Dem Beat folgen

Der Rapper Edo Maajka erreicht mit seinen Texten die Menschen von Slovenien bis Makedonien seit nun mehr als zehn Jahren. Mit viel erzählerischem Geschick gelingt es ihm immer wieder, kritische und sozialpolitische Themen an eine breite Hörerschaft zu bringen. Im Gespräch mit novinki schaut er auf seine musikalischen Anfänge zurück, spricht über die Zeit während des Bosnienkrieges und sein Dasein als Flüchtling in Zagreb. Er gewährt uns einen Einblick in seine Arbeitsweise, erinnert sich an Jugoslavien und spricht über die Rolle des Hiphop.

Heute lebt Edo Maajka in Tel Aviv. Mit einem Blick aus der Ferne widmet er sich aber weiterhin sozialpolitischen Themen seiner Heimat, in der er regelmässig auf der Bühne steht.

novinki: Edo, du bist ohne Zweifel der bekannteste MC im ex-jugoslawischen Raum. Wie hat alles angefangen?

Edo Maajka: Ich mochte Hiphop schon vor dem Krieg, ab meinem zwölften Lebensjahr. Ich hörte De La Soul, MC Hammer, Rambo Amadeus. Eigentlich hatte Rambo Amadeus einen grossen Einfluss auf mich, mein Bruder hörte den ganzen ex-jugoslawischen Rock, eigentlich alle möglichen Arten von Musik, ausser Volksmusik. Ich hatte das Glück, dass er mich mit all dem vertraut machte. Als ich Rambo zum ersten Mal hörte, habe ich mich in diesen Rap verliebt. Als Kind hörte ich oft Monologe, verschiedene Comedy-Kassetten, Rejhan Demridžić, Momo Iluzer etc. – das hörte ich mit sechs, sieben Jahren, vielleicht beeinflusste mich auch das. Dann begann 1992 der Krieg. Ich flüchtete aus Bosnien, zuerst war ich in Privlaka bei Zadar, meine Eltern blieben in Bosnien. Dort hatte ich ältere Freunde, die sich all das reinzogen, was mein Bruder hörte.

n.: Wie hast du selbst mit dem Rap angefangen?

E.M.: Ich fing in Zagreb damit an, das war 1993. In der Mittelschule in Zagreb lernte ich Leute kennen, die Hardcore hörten, Crossover, z.B. Rage Against the Machine, aber auch Punk, Rock und Rap. Alles, was einen guten Riff und einen guten Text hatte. Dann hörte ich die Sendung Blackout auf Radio 101, damals fingen die Zagreber MCs an, sich in dieser Sendung zu treffen und live zu rappen. Sie haben in unserer Sprache vulgär gerappt. Ich hatte noch keinen Kontakt zu ihnen, verfolgte aber über das Radio, was sie machten. Ich hing mehr mit den Hardcore-Leuten herum. So kam in Kroatien die Szene auf.

n.: Radio 101, das schon 1984 zu jugoslawischer Zeit auf Sendung ging, spielte während der Sezessionskriege eine wichtige Rolle. 1996 hat Radio 101 starke Kritik an der politischen Führung geübt und dabei fast seine Lizenz eingebüsst. Wie wichtig war dieser Sender für den Rap?

E.M.: 1995 gab es Proteste für Radio 101 und dadurch hat der ganze HipHop in Kroatien seinen Durchbruch erlebt. Und das war noch vor der Veröffentlichung all der Alben von beispielsweise „Tram 11“ etc. Dann, als verschiedene Zagreber MCs einen Protestsong für die Radiosendung auf 101 machten, versammelten sich alle. Auch ich war da, bei den Sit-ins für Radio 101. Damals war diese Radioredaktion eine der wenigen, die direkte Nachrichten von der Front sendete, es gab fast keine Zensur. Tuđman verabscheute dieses Radio und beschuldigte es, verräterisch und von feindlichen Kräften kontrolliert zu sein. Für mich war dieses Radio aber ein Trost, denn nachdem ich Smiljko Šagolj (ein kriegshetzerischer kroatischer Journalist) in den Nachrichten gehört hatte, konnte ich es nicht fassen, dass jemand derart hetzen konnte. Ich war eigentlich noch ein Kind damals in Zagreb, hatte zwar diese Freunde, war aber von meinen Eltern getrennt.

n.: Wie hast du die Zeit während des Bosnienkrieges, getrennt von deiner Familie, in Zagreb verbracht?

