Bulgarischer Mafiathriller als globale Konsumkritik. Vasil Georgievs Aparat

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Der Sofioter Schriftsteller Vasil Georgiev (geb. 1975) imaginiert Bulgarien als Schauplatz des globalen Widerstandes gegen die Wachstumsideologie. In seinem Roman Aparat stehen sich zwei mächtige Organisationen auf dem Kampfplatz der zeitgenössischen Konsum-Kultur gegenüber: das Kartell der Kaufhaus-Ketten, euphemistisch auch „Die Übereinkunft“ genannt, und die Vereinigung der kritischen Konsumenten und Enthaltsamen namens „Harmonie“. Sie kämpfen nicht nur um die Aufmerksamkeit der Menschen in der schönen neuen Welt der Werbung, sondern gleich um ihr Herz und ihre Seele.

Warum ausgerechnet Bulgarien, das in der öffentlichen Wahrnehmung gemeinhin als das ärmste Land der Europäischen Union gilt und von Georgievs Schriftstellerkollegen Georgi Gospodinov in dessen Roman Physik der Schwermut sogar zum „traurigsten Ort der Welt“ gekürt wurde, Schauplatz einer Auseinandersetzung derart globalen Charakters sein sollte, liegt zunächst nicht auf der Hand. Dennoch entwickelt sich in Vasil Georgievs literarischer Vision gerade hier die antikonsumistische Bewegung zu einer Massenorganisation, die mit ihren Zehntausenden Mit­gliedern eine bedeutende Marktmacht darstellt. Die Antwort auf die Frage, warum gerade das arme Bulgarien zum Mittelpunkt des weltweiten Ringens um eine neue, und das heißt, bessere, weil ökologische und nachhaltige Weltordnung gerät, begründet die Erzählerstimme im Roman selbst folgendermaßen: „Die einfachste Erklärung dieses Phänomens ist der Umstand, dass in Bulgarien besonders viele gebildete Menschen unter Bedingungen ökonomischer Verelendung leben“ (S. 51, übersetzt von Henrike Schmidt).

Vasil Georgiev legt mit Aparat seinen ersten und lang erwarteten Roman vor. Bisher war der Autor höchst erfolgreich als Verfasser von Kurzgeschichten in Erscheinung getreten. In den insgesamt drei Bänden, die er bisher publiziert hat, verschmilzt er städtische Popkultur mit phantastischen Sujets und Sozialkritik mit Trivial-Erotik (Budistski pljaž / Buddhistischer Strand, 2008; Uličnik / Straßenjunge, 2010, Degrad, 2011). Der ausgebildete Anwalt wird dem Kreis der sogenannten „Schnellen Literatur“ (bărza literatura) zugerechnet, die sich durch zeitgenössische Sujets mit starkem Pop- und Trash-Faktor auszeichnet und von der bulgarischen Literaturkritik zumeist eher negativ besprochen wird. Für seinen Erzählband mit dem wortspielerischen Titel Degrad, der auf sozialen Abstieg („Degradation“) wie auch auf die zeitgenössische Urban-Kultur (bulg. „grad“ = Stadt) verweist, erhielt Georgiev jedoch im Jahr 2011 den renommierten Helikon-Literaturpreis. Georgiev bleibt sich auch in der für ihn neuen Gattung des Romans treu und praktiziert einen rasanten Stilmix und Gattungscrossover. Was recht nüchtern als sozialkritische Anti-Utopie beginnt, entwickelt sich im Verlauf der Erzählung zum rasanten Thriller mit einem hohen Anteil an mafiösem Blutvergießen.

