Sex sells – aber was ist mit den Nebenwirkungen?

Dieser Text hätte am zweiten Juni veröffentlicht werden sollen, denn an diesem Tag, dem International Sex Workers Day, wird jährlich an die Diskriminierung von Prostituierten erinnert; an Prostituierte wie auch die kleine Kukolka aus dem gleichnamigen Roman (2017) von Lana Lux eine ist.

„Ich will mal so werden, dass ich jedem Mann gefalle. So, dass jeder sich in mich verliebt, wenn er mich sieht“‒ sagte die siebenjährige Samira. Hätte sie geahnt, in welcher Weise sich dieser Wunsch in nur ein paar Jahren erfüllt, hätte sie ihn wahrscheinlich nie ausgesprochen. Die Männer kamen, doch sie suchten bei ihr nicht nach Liebe, sondern nach Sex. So begann ihr Leben als Prostituierte, ein Leben am Rande der Gesellschaft.

kukolka

Eigentlich wollte Lana Lux ein Kinderbuch schreiben. Ein Märchen, vielleicht mit einem Prinzen, einer Fee oder einem Einhorn. Irgendetwas, was sie einmal selbst ihrem Kind vorlesen wird. Das war ihr Plan, als sie im Kinderbuchschreibkurs an der Volkshochschule saß. Lux schrieb jedoch alles andere als ein Kinderbuch; es wurde ein Roman über Drogen, Prostitution und die Willkür des Lebens. Schuld daran ist ein Foto aus dem Kurs ‒ ein Mädchen mit schwarzen Haaren und gesprenkelten grünen Augen. Für sie war es die kleine Samira, die Heldin ihres Romans.

Lana Lux stammt aus der Ukraine und kam im Alter von zehn Jahren als Kontingentflüchtling nach Deutschland. 2017 veröffentlichte sie ihren Debütroman Kukolka. Ein Buch, das mit so viel nüchterner Brutalität geschrieben ist, dass man es vor Schmerz und Ekel am liebsten zerreißen möchte, aber dennoch weiterliest. Die Geschichte ist nicht neu. Sie ist eine von vielen Geschichten, die im Osteuropa der 1990er spielen, in einer Zeit, in der der versprochene Neuaufbau wohl eher einem Komplettabriss ähnelte.

Samira wächst in einem Kinderheim in Dnipropetrovsk auf und flieht, nachdem ihre einzige Freundin Marina von einem reichen deutschen Ehepaar adoptiert worden ist. Völlig desorientiert gerät sie an Rocky, der sie nur noch Kukolka („Püppchen“) nennt. Zusammen mit anderen Straßenkindern wohnt sie nun unter seiner Obhut. Die Kinder besorgen Geld und Rocky kassiert dieses ein. Sobald sie den Sexualtrieb der Männer kennenlernt, beginnt Samira die Realität der Welt zu verstehen ‒ und vor allem ihre Rolle darin. Doch plötzlich taucht Dima auf und die Geschichte scheint sich von Oliver Twist zu Aschenbrödel zu wandeln. Sie landet in Berlin-Marzahn, wo der Aufzug genauso nach Pisse stinkt wie in Topol und sich die Jugendlichen auf Russisch beleidigen. Der Prinz zeigt sein wahres Gesicht als Loverboy und schickt die erst 13-Jährige zum Anschaffen. Als Alkohol und Drogen sie kaputt machen, verkauft er Samira an eine Sexagentur, wo Kunden die Mädchen rund um die Uhr bestellen können ‒ wie bei einem Lieferservice. Ihr Körper ist zerstört, er funktioniert wie eine Waschmaschine: „Ganz viele Programme, alle laufen automatisch ab. Aber was macht die Maschine. Wo kommt der ganze Dreck hin?“ Erstaunlich ist nur, dass dieses Mädchen immer noch Mut hat. Und Hoffnung. So gelingt ihr die Flucht, sie rennt und rennt und rennt.

Kukolka ist aus der Sicht der 15-jährigen Samira geschrieben. Aus der Perspektive eines Mädchens, das die brutalsten Geschehnisse auf kindlich direkte und unverhohlene Weise beschreibt. Genauso ist die Sprache: platt, nüchtern und äußerst vulgär. Als sie das erste Mal Sex sieht, erinnert sie sich an die sich paarenden Straßenhunde – doch diese keuchten wenigsten nicht so heftig. Die Funktionen des weiblichen Körpers werden ihr detailgetreu wie auf einem Beipackzettel eines Medikamentes erklärt ‒ nur dass Anmerkungen zu den Nebenwirkungen fehlen. Manchmal jedoch fragen sich die Leser_innen, ob nicht doch die erwachsene Lana Lux anstelle der jugendlichen Samira spricht. Der Roman ähnelt mitunter einer Reportage, hineingezogen in den Wirrwarr aus Kriminalität, Sex und Gewalt kann man einfach nicht aufhören zu lesen.

Jegliche Reflexionsebene fehlt, denn reflektieren sollen hier lediglich die Leser_innen. Vor allem die Probleme, die Lana Lux nur indirekt anspricht. Die Geschichte von Samira ist nichts Neues, doch gelingt es der Autorin durch Nebenbemerkungen auf Probleme in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Probleme, die eine Geschichte wie die von Samira überhaupt erst ermöglichen. Das sind einerseits die Legalität von Prostitution in Deutschland – „Nutte, Prostituierte, Kurtisane, Sex-Arbeiterin, such dir aus, wie du es nennen willst. Ist eine ganz normale legale Arbeit“ – und andererseits die organisierte Kriminalität. Lana Lux betreibt Gesellschaftskritik auf eine berührende und eindringliche Weise und zugleich jenseits jeglichen belehrenden Tons. Prostitution, Drogen, illegale Einwanderung, Rassismus, sadistische Erziehungsmethoden kommen in Samira zusammen. In dem kleinen Mädchen, das sich eigentlich nur nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt.

Indirekt und dennoch unglaublich ausdrucksstark beschreibt die Autorin die psychischen Probleme, die dieses Leben mit sich bringt. Die Lektüre zwingt einen geradezu unweigerlich mit Scham, Ekel, gar mit einem schlechten Gewissen darüber nachzudenken. Letzten Endes geht es um tiefe Beziehungen, oder besser den Mangel an diesen. So wie das unbeholfene Mädchen Lydia an den Zuhälter Rocky gebunden war, so liebte Samira Dima, auch wenn das abwegig erscheinen mag.Nebenbei, ja fast überlesbar wirft die Autorin den Satz ein: „Im Russischen ist Mama etwas Exklusives, aber hier gibt es diverse Mamas. Tages-Mama, Stief-Mama, Schwieger-Mama, Gast-Mama und sogar Leih-Mama“. Ist das vielleicht der Ursprung der Lebens- oder besser Leidensgeschichte von Samira? Das Fehlen einer Mutter, das Fehlen von Liebe, das Fehlen von Zuneigung. Das Buch stellt Samira und letztlich auch die Leser_innen vor grundsätzliche Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen. Eine Antwort auf diese gibt es jedoch nicht.

von Stefanie Erpel

Lux, Lana: Kukolka. Aufbau Verlag 2017. 375 Seiten. 22 EUR.

Weiterführende Links

Felix Münger im Gespräch mit Lana Lux: “Kukolka” von Lana Lux, 2017.

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