Chadiža, die Schwarze Witwe

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Im Stadtzentrum von Machatschkala in Dagestan umzingelt eine Spezialeinheit einen Häuserblock. Die Special Operation ist gegen eine radikal-islamistische Gruppierung gerichtet, die sich in einem Wohnblock verschanzt hat. Einsatzkräfte in schwarzen Masken und Camouflage versuchen die Situation mit Scharfschützen und schwerer Munition unter Kontrolle zu bringen. Die junge Chadiža ist Augenzeugin dieses Dramas und findet keine Erklärung. Sie kann nicht verstehen, weshalb Terroranschläge verübt werden und warum Menschen auf diese Weise sterben müssen – noch nicht.

In Dnevnik Smertnicy – Chadiža  zeichnet Marina Achmedova den Weg einer jungen Frau aus Dagestan nach, die vom unbedarften Mädchen zur Selbstmordattentäterin wird. Sie entwirft ein psychologisches Portrait in Form von Tagebucheinträgen und deckt die Gedanken des Mädchens auf, die letztendlich zum Tod unschuldiger Menschen führen.

Das gelingt ihr auch deswegen sehr überzeugend, weil sie Szenarien beschreibt, die sie als Korrespondentin der russischen Zeitschrift „Expert“ in Dagestan selbst miterlebt hat. Die meisten ihrer Berichte handeln von Orten, die man freiwillig kaum betreten möchte: Mit Chadiža kam 2011 Achmedovas drittes Buch auf den Markt, nach Tagebuch einer tschetschenischen Frau (Ženskij čečenskij dnevnik, 2010) und Haus der Blinden (Dom slepych, 2011). Es ist ihr einziges Werk, das mit dem russischen Literaturpreis „Nationaler Bestseller 2012“ ausgezeichnet wurde. Bislang ist es nur ins Litauische übersetzt.

Geschickt verknüpft Achmedova in Chadiža Kenntnisse, die aus ihren ausführlichen Gesprächen mit potenziellen Attentäterinnen und mit islamistischen Anführern stammen, mit dem Plot des fiktiven Tagebuchs. Über ihre journalistische Arbeit ebnet sie sich und dem Leser den Weg in eine dem Rest der Welt weitgehend unbekannte Region, die seit vielen Jahren von Terroranschlägen erschüttert wird. Kenntnisreich und glaubwürdig stellt sie dar, wie sich der Terror ausbreitet. Und die Rolle des Vermittlers übernimmt die junge Protagonistin Chadiža.

Zunächst lebt Chadiža bei ihren Großeltern, denn ihre Eltern sind verstorben, als sie noch ein kleines Kind war. Chadiža scheint sich allein zu fühlen und beschließt zu schreiben: „Ich habe nie darüber nachgedacht, je etwas über mich oder meinen Alltag zu schreiben. Aber als ich dieses Schloss am Tagebuch sah, hatte ich den Wunsch, dem Buch alles zu erzählen, weil es genauso verschlossen ist wie ich selbst. Ich bin es gewohnt, meinen Mund und mein Herz nicht zu öffnen. Gott bewahre, dass jemand dieses Tagebuch findet und es liest. Dann wird er meine Schande erfahren, über die ich schon so lange schweige und die ich hinter diesem kleinen Schloss bewahre.“

Über den Einblick in Chadižas Gedankenwelt und das autodiegetische Erzählen der jungen Protagonistin wird nachvollziehbar, wie sie zur fanatischen, radikalen Islamistin wird. Chadižas einfache Sprache, die an manchen Stellen sogar grammatikalisch unkorrekt und mit einem Hauch ländlichen Dialekts versehen ist, authentifiziert zusätzlich die Perspektive eines kleinen Mädchens vom Lande. Der Leser leidet förmlich mit Chadiža mit, während sie versucht, die seelischen Peinigungen und unverarbeiteten Traumata ihrer Kindheit im Tagebuch hinter sich zu lassen. Dabei gelingt es Achmedova, den Leser bis zum Schluss in Spannung zu halten. Es bleibt lange Zeit unvorhersehbar, wohin sich das kleine Mädchen entwickeln wird.

