Mein Gott, Gottlinde!

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Kapriziös, verrucht und sexbesessen sind die Gestalten aus Michał Witkowskis Roman Lubiewo. In dem Buch des 1975 geborenen Autors geht es um Tunten im
Allgemeinen und um die Breslauer Szene im Besonderen. Es geht um jene Gruppe homosexueller Männer; die „die Zigarette ein bisschen anders halten”, die „mit den Händen rumwedeln, quieken, ‘Ach hör doch auf’ – sagen und ‘Mein Gott, Gottlinde’”, die sich wie Frauen verhalten und die auf richtige Kerle stehen. “Hach ja” antwortet eine der Protagonistinnen (oder ist es doch ein Protagonist?) auf die Frage, was so einen Kerl denn ausmache: “Ein Kerl, das ist der Sinn unseres Lebens, ein Kerl, das ist ein Stier, ein besoffener Stier, männlicher Abschaum, ein Lump, ein Hengst, ein Proll, der hin und wieder durch den Park heimkehrt oder betrunken im Graben (…) liegt. Unsere betrunkenen Orpheuse. Eine Tunte will ja schließlich nicht mit einer anderen Tunte herumlesbisieren! Wir brauchen Hetero-Fleisch! Ein Kerl kann auch ein Schwuler sein, Hauptsache schlicht wie Eichenholz, ungebildet, denn mit Abitur ist das schon kein richtiger Mann mehr.(…) Er darf keine Miene verziehen, muss eine Fresse haben wie ein Oberschenkel”
Im ersten Teil des Buches interviewt der Ich-Erzähler, ein Journalist, zwei alternde Tunten in deren gemeinsamer Wohnung: Patrycja, beschrieben als dicker, verlebter Mann mit lebhaften, buschigen Augenbrauen und einer großen Glatze, und Lukrecja, ebenfalls dick, glattrasiert mit zynischem Gesichtsausdruck. Durch die Erzählungen beider über vergangene Liebesabenteuer und wilde Zeiten werden die Lesenden in die 70er und 80er Jahre entführt. In eine Welt hinein, deren Hauptschauplätze stinkende Männerklos, nächtliche Parks und die unmittelbare Umgebung von Kasernen darstellen. Eine Welt, in der sich an abgelegenen Orten und im Schatten der Gesellschaft, alles um Sex dreht. Um Sex mit zahlreichen, wechselnden Liebhabern, um Aufreißen und Abschleppen, um Körperlichkeit, Brutalität und Schmutz. Aber auch um Lust, Humor und Draufgängertum. Und seit einiger Zeit um AIDS.
Doch mittlerweile haben sich die Zeiten gewandelt und aus den beiden Damen, die „in den höheren Regionen der Gosse wie im Paradies” lebten, sind zwei „alte Knackerinnen” geworden, die ihrer eigenen Jugend und dem goldenen Kommunismus nachtrauern. Einer Zeit nämlich, in der man frei von finanziellen Zwängen seinem hedonistischen Lebenswandel nachgehen konnte, und die – im wahrsten Sinne des Wortes – jede Menge Nischen bereithielt. Heute dagegen sind die Parks verbaut oder beleuchtet und die modernen Dixiklos sind zu eng für sexuelle Ausschweifungen.

Der zweite Teil des Buches spielt vorwiegend an dem titelgebenden Ostseestrand Lubiewo, an dem sich die Tunten seit Jahrzehnten zur Sommerfrische treffen. Der Ich-Erzähler hat sich inzwischen als Mitglied der Szene entpuppt und verbringt seine Ferien an eben jenem Strand. Die dortige Handlung wird immer wieder unterbrochen durch unterschiedlichste Geschichten von und über Tunten. Mal sprechen sie selbst, mal werden sie vom Erzähler beschrieben.
Für die Schilderung dieser teils schillernden, teils schäbigen Halbwelt, bedient sich Witkowski mal einer zotig dahingerotzten, mal einer kapriziös geschraubten  Sprache. Intertextuelle Verweise auf die Dziady von Mickiewicz lassen sich ebenso finden wie derbste Umgangssprache. Der vulgäre, humorvolle Stil ist dem Klientel vom Mund abgeschaut, und tatsächlich arbeitet Witkowski mit dokumentarischen Verfahren, indem er seinen fiktiven Figuren die Geschichten und vor allem die Sprache realer Personen in den Mund legt.
Großspurigkeit und Übertreibung prägen den Tonfall der Protagonist(innen), sich selbst und ihre Welt beschreiben sie vulgär und intrigant.
Manchmal fühlt man sich an Szenen aus Pedro Almodovars Patty Diphusa und andere Wilde Geschichten erinnert, oder an die Autobiographie des Kubaners Reinaldo Arenas Before night falls. Das mag an dem spezifischen Verhältnis zur eigenen Rolle liegen, das das Wesen des ‘Tuntenseins’ bereits impliziert. Unkonventionalität einerseits und die zwingende Notwendigkeit von übertriebenen Weiblichkeitsklischees andererseits leisten dem Exaltierten, Schrillen und vielleicht dadurch Poetischen Vorschub.
Es geht um ein generelles Infragestellen von Identität und Rollenverständnis: Mal sprechen Witkowskis Figuren von sich selbst in der weiblichen, mal in der männlichen Form, mal werden sie mit Männer-, mal mit Frauennamen angesprochen. Was nun echt ist und was nicht, wird in dieser Welt völlig nebensächlich.
Dieses Spiel mit Mystifikation, Fiktion und möglicher Wirklichkeit unterstreicht der Autor durch die Figur seines Erzählers, Michaśka Literacka (manchmal auch Michał Witkowski genannt), der als Journalist und Schriftsteller auftritt und ein Buch über Tunten zu schreiben gedenkt. Aber die scheinbare Gleichsetzung von Autor und Subjekt wird immer wieder untergraben und so erfährt man gegen Ende aus dem Mund einer der Personen, dass Michaśka aufgrund der Skandalwirkung seines Buches die Heimat verlassen muss und sich auf der Flucht in die Schweiz befindet. Außerdem sei er von einer seltsamen Krankheit befallen und obendrein von Zigeunern geraubt worden.

