Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Wach auf!

In Annas Leben ist der Traum von der ver­meint­lich bes­seren Welt namens USA zum Greifen fern. Der geor­gi­sche Film Anas Ckho­v­reba (Annas Leben) von Nino Basilia lässt spüren, was es bedeutet, wenn eine allein­er­zie­hende Frau für die Zukunft ihres Sohnes und sich selbst kämpft, doch auch, dass tickende Zeit­bomben nicht immer hoch­gehen müssen.

Anas_CkhovrebaAnna will sich von ihren finan­zi­ellen Nöten befreien, um in den Ver­ei­nigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. Sie han­gelt sich von einem Job zum nächsten und spart für das Visum und für ihren Sohn, der in einem Heim für autis­ti­sche Kinder lebt. Oft arbeitet sie als Tel­ler­wä­scherin in einem Restau­rant, aus dem sie ihm oder ihrer demenz­kranken Groß­mutter, um die sie sich genauso sorgsam küm­mert, die übrig geblie­benen Hüh­ner­keulen als Mit­tag­essen mit­bringt. Dazu kommt noch ihr junger Ver­ehrer, der rau­chend und erwar­tungs­voll vor ihrem Haus steht und dem sie nach langem Igno­rieren irgend­wann doch Beach­tung schenkt.

Böses Erwa­chen

Anna opfert Zeit, Geld und Auf­merk­sam­keit und bekommt nur wenig zurück. Ihren Anspruch auf Sozi­al­leis­tungen als Allein­er­zie­hende kann sie nicht durch­setzen. Sie wird von Beamten nicht ernst genommen. Ein schwerer Betrug kostet sie das ganze Ersparte und führt zu einer exis­ten­zi­ellen Krise, die sie nur allein bewäl­tigen kann. Sie steht vor der Ent­schei­dung, vor­zeitig ihre Woh­nung zu ver­kaufen. Durch Zufall fallen ihr dann aber Dol­lar­scheine in die Hände: Das Geld findet sie in der Woh­nung eines Geschäfts­mannes, bei dem sie sauber macht und an seinen teuren Hemden riecht. Heim­lich bringt sie eine Freundin mit in die Woh­nung, wo sie zusammen im Dol­lar­regen tanzen und sich in die USA träumen.

Die Szene bleibt so lange ein Traum, bis sich der Hin­ter­kopf des Geschäfts­mannes ins Bild schiebt. Wäh­rend die Kamera auf die beiden Frauen gerichtet ist und die böse Über­ra­schung auf ihren Gesich­tern fest­hält, erscheint der Mann gesichtslos und anonym wie aus dem Nichts. Das Erwa­chen aus dem fabel­haften Traum und der Wechsel in die Rea­lität, in dem die Rei­chen rei­cher werden und die Armen ärmer, fängt die Kamera mit kri­ti­schem Auge ein.

Annas Leben – Annas Entscheidung

Stumme Szenen, in denen Anna alleine nach­denkt, zeigen den schwie­rigen Pro­zess ihrer Ent­schei­dung. Die Szene, in der Anna nackt im Dun­keln vor einem Spiegel steht und über­legt, ob sie sich für viel Geld von dem rei­chen Geschäfts­mann aus­nutzen lassen soll, ist eine der stärksten Szenen des Films: Im Raum steht schließ­lich Annas stille Erkenntnis, dass in der harten Rea­lität etwas anderes für sie Prio­rität hat. Sie lässt das Geld liegen und sucht einen neuen Weg, trotz ihrer pro­ble­ma­ti­schen Lebens­si­tua­tion und dem teuren Wunsch, nach Ame­rika zu gehen. Plötz­lich ver­schiebt sich das Ziel und der Weg führt zu ihr selbst. Sie will alleine kämpfen. Anna wacht auf und wird sich dessen bewusst, dass ihr Herz am meisten an ihrer eigenen Selbst­ver­wirk­li­chung hängt.

Nino Basilia the­ma­ti­siert das Schicksal von vielen Men­schen in Geor­gien, die an der Schwelle zur Armut leben und für die eine Aus­wan­de­rung in die USA eine ver­hei­ßungs­volle Per­spek­tive dar­stellt. „Bei dieser Ent­schei­dung werden Risiken in Kauf genommen, wie es bei den illegal orga­ni­sierten Visa der Fall ist, wobei Men­schen über die mexi­ka­nisch-ame­ri­ka­ni­sche Grenze geschmug­gelt werden“: So beschreibt die Regis­seurin die Situa­tion der Migran­tInnen nach der Film­vor­füh­rung ihres Spiel­film­de­büts im Neu­köllner Café de Bagh, eine Woche nach der Pre­miere des Films auf dem Film­Fes­tival für das ost­eu­ro­päi­sche Kino 2016 in Cottbus.

von Paula Sawatzki

Basilia, Nino: Anas Ckho­v­reba (Annas Leben). Geor­gien, 2016, 109 Min.

druck­datei