Als Chadiža alt genug ist, nehmen Verwandte sie in die Großstadt Machatschkala mit, damit sie an der Universität Fremdsprachen studieren kann. Diesem neuen Lebensabschnitt ist der zweite Teil des Romans gewidmet. Obwohl Chadiža langsam zu einer Frau heranwächst, lebt in ihr das kleine, naive Mädchen weiter: „Ich habe mich überhaupt nicht verändert, habe keine einzige Fremdsprache gelernt und habe keine einzige Prüfung selbständig bestanden. Obwohl, ich habe mich wohl falsch ausgedrückt – ich habe mich verändert, aber nicht gerade zum Besseren und ich trage jetzt einen Nerzmantel.“

Die Korruption in Dagestan ist ein schwerwiegendes Problem, das der Tagebuchroman nicht außen vor lässt. Bestechlichkeit und Machtgier ruinieren Familien, in Achmedovas Roman wie auch im wirklichen Leben. Prüfungen, darauf lassen Chadižas Tagebucheinträge rückschließen, werden mit der richtigen Summe für den Prüfer zu einer besseren Bewertung „geschmiert“: „Schmierst du den Lehrer mit Dreitausend, bekommst du ,befriedigend’ und für Fünftausend ,sehr gut’.“ Wie Saturn frisst die Korruption in Dagestan die eigenen Kinder und rächt sich an ihnen. Viele dort bekommen das zu spüren und der Vertrauensverlust der Bevölkerung sowie die Fehlleistung diverser Institutionen wachsen stetig.

An der Universität trifft Chadiža ihre Kindheitsliebe wieder. Machač Kazibekov ist der Sohn eines Generals. Das Glück der beiden scheint bald perfekt zu sein. Doch da die Verwandten gegen ihre Liebe sind, beschließen sie zu fliehen, um heimlich zu heiraten. Als der Leser die Gefahren bereits für überstanden hält, wird klar, dass Machač einer verbotenen, radikal-islamistischen Gruppierung angehört. Chadiža jedoch bleibt auf eine kindliche Weise vom Glück verblendet, sodass sie das drohende Unheil nicht bemerkt oder nicht bemerken möchte.

Wenn der dritte Teil des Romans dann unvermittelt mit den Worten „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes“, dem wohlbekannten Anfang der Suren des Korans, beginnt, lässt das einen grundsätzlichen Wandel im Leben Chadižas, die bis dahin nicht als Gläubige auftrat, erahnen. Chadiža findet sich inmitten eines Krieges wieder, der aus dem Hinterhalt geführt wird und an dem Machač beteiligt ist. Achmedova führt am Beispiel von Chadižas Schicksal die alternativlos erscheinenden Umstände vor, die junge Mädchen geradezu in die Arme radikaler Gruppierungen treiben. Der Autorin gelingt es, uns das Motiv der Entscheidung eines jungen Mädchens auf sehr ausgeklügelte Art und Weise nahezubringen.

Als Chadiža sich entschließt, als Schwarze Witwe bei einem Anschlag auf die Moskauer Metro zu sterben, notiert sie in ihrem Tagebuch: „Ich schreibe diese Zeilen, verschließe meine Augen und frage mich selbst – weshalb ist das Leben so gestrickt, dass man daran nichts mehr ändern kann?“ Dagestan, so lässt Achmedova durchscheinen, befindet sich in einer nahezu aussichtslosen Situation, in der Ungerechtigkeit, Korruption und zu einem gewissen Grad auch Frauenverachtung eine unfassbare Realität darstellen, der zu entkommen nur schwer möglich ist. Achmedova versucht nicht in Schutz zu nehmen oder Entscheidungen zu rechtfertigen. Sie verweist durch die Protagonistin aber auf die Umstände, die für diese Entscheidung, auf den Knopf zu drücken, verantwortlich sind.

Schlussendlich bleibt es dabei am Leser und der Leserin zu überlegen, welche Art von Authentizität dieser in die Form des Tagebuchs gekleidete fiktionale Text erzeugt und wie viel die Darstellung Dagestans zugleich über die russische Perspektive der Autorin verrät.

von Olga Mityushenkova

Achmedova, Marina:  Dnevnik Smertnicy – Chadiža. Moskva 2011.

Alle Zitate wurden von Olga Mityushenkova aus dem Russischen übertragen.

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