Kein Ich, nirgends?

Identitätskonstruktion im Roman Freelander von Miljenko Jergović

Wer ist Ich?
Im Unterschied zur Identität von Gegenständen ist menschliche Identität nichts Gegebenes, nichts Endgültiges. Identität ist eine Konstruktion, an der jeder Mensch sein Leben lang baut. Die Tatsache, dass die eigene Identität vom Menschen permanent überprüft und justiert wird, ist ein Hinweis auf die zentrale Bedeutung von Identitätssuche und -findung für die menschliche Existenz. Dabei gibt es individuell große Unterschiede. Manche Menschen ruhen bereits weitgehend in sich.
Miljenko Jergovićs Romanfiguren sind hingegen Getriebene. Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität und nehmen den Leser mit auf diese Reise. Allerdings gelangen sie nicht immer an ein Ziel. In Jergovićs Texten fungiert die Frage nach der eigenen Identität als Ausgangspunkt und treibende Kraft. In seinem Roman Freelander (2007) lotet Jergović nicht nur die Konstruktion persönlicher, sondern auch (und vor allem) gruppenspezifischer Identität aus. Diese Analyse findet vor dem historischen Hintergrund des Zerfalls Jugoslawiens statt. Der Zerfall stellt die vormaligen Bürger des nicht mehr existenten Staates vor die Aufgabe, ihre Identität neu zu definieren.

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Personale Identität

Der verwitwete, pensionierte Zagreber Geschichtslehrer Karlo Adum, die Hauptfigur des Romans Freelander (2007), ist ein Paradebeispiel gescheiterter Identitätskonstruktion. An ihm führt Jergović vor, wie ein Mensch sämtlicher personaler und überindividueller Identitäten verlustig geht und sich in eine Leerstelle verwandelt. Für den Verlust von Adums personaler Identität sind dabei hauptsächlich gewöhnliche Alterungsprozesse verantwortlich.
Karlo Adum identifiziert sich so sehr mit seiner beruflichen Tätigkeit als Geschichtslehrer, dass er nach 40 Berufsjahren nur unter Druck in den Ruhestand geht. Dabei war ihm weniger der Austausch und der menschliche Kontakt zu Kollegen wichtig, die ihn eher als alten Kauz betrachteten, als vielmehr das Bewusstsein, einer geregelten, sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Kaum ist ihm durch den Ruhestand diese Grundlage seines Selbstbildes genommen, fallen ihm auf Schritt und Tritt Phänomene auf, die ihn auf Prozesse von Identitätskonstitution und -verlust verweisen. So erlebt Adum die Unzuverlässigkeit sprachlicher Repräsentation von Individuen. An den Briefkästen in seinem Haus stehen längst veraltete Namen, der Briefträger weiß aber, wer in welche Wohnung gezogen ist. Seine Urlaubsvertretung kann die Briefe dagegen nicht zuordnen, da die Beziehung zwischen den Namen früherer Mieter auf den Briefkästen und denen der neuen Bewohner auf den Sendungen nicht erkennbar ist.
Einen Vorgriff auf Adums Schicksal als identitätsloser Witwer stellen die Begegnungen mit seiner an Alzheimer erkrankten Mutter dar. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium erkennt sie Adum nur, wenn er in Ivankas Begleitung zu Besuch kommt. Bleibt Ivanka zu Hause, ist Karlo für seine Mutter ein Fremder, ja mehr noch, sie bezeichnet ihn als Niemand: „ti si nitko“ (du bist niemand; Freelander, S. 110). In der Welt der kranken Mutter gibt es ihn nicht, weil sie die Erinnerung an seine Geburt durch die Vorstellung ersetzt hat, sie wäre nach Belgrad gefahren und hätte eine Abtreibung vornehmen lassen. Schließlich spricht sie auch Karlo als Fremdem die menschliche Existenz ab. Sie sagt, auch einen Computer oder ein Lehrbuch könnte man als Geschichtslehrer bezeichnen:

„Čovjek je, za razliku od knjige i kompjutora, još nešto. Što još? – Onaj tko to ne zna, taj je ništa! – radovala se na kraju kao malo dijete.” (Freelander, S. 112).
(Ein Mensch ist, anders als ein Buch oder Computer, noch etwas anderes. Was noch? Wer das nicht weiß, der ist nichts!, freute sie sich am Ende wie ein kleines Kind.)

