Gottes rechte Hände

Alkohol, Drogen, Elektromusik und religiöser Extremismus in Israel. Der Film Ha-mashgichim (God’s Neighbors, 2012) liefert einen Einblick in das jüdische Glaubensleben der radikaleren Art.
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Es ist Freitagabend, Beginn des Sabbats. Der junge Avi begeht den jüdischen Ruhetag mit seinem Vater. Sie halten zusammen das Festmahl und Avi spricht das Gebet und den Segen. Er steht am Kopfende des Tisches, sein Vater daneben: Avi ist der Herr im Haus. Plötzlich fusioniert das rhythmische Gebet mit schnellen Elektrobeats. Avis Blick aus dem Fenster folgend, sind ein paar Jugendliche zu erkennen, die zu der lauten Musik auf der Straße grölen, tanzen und trinken. Avis Bitte, leise zu sein, belächeln sie nur. Dann geht alles ganz schnell. Kobi und Yaniv, Avis beste Freunde, rücken an und schlagen die jungen Leute krankenhausreif, schnelle Kamerablenden unterstützen die Hastigkeit der Szene – ein erster Einblick in das Leben drei extremistischer Männer.

Es ist kein sympathischer Eindruck, den Avi, Yaniv und Kobi bei den Zuschauern hinterlassen. Sie tragen stylische Klamotten, gehen morgens zu einem exzentrischen Rabbi in die Glaubensschule, treffen sich aber abends zum Marihuana-Rauchen, Trinken und Feiern. Die Elektromusik ,der Anderenʼ, die sie verachten, produzieren sie so ähnlich selbst, unterlegt mit streng religiösen Texten. Die anfangs verprügelten Jugendlichen bleiben nicht ihre einzigen Opfer: Sie haben es auch auf Ladenbesitzer und Pornohändler abgesehen und auf die schöne Miri, die ihre Aufmerksamkeit durch auffallend bauchfreie Oberteile und kurze Röcke erregt. Miri ist schlagfertig und standhaft und lässt sich nur ungern etwas sagen. Avi verliebt sich in sie und gerät in Konflikt zwischen Freundschaft und Liebe sowie Glaube und Familie.

God’s Neighbors konstruiert das Bild eines engstirnigen Glaubens, der Säkularisation mit Hass begegnet. Auf seinem Weg der Selbstfindung lernt Avi aber zu reflektieren und seinen Mitmenschen, die andere Ansichten vertreten, zu vergeben. Dabei helfen ihm ein verrückter Glaubensbruder, der seine Musik in der Stadt verbreitet, und der Rabbi, zu dem Avi und seine Freunde ein sehr persönliches Verhältnis pflegen, mit dem sie tanzen, scherzen und lachen. Mit den Einblicken in die Konflikte der israelischen Gesellschaft macht der Regisseur Meni Yaesh vor allem eins deutlich: Extremismus hat seine Wurzeln nicht unbedingt in der Religion, sondern er erwächst oft aus persönlicher Unzufriedenheit und verdrängten Sorgen.

Das klingt abgedroschen? Ist es keinesfalls! Der Film überzeugt durch eine interessante Charakterentwicklung und einen vielseitigen Roy Assaf in der Hauptrolle als Avi. Avi lässt die Zuschauer an seinem Reifeprozess, seinen zukunftsweisenden Entscheidungen und seinem Dialog mit Gott teilhaben. Man fiebert mit. Man denkt mit. Ein dynamischer Soundtrack aus schnellem Elektro, schnelle Actionszenen inklusive Molotowcocktails, und charismatische Nebencharaktere machen diesen Film besonders spannend. Yaesh ist es gelungen, innerhalb von 14 Tagen Drehzeit und mit einem minimalen Budget einen Film zu drehen, der zeigt, welche gewaltige Rolle religiöser Extremismus bisweilen im Alltag junger Glaubender spielt.

von Anja Schulze

Yaesh, Meni: Ha-mashgichim (God’s Neighbors). Israel, Frankreich, 2012, 99 Min.

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