Viele Geschichten und ein Roman

Macura
Ondřej Macura (1980) gehört – zusammen mit Jana Šrámková und Natálie Kocábová – zur jüngsten tschechischen Schriftstellergeneration. Bekannt ist Macura, der nach dem Studium der tschechischen Literatur nun als Gymnasiallehrer arbeitet, in erster Linie als Lyriker. Er hat Beiträge in den wichtigsten Literaturzeitschriften des Landes, z. B. im A2, im mährisch-schlesischen Weles und im Tvar geschrieben. Ebendort konnte Macura seinen Gedichtband Indicie (Indiz, 2007) als Literaturbeilage herausbringen und wurde mit diesem Werk im Jahr 2008 für den Jiří-Orten-Preis, einer Auszeichnung für Textkünstler unter dreissig Jahren, nominiert. Unlängst gelangte ein Bändchen mit seinen ersten, in den Jahren 2000-2001 entstandenen Gedichten unter dem Titel Žaltář (Psalter, 2008) zur Publikation.

Der Roman Netopýři (Fledermäuse), Macuras Prosaerstling, ist im Frühjahr 2009 erschienen. Angesichts des ziemlich grossen Textvolumens und einer unruhigen Aufteilung in 62 Kapitel, mag es überraschen, dass die Handlung undramatisch verläuft: Die Figuren verbringen einen Grossteil ihres Alltagsdaseins im Café Montmartre in einer Gasse der Prager Altstadt, von wo aus der Erzähler die Umrisse seines Romanpersonals entwirft. Der Leser sitzt gleichsam als unsichtbarer Gast am Nebentisch und erhält Einblick in die Liebschaften, die Arbeit und Gedankenwelt, kurz: in das Leben der zeitgenössischen Prager Endzwanziger-Generation. Da sind die Lyrikerin und Dozentin Pavla, der Gymnasiallehrer Robin, der sich ebenfalls im Dichten versucht, der Intellektuelle Gabriel, die Schülerin Natálka sowie ihre Freunde und Geliebten Sofia, Jana, Iva, Petr und Martin. Alle bekommen für einen bestimmten Zeitabschnitt ihren Platz am Stammtisch im Café Montmartre und geben ihn früher oder später wieder ab.
Von diesem Fluchtpunkt aus begleiten wir die Figuren passagenweise in die Intimitäten ihrer Beziehungen, jedoch nur, um sofort wieder an den Tresen zurückzukehren und die Aufmerksamkeit einer neuen Verbindung und einer weiteren Geschichte zu schenken. Oder wir begeben uns mit Robin in dessen Unterrichtsstunden, wo wir Zeugen seiner im Dialog mit den Schülern entstehenden Interpretationen von Musik- und Literaturwerken werden: Vom Barock über Mozart, Beethoven, Puccini und Wagner gelangt man zu Texten von Baudelaire und Camus – den inhaltlich ergiebigsten Teilen des Buches. Über einen Bogen, der alleine durch die Figuren und ihre Treffen im Kaffeehaus zusammengehalten wird, erreicht der Roman mit dem Tod Natálkas sein Ende.

Dem spannungsarmen Inhalt steht formal eine wendige Erzählstrategie gegenüber. Der Roman wird durch einen Ich-Erzähler eingeleitet, der über mehrere Kapitel ausgewählten Figuren das Erzählen aus ihrer jeweiligen Innensicht überlässt. Ein auktorialer Erzähler löst diese Struktur im zweiten Drittel des Romans ab. Das Schlussdrittel charakterisiert schliesslich eine offensichtliche und starke Dezentralisierung der Erzählerinstanz. Durch zahlreiche Figurendialoge, durch eine unklare Referenzierung der Personalpronomen, durch Leserappelle und immer wieder einbrechende metafiktionale Einwürfe und Passagen entzieht sich die Erzählsituation einer eindeutig präzisierbaren Bestimmung.

Unter den Möglichkeiten, die sich aus einer solchen Anhäufung von Perspektiven ergeben, dominiert im letzten Drittel des Romans das Spiel mit der Fiktion. Der Erzähler unterbricht wiederholt und unvermittelt das Geschehen, rechtfertigt sein Tun und gibt Kommentare zu seinem Text ab. Er macht sich über seine Figuren lustig, behauptet, diese gar nicht zu kennen, nur um in einem folgenden Kapitel über deren Existenz und Beziehungen zu spotten. Gleichzeitig entschuldigt sich der Erzähler – was vor dem Hintergrund seines Verhältnisses zu den Figuren ironisch anmutet – für seine unbedeutenden Worte und das mühsame Vorankommen seines Romans. Immer wieder versucht er, sein Erzählen neu anzusetzen und Begonnenes abzuschliessen, verliert sich aber sogleich aufs Neue, kritisiert sein eigenes Schreiben und schickt daraufhin Baudelaire und Camus vor, die begangenen Fehler zu korrigieren. Je weiter der Roman voranschreitet, je stärker der Erzähler versucht, seinen Text und sein individuelles Schreiben in den Griff zu bekommen, desto offenkundiger wird sein Kontrollverlust über die Ereignisse und das Verfahren der mehrfachen Perspektivierung. Die einzelnen Elemente des Romans entwickeln so eine eigenständige Dynamik, und die einseitige Fokussierung auf metafiktionale Erzählerkommentare lässt den Verdacht aufkommen, der Erzähler sei durch das Material überfordert.