Wenn Karlo zusammen mit seiner Ehefrau Ivanka zu Besuch kommt, erkennt seine Mutter  ihn zwar, bezeichnet ihn aber als ihr Unglück und bittet Ivanka, auf ihn zu achten: „on ništa ne bi znao bez tebe“ (ohne dich wüsste er nichts; Freelander, S. 113). Sie formuliert hier die Abhängigkeit von Adums Konstrukt einer personalen Identität von seiner Rolle und Funktion als Ivankas Ehemann. Der Verlust seiner Ehefrau kurz nach Adums Pensionierung ist für den ehemaligen Lehrer dann auch nahezu gleichbedeutend mit dem Verlust seiner übrigen personalen Identität.
Karlo Adum durchlebt einen Wandlungsprozess, der ihn nach und nach der Elemente beraubt, auf denen seine persönliche Identität beruht hatte. Nach dem Verlust seines letzten Haltes, seiner Ehefrau, ist er geradezu gesichtslos. In seine neue Rolle als Witwer und Rentner findet sich Karlo Adum nicht ein. Statt dieser Neuidentifikation begibt er sich auf die Suche nach der Vergangenheit, die aufzeigt, dass er sich sein ganzes Leben hindurch nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe gesehnt hat.
Als Adum per Telegramm die Mitteilung erhält, sein Onkel, den er nie gesehen hat, sei in Sarajevo gestorben, und er solle zur Testamentseröffnung kommen, ändert sich nur scheinbar etwas in seinem Leben. Ab diesem Moment kann er sich wieder an Träume erinnern, doch träumt er immer von einem Sarg, in dem er sich selbst liegen sieht (vgl. Freelander, S. 31f). Identitätsverlust und – nicht notwendigerweise physischer – Tod gehen Hand in Hand. In Bezug auf Adums Träume heißt es zu Beginn des Romans, dass er sich nicht an sie erinnere, „A ono što nije zapamtio, to se nije ni dogodilo“ (und das, woran er sich nicht erinnerte, ist auch nie passiert; Freelander, S. 15).

Den unauflösbaren Zusammenhang von menschlicher Identität und Gedächtnis hat der englische Philosoph John Locke im 17. Jahrhundert zur Ausgangsbasis seiner Analyse der Formen menschlicher Identität gemacht. Von der substantiellen Gleichheit von Gegenständen, die auf die Formel a = a gebracht werden kann,  grenzt Locke die spezifisch menschliche Identität ab, in der das Bewusstsein für das Selbst (ipse) mit Hilfe des Gedächtnisses hervorgebracht wird (vgl. Locke 1690/1997). Später erhielten diese beiden Identitätsformen die Bezeichnungen idem- bzw. ipse-Identität.
Zu der Identitätsbildung aus dem Individuum heraus treten die Zuschreibungen durch die Außenwelt. Identität ist somit ein Mehrfachkonstrukt, hervorgebracht durch individuelle Eigenkonstruktion aus dem persönlichen Erleben und der Auseinandersetzung mit Zuschreibungen und Erwartungen der Umwelt sowie durch Anerkennung bzw. Ausgrenzung in Gruppenkontexten.
Eine zentrale Unterteilung ist hierbei die in personale oder individuelle (Ich-)Identität und Gruppen-(Wir-)Identität. Für den Philosophen Elias Canetti ist die Angst vor dem anderen eine Grundeigenschaft des menschlichen Individuums. Der Einzelne ist stets auf Abgrenzung bedacht. Sobald sich das Individuum aber mit anderen zur Masse zusammenfindet, entsteht eine neue Dynamik. Die Schutzhaltung wird abgelegt, für den Einzelnen undenkbare Grenzüberschreitungen werden möglich, Energie sucht nach einer – häufig, aber nicht zwangsläufig – gewalttätigen Entladung (vgl. Canetti 1960/2006).
Der Philosoph und Psychologe George Herbert Mead sieht als konstitutiv für kulturelle Identität, also für das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem kulturellen Kollektiv, die Bereitschaft an, die Haltung der eigenen Gruppe zu verinnerlichen und sich gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern zu verpflichten (Mead 1934/2000). Dies kann allgemein für jedwede überindividuelle Identität angenommen werden.