E.M.: Wie ein richtiger Flüchtling. Ich hatte keine Rechte, bekam Sozialhilfe, für mich waren die normalsten Dinge Luxus. Z.B. wenn ich in die Wohnung eines Freundes gehen konnte, der einen Computer hatte. Kroatien war im Krieg, viele Kroaten sind damals oft an die Front gegangen, nach Bosnien und Mittelbosnien. Die Leute kamen über das Wochenende fertig und gebrochen nach Hause und dann hörst du, wie sie die Muslime verfluchen. Da schweigt man und zieht sich zurück.

Von meinen Freunden bekam ich natürlich immer Unterstützung und Liebe. Da waren keine Ressentiments zu spüren.

n.: Wie war die Rückkehr nach Bosnien?

E.M.: Ich war 18 Jahre alt, als wieder Frieden herrschte. Die Brücke Zagreb-Orašje war wieder geöffnet worden. Für mich bedeutete das, meine Eltern wieder sehen zu können. Sie hatten mir sehr gefehlt. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihnen. Sie waren nicht in diesem „nationalen Film“. Als ich meinen Vater das erste Mal nach vier Jahren wiedersah, zitterte ich. Ich war erwachsen, ich kam von der Zagreber Strasse, aufgewachsen mit Zagrebs grössten Hustlers.

n.: Woher schöpfst du die Kraft, dich immer wieder mit politischen Themen auseinanderzusetzen?

E.M.: Ich spüre immer eine Notwendigkeit, sozialkritische Texte zu schreiben. Das heisst, Texte über die Gesellschaft, die mich umgibt, in der ich lebe. Die Gesellschaft, an die ich gebunden bin, die mir in diesem Moment Sorgen macht. Seit drei Jahren beschäftigt mich immer mehr das Verhältnis der Gesellschaft gegenüber Frauen. Ich habe begriffen, dass das ein riesiges Problem auf dem Balkan ist, dem sich keiner widmet. Oder das Problem mit den Roma. Alle in Bosnien wissen, dass es für die Roma schwierig ist, dass sie keinerlei Perspektiven haben. Aber keiner kümmert sich darum.

n.: Was bedeutet es für dich selbst, diese Themen aufzugreifen?

E.M.: Für mich ist das wie eine Reinigung: Damit ich normal funktionieren konnte, musste ich all diese Lieder schreiben.

n.: Das heisst also, für dich ist der Schreibprozess eine Art Katharsis?

E.M.: So ist es. Ich bin beispielsweise nicht religiös erzogen worden und so musste ich herausfinden, wie ich Probleme selbst bewältigen soll. Ich musste mich auf die Suche machen, lesen. Eine Menge an Literatur, auch viel religiöse Literatur habe ich verschlungen. Irgendwann kam ich zum Schluss: Gib dich so, wie du dich fühlst!

n.: Wie entstehen deine Texte?

E.M.: Es gibt unterschiedliche Phasen, die ziehen sich durch meine gesamte Karriere hindurch. Es kommt vor, dass ich mich hinsetze und schreibe, ohne jegliche Musik. Das heisst, ich schreibe einfach und während des Schreibens sehe ich, wohin das führt. Das heisst, ich weiss zu Beginn überhaupt nicht, wohin das führen wird. Und dann gibt es das andere Vorgehen, bei dem ich dem Beat folge – ich finde einen unglaublichen Beat, den ich höre und dann schreibe ich etwas, das mich aufgrund dieses Beats überkommt. Die Emotion, die dieser Beat in mir hervorruft, führt mich.

n.: Gibt es Texte oder Aussagen, die du bereust gemacht/geschrieben zu haben?

