Im Freiraum der Sprache – Valzhyna Mort auf den Spuren der eigenen poetischen Tradition

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Valzhyna Morts Gedichtband Collected Body (2011) erschien dieses Jahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel Kreuzwort im Suhrkamp-Verlag. Die Lyrikerin stammt aus Weißrussland und lebt seit 2005 in den Vereinigten Staaten. Im Sommersemester 2013 vertrat sie die Siegfried-Unseld-Gastprofessur am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin und bereicherte die Studierenden mit Seminaren zum kreativen Schreiben.

Neben den Gedichten, die im Original auf Englisch erschienen waren und jetzt in sehr feinsinnigen Übertragungen von Uljana Wolf zu lesen sind, enthält ihr neuer Band drei Prosatexte, die Katharina Narbutovič aus dem Weißrussischen ins Deutsche übersetzt hat. Im Text Tante Anna wird das Gedächtnis auf einer Insel in der Nordsee belebt. Die Sonne hat ihre Funktion als Mittelpunkt verloren, die sie noch in der Literatur des Sozialistischen Realismus innehatte. Sie ist hinter einem Wolkenschleier gefangen wie ein Insekt im Spinnennetz. Die weißrussische Sprache wurde in der Sowjetunion dem Russischen unterworfen. Jetzt, in diesem matten Nordlicht, ist die Erinnerung wieder möglich.

Die Insel taucht auch in den englischen Gedichten (Sylt I, Sylt II, Island) auf – als Topos eines kollektiven Gedächtnisses. Hier verschmelzen Landschaft und Erinnerung miteinander. Träger der Erinnerung ist das Wasser, auf dessen Oberfläche Reisen stattfinden und verloren geglaubte Bilder wieder wach gerufen werden: „Das Wasser liegt so flach wie Fell, das eine Katze leckte. / Ein Vogel, der sogar von weitem groß erscheint, / glaubt, das Meer wäre sein Ei. / Er sitzt geduldig auf dem Wasser, / fühlt seine leisen Stöße dann und wann.“

Auf die fluide, nomadische Welt, die „wie die See gegen wasserlose Wände pocht“, trifft die Welt des Sesshaften und Verankerten im Prosastück Tante Anna, die im Dorf M. ihre Gestalt findet. Unweit des Dorfes stand auch das Sommerhaus der Eltern, an das sich die Ich-Erzählerin erinnert. Hier spielte sie als Kind auf den Weiden mit den Maulwurfshügeln, beobachtete Tiere und Pflanzen bis in die Abendstunden und saß auf der Veranda. Ein Friedhof wird als der schönste Garten mit Blumen und Vögeln beschrieben. Kindheitserinnerungen an Landschaften, Häuser und Menschen gehen Hand in Hand mit Bildern von Milchkannen und Bäuerinnen, die ihre Kühe melken. „Der vom Blut erwärmte Dampf, der über der Milch aufstieg – es ist der gleiche Dampf, der wie ein Nimbus über dem Dung aufsteigt und zwischen Erhabenem und Abstoßendem nicht unterscheidet.

Das dörfliche Panorama wird wieder aufgelöst. Spuren von Geschichte erscheinen: Tante Anna, die nach Tjumen gebracht wurde und in Sägewerken arbeitete, 2784 Kilometer nach P. zurück lief, festgenommen wurde (als sie in ihr altes Haus zurückkehren wollte), zurück zum Ural gebracht und wieder gezwungen wurde, in einem Wagonwerk zu arbeiten.

cover_mort_engDie Lyrikerin erzählt hier ihre eigene Familiengeschichte und lässt die Leserin daran teilhaben: „Ich wuchs auf in einer Illusion; meine Vorfahren warenseit Generationen sesshafte Bauern, die nie ihren Wohnort wechselten, dachte ich. Aus den Erzählungen der Frauen in meiner Familie erfuhr ich, dass meine weiblichen Vorfahren in kontinuierlicher Bewegung lebten und immer wanderten“, erzählt sie in einem Poesiegespräch und fährt fort: „Resultiert Bewegung aus Krieg und Repression und nicht aus freiem Willen, wird Sesshaftigkeit zum größten Wert – das Bauen von Häusern und das Sich- Niederlassen zum Zwang einer Gesellschaft. Ich fing an zu schreiben, weil ich nicht zu dieser Gesellschaft gehören wollte. Meine Eltern sortierten immer etwas in Kisten ein und träumten von einem Zuhause, das nie eintreffen sollte.“

Von der unverwirklichten Rückkehr in die ersehnte Heimat ist auch im Gedicht Stach Rex die Rede. Stach, wie Valzhyna Mort erwähnt, ist eine Figur aus der weißrussischen Folklore. Diese fiel, wie die weißrussische Sprache der russischen, dem Kanon des Sozialistischen Realismus zum Opfer. Das Bücherregal der Eltern ging allerdings weit über diesen Kanon hinaus: „Obwohl einige Autoren unterschiedliche Anschauungen hatten, durften alle Bücher gelesen werden“, erzählt sie und nennt die Bibliothek im Haus ihrer Kindheit „Die Republik der Schriftsteller“, die in Zeiten der Diktatur zum Zufluchtsort wurde wie die Sprache selbst.

Heimat ist nicht zwingend an den Ort gebunden, an dem man geboren ist. Möglicherweise ist sie aber auch nicht außerhalb der eigenen Stadtmauern zu finden. Es ist jedoch auch ein Gefühl von Freiheit, das das Unterwegssein vermittelt. Durch die Leere der Landschaft zu gehen, heißt auch, an keinem Ort für immer zu bleiben, und weil der Dichter an verschiedenen Orten immer jemand anderes ist, verliert er damit auch für die Zeit seines Aufenthalts einen Teil der eigenen Individualität, wodurch die Identitätssuche erst wieder möglich wird. Auf dieser Suche bleibt er letztlich einsam, auch wenn sie sich vor der Folie der kollektiven Erinnerung vollzieht. Der Eindruck von Einsamkeit bleibt auch im Leser: „Die Sonnenblasen auf dem Horizont heilen ab / lassen kaum sichtbar eine Narbe zurück“, sind die letzten Zeilen des Gedichts Insel.

von Lena Muchin

Mort, Valzhyna: Kreuzwort. Aus dem Englischen von Uljana Wolf, aus dem Weißrussischen von Katharina Narbutovič. Berlin: Suhrkamp, 2013.
Mort, Valzhyna: Collected Body. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 2011.

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