Ethnisch-nationale und religiöse Identität
Nach dem Verlust seiner personalen Identität versucht Adum, sich im Kontext kollektiver Identitäten zu verorten. Zu Beginn seiner Reise von Zagreb, der Stadt, in der er seit seiner Jugend lebt, nach Sarajevo, wo er geboren wurde, sieht sich Adum als Kroate und beansprucht somit auch das Recht für sich, diese nationale Identität kritisieren zu dürfen. Er beobachtet polnische Urlauber in einem Schnellrestaurant und unterstellt ihnen, Ćevapi und Musaka als Verkörperung des Kroatentums zu sehen, während das Polentum in Mickiewicz und Chopin bestehe. Dieser Meinung schließt er sich mit der Feststellung an, die kroatische Identität sei die von Kellnern und Rezeptionisten. Die drei gängigen Wörter für Trinkgeld – tringelt, bakšiš und napojnica – verweisen seiner Ansicht nach darauf, dass sich die Kroaten häufig fremder Herrschaft ergeben hätten (vgl. Freelander, S. 56). Je weiter er sich von Zagreb entfernt, desto unsicherer wird Adum sich aber seines eigenen Kroatentums. Er bedauert die Tatsache, dass er nie aus dem Zagreber Stadtteil der Zugezogenen und Versager in den der Intellektuellen und Erfolgreichen umgezogen ist. Früher seien sie dort keine echten Jugoslawen gewesen, heute seien sie keine echten Kroaten, sondern Bastarde (vgl. Freelander, S. 70f).
Auf seiner Autofahrt von Zagreb nach Sarajevo wird Adum mit seinen Ängsten in Bezug auf Bosnien konfrontiert. Er fühlt sich als Kroate, kann aber aufgrund seiner Herkunft aus Sarajevo nicht in dieser Nationalität aufgehen und hängt so bezüglich seiner ethnischen Zugehörigkeit in der Luft. Er begreift die Anteiligkeit an zwei Ethnien nicht als Chance, sondern als Nachteil. Statt auf Vermittlung und Toleranz setzt er auf Konfrontation – verkörpert in der Pistole, ohne die er sich nicht nach Bosnien wagt. Letztlich sagt er sich im Gespräch mit einem Taxifahrer in Sarajevo resigniert von jeglicher Zugehörigkeit los:

„- […] Eto, vi ste, naprimjer, Hrvat, a ja sam Bošnjak, i šta nam fali.
- Nisam ja Hrvat.
- Dobro, živite tamo. Nešto uglavom jeste.
- Nešto – uzdahnuo je profesor.” (Freelander, S. 193).
(- […] Also, Sie sind zum Beispiel Kroate, und ich bin Bosniake, und was soll’s. – Ich bin kein Kroate. – Gut, Sie leben dort. Irgendwas sind Sie ja. – Irgendwas, seufzte der Lehrer.)

Diese undefinierte Verallgemeinerung bedeutet für Adums ethnisch-nationale Identität das Gleiche wie das vernichtende Urteil seiner an Alzheimer erkrankten Mutter für seine personale Identität. Den Rat eines Straßenverkäufers in Bosnien, sich nicht für das zu schämen, was er ist, kann er nicht befolgen (vgl. Freelander, S. 119).

Zu Gruppenidentitäten hat er Zeit seines Lebens eine gespaltene Haltung: Einerseits sehnt er sich nach Zugehörigkeit, dem Aufgehen in der Masse in Canettis Verständnis; andererseits distanziert er sich von jedweder Gruppenzugehörigkeit. Dieser Zwiespalt ist auch auf sprachlicher Ebene erkennbar.
Jergović erzählt aus der personalen Perspektive Adums und gewährt dem Leser Einblick in dessen Gefühle, Erinnerungen und Pläne. Durch die formelle, distanziert-distanzierende Bezeichnung „profesor Karlo Adum“ erschwert er zugleich eine Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur des Romans. Häufig wird die Hauptfigur einfach als „Karlo“ oder „Adum“ bezeichnet. Der Einsatz des vollständigen Vor- und Familiennamens mit vorangestelltem Titel wirkt dann als Abweichung von der Gewohnheit geradezu ironisch. Zudem verweist die Berufsbezeichnung, die auch für die Zeit nach Adums Pensionierung beibehalten wird, auf die weggebrochene personale Identität Adums.

