Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Gottes rechte Hände

Alkohol, Drogen, Elek­tro­musik und reli­giöser Extre­mismus in Israel. Der Film Ha-mash­gi­chim (God’s Neigh­bors, 2012) lie­fert einen Ein­blick in das jüdi­sche Glau­bens­leben der radi­ka­leren Art.
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Es ist Frei­tag­abend, Beginn des Sab­bats. Der junge Avi begeht den jüdi­schen Ruhetag mit seinem Vater. Sie halten zusammen das Fest­mahl und Avi spricht das Gebet und den Segen. Er steht am Kopf­ende des Tisches, sein Vater daneben: Avi ist der Herr im Haus. Plötz­lich fusio­niert das rhyth­mi­sche Gebet mit schnellen Elek­tro­beats. Avis Blick aus dem Fenster fol­gend, sind ein paar Jugend­liche zu erkennen, die zu der lauten Musik auf der Straße grölen, tanzen und trinken. Avis Bitte, leise zu sein, belä­cheln sie nur. Dann geht alles ganz schnell. Kobi und Yaniv, Avis beste Freunde, rücken an und schlagen die jungen Leute kran­ken­haus­reif, schnelle Kame­ra­blenden unter­stützen die Has­tig­keit der Szene – ein erster Ein­blick in das Leben drei extre­mis­ti­scher Männer.

Es ist kein sym­pa­thi­scher Ein­druck, den Avi, Yaniv und Kobi bei den Zuschauern hin­ter­lassen. Sie tragen sty­li­sche Kla­motten, gehen mor­gens zu einem exzen­tri­schen Rabbi in die Glau­bens­schule, treffen sich aber abends zum Mari­huana-Rau­chen, Trinken und Feiern. Die Elek­tro­musik ‚der Ande­ren’, die sie ver­achten, pro­du­zieren sie so ähn­lich selbst, unter­legt mit streng reli­giösen Texten. Die anfangs ver­prü­gelten Jugend­li­chen bleiben nicht ihre ein­zigen Opfer: Sie haben es auch auf Laden­be­sitzer und Por­no­händler abge­sehen und auf die schöne Miri, die ihre Auf­merk­sam­keit durch auf­fal­lend bauch­freie Ober­teile und kurze Röcke erregt. Miri ist schlag­fertig und stand­haft und lässt sich nur ungern etwas sagen. Avi ver­liebt sich in sie und gerät in Kon­flikt zwi­schen Freund­schaft und Liebe sowie Glaube und Familie.

God’s Neigh­bors kon­stru­iert das Bild eines eng­stir­nigen Glau­bens, der Säku­la­ri­sa­tion mit Hass begegnet. Auf seinem Weg der Selbst­fin­dung lernt Avi aber zu reflek­tieren und seinen Mit­men­schen, die andere Ansichten ver­treten, zu ver­geben. Dabei helfen ihm ein ver­rückter Glau­bens­bruder, der seine Musik in der Stadt ver­breitet, und der Rabbi, zu dem Avi und seine Freunde ein sehr per­sön­li­ches Ver­hältnis pflegen, mit dem sie tanzen, scherzen und lachen. Mit den Ein­bli­cken in die Kon­flikte der israe­li­schen Gesell­schaft macht der Regis­seur Meni Yaesh vor allem eins deut­lich: Extre­mismus hat seine Wur­zeln nicht unbe­dingt in der Reli­gion, son­dern er erwächst oft aus per­sön­li­cher Unzu­frie­den­heit und ver­drängten Sorgen.

Das klingt abge­dro­schen? Ist es kei­nes­falls! Der Film über­zeugt durch eine inter­es­sante Cha­rak­ter­ent­wick­lung und einen viel­sei­tigen Roy Assaf in der Haupt­rolle als Avi. Avi lässt die Zuschauer an seinem Rei­fe­pro­zess, seinen zukunfts­wei­senden Ent­schei­dungen und seinem Dialog mit Gott teil­haben. Man fie­bert mit. Man denkt mit. Ein dyna­mi­scher Sound­track aus schnellem Elektro, schnelle Action­szenen inklu­sive Molo­tow­cock­tails, und cha­ris­ma­ti­sche Neben­cha­rak­tere machen diesen Film beson­ders span­nend. Yaesh ist es gelungen, inner­halb von 14 Tagen Dreh­zeit und mit einem mini­malen Budget einen Film zu drehen, der zeigt, welche gewal­tige Rolle reli­giöser Extre­mismus bis­weilen im Alltag junger Glau­bender spielt.

von Anja Schulze

Yaesh, Meni: Ha-mash­gi­chim (God’s Neigh­bors). Israel, Frank­reich, 2012, 99 Min.

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