Das Erzählen als Lust, Provokation, Klage

In ihrem Roman „Dreizimmerwohnung aus Plastik“ („Umělohmotný Trípokoj“) taucht Petra Hůlová in die Welt einer modernen Prostituierten in Prag ein. Die Lektüre verspricht den Genuss sprachlicher Genialität und zugleich Schamesröte im Gesicht: Hůlovás Erzählerin bringt tiefste Intimitäten zur Sprache – und lässt kein gutes Haar am bürgerlichen Leben.
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Es ist empfehlenswert, sich vor dem Lesen dieses Romans sorgfältig zu überlegen, ob man genug Atem für die Erzählung hat. Denn man kommt beim Lesen kaum zum Luftholen: Die Autorin hat ihr Buch in einem Rausch in sieben Tagen durchgeschrieben und auch die Erzählerin unterbricht ihren Strom von Geschichten, Phantasien und mitleidlosen Kommentaren nur mit kleinen Pausen zwischen den Kapiteln.

Die tschechische Schriftstellerin Petra Hůlová, von der bis heute sieben Bücher erschienen sind, gab diesen Roman schon 2006 heraus und wurde für ihn mit dem Jiří Orten-Preis ausgezeichnet. Wie sie in einem Gespräch gestand, liest sie aus diesem Roman nur selten in der Öffentlichkeit vor. Sie sei eine introvertierte Person und schäme sich. Da es sich um die Erzählung einer Prostituierten handelt, die in ihrer Dreizimmerwohnung Wünsche ihrer Kunden erfüllt, ist dieses Geständnis nicht überraschend. Auch beim Lesen schämt man sich mit und fühlt sich bei der Lektüre wie ein Kunde: etwas nervös wegen dieses außergewöhnlichen Ortes und seiner außergewöhnlichen Bewohnerin und gleichzeitig aufgeregt in Erwartung einer noch aufregenderen Fortsetzung, die ihren Höhepunkt in einer Pointe erreichen soll. Und auch der Leser bezahlt im Voraus.

Doch macht die Erzählerin einen Unterschied zwischen uns und den Kunden. Während sie sich in ihrer „kohlebringenden Zunft“ immer weiter verbessern möchte und sich deswegen überlegt, „wie man‘s dem Kunden nach Zuschnitt von ‘nem ganz und gar individuellen Plan am besten auf den Leib schneidern könnte“, benimmt sie sich dem Leser gegenüber viel böswilliger. Wenn sie in ihren „Schnickschnack, an den sie außerhalb der Arbeitszeit denkt“, und den sie uns erzählt, eine spannende Geschichte einfügt, zum Beispiel, was in einem Archiv der Abteilung vom Institut für orientalische Sprachen an der Akademie der Wissenschaften zwischen einer Archivarin, einer Frau im Regal und einem Mann passieren könnte, dann unterbricht sie den Leser mit dem schneller werdenden Atem mit einer zynischen und eiskalten Pointe. Sie arbeitet professionell: Nie sagt sie alles auf einmal und hinter der scheinbar zusammenhanglosen Wortäquilibristik verheimlicht sie die eigentliche Handlung, um uns bis zum Ende in Spannung zu halten.

Petra Hůlová debütierte 2002 mit einem Roman über Frauen einer mongolischen Familie, die ihr Leben zwischen Steppe und Stadt einrichten müssen und in beiden Sphären Fremde werden und bleiben. Hůlová selbst studierte an der Prager Karlsuniversität Mongolistik und Kulturwissenschaft und aus ihrem Studienaufenthalt in der Mongolei hat sie das Material für ihren ersten Roman geschöpft. Dieser Roman, Paměť mojí babičce(auf Deutsch unter dem Titel Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe erschienen), wurde 2003 als Entdeckung des Jahres mit dem Preis Magnesia Litera ausgezeichnet. Auch Hůlovás weitere Romane (u. a. Cirkus Les Mémoires, dt. Manches wird geschehen, oder Stanice Tajga, dt. Endstation Taiga)spielen in der Fremde, der erste in New York, der zweite in der sibirischen Taiga. Mal ist es eine tschechische Fotografin und ein aus dem Nahen Osten kommender Artist, die sich auf einer Parkbank in New York begegnen, mal ein dänischer Forscher, der beim Drehen eines Dokumentarfilms in der sibirischen Eiswüste verschwindet und sechzig Jahre später von einem Anthropologie-Studenten selbst zum Forschungsobjekt erklärt wird. Während es Hůlová in diesen Romanen die Ferne, die Fremde und das Leben in anderen und zwischen den Kulturen angetan haben, lässt sie Dreizimmerwohnung aus Plastik in Prag spielen und taucht dabei in eine fremde Welt ganz anderer Art ein, in die Welt einer modernen Prostituierten.