Aparat beruht im Wesentlichen auf folgenden Handlungssträngen: Die antikonsumistische Bewegung „Harmonie“ unter der Führung ihres „Gurus“ Arleks Polichronov fordert angesichts der globalen und lokalen Finanzkrise die existierenden ökonomischen und politischen Institutionen heraus. Sie beschäftigt eine mobile Truppe von Graffiti-Künstlern, welche die überdimensionalen Werbetafeln an der Autobahn „debrandet“. Sie organisiert alternative Flohmärkte und Weihnachtsbasare, setzt dabei auf Recycling und Nachhaltigkeit. Und sie entwickelt ein auf Gütertausch basierendes autarkes Wirtschaftssystem, das parallel zur kapitalbasierten Wirtschaft der Kartelle und Monopole funktionieren soll. Geplant ist sogar die Einführung einer eigenen Währung. Im Zentrum der Bewegung steht jedoch nicht nur der Aufbau einer alternativen Ökonomie, sondern die Entwicklung eines neuen Bewusstseins, das Konsumverzicht und Minimalismus als rationale Entscheidungen erfahrbar macht und die Menschen von ihren konsumistischen Verirrungen befreit. Mittel und Mythos dieser Bewusstseinsverwandlung ist im Roman der Titel gebende „Apparat“, bei dem es sich um einen Elektroenzephalographen handelt, der die elektrischen Aktivitäten des Gehirns aufzeichnet. Ursprünglich ein Verfahren der Neurologie und eingesetzt zu Zwecken der medizinischen Diagnostik wird der Apparat bei Georgiev in den Bereich der neurologisch basierten Marktforschung übertragen. Die neuesten Techniken der Hirnforschung sollen dabei helfen, die Konsumwünsche der Käufer auf der Ebene des Unterbewussten zu erforschen und zu manipulieren. Der antikonsumistisch ausgerichtete Neuromarketingfachmann mit dem pseudowissenschaftlichen Nachnamen Polichronov dreht im Roman den Apparat in seiner Funktionsweise einfach um: Er soll nun nicht länger dazu dienen, die verborgenen Kauflüste der Menschen zu diagnostizieren, sondern ihnen ihre eigentlichen Bedürfnisse jenseits der Manipulation durch Reklame zu offenbaren. Georgiev wendet das terminologische Repertoire der Minimalisten und ihrer Wachstumskritik in so formelhaft-exzessiver Weise an, dass es gelegentlich an eine Parodie grenzt. Und in der Tat weisen die „Harmonie“ und ihr Führer Arleks Polichronov durchaus sektenartige Züge auf, wodurch die Auseinandersetzung mit dem Thema eine Ambivalenz jenseits von einfachen Gut- und Böse-Zuschreibungen erhält.

Gegenspieler der „Harmonie“ ist das bereits erwähnte Kartell der „Übereinkunft“, in dessen Mittelpunkt der korrupte Bürgermeister der bulgarischen Hauptstadt Pavel Banev steht. Dieser regiert weniger durch das Parlament und die Politik, als vielmehr durch die Kontrolle der mafiös durchsetzten Wirtschaft.

Hier offenbart sich der deutliche zeitgeschichtliche Bezug des Romans. Die Verknüpfungen zwischen Politik und krimineller Schattenwirtschaft sind eines der Grundprobleme im Bulgarien der Nachwendezeit und riefen die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Proteste des Jahres 2013 hervor. Die Verflechtung der postsozialistischen ökonomischen und politischen Eliten mit den Strukturen des sozialistischen Sicherheitsapparats hat der Schriftsteller Ilija Trojanow in seinem 1999 erschienenen Buch Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land bzw. in dessen überarbeiteter Fassung Die fingierte Revolution. Bulgarien, eine exemplarische Geschichte (2006) essayistisch konstatiert. Gleichzeitig motiviert das Mafia-Motiv den Plot des Romans, der sich im Kern um ein kriminalistisches Sujet rankt. Der Held dieses Handlungsstrangs ist der Hipster Emil, seines Zeichens staatlich geprüfter Warentester, mit einer kuriosen Spezialisierung im Bereich von Plüschtieren, deren Ungefährlichkeit er experimentell testet. Emil ist mit seiner bulgarischen Mittelklasse-Existenz mit bescheidenem, aber gesicherten Einkommen, Bar- und Diskothekbesuchen sowie – gelegentlich unmäßigem – Alkohol- und Drogenkonsum jedoch nicht zufrieden. So eignet er sich mittels einer komplizierten Offshore-Finanz-Transaktion illegal eine wertvolle Immobilie im Zentrum Sofias an – und kommt damit einem Mafia-Boss mit dem sprechenden Spitznamen „Palermo“ in die Quere.

Es folgen weitere Irrungen und Wirrungen, die der Held entsprechend des Krimi-Musters durchläuft. Darüber hinaus mischt der Autor dem Mafia-Thriller ein unkonventionelles Liebessujet bei, inklusive Gendercrossing, was sich originell ausnimmt, ist doch die Gender-Orientierung der bulgarischen zeitgenössischen Prosa gemeinhin eher traditionell auf heterosexuelle Liebesbeziehungen konzentriert. Weitere Ingredienzen des narrativen Mix sind phantastische Erscheinungen und groteske Realitätsverschiebungen. Aparat im Ganzen stellt damit seinerseits eine phantastische Mischung dar aus politischer Anti-Utopie und Science Fiction, Kriminalgeschichte und Liebesromanze, Fußnoten-Roman und urban gothic novel. Damit schreibt sich der Roman in eine aktuelle Tendenz der bulgarischen Literatur ein, die einen Hang zur zeitgenössischen städtischen Phantastik offenbart. Dazu zählen die frühen Erzählungen des Autors selbst, aber auch die Prosa-Texte von Todor P. Todorov (Vinagi nošta / Immer nachts) oder Radoslav Parušev (Presledvane / Verfolgung). Diese städtischen Schauermärchen können in gewisser Hinsicht als Reaktion auf die Absurdität der politischen Pseudo-Wende in Bulgarien gelesen werden.

