Killerkommando im Rollstuhl

Querschnittsgelähmt? Egal! In Kills On Wheels sitzt der Auftragskiller im Rollstuhl. Der Film des ungarischen Regisseurs Attila Till ist kurios, spannend und lustig zugleich – und kommt zum Glück ohne Mitleid aus.
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Damit hätte die Verbrecherbande nicht gerechnet: Der Mafiaboss schickt den Rollstuhlfahrer Rupaszov (Szabolcs Thuróczy), um eine Botschaft zu überbringen. Vier Gangster gegen einen Rollstuhlfahrer. Da ist klar, wer stärker ist – könnte man zumindest meinen. Um seine Überlegenheit zu demonstrieren, rammt einer der Gangster Rupaszov ein Messer in den Oberschenkel. Doch Rupaszov schaut nur gelangweilt auf sein Bein. Er ist schließlich von der Hüfte abwärts gelähmt und spürt nichts. Die Szene endet damit, dass Rupaszov alle vier erschießt. Job erledigt für den Auftragskiller, der dann die Knarre in seinen Schoß legt und davonrollt.

Das ist die kuriose Geschichte des Films Kills On Wheels: Rupaszov, der nach einem Unfall querschnittsgelähmt ist und deshalb nicht mehr als Feuerwehrmann arbeiten kann, wird Auftragskiller und arbeitet für den Mafiaboss Radoš. Als die Aufgaben kniffliger werden, bekommt er Hilfe von Zolika (Zoltán Fenyvesi) und Barba (Adám Fekete). Die beiden gehandicapten jungen Männer sind Zimmergenossen in einer Pflegeeinrichtung und wollen nicht im Heim dahinvegetieren. Zolika braucht außerdem Geld für eine Operation, will aber nicht den von seiner Mutter getrennten Vater danach fragen. Rupaszov ist der Gangster, der die beiden ins Verbrechen zieht: gerade frisch aus dem Knast. Dort wird er zu Beginn des Films gezeigt, wie er im Rollstuhl Klimmzüge macht. Direkt nach seiner Entlassung ist er schon in Mafiakreisen unterwegs.

Harmlose Rollstuhlfahrer?

Doch der Rollstuhl macht Rupaszov zu einem sympathischen Gangster. Durch die Behinderung ist er nämlich nicht hilflos, wie man vorurteilsbelastet vielleicht meinen könnte. Er weiß die Behinderung sogar einzusetzen. So begeht Rupaszov mit der Hilfe von Zolika und Barba einen Auftragsmord am helllichten Tag. Denn wer würde schon die harmlosen Rollstuhlfahrer verdächtigen, die einfach nur Tauben gefüttert haben?

Als Zuschauer traut man sich gar nicht, wegen der Behinderungen Mitleid mit den Hauptfiguren zu haben. Und das ist auch gut so. Denn trotz allem, was sie durchmachen müssen, sind es starke Persönlichkeiten, die nicht aufgeben. Rupaszov hat seinen Lebenswillen nicht verloren und glaubt daran, dass er eines Tages wieder gehen kann. Mit diesem Enthusiasmus steckt er Zolika und Barba an. Er ist eben ein Killer mit Herz. Passenderweise heißt der Film im ungarischen Original „Von ganzem Herzen“ (Tiszta szívvel).

Helden wie im echten Leben

Die Kamera nimmt gerne humorvoll die Perspektive der Rollstuhlfahrer ein. So schaut der Zuschauer den gegenüberstehenden Verbrechern nicht zuerst ins Gesicht, sondern in den Schritt, denn das ist schließlich Rupaszovs Augenhöhe, wenn er im Rollstuhl sitzt.

Kills On Wheels ist manchmal gewaltgeladen, überzeugt aber an anderen Stellen durch schwarzen Humor: eine Mischung aus Coming-of-Age-, Actionfilm und Komödie. Gelungen sind auch die Comic-Elemente, die immer wieder auftauchen. Denn Zolika und Barba zeichnen in der Pflegeeinrichtung an einem gemeinsamen Comic. Dass die beiden Schauspieler Zoltán Fenyvesi und Adám Fekete auch im echten Leben körperlich behindert sind, macht die Figuren im Film umso authentischer.

Attila Tills Kills On Wheels hat zuletzt beim Filmfestival in Cottbus den Preis der Ökumenischen Jury bekommen. Es ist nur verständlich, dass der kurios-witzige Actionfilm für Ungarn ins Rennen um den Auslands-Oscar geht.

von Janina Semenova

Till, Attila: Tiszta szívvel (Kills On Wheels). Ungarn, 2016, 105 Min.

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