In Metaphern und Vergleichen vertieft Jergović das gespaltene Verhältnis Adums zu Identifikationsgruppen. Seinen Wunsch, in Kroatien nicht als fremd angesehen zu werden, kann Adum aufgrund seiner bosnischen Aussprache des Štokavischen nicht erfüllen:

„Ali od tog mu je svijeta trajno ostao neobičan naglasak, čisti i tvrdi štokavski govor, kojim se govori samo na policiji i u školjskoj lektiri, i nesposobnost da progovori onim lijepim, iskupljujućim i bezbrižnim zagrebačkim, da se utopi kao kamen u tamnom bunaru, i tako pruži životni smisao svome bijegu.“ (Freelander, S. 120).
(Aber von dieser Welt sind ihm auf Dauer die ungewöhnliche Betonung geblieben, die reine und harte štokavische Aussprache, die man nur bei der Polizei und bei der Schullektüre verwendet, und die Unfähigkeit, auf jene schöne, befreiende und sorglose Zagreber Art zu sprechen, wie ein Stein in einem dunklen Brunnen zu versinken und dadurch seiner Flucht einen Lebenssinn zu geben.)

Jergović variiert hier das häufig verwendete Bild von einer Menschenmenge als Wassermasse, wie es beispielsweise bei Victor Hugo in Der Glöckner von Notre Dame (1831) auftaucht. Adum träumt eben nicht davon, wie ein Tropfen ins Brunnenwasser zu fallen und somit voll und ganz in der kroatischen Umgebung aufzugehen, vielmehr will er wie ein Stein in ihr versinken. Der Stein wird dadurch zwar unsichtbar und fällt nicht mehr auf, unterscheidet sich aber nach wie vor deutlich von seiner Umgebung. Nicht die völlige Identifikation mit einer Gruppe ist Adums Ziel, sondern das Bewahren von Individualität in einer Masse, der man sich zugehörig fühlt.
Allerdings geht dieser Wunsch nicht ganz auf. Da Adums Auto ein Zagreber Kennzeichen hat, wird er in Bosnien immer als Auswärtiger erkannt. Dies ist Adum äußerst unangenehm. Seine Abneigung dagegen, als nicht zugehörig angesehen zu werden, erstreckt sich auch auf die Religion:

„Strašno je biti tuđinac, pomišljao je dok ih je svake nedjelje gledao pred sigetskom crkvom, strašno je ne moći prekoračiti prag koji prelaze svi drugi, strašno je, strašno je, strašno je, mantrao bi, i lupkao metalnim vrškom svoga planinarskog štapa po asfaltu, i tako bi na još sedam dana odgađao svoj prvi ulazak u crkvu.“ (Freelander, S. 98).
(Es ist schrecklich ein Fremder zu sein, dachte er, während er sie jeden Sonntag vor der Kirche in Siget sah, es ist schrecklich, nicht die Schwelle überschreiten zu können, über die alle anderen gehen, es ist schrecklich, es ist schrecklich, es ist schrecklich, wiederholte er wie ein Mantra und klopfte mit der Metallspitze seines Bergwanderstocks auf den Asphalt, und so schob er dann um weitere sieben Tage den Moment auf, da er die Kirche zum ersten Mal betreten würde.)

Adum kennt die katholischen Riten und weiß in etwa, wann die Menschen im Gottesdienst aufstehen oder sich bekreuzigen. Die allumfassende (katholisch: von griech. καθολικός, allgemein, -gültig) Kirche kommt aber für Adum nicht als Zuflucht in Frage, da er meint, wegen seiner bosnischen Herkunft nicht in der römisch-katholischen Gemeinschaft der Gläubigen aufgehen zu können.