Lubiewo ist nicht nur ein amüsantes, frisches Buch, das Einblicke in eine Welt gewährt, die den meisten der Lesenden nicht vertraut sein dürfte, sondern Witkowski schreibt auf interessante Weise über Subkultur und Parallelwelten.
Den hier beschriebenen Tunten geht es nicht im geringsten um gesellschaftliche Akzeptanz. Sie sind völlig apolitisch, in vielen Belangen höchst konservativ und ignorieren alles, was sich außerhalb ihrer Welt aus anderen Tunten, Liebhabern und Freiern befindet. Erfahrungen mit prügelnden Skinheads werden zwar beschrieben, aber trotz aller Brutalität bleibt jegliche Wertung über diese feindliche Gegenwelt aus. Die Tunten aus Witkowskis Buch setzten sich über die Gesellschaft und deren Normen einfach hinweg und leben ihr spezifisches Leben einerseits an den Gesellschaftsrändern, andererseits mittendrin. Und so scheint es merkwürdigerweise nicht widersprüchlich, dass das halbe Leben in Bahnhofstoiletten verbracht wird, in denen man anderen Männern gierig den Hintern hinstreckt, während man am Sonntag zur Kirche geht, wie alle anderen älteren Damen auch.

Es geht also nicht in erster Linie um eine aktuelle Debatte über Homosexualität, es geht auch nicht darum, den politisch engagierten Schwulen und Lesben eine Stimme zu geben und sie dabei zu unterstützen, ihre Rechte einzufordern. Ganz im Gegenteil: gerade diese Gruppe, die sich einsetzt für Homoehen, Adoptionen, und Akzeptanz wird im zweiten Teil von Lubiewo ziemlich zynisch karikiert.

Dennoch liegt durch die Abwendung von der Konvention und die Ignoranz von Normen in Lubiewo trotz der programmatischen Missachtung des Gleichberechtigungs-Diskurses eine sehr politische Aussage. Denn da können sich die Tunten noch so unemanzipiert und apolitisch verhalten und sich lustig machen über engagierte Schwule, die – ihrer Meinung nach – lächerliche Mittelklasse-Werte anstreben. Durch ihre bloße Existenz stellen die Tunten das gängige Wertesystem in Frage, stoßen die Gesellschaft vor den Kopf und werben so, unausgesprochen, für Pluralität, und ein Recht auf Andersartigkeit. Dieses Recht nehmen sie für sich in Anspruch, mal konservativ, mal unkonventionell, egal ob es die Gesellschaft gewährt oder nicht.

In Polen hat Lubiewo ziemlich Furore gemacht. Witkowski, dessen erster Erzählband Copyright bereits 2001 erschien, und der als Journalist für diverse Zeitungen sowie an einer Dissertation zu Queer und Gender-Themen schreibt, wurde nach dem Erscheinen von Lubiewo massiv ins Licht der Öffentlichkeit katapultiert. Dieses mediale Interesse ist nicht zuletzt dadurch zu erklären, dass das Thematisieren von Homosexualität in Polen in höchstem Maß politisch und religiös aufgeladen ist. Eine derartige Darstellung von Sexualität muss also zwangsläufig provozierenden Charakter haben. Dennoch kann man die Aufmerksamkeit nicht nur der ‘skandalösen’ Thematik zuschreiben. Immerhin war Witkowski unter anderem 2006 für den Nikepreis (die wichtigste Literaturauszeichnung Polens) nominiert und hat soeben den Literaturpreis von Gdynia gewonnen, was für die Beachtung des literarischen Wertes von Lubiewo in der Öffentlichkeit spricht.

Im Juli 2007 wird Lubiewo bei Suhrkamp erscheinen, in der hervorragenden Übersetzung von Marie Hauptmeier (daraus stammen die hier zitierten Textstellen), der es gelingt, den humorvollen, vulgären, szenetypischen Stil ins Deutsche zu übertragen. Auch wenn das Spiel mit Geschlechterrollen durch die Struktur der polnischen Grammatik besser funktioniert als im Deutschen, bleibt die Übersetzung sehr nahe am Original, vermittelt einen getreuen Eindruck und gibt dem deutschsprachigen Publikum jeden Grund zur Vorfreude.

Veronika Steininger

 

Michał Witkowski. Lubiewo. Korporacja Ha!art. Kraków 2005.

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