Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Vom Suchen nach Nähe

Absol­ven­tInnen der Film­schule Gdynia zeigen in fünf Kurz­filmen Gespür für all­täg­liche und nicht so all­täg­liche Pro­bleme des Lebens wie Drogen, Abtrei­bung, Pubertät und Auswanderung.

Witek, Zielonka, Ostalski, Zales­zczuk, Ben­kowska – das sind die Namen fünf junger Absol­ven­tInnen der Film­schule Gdynia, deren Filme in der Sek­tion Pol­skie Hory­zonty (Pol­ni­sche Hori­zonte) beim 26. Film­Fes­tival für ost­eu­ro­päi­sches Kino in Cottbus gezeigt wurden. Sie machen Lust auf das junge pol­ni­sche Kino. Jeder der fünf Kurz­filme greift auf die eine oder andere Weise das Thema Nähe auf und rückt Pro­bleme ins Zen­trum, die der Gegen­wart des all­täg­li­chen Lebens ent­springen und fast bedrü­ckend rea­li­tätsnah sind.
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Gong, Runde 1: Ein kleiner Junge schlägt vor­sichtig gegen die Hand eines Erwach­senen… Gong, Runde 4: Der erste Kampf im Ring – Ver­lierer… Gong, Runde 6: Du wirst zu alt für den Kader.Gong, Runde 7: Eine kleine Hand boxt gegen die eines alten Mannes. Damit endet Sieben Männer unter­schied­li­chen Alters (PL 2013, 12 Min.) von Sła­womir Witek. Zurück bleibt der Ein­druck einer Col­lage und das lei­den­schaft­liche, von Begeis­te­rung getra­gene Gefühl für den Sport, das der Film ver­mit­telt. Mit jeder Ein­stel­lung der Kamera ist der Zuschauer ganz nah am jewei­ligen Prot­ago­nisten, was ein atmo­sphä­ri­sches Bild nach dem anderen ent­stehen lässt.
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Auch der fol­gende Film sucht die Nähe der Kamera zu seinen beiden Prot­ago­nis­tInnen. Das scheint auch plau­sibel, wenn der Titel Zärt­lich­keit (PL 2015, 25 Min.) lautet, zwei Jugend­liche sich ver­stohlen ein Hotel­zimmer nehmen, Vor­hänge zuge­zogen werden. Nähe, Zunei­gung, Zärt­lich­keit stehen ein­deutig im Raum. Doch die Regis­seurin, Emilia Zielonka, spielt mit der Erwar­tungs­hal­tung des Zuschauers, denn was folgt, wider­spricht jeder Seh­ge­wohn­heit: Schmerz, Ver­zweif­lung, Kälte, Distan­zie­rung… Und der Zuschauer tappt im Dun­keln. Was pas­siert hier? Auf diese Frage bekommt man keine direkte Ant­wort. Es gibt auch keine Musik, fast keine Dia­loge. Nur ein „Lass mich alleine!“, Angst, Schweiß, eine zum Teil mit Blut gefüllte Milch­glas­schüssel, ein „Spül es weg!“. Dem Zuschauer däm­mert nur langsam, was pas­siert, wie ein Puzzle, das sich Stück für Stück zusam­men­setzt, aber es ent­steht kein schönes, son­dern ein bedrü­ckendes, scho­ckie­rendes, ja ver­stö­rendes Bild.
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Der Film Mutter (PL 2013, 30 Min.) von Łukasz Ostalski lotet eben­falls die Grenzen von Nähe und Zärt­lich­keit aus – diesmal am Bei­spiel der Mut­ter­liebe. Mit Danuta Stenka konnte eine groß­ar­tige Schau­spie­lerin für die Rolle der Mutter gewonnen werden. Diese steht vor der Frage, ob sie ihrem Sohn helfen soll, einen Mord zu ver­tu­schen oder nicht. Welche Frage könnte schwie­riger sein? Doch nicht für sie: Ihre Ant­wort lautet ja, Kar­riere als erfolg­reiche Poli­ti­kerin hin oder her. Momente der Panik wech­seln mit denen der stillen Ver­zweif­lung, der Resi­gna­tion. Viele Groß- oder Detail­auf­nahmen von Gesich­tern, Handys oder Händen, ent­weder in harten Schnitten anein­an­der­ge­reiht oder in ruhigen Ein­stel­lungen gezeigt, unter­strei­chen den Kampf. Die Tochter wird zur Kom­plizin. Aber was tun, wenn ein kom­pro­mit­tie­rendes Handy-Video gefunden wird? Kennt Mut­ter­liebe Grenzen?
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Im Film Schritt­fehler (PL 2015, 24 Min.) gibt es diese Grenze auf jeden Fall. Jus­tyna, in der Pubertät, und ihre Mutter, eine Super­markt-Kas­sie­rerin, stehen sich nicht sehr nah. Das Bas­ket­ball­spiel bringt wenig Abwechs­lung in die Einöde der Plat­ten­bau­sied­lung. Doch genau diese sucht Jus­tyna. So nähert sie sich der neuen Nach­barin, jung und schön, und deren Freund, einem Macho mit Sport­wagen, an. Ein Aben­teuer lässt nicht lange auf sich warten und so scheinen alle Vor­stadt­kli­schees bedient, doch es steckt mehr dahinter: die Suche nach Nähe, nach Aner­ken­nung, das Aus­bre­chen-Wollen aus der Lan­ge­weile, der Zwang, schnell erwachsen werden zu müssen: ein Schrittfehler.
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In gewisser Weise muss auch die Prot­ago­nistin des letzten Films, Olena – in Olena (PL 2013, 15 Min.) von Elż­bieta Ben­kowska – erwachsen werden und eine Ant­wort auf die Frage „Was will ich?“ finden. Zunächst will sie aus­wan­dern. Aus der Ukraine nach Schweden, mit ihrem Freund, der Musiker ist, um dort ein neues Leben anzu­fangen. Als sie in Polen unter­wegs sind und ihre Pässe gestohlen werden, kommt Olena zum Nach­denken und die Kamera lässt dem Zuschauer viel Raum, ihre Gedanken zu erahnen: ein Freund, der Drogen nimmt, obwohl er ver­spro­chen hat auf­zu­hören; ein hilfs­be­reiter Beamter, der aus Angst vor Schmerz und Ver­lust lieber gar nicht erst eine Bezie­hung ein­geht. Was mit Nähe begann, endet mit Ent­frem­dung. Olena war 2013 bei den Film­fest­spielen in Cannes für den Kurz­film-Wett­be­werb nominiert.

