Von bunten Vögeln und der Verpflichtung, nicht verbittert zu enden

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„Pharaonennachtschwalbe, Schmarotzerraubmöwe, Orangenbandschnäppertyrann, Veilchenkopfelfe“ − so melodisch, kunstvoll und prächtig die Namen, so schlicht die Vögel, die sich dahinter verbergen. Offenbar vom Reiz solch kurioser Vogelnamen inspiriert, erzählt Marjana Gaponenko die eigentlich unspektakuläre Geschichte vom letzten Aufbruch im Leben des 96-jährigen ukrainischen Ornithologen und Eigenbrötlers Luka Lewadski in einer raffinierten Sprache, die begeistert, amüsiert und dem Helden auf seiner letzten Reise ein treuer Gefährte ist.

Lewadskis letzte Reise nimmt ihren Anfang in einer ukrainischen Stadt ohne Namen, wo sich der hochbetagte Professor Emeritus der Zoologie und Verfasser der Studie Über die Rechenschwäche der Rabenvögel in ein Refugium aus verstaubten Büchern und Erinnerungen an seine einzigen Leidenschaften, Vögel und Musik, zurückgezogen hat. In die Einöde geduldigen Wartens auf den Tod bricht mit geradezu belebender Wirkung die vermeintliche Krebsdiagnose ein und Lewadski wird plötzlich ungeduldig: Ein letztes Mal will er sich dem Leben draußen zuwenden und das im großen Stil. Er kratzt all sein Erspartes zusammen, kleidet sich festlich ein und bricht schließlich auf, nach Wien, ins Hotel Imperial, zur Schokoladentorte, die seine welken Großtanten dort für ihn bestellten. Wenn schon sterben, dann im Luxus und nicht ohne noch einmal richtig gelebt zu haben: „Während er sich anzog, traf er noch eine Reihe von Entscheidungen: Er würde die Kellnerin wie aus Versehen berühren, sollte sie hübsch sein. Sollte ihn ein Kellner bedienen, würde er ihm ein Bein stellen.“

Lewadski, der sich sein Leben lang mehr für Vögel als für Menschen interessiert und sich in seiner eigenen, längst vergangenen Welt bestens eingerichtet hat, findet sich nun im Hier und Jetzt wieder. Er streift als Relikt aus alten Zeiten durch die Gegenwart. Zwischen diesem und Lewadskis letztem längeren Aufenthalt in Wien liegt fast sein gesamtes Leben und ein großes Stück des bewegten 20. Jahrhunderts. Schon seine Geburt in Ostgalizien stand unter keinem guten Stern: In diesem Jahr starb die letzte Wandertaube ihrer Art völlig vereinsamt in einem amerikanischen Zoo − ein symbolischer Vorbote: „Natürlich hatte sie gewusst, dass sie die letzte ihrer Art war. So etwas wusste man einfach. Egal ob Mensch oder Tier. Solche Dinge wurden einem von dünner Luft zugeflüstert, direkt ins Herz hinein“. Schon von Kindesbeinen an altmodisch, skurril und eigen, kurz, ein komischer Kauz: Mit dem Vogelnarr Lewadski ist Marjana Gaponenko eine kuriose literarische Gestalt gelungen, die den Leser für sich einnimmt und an Professor Pnin von Nabokov denken lässt, eine ebenso verschrobene wie liebenswürdige Figur.

Im ersten Weltkrieg von Ostgalizien nach Wien, dann wieder nach Lemberg und im 2. Weltkrieg Flucht vor den Nazis nach Tschetschenien (zum kaukasischen Sommergoldhähnchen), später unter Stalin Verbannung nach Zentralasien und wieder zurück an den Ort der Geburt, der jetzt ukrainisch ist, nachdem er österreichisch-ungarisch und polnisch war − Lewadski hat in seinem Leben zahlreiche Stationen durchlaufen. Sie lassen den Roman ganz nebenbei von europäischer Geschichte erzählen und geben dem Buch historische Tiefe.