Ungeachtet des Gattungsexperiments sowie der starken phantastischen Komponente ist Aparat ein überraschend ernst gemeinter Roman, wenn nicht mit einer Mission, so doch mit einer Forderung an den Leser, sein Leben und Konsumverhalten zu überdenken. Enzyklopädische Fußnoten mit Hintergrundwissen zur ökonomischen Theorie flankieren das in zahlreiche Ketten- und Schachtelsätze gefasste aufklärerische Projekt. So erscheint der Vergleich mit den sozialkritischen Romanen des 19. Jahrhunderts, den etwa der Literaturkritiker Bojko Penčev wagt, gar nicht so weit hergeholt – jedenfalls in intentionaler Hinsicht.

Erwähnenswert ist auch die paratextuelle Rahmung des Romans: Der Autor schreibt parallel zum Erscheinen seines Buchs einen Blog, in dem er das eigene Werk kontextualisiert. Hier erklärt er die zugrunde gelegten ökonomischen Theorien, mit weiterführenden Links. Er verbindet das eigene Schreiben direkt mit dem aktuellen politischen Kontext, wenn er etwa die politischen Theorien seines fiktionalen Marketing-Experten Polichronov auf die Neuwahlen des bulgarischen Parlaments bezieht. Angesichts des totalen Vertrauensverlusts der bulgarischen Wähler in das politische System erscheint der Ansatz, eine informelle Alternativ-Gesellschaft zu gründen, auf einmal als erstaunlich reale Perspektive. Die Parallelisierung von literarischem Text und kommentierendem Blog weist durchaus Potenzial in der Durchdringung von Fiktion und Lebensweltlichkeit auf. Allerdings kommt Georgiev im ganzen Jahr 2013 nur auf eine Handvoll Blogposts, von denen die meisten konkret eigenen Lesungen gewidmet sind. Und das mutet dann seinerseits stärker als Marketingmaßnahme an denn als ästhetisches Experiment. Noch andere Handlungselemente des Romans erobern den öffentlichen Raum. Das Buch wird nämlich über Nacht in einer Graffiti-Aktion auf den Straßen Sofias beworben. Virales Marketing, das an die innerfiktionalen Street Art-Aktivisten der „Harmonie“ erinnert.

Die Glaubwürdigkeit der eingangs skizzierten These vom „intelligent verarmten“ Bulgarien, das aus seiner prekären Lage ideologisch-ökologische Innovation generiert, mag strittig erscheinen. Sie wird nicht zuletzt unter den fiktionalen Personen selbst eifrig diskutiert. Ungeachtet dessen stellt sie eine originelle Alternative zum „Depressionsporno“ dar, der – so eine provokante These des Literaturwissenschaftlers David Williams – Armutsdarstellungen aus dem östlichen Europa üblicherweise kennzeichnet. Und zynischerweise auch als Marketinginstrument dieser Literatur etwa auf dem deutschen Buchmarkt dienen kann. In Vasil Georgievs Bulgarien, als dem schwächsten Glied der kapitalistischen Produktionskette innerhalb der EU, konzentrieren sich hingegen globale ökonomische Probleme und Effekte in hypertropher Form. Damit kann sich auch der deutsche, französische oder amerikanische Leser potenziell in die Problematik hineinversetzen, findet Anschluss- und Identifikationspunkte mit seiner eigenen Lebensrealität. Bulgarien, weiter gefasst das östliche Europa, ist damit nicht mehr das verarmt-exotische Andere, sondern stellt die Dilemmata der globalen Prekarität potenziert dar. Ein distanzierter voyeuristischer Blick von außen ist nicht länger möglich. Der Roman macht das ‚kleine‘ Bulgarien zu einem gleichberechtigten global player. Allein deswegen lohnt sich die Lektüre.

von Henrike Schmidt

Georgiev, Vasil: Aparat. Sofia 2013.

Weiterführende Literatur und Links:

Georgiev, Vasil. Budistski pljaž. Plovdiv 2008.
Georgiev, Vasil. Uličnik. Sofia 2010.
Georgiev, Vasil. Degrad. Sofia 2011.
Gospodinov, Georgi: Fizika na tăgata. Plovdiv 2011.
Gospodinov, Georgi: Physik der Schwermut. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Graz 2014.
Parušev, Radoslav: Presledvane. Plovdiv 2005.
Penčev, Bojko: „Golemite 10: Knigite na 2013 godina“ / „Die großen 10: Die Bücher des Jahres 2013“.  Kapital vom 13.12.2013.
Todorov, Todor P.: Vinagi nošta. Sofia 2012.
Trojanow, Ilija: Die fingierte Revolution. Bulgarien, eine exemplarische Geschichte. München 2006.
Trojanow, Ilija: Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land. München 1999.
Williams, David: „Kinda-hegemonic, kinda-subversive“: Ulrich Seidls Import/Export und die Geoästhetik (ost-)europäischer Tristesse“. In: Gölz, Christine / Kliems, Alfrun (Hg.): Spielplätze der Verweigerung? Gegenkulturen im östlichen Europa nach 1956. Köln/Wien 2014. Im Druck.

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