„Und dann vergiftet mein violettes Blut die Menschheit mit heroischem Blödsinn!“

In ihrem leicht daherkommenden neuen Roman erzählt Julia Kissina mit selbstironischem Pathos von den Erfahrungen der romantisch komplizierten, jungen Elephantina aus Kiev in der Künstlerbohème des Moskauer Underground der 1980er Jahre. Er lässt sich auch als Schlüsselroman lesen.

Eine sowjetische Lady Gaga?
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Aufsehenerregend und unvergessen ist das Fleischkleid, das Lady Gaga bei den MTV Video Music Awards 2010 in Los Angeles trug. Ihr Auftritt war ein fleischgewordener Einsatz für Menschenrechte: „If we don’t stand up for what we believe in and if we don’t fight for our rights, pretty soon we’re going to have as much rights as the meat on our bones.” Ein sinnverwandtes Bild lieferte die russische Künstlerin Julia Kissina schon 1997/98 mit ihrem Fotoprojekt Fairies. Darin verhüllt sie das Haupthaar weiblicher Modelle mit rohem Fleisch, um gängige Schönheitsideale unserer Gesellschaft zu kritisieren. In ihrer Thematisierung von Geschlechterrollen und Körperlichkeit bezieht sich Kissinas Konzeptkunst intertextuell auf das Werk der berühmten Fotokünstlerin Cindy Sherman.

Auf Fleischlichkeit reduzierte Frauenbilder sind für Julia Kissina noch fast zwanzig Jahre später von ungebrochener Aktualität, so auch in ihrem 2016 erschienenen autobiografischen Roman Elephantinas Moskauer Jahre. Darin benennt sie die Geburt der Popikone Lady Gaga als eines der prägenden zeitgeschichtlichen Ereignisse des Jahres 1986, und stellt so eine Assoziation zwischen drei exzentrischen Künstlerinnen unterschiedlicher Epochen und Nationalitäten her: Lady Gaga, Julia Kissina und Kissinas Alter Ego Elephantina. Die jugendliche Romanheldin und Nachwuchsdichterin mit dem Künstlernamen Elephantina setzt sich bereits im Moskauer Underground der 1980er Jahre mit zwischenmenschlichen Hierarchien und Geschlechterrollen auseinander.

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Fotos aus: Julia Kissina, Fairies (1997/98)

Von Luft und Liebe allein kann man durchaus leben

Nonnenhafte Kleidung, beharrliche Jungfräulichkeit und Verzicht auf Alkoholkonsum – Elephantinas asketische Lebensführung stellt für ihre Aufnahme in die männlich dominierte, sexuell enthemmte und alkoholgetränkte Moskauer Künstlerszene ein elefantengroßes Hindernis dar. Selbst ihre platonische Liebe zum aufstrebenden Dichter Andrjuša bleibt unerwidert. Da sein Gesicht vom jahrelangen exzessiven Alkoholkonsum Farbe und Form einer Tomate angenommen hat, gibt Elephantina, die ihm in der Hoffnung auf literarische Inspiration nach Moskau folgt, insgeheim den liebevollen Spitznamen „Tomaten-Guru“. Die Moskauer Künstlerszene wird aus der Perspektive einer „zarten Kiever Provinzschönheit“ geschildert, die in der Großstadt zunehmend Künstler-Allüren entwickelt und die Höhen und Tiefen einer ersten Liebe erlebt.

