Orpheus in Schlesien

Dante hatte Vergil als Führer durch die Hölle seiner Zeit. Der Ich-Erzähler im Roman Bestiarium des polnischen Autors Tomasz Różycki hat abwechselnd seinen Onkel Jan mit der funkensprühenden Pelzmütze oder ein rot phosphoreszierendes Hündchen. Sie führen ihn auf seinem Weg durch die Abgründe einer schlesischen Stadt, die Albtraum und Museum verdrängter Geheimnisse zugleich ist.

Dem in Opole lebenden Lyriker und Übersetzer aus dem Französischen Różycki gelingt mit seinem ersten Roman in 36 kurzen Kapiteln eine Phantasmagorie der Doppelbödigkeit der polnischen Gegenwart. Ganz Poeta doctus, stellt er sich in eine große literarische Tradition. Sie reicht von den mittelalterlichen Bestiarien – Beschreibungen von Tieren und Fabelwesen – bis zu den sozialen Bestiarien der Moderne.

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Zwischen dem Romanisten Różycki und dem Franzosen Guillaume Apollinaire gibt es sogar mehrere Verbindungen. Nicht nur ist Apollinaire (italienisch-)polnischer Abstammung, sondern auch in seinem Bestiarium oder Das Gefolge des Orpheus aus dem Jahre 1911 geht es um den Dichter Orpheus und seinen Gang in die Unterwelt.

Der Ich-Erzähler, ein „Magister der Fremdsprachlichen Philologie“, befindet sich nachts in einer fremden Wohnung und macht sich auf die Suche nach seiner Familie – und nach Wasser, um seinen brennenden Durst zu löschen. Der rote Hund führt ihn und so gelangt er in die Wohnung seiner bettlägerigen Großmutter Apollonia und deren Betreuerin Mania. Mit diesem Haus betritt er das Reich der vergangenen Jahrzehnte Polens, dessen Traditionen und Niederlagen, von den Folgen deutscher Okkupation und Vertreibung aus dem Osten nach 1945. Sein Onkel Jan ist ein wodkatrinkender Herrscher, Bewahrer und Führer zugleich in der Unterwelt von Kellern und unterirdischen Gängen dieses Hauses. Er erzählt ihm: „Großmutter hatte einen Schlachthof“ in Galizien. Dieser Schlachthof, der im Roman leitmotivisch wiederkehrt, steht nicht nur für die Erinnerung an den Glanz der Zweiten Polnischen Republik zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg. Er ist auch Metapher des Abschlachtens von Generationen junger Polen in den Aufständen und Kämpfen des 19. und 20.Jahrhunderts. Und falls die Großmutter wieder von der Geschichte mit den zwei Jüdinnen und dem Kind anfängt – so solle er darüber hinweghören.

Unter der Herrschaft des Onkels arbeiten in diesem Reich der Finsternis Ausgestoßene und Kriminelle an der Herstellung traditioneller polnischer Gerichte und einem in 311 Flaschen aufbewahrten Archiv der Geräusche und Gerüche der Vergangenheit.

Es reicht vom Duft einer Sommerwiese „voller Levkojen und Kamille“ im verlorenen Osten bis zu letzten Erinnerungen von Sterbenden aus Städten und Dörfern Galiziens.

Es regnet fast ununterbrochen in diesem Roman – und allmählich sickern Wörter wie „Rauschen“, „Hochwasser, „Flut“ und „Überschwemmung“ in den Text. Schließlich birst der Parkettboden im Zimmer der Großmutter und aus der Spalte quillt Wasser.

Statt eines Führers dient dem Erzähler von nun an ein großer bronzener Schlüssel als Wegweiser und Türöffner, den man sogar „ins Loch der Nacht stecken und drehen“ kann. Über Treppenhäuser gelangt er in andere Wohnungen und trifft dort Onkel Bronio, Tanten und Cousinen , vor allem aber den Gegenspieler zu dem an Polens Traditionen hängenden „Metaphysiker“ Jan, den naturwissenschaftlich orientierten Onkel Runkuńcio. Der erklärt ihm bei einigen Gläsern Cognac denn auch den „Sinn der Sintflut“. Sie entstehe nicht aus einer Verschwörung, wie Jan glaube, sondern aus der „Macht der Fakten“: „Wasseranstieg, Niederschläge, Nieselregen, Bodenfeuchtigkeit, Grundwasserspiegel“. Aber die Sintflut ist auch „mitreißend“ in doppeltem Wortsinn. Die alte Ordnung kippt und es entsteht etwas Neues. Etwas, das sich unter der Oberfläche befindet wie eine zweite Stadt, lässt sich nicht länger verbergen, und deshalb muss eine Überschwemmung her, die alles tilgt und zunichte macht. Erst dadurch kann mit einem übrig gebliebenen Paar ein neuer Gründungsmythos entstehen.

Wie zuvor schon Jan, empfiehlt deshalb auch dieser Onkel dem Erzähler, die Enkelin der reichen Großmutter zu heiraten und so deren geheime Schatztruhe zu übernehmen. Die Enkelin hat einen sprechenden Namen, Leta, und erinnert an Lethe, altgriechisch „Vergessen“, den Fluss in der Unterwelt der griechischen Mythologie; wer aus ihm trinkt, verliert seine Erinnerung am Eingang ins Totenreich.