Lewadskis letzte Station ist nun das Imperial in Wien: „Dieses Hotel ist wie ein Schiff und ich bin eine Lachmöwe auf dem Deck“. Mit bissigem Witz und jugendlichem Spott nimmt er die betagten Gäste des Nobelhotels ins Visier, erfreut sich diebisch am Luxus, den er sich eigentlich nicht leisten kann, und trifft auf Menschen, mit denen er nochmal die Freude am Dasein teilt: Im Butler Habib findet er einen aufgeschlossenen Gesprächspartner und in dem ebenfalls greisen Witzturn einen Weggefährten für die Pirsch, auf die sich die beiden in die Hotelbar begeben. An den Cocktails ihrer Jugend nippend, ziehen sie Bilanz aus ihren gelebten Leben. Bis es für Lewadski so weit ist.

Von Sterben und Tod erzählt Marjana Gaponenko völlig angst- und schwerelos in einer Sprache, die purer Genuss ist und ohne die die Geschichte vielleicht eine von vielen wäre. Mit Witz und Humor fühlt sie sich in ihren Protagonisten Lewadski ein und durchlebt mit ihm Traum und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart. Wenn sich Lewadskis Gedanken überschlagen, er sein Leben Revue passieren lässt oder mit flinkem Blick die Gäste in der Hotel-Lobby beobachtet, gewinnt die Sprache immer wieder an Tempo. In diesem Fluss hat jedes Wort seinen festen Platz, es gibt kein zu viel oder zu wenig. Auf die Frage, was ihr denn so gefällt an der deutschen Sprache, antwortete Marjana Gaponenko in einem Interview: „Ausschweifend zu sein, aber trotzdem hat alles seine Ordnung.“
Neben exotischen Vogelnamen findet die Autorin besonderen Gefallen an antiquierten Wörtern, die wie Lewadski selbst längst aus der Mode gekommen sind und nun wieder zum Leben erweckt werden − von „Spitzbübinnen“ und „Krautstampfern der Matronen“ unter „Kristalllüstern“ ist hier die Rede.

Dieser so reiche und originelle Wortschatz beeindruckt umso mehr, weil die gebürtige Ukrainerin Marjana Gaponenko erst im Alter von 13 Jahren anfing, in der Schule in Odessa Deutsch zu lernen. Noch während ihres Germanistik-Studiums in Odessa begann sie, Gedichte auf Deutsch zu schreiben und zu veröffentlichen, was sie 2000 im Rahmen eines sechsmonatigen Literaturstipendiums in die Nähe von Münster brachte. Nach Stationen in Krakau, Dublin und Wien, kehrte sie 2006 nach Deutschland zurück, wo sie heute in Mainz lebt. Ihr Debüt gab Marjana Gaponenko mit dem Roman Annuschka Blume (2010), der vom Briefwechsel zwischen Annuschka und Piotr erzählt: Sie ist Lehrerin in der ukrainischen Provinz, er − Journalist und überall auf der Welt zu Hause. Für ihren zweiten Roman Wer ist Martha? wurde die Autorin Anfang dieses Jahres mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet.

In Vorbereitung auf Wer ist Martha? hat sich Marjana Gaponenko ein knappes Jahr lang intensiver Recherchearbeit gewidmet, um sich in die Welt ihres Protagonisten Lewadski einzufühlen. Sie studierte Werke zur Vogelkunde und verbrachte auch selbst einige Zeit im Hotel Imperial. Diese aufwändige Vorarbeit spürt man beim Lesen und es verwundert nicht, dass die Autorin in Gestalt einer jungen Russin, die sich an der Hotelbar Inspiration für ihr Buch über einen alten Mann verschafft, sogar selbst im Roman auftaucht. So versucht sie gar nicht erst, das Erdachte und Konstruierte der Geschichte zu verschleiern, sondern legt es offenbar bewusst auf diesen Eindruck an. Bevor es für den Leser aber ermüdend wird, hilft die leichte, ungezwungene Sprache über manche Anstrengung des Erzählten hinweg.

Der tragikomische Roman Wer ist Martha? lebt von seiner originellen Sprache und der Figur des Luka Lewadski, der angesichts seines nahenden Todes noch einmal alle Register zieht, feierlich und mit voller Hingabe, so gut es geht, bis zum Schlussakkord.

von Claudia Pfitzner

Gaponenko, Marjana: Wer ist Martha?, Berlin 2012.

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