Wach auf!

In Annas Leben ist der Traum von der vermeintlich besseren Welt namens USA zum Greifen fern. Der georgische Film Anas Ckhovreba (Annas Leben) von Nino Basilia lässt spüren, was es bedeutet, wenn eine alleinerziehende Frau für die Zukunft ihres Sohnes und sich selbst kämpft, doch auch, dass tickende Zeitbomben nicht immer hochgehen müssen.

Anas_CkhovrebaAnna will sich von ihren finanziellen Nöten befreien, um in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. Sie hangelt sich von einem Job zum nächsten und spart für das Visum und für ihren Sohn, der in einem Heim für autistische Kinder lebt. Oft arbeitet sie als Tellerwäscherin in einem Restaurant, aus dem sie ihm oder ihrer demenzkranken Großmutter, um die sie sich genauso sorgsam kümmert, die übrig gebliebenen Hühnerkeulen als Mittagessen mitbringt. Dazu kommt noch ihr junger Verehrer, der rauchend und erwartungsvoll vor ihrem Haus steht und dem sie nach langem Ignorieren irgendwann doch Beachtung schenkt.

Böses Erwachen

Anna opfert Zeit, Geld und Aufmerksamkeit und bekommt nur wenig zurück. Ihren Anspruch auf Sozialleistungen als Alleinerziehende kann sie nicht durchsetzen. Sie wird von Beamten nicht ernst genommen. Ein schwerer Betrug kostet sie das ganze Ersparte und führt zu einer existenziellen Krise, die sie nur allein bewältigen kann. Sie steht vor der Entscheidung, vorzeitig ihre Wohnung zu verkaufen. Durch Zufall fallen ihr dann aber Dollarscheine in die Hände: Das Geld findet sie in der Wohnung eines Geschäftsmannes, bei dem sie sauber macht und an seinen teuren Hemden riecht. Heimlich bringt sie eine Freundin mit in die Wohnung, wo sie zusammen im Dollarregen tanzen und sich in die USA träumen.

Die Szene bleibt so lange ein Traum, bis sich der Hinterkopf des Geschäftsmannes ins Bild schiebt. Während die Kamera auf die beiden Frauen gerichtet ist und die böse Überraschung auf ihren Gesichtern festhält, erscheint der Mann gesichtslos und anonym wie aus dem Nichts. Das Erwachen aus dem fabelhaften Traum und der Wechsel in die Realität, in dem die Reichen reicher werden und die Armen ärmer, fängt die Kamera mit kritischem Auge ein.

Annas Leben – Annas Entscheidung

Stumme Szenen, in denen Anna alleine nachdenkt, zeigen den schwierigen Prozess ihrer Entscheidung. Die Szene, in der Anna nackt im Dunkeln vor einem Spiegel steht und überlegt, ob sie sich für viel Geld von dem reichen Geschäftsmann ausnutzen lassen soll, ist eine der stärksten Szenen des Films: Im Raum steht schließlich Annas stille Erkenntnis, dass in der harten Realität etwas anderes für sie Priorität hat. Sie lässt das Geld liegen und sucht einen neuen Weg, trotz ihrer problematischen Lebenssituation und dem teuren Wunsch, nach Amerika zu gehen. Plötzlich verschiebt sich das Ziel und der Weg führt zu ihr selbst. Sie will alleine kämpfen. Anna wacht auf und wird sich dessen bewusst, dass ihr Herz am meisten an ihrer eigenen Selbstverwirklichung hängt.

Nino Basilia thematisiert das Schicksal von vielen Menschen in Georgien, die an der Schwelle zur Armut leben und für die eine Auswanderung in die USA eine verheißungsvolle Perspektive darstellt. „Bei dieser Entscheidung werden Risiken in Kauf genommen, wie es bei den illegal organisierten Visa der Fall ist, wobei Menschen über die mexikanisch-amerikanische Grenze geschmuggelt werden“: So beschreibt die Regisseurin die Situation der MigrantInnen nach der Filmvorführung ihres Spielfilmdebüts im Neuköllner Café de Bagh, eine Woche nach der Premiere des Films auf dem FilmFestival für das osteuropäische Kino 2016 in Cottbus.

von Paula Sawatzki

Basilia, Nino: Anas Ckhovreba (Annas Leben). Georgien, 2016, 109 Min.

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