Literaturwissenschaft, Demokratisierung und Kochen: Der Blick einer Autorin

Ein Interview mit Tatjana Tolstaja, Siegfried-Unseld-Gastprofessorin an der Humboldt-Universität

 

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novinki: Frau Tolstaja, in Ihren Vorlesungen und Seminaren betonen Sie immer wieder, dass Sie weder Literaturwissenschaftlerin noch Pädagogin sind. Letztes Semester [im SoSe 2011] boten Sie als Siegfried- Unseld-Gastprofessorin Seminare am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität an. Was genau wollten Sie den Studierenden näher bringen?

Tatjana Tolstaja: Steht man als Nicht-Literaturwissenschaftler vor einer literaturwissenschaftlichen Aufgabe, ist es wichtig, diese zu erläutern und zu diskutieren. Mich interessiert vor allem, die Dinge mit Menschen, die an der Diskussion teilnehmen wollen, gemeinsam zu besprechen.

n.: Welche literaturwissenschaftliche Aufgabe meinen Sie, wenn es kein Geheimnis ist?

T.T.: Das Wichtigste ist ein verständnisvolles Lesen von Erzählungen, vor allem derjenigen von Čechov. Das ist eine äußerst schwierige Aufgabe und eine Filigranarbeit. Ich wollte schon immer in Umstände gebracht werden, in denen ich dazu gezwungen werde, seine Erzählungen zu lesen und dann jede Woche eine Erzählung gründlich zu analysieren. Alleine würde ich mich nie dazu zwingen, weil ich in andere Arbeit vertieft bin.

n.: Das heißt, die Aufgabe besteht lediglich darin, selbst zu lesen und gleichzeitig das Lesen den Studierenden beizubringen?

T.T.: Ja, genau, und zwar deshalb, weil ich mich mit Literaturtheorie nicht auskenne und der Meinung bin, dass literaturwissenschaftliche Kenntnisse für mich sogar schädlich sind. Literaturtheorie bzw. -analyse ist das Gegenteil von künstlerischer Tätigkeit. Künstlerisches Schaffen ist eine höchst seltsame Sache. Der kreative Prozess steht in keinem Verhältnis zur Analyse, dem Prinzip der Literaturwissenschaft. Das Instrumentarium des Verstandes, d.h. intellektuelle Methoden und Verfahren erscheinen mir für das künstlerische Schaffen als hinderlich. Alle Ärzte, besonders aber die Pathologen und Chirurgen werden irgendwann zu Zynikern, weil sie im Menschen nur das Fleisch sehen. Je besser sie ihre Tätigkeit als Ärzte ausüben, desto klarer verstehen sie die Funktionen des Fleisches, jedoch nicht die Beschaffenheit des Menschen.

n.: Ist das eine Parallele zur Literaturwissenschaft?

T.T.: Absolut. Die Analyse stört bekanntlich die Harmonie. Das ist eine Wahrheit.

n.: Kann deshalb angenommen werden, dass Schriftsteller eine besondere Spezies sind? Wenn ja, was für Menschen sind sie und wie sollten ihre Werke am besten gelesen werden, um verstanden zu werden?

T.T.: Nein, sie sind keine spezielle Art von Menschen. Ich denke, dass alle Menschen sich durch ihre Fähigkeit zum künstlerischen Schaffen von den Tieren unterscheiden und mit dieser Tätigkeit Gott nachahmen. Winzige, nur sehr beschränkte Möglichkeiten des Schaffens wurden auch Tieren zuteil. Dagegen hat jeder Mensch unbeschränkte künstlerische Möglichkeiten, was man besonders gut an Kindern beobachten kann. Aus der Perspektive des Erwachsenen erscheinen diese Fähigkeiten als Talente. Durch die äußeren Umstände können Talente erstarren, die Fähigkeit zum künstlerischen Schaffen verschwindet dann.
Kunst bedeutet die Transformation des schöpferischen Flusses in verschiedene Formen. Dichter formen den künstlerischen Fluss in Worte um, Maler in Farben. Graphomanen dagegen haben keine Kontrolle über den künstlerischen Fluss, sie sind glückliche und unglückliche Menschen: Aus ihnen fließt das Lied nur so heraus und sie verstehen nicht, dass nicht jedes Lied wie Wasser aus der Leitung fließen soll.