Diesen Weg ist die Autorin Julia Kissina tatsächlich gegangen, den Figuren und der Handlung ihres autobiografischen Romans liegen reale Personen und Ereignisse zugrunde. So verbirgt sich hinter der Figur Andrjuša der metarealistische Lyriker Aleksej Parščikov, der Kopf einer mit den Konzeptualisten konkurrierenden Gruppierung. In einem Interview erklärt Kissina, dass sie ihren Roman nicht veröffentlicht hätte, wenn er noch am Leben wäre. Auch andere Verstorbene sind im Roman verewigt, wie etwa der Literaturwissenschaftler Viktor Šklovskij. Dass Kissina ihn mit Bekannten kurz vor seinem damals schon absehbaren Tod besucht hat, belegt ein Foto aus dem Privatbesitz der Künstlerin. Andere Begegnungen, wie etwa die Dichterlesung mit dem US-Amerikaner Allen Ginsberg, werden überwiegend durch mündliche Zeugnisse ehemaliger Teilnehmer verbürgt. Somit kann Kissinas Buch von Zeitzeugen und Eingeweihten als Schlüsselroman für den Moskauer Underground der 1980er Jahre gelesen werden. Der Roman besitzt die nur auf den ersten Blick exkludierende Dimension des Insider-Wissens, das bei erfolgreicher Dechiffrierung von Pseudonymen eine nostalgische Lesereise erlaubt. Die Stärke des Romans liegt jedoch darin, dass man ihn auch ohne jegliches Vorwissen und nostalgische Empfindungen lesen kann.

Die seltenen und unschuldigen Zusammenkünfte mit dem gönnerhaft-herablassenden „Tomaten-Guru“ sind Elephantina jede Mühe wert. Für eine Aufenthaltsgenehmigung in der Stadt studiert sie, ihren immensen Widerwillen überwindend, Bühnenbildnerei und Theatertechnik und schließt später eine Scheinehe mit einem Moskauer Bekannten. Für ein Leben als freie Künstlerin ohne familiäre Bevormundung zieht sie auf der Suche nach einem Obdach bis in die Vororte der Stadt zu flüchtigen und flüchtigsten Bekannten. Ihr einziger permanenter Besitz, den die abgemagerte Elephantina auf ihrem Weg durch die sowjetische Hauptstadt stets bei sich trägt, ist eine wuchtige Schreibmaschine. Auf ihr schreibt sie ihr erstes literarisches Werk: Die sieben Stufen des Todes, dessen Titel nicht nur auf den „Geisterseher“ Emanuel Swedenborg und auf Julian Semjonovs Roman Siebzehn Augenblicke des Frühlings anspielt, sondern auch ein Akronym beinhaltet: SSSR (dt. UdSSR) ergibt sich aus den Anfangsbuchstaben des Originaltitels Sem‘ stupenej smerti. Die gegenläufige Korrelation von körperlichem sowie geistigem Reifungsprozess und staatlichem Zerfall hält Elephantina pointiert fest: „Während das Land zerfiel, wurden wir erwachsen“. So besitzt Julia Kissinas Buch ferner die Qualität eines coming-of-age-Romans mit folkloristischen Elementen. Denn eine entbehrungsreiche Reise und der für die Initiation notwendige symbolische Tod sind Bestandteile von Volksmärchen, deren Helden jedoch meist männlichen Geschlechts sind.

Sprachspielereien und kindliche Albernheiten

Formal und inhaltlich finden sich im Text nicht sieben, sondern gar vierzehn Stufen des Todes. Es sind nämlich genau 14 von insgesamt 41 Kapiteln, die zu Beginn das Zeitgeschehen der fortschreitenden 1980er Jahre in Form überwiegend katastrophischer Schlagzeilen festhalten. Prozesse wie der internationale Terrorismus und die Perestrojka werden im Moskauer Underground weitestgehend ausgeblendet und haben kaum Einfluss auf Elephantinas individuelles Schicksal. Nur einmal erhält sie eine Vorladung zum KGB, nachdem ihre Zeichnungen bei einem in Moskau ermordeten und zerhackten Pariser Kunst- und Autohändler gefunden wurden. Ansonsten bestreitet sie ihr Leben und das Hochschulstudium mit der Leichtigkeit eines Elefanten im Porzellanladen. Mit selbstironischem Pathos schildert sie, wie sie für die Befreiung vom verhassten Unterricht allerlei Lasten auf sich nimmt, darunter auch eine Blutspende: „Endlich wurde ich aufgerufen. Ich hielt meine Vene hin und überließ mich angenehmen Träumen. Ich dachte, jetzt verbreitet sich mein violettes Blut durch unzählige Adern und vergiftet die Menschheit mit heroischem Blödsinn. Die Krankenschwester drückte eine Fontäne aus der Kanüle, ich spürte einen Stich im Arm, und dann ‚hing ich an der Nadel.‘“ In ihrem zynischen Hass auf die allmächtigen Hochschullehrer wähnt sich die einsame Elephantina als neuer Prometheus: „Hier, im Kreise der Dämonen, war niemand in der Lage, mir zu helfen. Man hackte mir in die Leber, riss ganze Fleischstücke aus mir heraus, brandmarkte mich mit Stumpfsinn und Gleichgültigkeit“.

