etwas Filmisches, erst nach einer Weile fügt sich ein Gesamtbild zusammen, das die kleine soziale Enklave um Sascha anschaulich und fühlbar macht.

Die einzige Schwäche des Romans liegt darin, dass es dem hauptberuflichen Publizisten Schumatsky oft schwerfällt, lebendige Dialoge zu schreiben, die sich nicht wie am Reißbrett entworfen lesen. Insbesondere den vier Hauptfiguren fehlt es an eigenem Klang, einer unverwechselbaren Stimme, die sie zum Leben erweckt. Stattdessen werfen sie sehr viel mit tiefgründig wirkenden Floskeln um sich, mit Sprüchen, die man zitieren können soll. Einige Gespräche wirken dadurch – passend zu Saschas sprechendem Namen – wie ein Potemkinsches Dorf: vordergründig eine beeindruckende Fassade, dahinter aber wenig Substanz – und wenig Leben.

Nichtsdestotrotz gelingt es Boris Schumatsky in Die Trotzigen über 384 Seiten nicht nur von einer missglückten Liebe vor dem Hintergrund eines missglückten Putsches zu erzählen, ohne dass es langweilig wird. Der große Reiz des Romans liegt in der Beschreibung des Lebensgefühls im Dazwischen, in der Aufbruchsstimmung, die in einem fort befeuert und enttäuscht wird und die Figuren zum Spielball ihrer eigenen Wünsche und Träume macht. Und gleichzeitig ist auch der Aktualitätsbezug wie so oft nicht weit – die gewaltsamen Umwälzungen, die Verschrottung alter Statuen, die demonstrierenden Massen zeigen uns: Einen Sascha und eine Anna gibt es zu jeder Zeit irgendwo.

von Benjamin Mildner

Schumatsky, Boris: Die Trotzigen. Berlin: Blumenbar/Aufbau, 2016.

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