Das „Stanford Humanities Lab (SHL) Crowds project“ stellt die von Gustave Le Bon 1895 in Psychologie des foules aufgestellte These, die „Ära der Massen“ sei angebrochen, nicht prinzipiell in Frage, relativiert sie jedoch. Der moderne Mensch sei durchaus ein Mensch der Masse, „Modern times are crowded times“ (Schnapp/Tiews 2006, S. x). In der postindustriellen Gesellschaft sei das Massenerlebnis aber in bestimmte rituelle Bereiche kanalisiert worden. In Zeiten des Krieges und gravierender sozialer Konflikte stelle sich ausnahmsweise wieder die Situation der gesammelten Aktion ein (vgl. Schnapp/Tiews 2006, S. xi). Karlo Adum ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel des postindustriellen, individualisierten Menschen, der auch bei jeglicher Form ritualisierten Gruppenerlebens versagt. In Bosnien besucht er zum Beispiel zusammen mit einem Polizisten ein Fußballspiel des Dorfvereins gegen einen Club aus der Herzegowina. Trotz seines immer präsenten Wunsches, nicht als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und in der Masse aufzugehen, gelingt es ihm nicht, sich an seine Umgebung anzupassen und das Team seiner Gastgeber anzufeuern, von denen er umringt ist (vgl. Freelander, S. 135ff). Auch dieses Angebot, zumindest für kurze Zeit seine – ohnehin geschwächte – personale Identität hinter die Gruppenidentität einer Fangemeinschaft zu stellen, kann Adum nicht annehmen.
Als Junge hatte er begriffen, dass von Zeit zu Zeit ein Rollenwechsel notwendig ist, da das Leben aus verschiedenen Einzelleben besteht (vgl. Freelander, S. 104). Seine Mutter Josepa hatte es ihm vorgemacht, ihr ‚gelang‘ nach 1945 die Umstellung von einer Nutznießerin des Ustaša-Regimes mit Kontakten zu deutschen Offizieren zu einer treuen Anhängerin des Kommunismus. Die Einsicht seiner Jugend kann Adum als Erwachsener aber nicht umsetzen. Statt die Rollen zu wechseln, spielt er schließlich gar keine Rolle mehr.

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Woher nehmen und nicht stehlen?
Die Frage, welche Modelle für Menschen auf der Suche nach ihrer Identität in Frage kommen, beschäftigt Jergović auch über den Roman Freelander hinaus. 2007 erschien sein Essay „Tamo? gdje žive drugi ljudi“ (Dort, wo andere Menschen leben) im Sammelband Der andere nebenan. Eine Anthologie aus dem Südosten Europas zusammen mit Texten bosnischer, serbischer, kroatischer, albanischer, kosovarischer, bulgarischer und slowenischer Autoren (novinki: Wieviel Europa verträgt ein Balkan). Sie alle setzen sich mit der Frage nach Identität auseinander und plädieren für ethnische, nationale und religiöse Toleranz. Zugleich verweisen sie auf die Schwierigkeiten bei deren Umsetzung. Jergović beruft sich auf eine einstige europäische Identität, die es seinem Urgroßvater Karlo, einem Donauschwaben, der im heutigen Rumänien geboren wurde, ermöglichte, in Wien und Budapest seine Ausbildung zum Eisenbahner zu machen und schließlich in Sarajevo zu leben. Allerdings zeigt Jergović nicht auf, wie dieser im Rückblick geradezu idyllisch gesehene Zustand wieder erreicht werden könnte. Die kleinere Einheitsvision, das Ideal des ehemaligen Jugoslawien, taugt ihm jedenfalls nicht als Lösung. Die ethnisch-nationale Zugehörigkeit als spezielle Form von Gruppenidentität bleibt ein Problem, dessen Lösung Jergović weder in seinen Texten noch für sich persönlich für möglich hält. Er überlässt es den Journalisten zu entscheiden, ob er selbst auf Kroatisch oder auf Bosnisch schreibe (vgl. novinki: Mašala Jergović, mašala!). Die Suche nach Identität ist nicht nur für Karlo Adum noch nicht zu Ende.

Die Übersetzungen ins Deutsche stammen von Yvonne Poerzgen.

 

Literatur    
Canetti, Elias: Masse und Macht. Frankfurt am Main 2006
Swartz, Richard (Hg.): Der andere nebenan. Eine Anthologie aus dem Südosten Europas. Frankfurt am Main 2007.
Swartz, Richard (Hg.): Nepoznati susjed. Antologija s jugoistoka Europe. Zagreb 2007.
Jergović, Miljenko: Freelander. Zagreb 2007.
Jakiša, Miranda: Mašala Jergović, mašala!URL:
http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Jergovic.html (Zugriff: 22.12.2009).
Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. Ed. Roger Woolhouse. New York 1997. URL:
http://socserv2.mcmaster.ca/~econ/ugcm/3ll3/locke/Essay.htm (Zugriff: 22.12.2009).
Mead, George Herbert: Mind, Self and Society. In: Works of George Herbert Mead. Band 1. Chicago 2000.
Schnapp, Jeffrey T. / Matthew Tiews (Hg.): Crowds. Stanford, California 2006.

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