Das Ende der schöpferischen Ermüdung?

Senność von Wojciech Kuczok

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Die Helden von Senność sind unglückliche, einsame Männer und Frauen, die ihr Leben verschlafen: Adam ist ein frischgebackener Orthopäde, der sich von der Provinz und vom konservativen Elternhaus losreißen will. Seine Schläfrigkeit ist eine Art kindliche Ratlosigkeit gegenüber dem Vater, der versucht, das Leben seines Sohnes nach dem einfachen Dorfdekalog zu planen. Zu gut kann sich Adam noch an strenge väterliche Erziehungsmethoden erinnern und an die klaustrophobische Dunkelheit des „Nachdenkraums“. Róża wiederum, „die Frau großen Formats“, die Königin der schönen Gesichter auf riesengroßen Stadtpostern, war früher eine erfolgreiche Theaterschauspielerin. Ihre Schläfrigkeit ist real, sie leidet an Narkolepsie. Und Robert ist ein Schriftsteller, der sich in einer schöpferischen Krise befindet. Vom Erfolg seines letzten Romans niedergedrückt, fühlt er sich nicht imstande, weiter zu schreiben. Er ist davon überzeugt, dass man sein Buch überschätzte: „Alle, die sich schamlos für Roberts Roman begeisterten, sollten sich jetzt in der Pflicht fühlen, sein neues Buch zu unterschätzen. Sie sollten auf seinen misslungenen Roman warten.“

Auf den neuen Roman von Wojciech Kuczok haben die polnischen Leser vier Jahre lang mit großen Hoffnungen gewartet. In dieser Zeit beklagte der junge Autor aus Chorzów (Oberschlesien) mehrmals in Interviews, dass er unter einer schöpferischen Krise leide. 2003 erschien Kuczoks erster Roman Gnój (Dreckskerl), der den polnischen Nike-Literaturpreis bekam. Auf der Grundlage des Romans verfasste Kuczok ein Drehbuch zum Film Pręgi (Striemen) von Magdalena Piekorz, der 2004 den Hauptpreis des polnischen Filmfestivals in Gdynia erhielt. Inzwischen veröffentlichte er auch zwei Erzählbände Widmokrąg (Im Kreis der Gespenster) und Opowieści przebrane (Ausgewählte Erzählungen). Gleichzeitig setzte Kuczok die Zusammenarbeit mit Magdalena Piekorz fort und schrieb das Drehbuch zu ihrem zweiten Film, Senność (Schläfrigkeit), der im Oktober 2008 uraufgeführt wurde. Aus diesem Drehbuch entstand wiederum Kuczoks zweiter, gleichnamiger Roman. Die Ähnlichkeit von Robert, dem Schriftsteller im Roman, und dem Autor selbst ist hier nicht zu übersehen: Robert wird zum Sprachrohr seiner Gedanken. Kuczok als Romancier ist wieder aufgewacht und serviert uns seine Prosa zur Schläfrigkeit, die sich im ganzen Roman ausbreitet und die auch den Leser übermannt.