Die Geister, die er rief, wird Ondřej Macura auch ausserhalb der erzählten Welt nicht mehr los. Insbesondere durch die jüngeren Rezipienten erhält das durch den Autor angestossene Spiel mit der Fiktion eine womöglich nicht beabsichtigte zusätzliche Dimension. So stösst man bei facebook auf ein Profil von Macura, das kurz nach dem Erscheinen von Netopýři generiert wurde. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich: das Profil ist ein ‚fake’. Zwar deuten Username, Bilder und Profilinformationen eindeutig auf die reale Person Ondřej Macura hin. Aber schon in den ersten Kommentaren schreibt der angebliche Macura ausschliesslich in der dritten Person von sich. Weitere Verwirrung entsteht, wenn jüngere Einträge in die erste Person wechseln oder die grammatikalische Form des Verbs sogar eine weibliche Urheberin vermuten lässt. Das Durcheinander erreicht seinen Höhepunkt mit dem Vermerk des Users ‚Ondřej Macura‘: „Pan profesor o této stránce zatím neví.“ (Der Herr Lehrer weiss bis jetzt noch nichts von dieser Seite). Darauf reagiert ein Benutzer – offensichtlich ein Schüler Macuras – und behauptet, seinem Lehrer das Profil gezeigt zu haben. Leider sucht man einen das Rätsel auflösenden Kommentar von Macura selbst vergeblich. Im virtuellen Raum wird Ondřej Macura selbst zur erfundenen Figur, mit der ein unbekannter Autor seine Scherze treibt. Macura wird zum Opfer seiner eigenen fiktionalen Experimentierfreude.

Ganz im Geist des Ausfransens bringt der Schluss des Romans dann auch keine Auflösung. Im Gegenteil: Der unmotiviert auftauchende Tod am Ende erscheint vielmehr als Rettungsversuch für die Dramatik der Handlung, funktioniert aber trotz seiner Prominenz weder als Abschluss, noch als erhofftes Bindeglied zwischen Inhalt und Erzählstrategie. Macura gelingt es nicht, die sich verselbständigenden Stränge der Romanhandlung mit der metafiktionalen Reflexion zu verknüpfen. Der Text hinterlässt in all seinen unterschiedlichen Schichten den Eindruck eines Autors, der mit der Menge an Material nicht zu Rande gekommen ist. Er kapituliert vor der Fülle an Erzählern, verliert sich in der Wechselhaftigkeit der Perspektiven und zerstückelt 200 Seiten in 62 Kapitel, was die inhaltliche Heterogenität des Stoffes noch zusätzlich verstärkt.
So bleibt es schliesslich dem Leser überlassen, aus den Bruchstücken einen Roman herzustellen. Doch ohne die Hilfe des Erzählers, der, vom Text überrumpelt, sich voreilig von diesem verabschiedet, wird das Lesen zu einem schwierigen Unterfangen und stellt den Leser vor eine Entscheidung: Entweder den Text als das zu lesen, was er vorgibt zu sein, nämlich als einen Roman und sich dem Spiel mit der Fiktion zu überlassen. Oder nicht den, sondern die Texte zu lesen, die einzelnen Kapitel als abgeschlossene Szenen, gewissermassen als Mikrogeschichten. Diese Lektüre gelingt jedoch nur um den Preis, sich als Leser nicht vom Erzähler in dessen Geheimniskrämerei um Autorschaft involvieren zu lassen.

Die Wahl muss angesichts der Überforderung durch die Menge an Themen und erzähltechnischen Versuchsanordnungen auf die Lektüre ausgewählter Kapitel als szenische, essayistische und lyrische Kurzgeschichten fallen. Was wir in Macuras Lyrik schätzen gelernt haben, nämlich die Kompaktheit der kurzen Erzählform und die gewaltige Bildsprache, kommt nur bei einer solchen Lektüre unmittelbar zum Tragen.

In jedem Fall lässt uns die junge tschechische Schriftstellergeneration mit Ondřej Macura auf weitere Experimente hoffen. Vorläufig bleibt die Freude darüber, mit Netopýři in einem Band in den Genuss gleich zweier erzählerischer Formen zu kommen: einer romanhaften, mag diese auch noch in Kinderschuhen stecken, und einer Sammlung von durchaus gelungenen literarischen Szenen.

von Dimitrije Prica

Ondřej Macura: Netopýři. Kniha Zlín. Praha 2009.

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