E.M.: Vielleicht gewisse Anschuldigungen. Als ich begann, war ich wütend. Ich war sehr links eingestellt, ich war gegen alles, vor allem gegen Ungerechtigkeit. Ich reagierte auf Beleidigungen gleich mit Gegenbeleidigungen. Aus heutiger Sicht erscheint mir das als ein Herabsetzen auf das gegnerische Niveau, das bereue ich. Ich glaube aber, dass jeder Mensch solche Erfahrungen im Leben macht. Was jedoch meine Haltungen anbelangt, die Aussagen über die Gesellschaft, – da bereue ich gar nichts. Wenn ich beispielsweise nach Mostar fahre, wenn Serben, Kroaten und Muslime zu meinem Konzert kommen und wenn mir die Velež-Fans sagen: „Fuck, da sind Menschen, die wir seit dem Krieg nie wieder gesehen haben“. Das freut mich so sehr, dass sie meine Musik hören und zum Konzert kommen. Wenn du vor Ort siehst, wie du Tausende von Vorurteilen zerschlägst – genau das ist es, was mich erfüllt.

n.: Wie erinnerst du dich an Jugoslawien? In deinen Texten nimmst du immer wieder Bezug darauf.

E.M.: Das war meine Kindheit. Die Erinnerungen sind gut, meine Eltern gehörten nie zu irgendeiner Elite, die sich durch diese ganze Halbtransition zu bilden anfing. Trotzdem mussten wir nichts entbehren, wir hatten sogar zwei, drei Fernseher. Wir lebten so, wie die Menschen heute in Westeuropa leben. Und am Ende war es doch anders, Benzinmangel, Kriminalität. Vieles war abgefuckt, ich bin so froh, dass ich damals nicht älter war, um das Ganze zu begreifen.

n.: Welche Rolle spielte Hiphop in der bosnischen/kroatischen/serbischen/ slowenischen/makedonischen Öffentlichkeit der 90er Jahre?

E.M.: Hiphop war und ist sehr wichtig, weil diese Bewegung während der Transition aufkam, es wurde viel geredet und die Menschen waren hungrig nach Freiheit. Ab 1996 oder Ende der 90er war Hiphop in Kroatien Nummer eins. In Bosnien fing alles erst etwas später an, durch die Radio-Sendung fmjam. Das Hiphop-Ding konnte sich in Bosnien nicht so entwickeln wie in Kroatien, schlicht und einfach, weil keiner in Hiphop-Produktionen investierte. Aber man konnte die ganze Zeit hindurch die neusten Kassetten im Zentrum Tuzlas kaufen. Dennoch, ich denke, dass Hiphop viel bewirkte.

n.: Was?

E.M.: Die Rock-Szene beispielsweise, die bestand schon vor dem Krieg und dauerte nach dem Krieg als Ex-YU-Rock Szene weiter. Die Leute wussten mehr oder weniger, worum es ging, sie kannten sich. Aber dann war da auch unsere neue Generation, die sowohl der Rock- wie auch in der Hiphop-Szene angehörte. Die Radiosendung fmjam hat Marchelo beispielsweise fürs erste Konzert nach Tuzla geholt, das war etwa 2003. Zu seinem Konzert kamen sehr viele Leute, das war der absolute Wahnsinn. Wir nahmen zusammen auf, die Zusammenarbeit fing an. Ich erinnere mich, als Ajs Nigrutin und Sky Wikluh (serbische MCs, die zusammen „Bad copy“ bildeten) ihr erstes Konzert in Zagreb spielten, das war etwa 2004/05, hatten sie Angst. Man hatte damals einfach Angst. Ich erinnere mich, als ich das erste Konzert im SKC in Belgrad hatte. Das war das erste Konzert nach dem Krieg. Man muss sich das so vorstellen: Es kamen tolle Leute zum Konzert und dann kamen noch drei Affen, die schossen auf deine Lieder und alles Mögliche die schlimmsten nationalistischen Parolen. Aber ich realisierte, dass die Mehrheit das nicht unterstützte. Und nach zwei Liedern hörten sie dann wieder auf und machten sich vom Acker.

n.: Wie erklärst du dir deinen „grenzüberschreitenden“ Erfolg?

E.M.: Ich hatte immer ein breites Themen-Spektrum. Damit schaffte ich es, auch ein breiteres Publikum anzusprechen. Dazu hat wohl das Lied Prikaze (Gespenster) beigetragen, das war meine Abrechnung mit dem Aberglauben in Bosnien und Herzegowina – Dinge, vor denen auch ich mich irgendwie insgeheim fürchtete.

