Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Bittersüßes – über Leben und Tod

Was ist so komisch an einer ster­benden Mutter, einem kranken Vater und deren Töch­tern, die sich dau­ernd streiten? Wer sich unter Kinga Dębskas Tra­gi­ko­mödie Moje córki krowy (Meine doofen Töchter, 2015) ein düs­teres Fami­li­en­drama vor­stellt, wird positiv überrascht sein.
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Im Mit­tel­punkt stehen die Schwes­tern Marta (Agata Kulesza) und Kasia (Gabriela Mus­kała), die nicht unter­schied­li­cher sein könnten: Die ältere Marta, eine berühmte Fern­seh­se­ri­en­schau­spie­lerin, ist geschieden und allein­er­zie­hende Mutter. Die jüngere Kasia ist Leh­rerin mit puber­tie­rendem Sohn und arbeits­losem Mann. Die erste ist abge­härtet und selbst­ständig. Die zweite braucht mehr Unterstützung und ist stärker auf andere Per­sonen ange­wiesen. Marta wirkt cooler und distan­zierter, Kasia wie­derum kümmert sich mehr um alle und alles.

Die Inten­sität ihrer Bezie­hung reicht von Hass über Riva­lität und Über­le­gen­heit bis hin zu Soli­da­rität, gegen­sei­tiger Hilfe und Fürsorge, die sie mit kleinen Gesten ausdrücken. Die Schwes­tern streiten im Auto über Männer. Dann essen sie zu Mittag in fami­liärer Atmo­sphäre, um sich zum Schluss gegen­seitig vor­zu­werfen, die jeweils andere sei alko­hol­ab­hängig. Beide ver­su­chen, den Vater unter Kon­trolle zu bringen, der sogar noch im Kran­ken­haus nach Wodka sucht.

Mein Gott, was raucht ihr denn?!“

Eine Szene im Kran­ken­haus: Der Vater geht die Treppe hin­unter auf dem Weg zum Kran­ken­bett seiner Frau. Plötz­lich stürzt er, bleibt bewusstlos liegen. Die ältere Tochter Marta schreit nach einem Arzt. Dia­gnose: Krebs! Eine andere Szene im Fami­li­en­garten: Der kranke Vater mit einer Ban­dage um den Kopf und die ältere Tochter sitzen nachts auf der Bank. Beide kichern und lachen. Sie teilen sich einen Joint. Die jüngere Tochter Kasia fragt ent­setzt, was die beiden da rau­chen. Als Ant­wort kommt nur ein Lachen. Die Dar­stel­lung des Umgangs mit Krank­heit und Tod wirkt durch Ironie und Sar­kasmus teil­weise skurril. Die Unauf­dring­lich­keit und der Humor der Erzähl­weise lassen kein Mit­leid zu. Bei allem Befremden über manche Reak­tionen der Figuren kann man aber mit ihnen mitfühlen.

Man muss sich auf jede Sekunde des Lebens freuen“

Eine Stärke des Films liegt in seiner Rea­li­täts­nähe. Man sieht hier kein süßliches Bild einer immer glücklichen Ide­al­fa­milie. Sie kann ebenso zu einer Quelle des Lei­dens, der Kon­flikte und der Riva­lität werden. Die Schau­spie­le­rInnen spielen ihre Rollen mit einer Leich­tig­keit, die die Zuschaue­rInnen in ihren Bann zieht. Der Film überzeugt zugleich durch sein gutes Dreh­buch – mit einer schwie­rigen Geschichte, die mit Fri­sche und Humor erzählt wird. Es ist daher nicht ver­wun­der­lich, dass Meine doofen Töchter einen Publikums‑, Jour­na­listen- sowie Kino­netz­werk­preis und zahl­reiche wei­tere Nomi­nie­rungen auf dem Fes­tival der Pol­ni­schen Spiel­filme 2015 in Gdynia erhielt.

von Olga Pokrzywniak

Dębska, Kinga: Moje córki krowy (Meine doofen Töchter). Polen, 2015, 88 Min.

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