Ein Buch zitiert sich selbst

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Es ist ein Trend in der tschechischen Gegenwartsliteratur, sich dem Exotischen, dem Fremden zu widmen. Auch nach 1989 ist der tschechische Roman noch immer von der Sehnsucht nach einem unmöglichen Exil geprägt. Diese Sehnsucht findet sich bei Martin Ryšavý,  bei Michal Aijvaz oder auch in Iva Pekárkovás Romanen. Diesen Autoren einen Wunsch nach dem Exil zu unterstellen, einen Wunsch,  die eigene Geschichte zu verdrängen oder aus der Gegenwart zu fliehen, wäre vielleicht zu viel. Nichtsdestotrotz bleibt eine Sehnsucht spürbar.
So flieht auch die 1973 in Prag geborene Markéta Pilátová, die sich selbst als Schriftstellerin, Hispanistin und Journalistin bezeichnet, in ihren Texten literarisch. Die Weltenbummlerin Pilátová, die nach ihrem Studium der Romanistik und Geschichte mehrere Jahre im spanischen Granada und in Brasilien lebte, lässt ihren zweiten Roman Mein Lieblingsbuch – 2012 erstmals in deutscher Übersetzung im Braumüller Verlag erschienen – in einer fiktiven lateinamerikanischen Großstadt spielen, die an Metropolen wie Buenos Aires oder Rio de Janeiro erinnert. Nachdem sie für ihren Debütroman Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein ihre eigenen Erfahrungen aus dem Zusammenleben mit tschechischstämmigen Brasilianern verarbeitet hat, schildert in Mein Lieblingsbuch ein namenloser Tätowierer – Erzähler und gleichzeitig Hauptfigur des Romans – die grausamen Zustände des Lebens im Slum, am Rande der „Großen Stadt“.

Der begabte Tätowierer erzählt nicht nur uns, sondern auch seinen Kunden. Seine  Geschichten entnimmt er einer Sammlung slawischer Märchen, die ihm einer seiner Kunden als Bezahlung gab. Ließe er sich in dem von Drogenbanden und Gewalt beherrschten Slum mit Geld bezahlen, würde ihm dieses Geld nicht lange bleiben. Das Buch mit den slawischen Märchen war einst das Lieblingsbuch des Kunden, nun macht es der Tätowierer nach und nach zu seinem eigenen: Es sichert ihm nicht nur die Kundschaft, die es bald mehr der Geschichten als der Tätowierungen wegen zu ihm treibt, sondern auch das Überleben, „weil man solche Erzählungen hier noch nicht gehört hat“. Auch dem Tätowierer selbst ermöglicht das Buch die Flucht aus seinem brutalen Alltag. Während er vor seinen Kunden als Märchenerzähler auftritt, erfährt der Leser über die slawischen Märchen so gut wie nichts. Obwohl sie als Vertreter einer anderen Erzähltradition im Roman immer wieder erwähnt oder mit den Charakteren indirekt in Zusammenhang gebracht werden, nacherzählt werden sie nicht. Anstelle dessen wird der Leser  mit einer grausam realistisch gezeichneten Welt irgendwo in Lateinamerika konfrontiert. Zugleich taucht er durch die von Pilátová eingeflochtenen phantastischen Elemente aber auch in die Welt des Magischen Realismus Lateinamerikas ein, in der Tote zum Leben erwachen und Schlangen sprechen können.
Der Tätowierer erzählt uns zum Beispiel die Geschichte der 15-jährigen Pajita. Das junge Mädchen kann mit Schlangen kommunizieren und diese Fähigkeit ermöglicht ihr, aus dem erbärmlichen Leben in einer „vergessenen Bergwüste“ erst in den Dschungel und dann sogar in die „Große Stadt“ zu flüchten. Dort soll sie am weltberühmten Schlangeninstitut des „Großen Michael Vidal“ arbeiten, das „Legenden, Wahnsinnige, Wahrsagerinnen und Hirngespinste anzieht wie Mangosirup Wespen“. Trotz der fortschrittlichen Absicht des Reptilienforsches Vidal, in seinem Institut Gegenmittel für Schlangengifte zu entwickeln, erweist es sich immer wieder als ein Ort des Grauens – Schlangen werden gequält und Mitarbeiter unterdrückt. Bald stellt Pajita fest, dass sie in der Stadt keine bessere Welt als in der Wüste oder im Dschungel findet: Hier ist alles grau, dort war es braun oder grün.
Das Schlangeninstitut ist der erzählerische Knotenpunkt des Romans. In ihm laufen die Geschichten der einzelnen Charaktere zusammen. Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und denen doch der Wunsch ihrer Protagonisten nach Flucht gemein ist. Neben Pajitas Geliebtem, der sich aus dem traurigen Slumalltag, in dem er als „Arbeitsunfall“ und seine Mutter als „Slumnutte“ auftreten, in die virtuelle Realität des Internets flüchtet, ist es auch Otto, der flieht. Nur in seinen Träumen gelangt der ebenfalls am Schlangeninstitut angestellte homosexuelle Psychiater an die Orte, an denen er sein wahres Ich ausleben kann. Dort kann auch er mit einer Schlange kommunizieren, die ihn nicht nur auf das Leiden der Tiere, sondern auch auf sein eigenes aufmerksam macht. Wird er den giftigen Kuss der Schlange als Befreiung aus seinem unterdrückten Leben tatsächlich in Erwägung ziehen?

Markéta Pilátová lässt die exotische Welt Lateinamerikas in ihrem zweiten Roman nicht zu einem romantischen Zufluchtsort werden, der schillernd gegen das tschechische Alltagseinerlei stehen könnte. Nein, sie wählt die harte Realität des Lebens in den Slums südamerikanischer Megametropolen als Schauplatz und zeigt die verzweifelten Versuche ihrer Charaktere, aus diesem Leben zu fliehen. Ob sie versuchen, sich selbst oder dem erbärmlichen Alltag zu entkommen, oft dienen ihnen als Zufluchtsort nur ihre Träume, manchen muss es genügen, das Buch der slawischen Märchen zur Hand zu nehmen.
Durch das elegante Verknüpfen der mannigfachen Erzählungen an einem Knotenpunkt, gelingt es Markéta Pilátová, den Leser zu fesseln. Auch in der deutschen Übersetzung fasziniert die Mischung aus böhmischer Erzählfreude und melancholischer Sehnsucht nach der Fremde und so erreicht dieser Roman vielleicht, was sein Titel verspricht – er wird zu einem neuen Lieblingsbuch!

von Maria Nowotnick

Pilátová, Markéta: Mein Lieblingsbuch. Aus dem Tschechischen von Julia Koudela-Hansen-Löve und Christa Rothmeier. Wien: Braumüller, 2012.

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