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n.: Nehmen Sie in den Gesprächen mit den Studierenden, die in unserer postmodernen Gegenwart aufgewachsen sind, einen Unterschied bei der Herangehensweise an Literatur wahr?

T.T.: Beschäftigt sich ein Mensch mit Philologie bzw. mit Literaturwissenschaft, so bedient er sich verschiedener Methoden, die sich nicht zwangsläufig im Wege stehen – wie im Sportunterricht, wo man Sprinten und Hochsprung nebeneinander praktizieren kann. Es gibt Menschen, die nicht fähig sind, weiter zu blicken als zu dem, was man ihnen gezeigt hat. Junge Menschen sollten in der Lage sein, unterschiedliche Dinge zu tun, weil jede Aufgabe aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Ich könnte mich auch mit der Literaturwissenschaft befassen, das hindert mich jedoch am Schreiben, an und für sich ist es jedoch eine sehr amüsante Beschäftigung, die eine große Bandbreite an Schulen, jedoch auch an Blödsinn umfasst. Das kommt vor. Manchmal lese ich, was Literaturwissenschaftler so schreiben. Sobald eine kalte, sinnentleerte Analyse anfängt, sehe ich sofort, dass dieser Mensch nicht lesen kann und es nicht mag. Es ist ihm gleich, worüber geschrieben wird. Die Haltung, die hier durchscheint und die ich sowohl bei den deutschen Studierenden als auch in Amerika beobachtet habe, ist erschreckend.

n.: In Ihrem Roman Kys (2000) finden wir Elemente, die charakteristisch für die postmoderne Literatur sind: Intertextualität, eine künstlich konstruierte Sprache…

T.T.: Man kann es als Postmodernismus bezeichnen, muss aber nicht. Als ich den Roman schrieb, hatte ich keine Vorstellungen davon, dass in dieser Zeit so etwas wie eine Postmoderne erfunden wurde. Ich erinnere mich genau an ein Ereignis im Jahre 1988, als ich in Amerika an einem Slawistenkongress teilnahm. Jemand erwähnte das Wort Postmodernismus, der Rest der Beteiligten konnte damit nichts anfangen. Und ich habe kurz davor darüber gelesen, so hatte ich eine vage Vorstellung darüber und musste es erklären. Heute verwenden alle amerikanischen Slawisten diesen Terminus. Es ist wie bei dem Protagonisten aus 3 Männer im Boot von Jerome K. Jerome, der ein Medizinlexikon gelesen hat und sofort sämtliche Krankheiten an sich entdeckte. Postmodernismus kann man überall finden, selbst in einem antiken Text. Die Kultur ist durch das periodische Auftauchen von Rast und Pause gekennzeichnet, man setzt sich hin und erinnert sich, welchen Weg man gegangen ist. So entsteht ein Postmodernismus. Solange die Bewegung stattfindet, entsteht auch eine Art natürliches Fließen…

n.: Ein gesunder literarischer Prozess?

T.T.: Ja, solange man sich in einem schöpferischen und kreativen Zustand befindet.

n.: Kys ist eine Antiutopie, in der Ereignisse nach einer atomaren Katastrophe geschildert werden. Sie betonten in Ihren Interviews, dass mit dieser die Oktoberrevolution gemeint ist. Die sowjetische Verfassung war, wenn wir uns nicht irren, die demokratischste überhaupt. Ist Ihrer Meinung nach die Staatsform Demokratie utopisch?