Die Handlung bilden drei Geschichten – von Adam, Róża und Robert –, die zunächst lose aneinandergereiht und zum Schluss auffallend künstlich miteinander verflochten werden.
Adam verliebt sich in einen hübschen Gassenjungen und Taschendieb, den er Schönling nennt. Eines Tages erscheint der verletzte Schönling nach einer Eskapade rein zufällig ausgerechnet in dem Krankenhaus, in dem Adam arbeitet. Und so beginnt zwischen den beiden ein leidenschaftliches Verhältnis. Adam huldigt dem Jüngling im Schönling und möchte den Mann aus ihm vertreiben. Die Schlussszene ist die Krönung des Kitschs: Die beiden Geliebten ziehen aufs Land, in die homophobe Provinz, und wohnen in einem Haus unweit von Adams Eltern. Der Vater schließt sich aus Protest im „Nachdenkraum“ ein und die Mutter bringt dem jungen Paar Butterbrote.
Róża wiederum hat einen karrieregeilen Geschäftsmann geheiratet: Ihr Leben verläuft zwischen Verzweiflung und Traum und sie schläft immer häufiger einfach ein. Sie, eine von Männern begehrte und erfolgreiche Künstlerin, wird vom eigenen Mann nicht geliebt. Für den Ehemann ist sie nur eine gute und nutzbringende Investition.
Und Robert? Er wurde „der populärste nicht schreibende Schriftsteller im Lande“, als er seine Frau heiratete. Gleichzeitig vermählte er sich mit seinen Schwiegereltern und lebt jetzt mit ihnen zusammen unter einem Dach. Die Familie lässt keinen Platz für individuelle Bedürfnisse und Träume. Das Familienleben mit der hypochondrischen Ehefrau, dem konservativen Schwiegervater und der Schwiegermutter als treuer Hörerin von Radio Maryja bewirkt, dass Robert immer tiefer in der Lethargie versinkt.

Zum Schluss kreuzen sich die Wege der Protagonisten: Aus der Erstarrung wird Robert durch die Nachricht über seine unheilbare Krankheit und durch seine Liebe zu Róża erweckt. Robert trifft Adam in seiner Arztpraxis, der als Orthopäde erstaunlicherweise auch ein Berater im Bereich der Onkologie ist. Ähnlich künstlich erscheint das Treffen von Robert und Róża. Der Erzähler inszeniert wie ein Filmregisseur ihre Begegnung und kommentiert sein Arrangement: „Warum soll ich nicht versuchen, diese beiden einsamen Menschen zusammenzubringen?“

Der neue Roman Kuczoks fällt – wie seine frühere Prosa – durch die Sprache auf, die in sich Eleganz und Ausschweifung verbindet und durch ausgefallene Neologismen und Wortspiele beeindruckt. Die Konflikte der Romanhelden erinnern aber an schematische und banale Telenovela-Szenarien. Die paradoxe Verbindung von Kuczoks lebendiger Sprache mit der kitschigen Handlung ruft einen komischen Effekt hervor. Die Protagonisten erscheinen als hölzerne Marionetten, deren Leben einem Tanz von Schlafwandlern ähnelt. Gleichzeitig verführt Kuczok mit der Vielfalt von Stimmen: mal subtil mit lyrischen Metaphern, mal suggestiv mit schlesischem Dialekt, dann wieder absurd mit Ausdrücken im Stil von Gombrowicz.

Kuczok verwickelt seine Helden in ein schnelles und einfaches Happy End. Dadurch scheint der Moment des Erwachens nicht real zu sein und den Helden wird der letzte Anschein von Authentizität genommen. Und noch einmal meldet sich selbstreflexiv der Erzähler dazu: „Was ist das für ein Telenovela-Tratsch und -Klatsch? Irgendein falscher Akkord schallt hier heraus.“ Ist Schläfrigkeit ein Roman über unser vom Kitsch der medialen Welt angestecktes Leben, in dem sich jede Geschichte in eine banale Erzählung, einer Telenovela ähnlich, verwandeln muss? Wenn ja, dann stellt der Schluss des Romans auch einen selbstironischen, bitteren Kommentar zum Wunsch nach dem Ende der schöpferischen Ermüdung dar.

von Aleksandra Sikora

 

Kuczok, Wojciech: Senność. Warszawa 2008.

Kuczok, Wojciech: Dreckskerl. Frankfurt am Main, 2007.

Kuczok, Wojciech: Im Kreis der Gespenster. Frankfurt am Main, 2006.

Kuczok, Wojciech: Opowieści przebrane. Warszawa 2005.

Kuczok, Wojciech: Widmokrąg. Warszawa 2004.

Kuczok, Wojciech: Gnój. Warszawa 2003.

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