Vom Suchen nach Nähe

AbsolventInnen der Filmschule Gdynia zeigen in fünf Kurzfilmen Gespür für alltägliche und nicht so alltägliche Probleme des Lebens wie Drogen, Abtreibung, Pubertät und Auswanderung.

Witek, Zielonka, Ostalski, Zaleszczuk, Benkowska – das sind die Namen fünf junger AbsolventInnen der Filmschule Gdynia, deren Filme in der Sektion Polskie Horyzonty (Polnische Horizonte) beim 26. FilmFestival für osteuropäisches Kino in Cottbus gezeigt wurden. Sie machen Lust auf das junge polnische Kino. Jeder der fünf Kurzfilme greift auf die eine oder andere Weise das Thema Nähe auf und rückt Probleme ins Zentrum, die der Gegenwart des alltäglichen Lebens entspringen und fast bedrückend realitätsnah sind.
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Gong, Runde 1: Ein kleiner Junge schlägt vorsichtig gegen die Hand eines Erwachsenen… Gong, Runde 4: Der erste Kampf im Ring – Verlierer… Gong, Runde 6: Du wirst zu alt für den Kader.Gong, Runde 7: Eine kleine Hand boxt gegen die eines alten Mannes. Damit endet Sieben Männer unterschiedlichen Alters (PL 2013, 12 Min.) von Sławomir Witek. Zurück bleibt der Eindruck einer Collage und das leidenschaftliche, von Begeisterung getragene Gefühl für den Sport, das der Film vermittelt. Mit jeder Einstellung der Kamera ist der Zuschauer ganz nah am jeweiligen Protagonisten, was ein atmosphärisches Bild nach dem anderen entstehen lässt.
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Auch der folgende Film sucht die Nähe der Kamera zu seinen beiden ProtagonistInnen. Das scheint auch plausibel, wenn der Titel Zärtlichkeit (PL 2015, 25 Min.) lautet, zwei Jugendliche sich verstohlen ein Hotelzimmer nehmen, Vorhänge zugezogen werden. Nähe, Zuneigung, Zärtlichkeit stehen eindeutig im Raum. Doch die Regisseurin, Emilia Zielonka, spielt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, denn was folgt, widerspricht jeder Sehgewohnheit: Schmerz, Verzweiflung, Kälte, Distanzierung… Und der Zuschauer tappt im Dunkeln. Was passiert hier? Auf diese Frage bekommt man keine direkte Antwort. Es gibt auch keine Musik, fast keine Dialoge. Nur ein „Lass mich alleine!“, Angst, Schweiß, eine zum Teil mit Blut gefüllte Milchglasschüssel, ein „Spül es weg!“. Dem Zuschauer dämmert nur langsam, was passiert, wie ein Puzzle, das sich Stück für Stück zusammensetzt, aber es entsteht kein schönes, sondern ein bedrückendes, schockierendes, ja verstörendes Bild.
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Der Film Mutter (PL 2013, 30 Min.) von Łukasz Ostalski lotet ebenfalls die Grenzen von Nähe und Zärtlichkeit aus – diesmal am Beispiel der Mutterliebe. Mit Danuta Stenka konnte eine großartige Schauspielerin für die Rolle der Mutter gewonnen werden. Diese steht vor der Frage, ob sie ihrem Sohn helfen soll, einen Mord zu vertuschen oder nicht. Welche Frage könnte schwieriger sein? Doch nicht für sie: Ihre Antwort lautet ja, Karriere als erfolgreiche Politikerin hin oder her. Momente der Panik wechseln mit denen der stillen Verzweiflung, der Resignation. Viele Groß- oder Detailaufnahmen von Gesichtern, Handys oder Händen, entweder in harten Schnitten aneinandergereiht oder in ruhigen Einstellungen gezeigt, unterstreichen den Kampf. Die Tochter wird zur Komplizin. Aber was tun, wenn ein kompromittierendes Handy-Video gefunden wird? Kennt Mutterliebe Grenzen?
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Im Film Schrittfehler (PL 2015, 24 Min.) gibt es diese Grenze auf jeden Fall. Justyna, in der Pubertät, und ihre Mutter, eine Supermarkt-Kassiererin, stehen sich nicht sehr nah. Das Basketballspiel bringt wenig Abwechslung in die Einöde der Plattenbausiedlung. Doch genau diese sucht Justyna. So nähert sie sich der neuen Nachbarin, jung und schön, und deren Freund, einem Macho mit Sportwagen, an. Ein Abenteuer lässt nicht lange auf sich warten und so scheinen alle Vorstadtklischees bedient, doch es steckt mehr dahinter: die Suche nach Nähe, nach Anerkennung, das Ausbrechen-Wollen aus der Langeweile, der Zwang, schnell erwachsen werden zu müssen: ein Schrittfehler.
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In gewisser Weise muss auch die Protagonistin des letzten Films, Olena – in Olena (PL 2013, 15 Min.) von Elżbieta Benkowska – erwachsen werden und eine Antwort auf die Frage „Was will ich?“ finden. Zunächst will sie auswandern. Aus der Ukraine nach Schweden, mit ihrem Freund, der Musiker ist, um dort ein neues Leben anzufangen. Als sie in Polen unterwegs sind und ihre Pässe gestohlen werden, kommt Olena zum Nachdenken und die Kamera lässt dem Zuschauer viel Raum, ihre Gedanken zu erahnen: ein Freund, der Drogen nimmt, obwohl er versprochen hat aufzuhören; ein hilfsbereiter Beamter, der aus Angst vor Schmerz und Verlust lieber gar nicht erst eine Beziehung eingeht. Was mit Nähe begann, endet mit Entfremdung. Olena war 2013 bei den Filmfestspielen in Cannes für den Kurzfilm-Wettbewerb nominiert.

Es ist beeindruckend, wie unterschiedlich und vielfältig die fünf Filme sind, und dass sie sich trotzdem auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen: Nähe. Noch spannender ist jedoch, wie differenziert mit dem Thema umgegangen wird – die einen suchen Nähe, andere finden oder verlieren sie – und wie es umgesetzt wird: durch die Kameraeinstellung, durch die Atmosphäre, durch die Wahl der Motive. Jede/r der fünf jungen RegisseurInnen schafft es, innerhalb kürzester Zeit das Interesse des Publikums zu wecken, es mit den Bildern zu fesseln – nicht so sehr aufgrund der Themenwahl, sondern vielmehr mit den filmischen Mitteln. Denn Auswanderung, Abtreibung, Mord, Drogen sind keine unbekannten Sujets, aber der Umgang mit ihnen ist symptomatisch: privat, intim, nah an den ProtagonistInnen und am Geschehen. Bravo!

von Elisabeth Müller

Witek, Sławomir: Siedmiu mężczyzn w różnym wieku (Sieben Männer unterschiedlichen Alters). Polen 2013, 12 Min.
Zielonka, Emilia: Czułość (Zärtlichkeit ). Polen 2015, 25 Min.
Ostalski, Łukasz: Matka (Mutter): Polen 2013, 30 Min.
Zaleszczuk, Karolina: Kroki (Schrittfehler). Polen 2014, 24 Min.
Benkowska, Elżbieta: Olena (Olena). Polen 2013, 15 Min.

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