T.T.: Ja, mit der atomaren Katastrophe ist die Revolution, jegliches revolutionäre Geschehen gemeint. Was bedeutet Demokratie? In Russland gab es niemals eine Demokratie und es wird sie dort niemals geben. Russland lebt nach dem Prinzip „der Affe und die Brille“. Der Affe ist zwar im Besitz der Brille, er trägt sie jedoch auf seinem Schwanz. Bei einem Regime, wo der Parlamentssprecher Boris Gryzlov sich streng darüber äußert, dass das Parlament kein Ort für Diskussionen sei und dann über lange Jahre der Vorsitzende bleibt… da weiß ich nicht, an welchem Ort der Affe seine Brille trägt. Russland ist ein solches Nest, eine Banja, eine Sauna, wo man sitzen und darüber diskutieren kann, wo und bei wem Demokratie, Fortschritt, Korruption und Bildung existieren. Die einen liegen im warmen Wasser, die anderen klappern mit den Zähnen im kalten. Aber in Wirklichkeit ist alles ganz anders beschaffen. Im Grunde gibt es doch überhaupt keinen Ort, an dem Demokratie nach heutigem westlichen Verständnis in Reinform existiert. Wenn Demokatie nur allgemeine Gleichstellung oder einfach Chaos bedeutet, dann darf es sie nicht geben. Was die Menschheit heutzutage versucht, ist, der in der Natur angelegten furchtbaren – und heute für ungerecht gehaltenen – Ungleichheit entgegenzuwirken. Dieser Prozess ist demokratisch. Man versucht, die Menschen einander weitgehend gleichzustellen. Aber auch wenn dieses Prinzip immer wieder angewendet wird, so kann es doch nie vollständig realisiert werden. Als Bewegung ist Demokratisierung sinnvoll und vernünftig, und zwar einzig und allein deshalb, weil jede Gegenbewegung grotesk wäre.

n.: Also ist die negative Seite dieses im Allgemeinen positiven demokratischen Prozesses die Gleichstellung in allen Sphären. Warum wäre das schlecht?

T.T.: Es gibt ein Märchen: „Wie der Fuchs den Käse teilte“. In diesem Märchen fanden zwei Bären ein rundes Stück Käse und beschlossen diesen in zwei Hälften zu teilen. Sie haben es geschafft, aber ein Stück war größer als das andere. Sie wollten jedoch zwei gleiche Stücke. Und da kam zufällig der Fuchs und bot seine Hilfe an. Und diese Dummköpfe waren einverstanden. Und der Fuchs teilte so: Mal biss er von einem Stück ab, mal von anderen. Bis er beide aufgegessen hatte. Und deswegen ist die allgemeine Gleichstellung schlecht. Jedes Mal wenn die Menschen anfangen, dafür zu kämpfen, alles im gleichen Anteil zu bekommen, kommt immer irgendein Fuchs von der Seite und nutzt das aus. Der Fuchs kann alles Mögliche sein. Zum Beispiel die Zeit, die einfach jeden Sinn der Gleichstellung vernichtet. Die Menschen sollen im Grunde nicht gleich sein: Es existieren verschiedene Bedürfnisse und Nöte. Als Ideal gilt nicht die Gleichstellung, sondern die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen, was aber auch unmöglich ist. Ich könnte auch das Bedürfnis haben, den ganzen Reichtum der Welt zu besitzen. Gebt es mir, aber nicht den anderen. Ich habe halt diesen Wunsch. Ihn befriedigen sollte man aber nicht. Der Mensch spricht von Gleichheit, wenn er auf den Nachbarn schaut. Wenn er alleine sitzt, ist von Gleichheit keine Rede.

n.: Können Sie die Gefahren für die Kultur konkretisieren?

T.T.: Beispielsweise politische Korrektheit. Die Scheu, bestimmte Worte zu verwenden und bestimmte Dinge zu erörtern. Gestern nannte ein Student meines Seminars das Wort, helfen Sie mir auf die Sprünge…

n.: Entartung.