Es ist beein­dru­ckend, wie unter­schied­lich und viel­fältig die fünf Filme sind, und dass sie sich trotzdem auf einen gemein­samen Nenner bringen lassen: Nähe. Noch span­nender ist jedoch, wie dif­fe­ren­ziert mit dem Thema umge­gangen wird – die einen suchen Nähe, andere finden oder ver­lieren sie – und wie es umge­setzt wird: durch die Kame­ra­ein­stel­lung, durch die Atmo­sphäre, durch die Wahl der Motive. Jede/r der fünf jungen Regis­seu­rInnen schafft es, inner­halb kür­zester Zeit das Inter­esse des Publi­kums zu wecken, es mit den Bil­dern zu fes­seln – nicht so sehr auf­grund der The­men­wahl, son­dern viel­mehr mit den fil­mi­schen Mit­teln. Denn Aus­wan­de­rung, Abtrei­bung, Mord, Drogen sind keine unbe­kannten Sujets, aber der Umgang mit ihnen ist sym­pto­ma­tisch: privat, intim, nah an den Prot­ago­nis­tInnen und am Geschehen. Bravo!

von Eli­sa­beth Müller

Witek, Sła­womir: Siedmiu mężc­zyzn w różnym wieku (Sieben Männer unter­schied­li­chen Alters). Polen 2013, 12 Min.
Zielonka, Emilia: Czułość (Zärt­lich­keit ). Polen 2015, 25 Min.
Ostalski, Łukasz: Matka (Mutter): Polen 2013, 30 Min.
Zales­zczuk, Karo­lina: Kroki (Schritt­fehler). Polen 2014, 24 Min.
Ben­kowska, Elż­bieta: Olena (Olena). Polen 2013, 15 Min.

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