In No sikiriki (Keine Sorgen), meinem zweiten Album, fanden sich viele Menschen wieder. Ich bekam Briefe, durch die mir klar wurde, dass ich eine Verantwortung trage, die ich vorher nicht hatte. Da begriff ich: Mensch, dich hören Kinder, ihre Eltern und deren Eltern.

n.: Das Besondere an deinen Texten ist die Vielstimmigkeit, d.h. mehrere Erzählperspektiven. In einigen Liedern nimmst du auch die Gastarbeiterperspektive ein. Wie kommt das?

E.M.: Weil ich es immer geliebt habe, mit Menschen zu sprechen, die wie ich Flüchtlinge waren. Ich wollte wissen, wie sie leben. Als ich in Zagreb lebte, habe ich vielen geholfen. Von meiner Mutter erfuhr ich, wer kam, wer über IOM (International Organization for Migration) nach Amerika oder Australien wollte. Ich wusste, wo der Sitz des IOM war, wie man die Formulare auszufüllen hatte und wie man Beweise sammelte. Beweise dafür, dass man 1993/94 in Kroatien war, beispielsweise Konzertkarten etc. Ich sammelte die Beweise für diese Menschen und half ihnen damit weiter. Was für unglaubliche Schicksale mir da zu Ohren kamen… Ich war quasi derjenige, der sie von hier aus in ihr Fluchtland verabschiedete.

n.: Die Liebe hat dich vor einigen Jahren nach Tel Aviv versetzt. Seither pendelst du zwischen Zagreb und Tel Aviv. Inwiefern hat dein Umzug nach Tel Aviv resp. die Distanz deinen Blick auf den ehemals jugoslawischen Raum verändert?

E.M.: Es ist mir gelungen, gewisse Dinge leichter zu verstehen. Der Blickwinkel weitet sich. Man sieht, was in Bosnien geschehen wird, wenn gewisse Dinge nicht in Angriff genommen und verändert werden.

In allen ex-jugoslawischen Ländern sieht es ähnlich aus. Wenn du in Serbien bist, dann heisst es, sie seien die Opfer. Sie sind auch Opfer, denn sie fühlen sich so. Wenn du dann auf die kroatische Seite gehst, ist es genau gleich, auf der bosniakischen, d.h. auf der muslimischen Seite, dasselbe. Genau darin liegt das Problem. Dabei geht es nicht um Objektivität, sondern darum, dass jeder einzelne fest daran glaubt, dass ihm Unrecht geschehen ist. Wenn man dieses Problem nicht zu lösen beginnt, wenn man es unter den Teppich kehrt, dann wird es schwierig. Wieso ist es jetzt auf dem Balkan schwierig? Es ist schwierig, weil die Generation der heute 20-Jährigen, derjenigen also, die nach dem Krieg oder während des Krieges geboren sind, sich an die Zeit vor dem Krieg nicht erinnern kann. Diese Generation ist dazu verdammt, sich das anzuhören, was ihre Eltern ihnen erzählen. Ihre Eltern sind unzufrieden, egal auf welcher ethnischen Seite in Bosnien sie leben. Sie sind zu 100% unzufrieden. Das heisst, dass diese jungen Menschen voller Wut aufwachsen und keinen von der anderen Seite kennen. Darin liegt das Problem. Sie haben einander nie gesehen, geschweige denn miteinander geredet.

n.: Aber mit deiner Musik wirkst du dem doch entgegen…

E.M.: Ich versuche es. Die Musik ist meine Reaktion darauf.

n.: Wie konstruierst du deine Identität? Fühlst du dich einer Gesellschaft zugehörig?

E.M.: Ich bin Bosnier. In Bosnien geboren. Ich kann mein Leben lang ausserhalb Bosniens leben, aber mich werden alle als solchen ansehen und annehmen. Ich bin das, was ich bin. Aber ich betrachte mich auch als kroatischen Bürger – ich liebe Kroatien sehr. Ich habe die kroatische Staatsbürgerschaft bekommen. Ich bin in Kroatien aufgewachsen, habe dort viele Freunde, vieles verbindet mich mit Kroatien. Ich liebe Zagreb. Ich ordne mich diesen nationalistischen Kategorien nicht unter und alle, die das tun, mögen mich nicht. Aber das ist nicht mein Problem.

Das Interview führte Jelica Popović.

Fotos von Michael Züger
Illustration von Nastasia Louveau

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