T.T.: Er sagte dieses Wort, hatte aber die Scheu, es ins Englische zu übersetzen, so erschrocken war er darüber, dass es schlechte Wörter gibt, die besser nicht ausgesprochen werden sollten.
Die Grenze zwischen dem Wort als Vorstellung und dem Wort als Ausruf zum Handeln, zum Töten, zum Vernichten ist verwischt. Hier zeigt sich die negative Seite von politischer Korrektheit. Wie soll über die schrecklichen Konsequenzen des Gebrauchs von Wörtern in einer bestimmten Epoche gesprochen werden, wenn die Angst vorherrscht, bestimmte Wörter auszusprechen?
Im Großen und Ganzen ist es gleich, welche Prinzipien für den Aufbau der Gesellschaft gelten sollen, weil so oder so das Gegenteil rauskommt. Anstatt im Osten, zeigt sich das Gegenteil im Süden. Nicht im Süden, dann im Westen, nicht auf dem Tisch, so unter dem Bett. Dem kann man nicht entfliehen, weil man nicht alle Interessen gleichzeitig berücksichtigen kann. Und so sitzen wir hier und haben ein Dach über dem Kopf, Nahrung und Geld. Aber Milliarden von Menschen leben unter fürchterlichen Bedingungen. Wir werden jetzt nicht losrennen, um die Milliarden zu retten, nicht wahr? Warum? Sind wir etwa Bösewichte?

n.: Kehren wir zu unserem Fach, der Literatur, zurück. Zurzeit schreiben Sie an Ihren Memoiren?

T.T.: Ja, ich versuche es.

n.: Was ist die Besonderheit dieser Memoiren?

T.T.: Im Prozess des Schreibens darf darüber nicht geredet werden. Deshalb mache ich das nicht.

n.: Frau Tolstaja, Sie mögen das Genre Interview nicht, stimmt das?

T.T.: Ja, ich mag dieses Genre aus dem Grund nicht, weil die mündliche Rede in der Regel nicht mit der schriftlichen übereinstimmt und sie in ihrer verschriftlichten Form einen schrecklichen Anblick bietet.

n.: Wir wissen aber, dass Sie es lieben zu kochen…

T.T.: Ehrlich gesagt, nein. Kochen ist eine Art das Publikum zu amüsieren, ich mag es nicht. Ich kann einige Dinge zubereiten, aber die Aufgabe, die mir am besten gelingt, ist die Zubereitung von Gerichten in kürzester Zeit. Deswegen habe ich mich auf solche Gerichte spezialisiert, deren Herstellungsprozess nicht länger als zehn Minuten dauert. So etwas ist sicherlich nicht das, was man eine Liebe zum Kochen nennt.

n.: Kochen Sie gerne für sich oder für andere?

T.T.: Für andere natürlich. Für mich sehr selten.

n.: Könnten Sie uns ein Rezept geben, das Sie den Slawisten unbedingt empfehlen würden?

T.T.: Etwas Unkompliziertes, nicht wahr? Ich gebe euch ein von mir selbst erfundenes Rezept. Ein Autorenrezept, wie ich finde:
Man nehme einen Lachs, in Scheiben geschnitten und lege diese Scheiben auf eine Platte. Als nächstes kauft man Fenchel. Die Hälfte des Fenchels wird wie eine Zwiebel geschnitten und in Wasser gekocht, bis sie aufweicht. In dieses Wasser gebe man zuerst etwas Salz und Zitronensaft, danach Schlagsahne. Fette Sahne verklumpt nicht vom Zitronensaft. Die entstandene Sauce schmeckt sahnig-zitronig und riecht nach Anis. Anschließend begießt man die Platte, auf der sich der Lachs befindet, mit der Sauce und schiebt alles in den Ofen, bis der Lachs fertig ist. Das ganze dauert ca. 15-20 Minuten, die übliche Zubereitungszeit für Fisch. Es schmeckt sehr gut, aber besonders köstlich ist es am nächsten Tag kalt zu genießen.

n.: Damit kann uns nichts passieren. Danke!

Das Interview führten Olga Sokolova und Lena Muchin.

Foto: Bert Brechmann
Illustration: Nastasia Louveau

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