Die intelligenten Anspielungen auf die klassische Mythologie bestechen bei der Lektüre ebenso wie die von anatomischen Bildern und Metaphern durchwachsene Sprache. Humorvoll und stilistisch ansprechend vermengen sich Hochsprache und jugendlicher Soziolekt, sowohl im russischen Original als auch in der deutschen Übersetzung von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova. Beim direkten Vergleich beider Fassungen finden sich in der Übersetzung jedoch gelegentliche Aussparungen, von denen eine sogar die psychoanalytische Lesart des Romans verschleiert. Darin bekennt Elephantina sich offen zu ihrer Enthaltsamkeit: „Zweifellos hatte meine Keuschheit etwas Abscheuliches und Widernatürliches. Sie war das Resultat asiatischer Bigotterie“. „… i zatjanuvšejsja anal’noj fazy“ – „sowie einer verschleppten analen Phase“, ergänzt da der russische Text. Hier wird das vierstufige Entwicklungsmodell der kindlichen Sexualität auf die Szene sowjetischer Nachwuchskünstler übertragen. Denn während die Verteidigung ihrer Jungfräulichkeit bei Elephantina durchaus als Zeichen einer verschleppten analen Phase verstanden werden kann, sind die deutlich narzisstischen und exhibitionistischen Züge von „Tomaten-Guru“ Andrjuša Symptome der phallischen Phase. So fordert die durchgehende Thematisierung von Fleischlichkeit neben einer feministischen auch eine psychoanalytische Lesart des Texts.

Was die Zukunft bereithält

Ungeachtet der unzähligen Stolpersteine arbeitet die exzentrische Elephantina auf ein klares Ziel hin, das sich zu einer romantischen Obsession entwickelt: sie möchte „postmortal“ Künstler werden. Dass sie jedoch schon zu Lebzeiten als erfolgreiche Künstlerin bekannt wurde, könnte durchaus Teil des Nachfolgewerks werden. Kissina, die unmittelbar nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung in München studiert hat, hat in der globalen Szene der performativen Foto-Kunst fast schon jenen Ikonenstatus erreicht, den Lady Gaga in der Populärkultur innehat. Denn nach den Kindheitserinnerungen in Frühling auf dem Mond ist Elephantinas Moskauer Jahre der bislang zweite autobiografische Prosaband von Julia Kissinas Trilogie. Ob im dritten Band neben Details zu Kissinas beeindruckendem Werdegang womöglich auch die Entstehung des Fleisch-Fotoprojekts Fairies thematisiert werden wird, bleibt abzuwarten.

von Tatjana Schmalz

Kissina, Julia: Elephantinas Moskauer Jahre. Aus dem Russischen von Ingolf Hoppmann und Olga Kouvchinnikova. Berlin: Suhrkamp, 2016.
Kisina, Julija: Ėlefantina, ili Korablekrušencija Dostoevceva. In: Zvezda 2015/3.

Weiterführende Links:

Fotostory zu Elephantinas Moskauer Jahre beim Suhrkamp Verlag

Interview mit Julia Kissina zu Elephantinas Moskauer Jahre im Onlinemagazin Aviva vom 05.06.2016

Russischsprachige Website zum Gedenken an den verstorbenen Poeten Alexej Parščikov.

Weitere Bilder aus Julia Kissinas Fotoprojekt Fairies, veröffentlicht auf collabcubed.com

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