untitledWer ist eigentlich die Erzählerin? Sie ist dreißig Jahre alt, besitzt einen Käfig mit einem gelben Plastikvogel aus China und eine Dreizimmerwohnung, deren „Plastikkonsistenz sich als ziemlich praktisch erweist, weil man anschließend alles mit einem feuchten Lappen abwischen kann.“ Aber ist sie wirklich eine Prostituierte, die uns manchmal in die Rolle eines Kunden auf einer „Krüppelkarre“ versetzt, der nur aus ihrer und seiner Phantasie Wollust schöpfen kann? Ist sie wirklich eine Traditionalistin, die den armen Ehemännern von „Frauen mit Selbstbewusstsein“ Psychoberatung leisten muss, oder eher eine gelangweilte Besucherin der Einkaufsgalerie, die liebevoll nur die Geldscheine zählt? Was ist dann mit den gelehrten Ausdrücken und fachlichen Wendungen, die zusammen mit den gröbsten Kolloquialismen und Slangwörtern in ihre Sprache einfließen, wie zum Beispiel: „hier sind wir schon außerhalb der geregelten Sexualdienstleistungssphäre und aus dem Stand mittenmang in die kriminelle Unterwelt reingesprungen – wenn auch nicht die organisierte“? Sie selbst hält den Abstand vom Text und sagt: „Logisch, dass ich mir das, was ich so daherplappere, nicht ausdenke, sondern dass ich’s selbst erlebt hab, dass mir’s wer erzählt hat oder dass in irgendeinem Buch darüber geschrieben stand.“ Vor allem scheint sie ein Medium zu sein, das die abgenutzten Redewendungen, Werbeslogans, Schlagzeilen, oder guten Ratschläge der zuverlässigen Fachleute, die wir alle zu gut kennen, um ihnen noch Aufmerksamkeit zu widmen, in die Kontrastwelt der „Fickstube“ versetzt und ihre Leere vor unseren müden Augen und Ohren ausstellt. Denn die in die tiefste Intimität eingreifenden Beschreibungen sind nicht das Einzige, was uns in diesem Buch die Röte ins Gesicht treibt. Die Sprache der Erzählerin saugt auch das ein, was wir nur mit sorgenvoller Miene und leiser Stimme aussprechen würden, sagt es laut und weist uns darauf hin, dass wir trotz jeder kritischen Einstellung kaum aus der Falle der „Digiwelt“ und der alltäglichen Banalität fliehen können. Über einen Kunden denkt sie sich: „Wie viele Digidingens wischst du wohl jede Woche mit Antistatikstaubtuch ab, du Familienscheißer, du, der noch mit Milch rumsabbert, und gerne würdest du auch meine aus meinen Möpsen schlabbern, was, obwohl du zu Hause bestimmt ein Mustermännchen bist und am Abend ein Heiamann mit wöchentlich stattfindendem fettfrei spermatösen Auskotzen ins Reinstecksel von der Gattin, die denkt, dass es völlig normal ist, sogar zum Nagelreinschlagen ’nen Handwerker zu rufen, und dass Orgasmus heißt, wenn Leute laufend denselben Hintern hobeln – also du ihren –, und dabei trägt sie ein niedliches schwarzes Reizwäschelchen und lässt das Nachttischlämpchen brennen…“ Und zu den Frauen sagt sie: „Ich spreche von der selbstbewussten Frau vom Muttificköhr, der in mein Plastikzimmerchen nicht deswegen vordringt, weil’s ihm die Frau nicht besorgen würde, oder nie anders als in der Missionarsstellung, sondern weil sie ganz im Gegenteil viel zu viele kleine Einfälle hat, und eigentlich jedem Tierchen sein Pläsierchen, aber wenn er laut Wochenplan, der an der Kühle festmagnetisiert ist, am Dienstag, Donnerstag und Samstag das Klo putzen muss, am Montag ist immer Besprechung und jeden zweiten Abend wird Buschjäger Bill gespielt – wobei das Einzige, was er mit dem gemeinsam hat, der behaarte Rücken ist –, also da wundere ich mich ganz und gar nicht über sein muttifickerisches Rumgeflenne, […]“. Die Erzählerin lässt kein gutes Haar an einem durchschnittlichen bürgerlichen Leben von Männern und Frauen und weder die Leserinnen noch die Leser können dem Gefühl ganz ausweichen, dass die scharfen Worte manchmal genau für sie bestimmt sind.

Das Tschechische ist für die innovative Umgangssprache, die ironischen Deminutive oder Slangabkürzungen ein ideales plastisches Material, und die Arbeit der Übersetzerin Doris Kouba verdient unsere Bewunderung. Eine wichtige Sache geht trotzdem im Deutschen verloren: Die Begriffe, mit denen die Erzählerin die Geschlechtsorgane benennt, verfügen in der Originalsprache über das der Geschlechtzugehörigkeit ihrer Besitzer gegensätzliche grammatische Genus. Dieses Wortspiel verdeutlicht die unnatürliche Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Lustquelle und wird zu einer genialen Metapher, die uns daran erinnert, dass wir oft bei der Befriedigung der eigenen oder abgeguckten Sehnsüchte unsere Einheit und Authentizität vergessen. Wie die Erzählerin sagt: „der Kopf, das bin nicht ich, genauso wenig, wie ich das Reinstecksel bin.“

Dieser Text packt und fesselt mit seinen langen, dichten Sätzen voller phantastischer Bilder und Assoziationen, überrascht mit Alltäglichkeit in den unalltäglichsten Situationen und verstört mit seinen schmerzhaft genauen Kommentaren. Manchmal langweilt er auch, um jedoch anschließend mitleidlos aufzurütteln. Petra Hůlová hat ein listiges Buch geschrieben: Je mehr wir ihre sprachliche Genialität genießen, desto schmerzhafter ist es, wenn unsere sorgfältig versteckte Schwäche, tief vergessene Peinlichkeiten und die intimsten Geheimnisse nicht nur direkt ausgesprochen werden, sondern als bloßes Material für die Erzählung missbraucht werden, die wir nicht aufhören können weiterzulesen.

von Eva Palkovičová

Hůlová, Petra: Dreizimmerwohnung aus Plastik. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013.
Hůlová, Petra: Umělohmotný Trípokoj. Praha: Torst, 2006.

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