Das Hündchen taucht irgendwann wieder auf, ist aber kein antiker Zerberus und verwehrt als Höllenhund den Eingang in die Unterwelt, sondern führt den Erzähler schwanzwedelnd aus dem Tumult der Überflutung auf den Kirchturm. Im steigenden Wasser taucht ein Nilpferd aus dem Zoo auf und richtet sich eine Meerkatze auf dem Haarkranz von Mania häuslich ein. Von hier oben sieht er, „wie der Fluss seinen gelben Leib durch die Straßen wälzt, die braune Brühe, die gewaltige Flucht des Riesen aus den Bergen, der auf dem Rücken Möbel trägt, Sträucher, Bretter, Autos, Müll und Tiere, der große Umzug, die große Wanderung, die Schlange verlässt die Stadt und nimmt alles fort, Gedächtnis, Tonnen von Müll und diese graue Materie, all das, was sich über Jahre hier angesammelt hat“.

Vor der ansteigenden Flut retten sie sich auf den Dachboden eines Mietshauses, von wo Onkel Jan sie auf ein Floß bringen will. Doch da tauchen plötzlich aus den Kellern und hinter Bücheregalen unbekannte Tiere auf, „eine Kreuzung zwischen Marder, Katze und Affe“. Sie beißen Mitglieder der Familie, wenn diese ihnen nicht Kügelchen aus den zusammengerollten Seiten alter Bücher zu fressen geben, und verhindern den rettenden Weg in die Arche. Es wird vermutet, sie seien „Vorkriegsgeschöpfe“, „jüdische Verschwörungen und Legenden“ oder nach 1945 aus Lemberg hierhergekommen. Verzweifelt wirft Onkel Bronio Papierkügelchen auf das wartende Floß, die ganze Teufelsmeute stürzt sich quiekend darauf, der Onkel kappt die Taue – und unter dem Wehklagen der Zurückgebliebenen verschwindet die Arche mit allen Schätzen in der Strömung.

In der Dämmerung kommt es zum großen Showdown zwischen den Onkel-Figuren, der verbal wie musikalisch über mehrere Kapitel ausgetragen wird. Während der eine Onkel Jan auf seiner Wandergitarre Hymnen, Kirchen- und Militärlieder sowie populäre Weisen aus der Vorkriegszeit spielt, dreht der andere Onkel das Radio lauter, hört „April in Paris“ von Count Basie und entkorkt dabei die im Wasser treibenden Flaschen aus Jans Geräuschesammlung. In einem apokalyptischen Szenario aus zerstörerischer Überschwemmung und von Himmelsfeuern entzündeten Dachstühlen geht es um die Frage, ob Traditionen eine Qual sind, ob der Mensch ohne Erinnerungen leben kann, wie „Freiheit und Sonne, eine neue Chance“ möglich sind.

Schließlich legt sich der Ich-Erzähler müde ein paar Treppen tiefer ins Bett der schnarchenden Großmutter und schwimmt dann hoch über der Stadt, für ihn „ein See des Leids, eine Zisterne des Unglücks“.

Die in diesem Metier bislang weniger bekannte Marlena Breuer hat den Roman aus dem Polnischen übersetzt. Es gelingt ihr, die Flut der Bilder und Assoziationen gut ins Deutsche zu bringen. Sie meistert die auch in Różyckis Lyrik zufindende Verwendung von eher ungewöhnlichen Wörtern und findet dafür adäquate Ausdrücke.

So verdienstvoll es auch ist, dass der kleine Berliner Verlag edition fotoTAPETA dieses Buch herausgebracht hat, so wünschte man dem Autor doch einen Platz im Programm eines großen Verlages. Nur so wäre gewährleistet, dass Tomasz Różycki die Publizität und verlegerische Betreuung im deutschen Sprachraum bekäme, die seiner Bedeutung angemessen ist.

So hätte Bestiarium ein sorgfältiges Lektorat der Übersetzung gutgetan. Gelegentliche Fußnoten würden manche, dem polnischen Leser vertraute Anspielungen im Deutschen erhellen. Dass das von Onkel Jan gespielte Lied „oj da dana“ nicht etwa ein sinnloses Gestammel ist, sondern der Anfang eines bis heute in Polen gern gesungenen, aber alt(modisch)en Liedes. Oder dass „die Büste des Marschalls“ auf dem Nachttisch von Oma Apollonia den autoritären polnischen Staatsmann Józef Pilsudski aus den 1920er Jahren zeigt.

Man muss nicht in einem Atemzug Bruno Schulz, Witold Gombrowicz und auch noch Wenedikt Jerofejew bemühen, wie es das Verlagsmarketing im Klappentext von Bestiarium tut, um auf die Bedeutung dieses Werkes hinzuweisen. Tomasz Różycki ist ein eigenständiger Autor, dem mit diesem phantasievollen, anspielungsreichen und ironischen Buch ein großer Wurf gelungen ist.

von Manfried Hammer

Różycki, Tomasz: Bestiarium. Aus dem Polnischen von Marlena Breuer. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2016.

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